Prolog: Still und heimlich
Ich habe niemandem Bescheid gesagt. Nicht, weil es mir egal war – sondern weil da niemand war.
Mein ganzes Leben lang habe ich gewartet, dass jemand bleibt. Im Heim waren es Betreuer, die kamen und gingen. Kinder, die mich ignorierten oder ausnutzten. Und dann war da er.
Thomas. Der Mann mit dem Lächeln, das mir wie Sicherheit vorkam. Ich war so dumm.
Zuerst kam das Schweigen. Dann die Worte. Dann seine Hände. Ich dachte, wenn ich stillhalte, wenn ich mich anpasse, wenn ich gut bin... dann hört es auf.
Es hörte nicht auf. Es wurde nur leiser. Heimlicher. Tiefer. Und irgendwann war ich jemand, den ich nicht mehr kannte.
Bis heute.
Ich habe nur eine Tasche. Kein Foto. Kein Abschiedsbrief. Nur mein Name – und den werde ich vielleicht auch irgendwann ablegen.
Ich bin 23 und fühle mich wie eine alte Frau. Aber ich lebe noch. Und ich gehe. Einfach so. Ohne Drama. Ohne Plan.
Nur raus. Irgendwohin, wo niemand meinen Namen kennt. Wo niemand fragt, woher die Narben kommen – außen wie innen. Der Zug fährt um 6:45 Uhr. Ich sitze im letzten Waggon, ganz hinten am Fenster.
Draußen wird es hell, aber in mir ist noch Nacht. Das ist okay. Vielleicht beginnt morgen irgendwann. Vielleicht auch nicht.
Aber das hier – das ist der Anfang vom Ende.
Und das reicht fürs Erste.