Lunethra Seelenmagie im Limbo

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Summary

Lunethra: Seelenmagie im Limbo Wo Magie auf Psychologie trifft und jede Emotion zur Macht wird Im Zwischenreich des Limbo wandeln verlorene Seelen zwischen Leben und Tod. Hier werden Wächtlinge zu Wächtern ausgebildet – deren Magie direkt aus ihren tiefsten Emotionen entspringt. Feuer aus Wut, Wasser aus Trauer, Erde aus überwundenem Trauma. Lunethra erwacht ohne Erinnerungen in dieser Welt. Während andere sie für eine Versagerin halten, entdeckt sie eine erschreckende Wahrheit über ihre Kräfte –Wenn ihre Macht erwacht, leuchten ihre Augen wie Sterne. Doch mit großer Macht kommt große Gefahr. Jeder Versuch zu helfen könnte zur Katastrophe werden. Jede unkontrollierte Emotion könnte Leben kosten. Und in den Schatten lauern Wesen, die von ihrer außergewöhnlichen Energie angelockt werden. Die Frage ist nur: Ist sie die Rettung für die verlorenen Seelen – oder ihre größte Bedrohung? Ein Roman über die Macht der Emotionen, wo Psychologie und Fantasy verschmelzen. “Manchmal sind die gefährlichsten Waffen nicht aus Stahl oder Magie – sondern aus dem, was in unseren Herzen brennt.”

Status
Ongoing
Chapters
7
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel : Emotionen der Dämmerung

Die violette Dämmerung des Limbo kroch durch die schmalen Fenster von Lunethras Kammer, als würde das Licht selbst zögern, diesen Ort zwischen den Welten zu erhellen. Hier, in der Wächter-Akademie, wo angehende Seelenhüter ausgebildet wurden, gab es kein echtes Morgengrauen – nur das ewige Zwielicht, das über die Siedlungen und Außenposten des Limbo wachte.

Lunethra erwachte nicht abrupt, wie Menschen es taten. Stattdessen wurde sie sanft aus einem traumlosen Schlaf gehoben, als hätte das Limbo selbst beschlossen, dass ihre Ruhe nun genug war. Das erste, was sie wahrnahm, waren nicht die kalten Steinmauern ihrer Kammer oder das weiche Licht der kristallinen Lampen, sondern die emotionalen Schwingungen der Akademie, die wie eine komplexe Symphonie durch die jahrhundertealten Mauern hallten.

Wut wie ein brennendes Gefühl in der Brust. Trauer wie ein Gewicht auf den Schultern. Angst wie ein flatterndes Herz.

Die Gefühle anderer kamen zu ihr wie ein ständiger Strom – eine Fähigkeit, die sie für völlig normal hielt. Bestimmt konnten alle Erwachten die Emotionen um sich herum spüren, oder? Wenn sie nur daran denken könnte, wie es in ihrer vorherigen Welt gewesen war...

Sie setzte sich auf die Bettkante und griff instinktiv nach den Ritualdolchen an ihrem Nachttisch. Die Waffen waren klein und elegant, ihre Klingen mit drei verschiedenen Runen-Sets übersät – sie leuchteten in den Farben der drei Elemente, die sie bisher zu beherrschen gelernt hatte. Rot für Feuer, blau für Wasser, weiß für Luft. Sobald ihre Finger das geweihte Metall berührten, begannen die Dolche zu summen – ein kaum hörbarer Ton, der sie beruhigte.

Drei Elemente. Das ist doch... normal für eine Erwachte?, dachte sie unsicher. Die anderen Erwachten sprechen von ihren Fähigkeiten aus vergangenen Leben. Warum kann ich mich an nichts erinnern?

Das war ihr ständiges Problem. Während andere Erwachte – wenn auch nur zögerlich – von ihren Erinnerungen an fremde Welten erzählten, war Lunethras Gedächtnis völlig leer. Keine Erinnerungen an magische Techniken, an Kämpfe, an Weisheit aus anderen Welten. Kein Wunder, dass sie anders behandelt wurde als die anderen Erwachten.

Lunethra stand auf und begann ihre morgendliche Routine. Im Spiegel betrachtete sie ihr Gesicht – die braunen Augen, die normal wirkten, bis auf die schwachen weißen Muster, die wie zarte Risse durch die Iris liefen. Sie steckte ihr krauses, taillenlange weißes Haar hochund zog die standard—dunkelblaue Uniform der Wächtlinge an.

Wie bin ich eigentlich hierhergekommen?, fragte sie sich, wie schon so oft. Sie erinnerte sich nur daran, dass eine Wächter-Patrouille sie in den Nebelwäldern gefunden hatte, bewusstlos und ohne Erinnerungen. Als sich herausstellte, dass sie sich an rein gar nichts erinnern konnte, hatten sich die Erwartungen schnell gedämpft. Eine Erwachte ohne Erinnerungen war nicht mehr wert als ein durchschnittlicher Limbo-geborener.

Der Speisesaal war ein weitläufiger, hoher Raum mit langen Tischen, die nach Ausbildungsstand organisiert waren. Ganz vorne saßen die neuen Rekruten, die gerade erst mit ihrer Ausbildung begonnen hatten und noch intensive Betreuung benötigten. Die mittleren Tische waren für Schüler im zweiten und dritten Ausbildungsjahr reserviert. Ganz hinten saßen die Fortgeschrittenen – jene, die kurz vor ihrer Versetzung zu den Feld-Einheiten standen.

Lunethra suchte sich einen Platz an einem der hinteren Tische, wo sie als drei Jährige Schülerin hingehörte. Der Saal summte von gedämpften Gesprächen und dem Klirren von Tellern, durchzogen von der unbewussten Magie der fortgeschrittenen Schüler. Überall zeigten sich subtile Anzeichen ihrer beherrschten Elemente – warme Luftströme um die Finger der Luftmagier, leichte Dampfwolken über den Bechern der Feuernutzer, kleine Wassertropfen, die um die Hände der Heiler tanzten. Nach acht Monaten hier war Lunethra diese alltägliche Magie-Demonstration so vertraut wie das Atmen.

Hier saß bereits Corvin, und Lunethra spürte sofort die charakteristische Mischung aus Leichtigkeit und sorgfältig verborgener Tiefe, die ihn umgab.

Corvin war einer jener Menschen, die einen Raum erhellten, einfach indem sie ihn betraten. Seine athletische Gestalt war das Ergebnis jahrelangen Trainings – breite Schultern, schlanke Taille und die fließenden Bewegungen eines geborenen Kämpfers. Seine chaotischen rötlichen Haare schienen sich jeder Bändigungsversuchen zu widersetzen und standen in alle Richtungen ab, als hätte er gerade einen seiner eigenen Luftwirbel durchquert. Seine smaragdgrünen Augen funkelten mit ständiger Belustigung, als würde er ein Geheimnis kennen, das er gleich mit allen teilen wollte.

Kontrollierte Luftströme hielten automatisch seine Pergamente und Bücher organisiert – ein Zeichen seiner meisterhaften Drei-Element-Kombination, aber auch seiner unruhigen Energie, die nie ganz zur Ruhe kam. Nach acht Monaten intensiven Trainings beherrschte er seine Luftmagie so natürlich wie das Atmen.

“Morgen, Lune!“, begrüßte er sie mit seinem charakteristischen schiefen Grinsen, das eine ganze Seite seines Gesichts verzog und seine weißen Zähne blitzen ließ. “Perfektes Timing! Ich wollte gerade meine neueste Theorie testen, warum das Akademie-Brot härter ist als Tharoak Schattenbrechers Rüstung.”

Er hob ein Stück des berüchtigten Morgenbrots hoch und ließ es mit einer eleganten Handbewegung in der Luft schweben – eine mühelose Demonstration seiner perfekt kontrollierten Luftmagie. “Seht her – reine Wissenschaft in Aktion!”

Mit geschickten, geübten Bewegungen ließ er das Brot wie einen kleinen Planeten um seinen Finger kreisen. “Hypothese Nummer eins: Es wurde von Erdmagiern aus reinem Gestein hergestellt und nur mit Brotfarbe getarnt.”

Lunethra konnte nicht anders, als zu lächeln. Corvins Humor war ansteckend, auch wenn sie ahnte, dass er ihn manchmal wie eine Rüstung trug. “Und Hypothese Nummer zwei?”

“Ah, eine Frau nach meinem wissenschaftlichen Herzen!” Seine Augen blitzten amüsiert auf. “Hypothese Nummer zwei: Die Küchenwächter haben versehentlich die Rezepte für Brot und Trainingsschwerter vertauscht. Das würde erklären, warum die Klingen in der Waffenkammer so weich sind.”

Das Brot landete geschickt auf seinem Teller, während er mit einer theatralischen Handbewegung eine kleine Windhose erzeugte, die die Krümel wegwirbelte. “Hypothese Nummer drei – und das ist meine persönliche Favorit – das Brot ist eigentlich eine getarnte Waffe. Werft es auf Schattenwesen, und sie erstarren vor Schreck über diese kulinarische Grausamkeit.”

Ein paar Schüler an benachbarten Tischen kicherten, und sogar der normalerweise düstere Gareth verzog seine Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln. Corvin hatte diese Gabe – er konnte die Stimmung in einem ganzen Raum mit ein paar gut platzierten Worten aufhellen.

“Du bist unmöglich”, sagte Lunethra und schüttelte lachend den Kopf. “Aber du hast recht – dieses Brot könnte definitiv als Belagerungswaffe durchgehen.”

“Endlich jemand, der mein Genie erkennt!” Corvin schlug sich dramatisch an die Brust. “Ich werde einen offiziellen Antrag stellen, es in unser Waffenarsenal aufzunehmen. ‘Corvins Brot-Bomben – garantiert schattentödlich oder Geld zurück!’”

Während er sprach, bemerkte Lunethra, wie seine Bewegungen fließend und präzise waren, selbst bei seinen übertriebenen Gesten. Er bewegte sich wie ein Tänzer oder ein ausgebildeter Kämpfer – jede Bewegung hatte einen Zweck, auch wenn er es hinter Humor und scheinbarer Unbekümmertheit verbarg. Seine Luftmagie war inzwischen so perfekt, dass er sie einsetzte, ohne auch nur darüber nachzudenken.

Wie anders er doch war als in den ersten Wochen, dachte Lunethra und erinnerte sich an Professor Arvalis’ frühe Unterrichtsstunden. Damals hatte sie uns das Magiesystem erklärt – wie Emotionen und Elemente zusammenhingen.

Sie konnte sich noch lebhaft an Arvalis’ warme Stimme erinnern: “Feuer – geboren aus Wut und Mut. Es manifestiert sich bei jenen, deren Seelen von leidenschaftlicher Intensität geprägt sind. Wasser entspringt Trauer und Mitgefühl – es wählt jene, deren Herzen bereits gebrochen wurden und die gelernt haben, anderen Heilung zu bringen. Erde manifestiert sich bei jenen, die Trauma überwunden haben, verleiht Stabilität nach dem Chaos. Luft, geboren aus Angst und dem verzweifelten Wunsch nach Befreiung – das Element der Überlebenden. Und das seltenste von allen: Geist, das Element der Wahrheit und der Seelenbindung.”

Lunethra hatte damals begriffen, warum Corvin drei Elemente beherrschte – und warum er nie über seine Vergangenheit sprach. Was auch immer er durchgemacht hatte, es war intensiv genug gewesen, um drei verschiedene emotionale Resonanzen zu erwecken. Aber anstatt ihn zu zerbrechen, hatte es ihn stärker gemacht.

Ihre eigene Situation war völlig anders. Ihre Ritualdolche trugen die Runen von drei Elementen – Feuer, Wasser und Luft – obwohl sie sich an kein Leben erinnern konnte, das diese Vielfalt rechtfertigen würde. Während andere Erwachte von ihren Erfahrungen erzählten, blieb ihr Gedächtnis frustrierend leer.

“Übrigens”, fuhr Corvin fort und lehnte sich verschwörerisch vor, “hast du heute schon gehört? Ein Elite-Team ist gestern aus den tiefen Schattenländern zurückgekommen. Sie haben eine ganze Gruppe von Seelen gerettet, die seit Jahrhunderten dort gefangen waren.”

Seine Stimme nahm einen bewundernden Ton an, aber Lunethra bemerkte, wie sich seine Kinnlade für einen Bruchteil einer Sekunde anspannte. Was auch immer seine Vergangenheit barg, Elite-Teams und gefährliche Missionen riefen komplexe Gefühle in ihm hervor.

“Das ist beeindruckend”, antwortete Lunethra, während sie sich Brot und einen Becher des kräftigen Morgen-Tees nahm. “Ich frage mich, ob wir Erwachten jemals für solche Elite-Missionen geeignet sind.”

“Oh, das kommt darauf an”, sagte Corvin und wirbelte nachdenklich ein paar Luftströme um seinen Becher. “Manche von uns bringen... interessante Qualifikationen mit.” Sein Ton war leicht, aber seine Augen wurden für einen Moment ernst. “Es ist erstaunlich, was Menschen leisten können, wenn...” Er stockte, dann überspielte er den Moment mit einem breiten Grinsen. “Wenn sie genug Motivation haben! Zum Beispiel die Aussicht auf besseres Essen als dieses Brot hier.”

Er hob das gefürchtete Brot erneut hoch und ließ es wieder in der Luft schweben. “Ehrlich, ich bin überzeugt, dass dies das Ergebnis eines gescheiterten Alchemie-Experiments ist. Vielleicht haben sie versucht, essbares Gold herzustellen und bekamen... whatever das hier ist.”

An einem anderen Tisch der Fortgeschrittenen erhob sich Seradyn Kael, und sofort veränderte sich die Atmosphäre im Speisesaal. Die Elite-Limbo-geborene aus der legendären Kael-Familie beherrschte jeden Raum, den sie betrat. Ihre perfekt gewellten blonden Haare schimmerten im Kristalllicht wie gesponnenes Gold, und ihre selbstbewusste Haltung zeugte von ihrem unantastbaren Status. Ihre Ritualaxt hing an ihrer Seite, die eingemeißelten Runen glühten in ihrer charakteristischen Feuer-Erde-Kombination – ein ständiges, kontrolliertes Leuchten, das ihre emotionale Intensität widerspiegelte. Nach 3 jahren beherrschte sie ihre explosive Element-Mischung mit eiserner Disziplin.

Als ihr kalter blauer Blick über Lunethra schweifte, verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln, das eher an einen Raubtier-Grins erinnerte.

“Ach, da ist ja unsere mysteriöse Erwachte”, sagte sie laut genug, dass es mehrere Tische hören konnten. “Acht Monate hier und immer noch keine wertvollen Erinnerungen geteilt. Man fragt sich, ob überhaupt etwas da ist, an das sie sich erinnern könnte.”

Corvin ließ das schwebende Brot abrupt fallen, und seine Luftwirbel wurden schärfer, aggressiver. “Weißt du, Seradyn”, sagte er mit einem Lächeln, das nicht seine Augen erreichte, “Gedächtnislücken sind nicht immer ein Nachteil. Manchmal sind sie ein Zeichen dafür, dass jemand klug genug war, unnötigen Ballast loszuwerden.”

Seine Stimme war noch immer leicht und spöttisch, aber Lunethra spürte die versteckte Schärfe dahinter. Corvin konnte charmant und humorvoll sein, aber er war definitiv kein harmloses Klassenweiche.

Byrion, der rundliche Limbo-geborene, der ständig um Seradyns Aufmerksamkeit buhlete, kicherte nervös zustimmend. “Vielleicht ist sie gar keine richtige Erwachte”, wagte er zu sagen. “Vielleicht nur eine verwirrte Limbo-geborene mit weißen Haaren.”

“Oh, das ist eine interessante Theorie, Byrion!“, rief Corvin aus und ließ dabei eine kleine Windhose um Byrions Wasserglas kreisen. “Fast so interessant wie meine Theorie, dass manche Menschen sprechen, obwohl sie offensichtlich nichts zu sagen haben. Ein faszinierendes Phänomen – ich sollte es für meine wissenschaftlichen Studien dokumentieren.”

Das Wasserglas kippte um und ergoss sich über Byrions Robe. Corvin machte ein übertrieben schockiertes Gesicht. “Oh nein! Entschuldigung! Meine Luftmagie scheint allergisch gegen Dummheit zu sein. Das ist mir noch nie passiert.”

Ein paar Schüler kicherten, und Byrion wurde rot vor Verlegenheit und Wut. Seradyn funkelte Corvin wütend an, aber er erwiderte ihren Blick mit unschuldig großen Augen.

“Keine Sorge”, sagte er hilfsbereit. “Ein bisschen Wasser hat noch niemandem geschadet. Außer vielleicht seinem Stolz, aber das wächst wieder nach. Meistens.”

Lunethra spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg, aber gleichzeitig war sie dankbar für Corvins Verteidigung. Auch wenn sie sich nicht sicher war, ob es klug war, sich Seradyn zum Feind zu machen.

“Corvin”, murmelte sie leise, “du musst nicht—”

“Doch, muss ich”, unterbrach er sie mit einem warmen Lächeln, das diesmal seine Augen erreichte. “Freunde verteidigen sich gegenseitig. Das ist Regel Nummer eins im ‘Wie man nicht vollkommen allein stirbt’-Handbuch. Außerdem”, fügte er mit einem schelmischen Grinsen hinzu, “das war lustig.”

Seine drei Elemente – Luft, Feuer und Kampfkunst, wie er es scherzhaft nannte – machten ihn zu einem der stärkeren Schüler der Akademie, auch wenn er seine Fähigkeiten meist hinter Humor und scheinbarer Leichtfertigkeit verbarg.

“Übrigens, Lune”, sagte Corvin beiläufig, um das Thema zu wechseln, “siehst du auch manchmal... Dinge, die andere nicht sehen? So... Farben um Menschen herum oder... Muster in ihrer Magie?”

Lunethra blinzelte überrascht. “Du meinst die roten Flammen bei Feuer-Magie und die blauen Ströme bei Wasser? Sieht das nicht jeder?”

Corvin schüttelte den Kopf und wirbelte gedankenverloren einen kleinen Tornado um seinen Finger. “Nee, ich sehe nur meine eigenen Elemente. Und Byrions nasse Robe, aber das ist eher eine normale Sichtbeobachtung.” Er grinste. “Warum fragst du?”

“Ach, ich dachte nur. Ich sehe manchmal Farben, wenn andere ihre Magie nutzen. Ist wahrscheinlich nichts Besonderes.” Sie zuckte mit den Schultern.

“Hmm”, machte Corvin nachdenklich, und für einen Moment wurde sein Gesichtsausdruck ernst, beinahe melancholisch. “Könnte... könnte von früher stammen. Manchmal bleiben Dinge in der Seele, auch wenn...” Er brach ab und schüttelte den Kopf, als würde er unerwünschte Gedanken vertreiben. Dann kehrte sein Grinsen zurück. “Auch wenn man sie lieber vergessen würde. Aber hey, bunte Farben sind besser als grau in grau, oder?”

An einem der mittleren Tische saß Marcus Thorne, Byrions ehemaliger Freund, der sich in letzter Zeit von seinem ehemaligen Kameraden distanziert hatte. Der junge Limbo-geborene mit den welligen braunen Haaren und dem offenen Lächeln unterhielt sich mit den respektierten Erwachten – jenen, die bereitwillig ihre Erinnerungen und Kenntnisse teilten. Kleine Heilungsströme kreisten um seine Finger, während er unbewusst sein Wasserelement übte. Seine natürlichen Heilfähigkeiten hatten sich in acht Monaten zur Meisterschaft entwickelt.

Am benachbarten Tisch saß Gareth, ein schmächtiger Erwachter mit ungepflegten schwarzen Haaren und einer verschmierten Brille. Er sprach manchmal von technischen Fragmenten aus seiner Vergangenheit, aber immer nur bruchstückhaft, als wären die Erinnerungen zu schmerzhaft oder verwirrend für zusammenhängende Geschichten. Kleine Erdpartikel ordneten sich automatisch um seine Bücher – seine Erdmagie half ihm dabei, seine chaotischen Unterlagen zu organisieren.

Ein lautes Poltern kündigte die Ankunft von Tarn Velcor an. Der Übungs-Trainer war in einer interessanten Position – als Limbo-geborener mit einem vererbten Namen aus einer gefallenen Elite-Familie kämpfte er verbissen um Respekt durch Kompetenz.

“Also”, begann er laut, während er sich an den Lehrertisch setzte, “die Fortschrittsberichte für diesen Monat zeigen deutliche Unterschiede in der praktischen Anwendung. Jene unter euch, die ihre fortgeschrittenen Techniken aus anderen Welten adaptieren können, übertreffen konstant die Kampfstandards.” Sein Blick fiel lobend auf einige der Erwachten, die aktiv ihre Erinnerungen in komplexe Kampfstile übersetzt hatten.

Corvin lehnte sich zurück und flüsterte Lunethra ins Ohr: “Ah, täglich Dosis ‘Tarn versucht verzweifelt, wichtig zu klingen’ Theater. Ich sollte Eintrittskarten verkaufen.”

Dann wanderte Tarns Blick zu Lunethra. “Aber manche... manche zeigen weiterhin nur Grundlagen-Niveau. Ohne erweiterte Techniken, ohne bewährte Kampfstrategien, bleiben sie hinter ihrem Potential zurück. Das ist eine Verschwendung des seltenen Status als Erwachte.”

Corvins entspannte Haltung versteifte sich minimal, und seine Luftwirbel wurden schärfer. “Weißt du was, Tarn?“, sagte er laut genug, dass es der halbe Saal hören konnte, “ich finde es faszinierend, wie manche Menschen ihren Mangel an echten Leistungen durch lautes Kritisieren anderer zu kompensieren versuchen. Das ist fast so beeindruckend wie ein Schatten, der versucht, hell zu leuchten.”

Tarn wurde rot und wollte antworten, aber Corvin fuhr ungerührt fort: “Aber keine Sorge! Ich bin sicher, dass du irgendwann etwas Nützliches beitragen wirst. Statistisch gesehen muss es irgendwann passieren.”

Eine schlanke Limbo-geborene mit platinblonden Haaren – Lyra Solis – nickte zustimmend zu Tarns ursprünglichen Worten. “Wenigstens haben wir Limbo-geborenen den Vorteil jahrelanger Vertiefung in unserem System”, sagte sie mit einem spitzen Blick auf Lunethra. “Wir haben Zeit gehabt, unsere Techniken zu perfektionieren. Das ist mehr, als manche mit ihren ‘vergessenen’ Fähigkeiten je erreichen werden.”

“Oh, absolut!“, stimmte Corvin überschwänglich zu. “Es ist wirklich bewundernswert, wie stolz du auf das sein kannst, was dir zufällig in den Schoß gefallen ist. Das ist fast so beeindruckend wie ein Fisch, der stolz darauf ist, schwimmen zu können.”

Seine grünen Augen funkelten mit scharfer Belustigung, während er seine Kritiker systematisch mit höflichem Spott eindeckte. Lunethra realisierte, dass Corvins Humor eine zweischneidige Waffe war – er konnte jeden zum Lachen bringen, aber auch jeden zerlegen, wenn er es wollte.

In einer Ecke des Speisesaals saß Silence, eine zierliche Erwachte mit langen schwarzen Haaren und silbernem Schimmer. Sie sprach nie über ihre Vergangenheit, aber ihre perfekt kontrollierte Geist-Magie war legendär unter den Schülern. Der schwache perlmuttfarbene Schimmer um ihre Finger zeigte, dass sie ihre seltene Gabe vollständig beherrschte – und die Art, wie sie manchmal in die Ferne starrte, deuteten darauf hin, dass sie viel mehr wusste, als sie preisgab.

Das Läuten der Morgenglocke erlöste alle aus der angespannten Atmosphäre. Die Fortgeschrittenen erhoben sich von ihren Plätzen, die subtile Hierarchie auch in ihren Bewegungen sichtbar – die angesehenen Erwachten und Elite-Limbo-geborenen führten die Gruppen an, während die weniger geschätzten Schüler folgten.

“Zeit für Professor Arvalis’ Unterricht”, sagte Corvin, während sie ihre Teller abräumten. Seine Stimme war wieder leichter, aber Lunethra bemerkte, wie seine Schultern noch immer angespannt waren. “Fortgeschrittene Seelenarbeit heute. Wenigstens dort werden wir nicht wie Versuchskaninchen begutachtet. Arvalis ist eine der wenigen Lehrerkräfte hier, die tatsächlich an unserer Weiterentwicklung interessiert sind, statt nur ihre eigene Wichtigkeit zu demonstrieren.”

Lunethra nickte dankbar. “Danke, dass du mich verteidigt hast. Du hättest das nicht tun müssen.”

Corvin blieb stehen und sah sie mit einem Ausdruck an, der für einen Moment völlig ernst war. “Lune, ich weiß, was es heißt, wenn andere Menschen über einen urteilen, ohne die ganze Geschichte zu kennen. Niemand – und ich meine niemand – verdient es, allein gelassen zu werden, nur weil er... anders ist.”

Für einen kurzen Moment sah sie etwas in seinen Augen aufblitzen – eine tiefe Traurigkeit, vielleicht sogar Schmerz. Dann kehrte sein charakteristisches Grinsen zurück.

“Außerdem”, fügte er mit gespielter Empörung hinzu, “habe ich einen Ruf als charmanter Held zu wahren! Wie soll ich je eine dramatische Romanze haben, wenn ich nicht ab und zu jemandem zu Hilfe eile? Das ist Fantasy-Literatur 101!”

Sie lachte, aber die Frage brannte in ihr: Was ist in deiner Vergangenheit passiert, Corvin? Was verbirgst du hinter all dem Humor?

Sie verließen den Speisesaal und bewegten sich durch die Korridore zu den Klassenzimmern. Corvin unterhielt sie mit einer endlosen Serie von Beobachtungen über ihre Mitschüler:

“Siehst du, wie Gareth seine Brille putzt? Das macht er immer, wenn er nervös ist. Ich glaube, er poliert sie so oft, dass sie irgendwann durchsichtig werden.”

“Und Marcus dort drüben – er übt heimlich Heilungsroutinen an seinem Frühstücksbrot. Schau, wie er die Handbewegungen macht. Entweder das, oder er dirigiert ein unsichtbares Orchester.”

“Oh, und Silence – sie liest beim Gehen. Das ist eine Kunst für sich. Ich habe das mal versucht und bin in eine Wand gelaufen. Sehr unelegant. Meine Luftmagie hat mich nicht gewarnt, weil sie zu beschäftigt war, über meine Dummheit zu lachen.”

Lunethra konnte die Gespräche der anderen hören:

“...die erweiterte Alchemie-Technik, die Marcus aus seinen Erinnerungen perfektioniert hat, übertrifft sogar die Lehrerstandards...”

“...schade, dass nicht alle Erwachten ihre Vergangenheit so effektiv nutzen können...”

“...manche bleiben eben bei den Grundlagen stecken...”

Corvin wurde neben ihr merklich stiller, seine Luftwirbel fast völlig verschwunden. Seine Kinnlade spannte sich an, aber er behielt sein leichtes Lächeln bei.

“Du weißt”, sagte er leise, “manchmal denke ich, dass die gefährlichsten Waffen nicht aus Stahl oder Magie bestehen. Sondern aus Worten. Die richtig platzierten Worte können jemanden völlig zerstören.”

“Corvin—“, begann Lunethra.

“Aber hey!“, unterbrach er sie mit erneutem Enthusiasmus, “das Gute an Worten ist, dass sie in beide Richtungen funktionieren. Man kann sie auch benutzen, um Leute aufzubauen. Oder um sie so gründlich lächerlich zu machen, dass sie aufhören, andere zu belästigen.”

Er zwinkerte ihr zu. “Das ist meine Spezialität – therapeutisches Spotten.”

Als sie an einem der großen Fenster vorbeigingen, fiel Lunethra eine Bewegung in den Schatten jenseits der Akademie-Mauern auf. Für einen Moment glaubte sie, dunkle Gestalten zu sehen, aber als sie genauer hinsah, war da nichts.

“Siehst du das auch?“, fragte sie Corvin leise.

Corvins Kopf schnellte herum, und für einen Moment war seine ganze entspannte Haltung verschwunden. Seine Augen scannten systematisch das Gelände, wie ein ausgebildeter Kämpfer, der eine Bedrohung einschätzt. Seine Luftmagie streckte sich unbewusst aus, tastete die Umgebung ab.

“Was denn? Den Nebel?“, fragte er schließlich, aber seine Stimme war angespannt.

“Wahrscheinlich nur eine Patrouille”, murmelte er, aber seine Augen behielten ihre wachsame Intensität bei. “Oder...” Er schüttelte den Kopf. “Nein, wahrscheinlich nichts. Ich werde nur manchmal paranoid, wenn...” Er brach ab und zwang sich zu einem Lächeln. “Wenn ich zu lange kein anständiges Essen hatte. Hunger macht mich misstrauisch.”

Aber Lunethra bemerkte, wie seine Hand unwillkürlich zu seinem Gürtel wanderte, wo normalerweise eine Waffe hängen würde. Eine Bewegung, die zu automatisch, zu geübt war für jemanden, der nur ein Student war.

Wer bist du wirklich, Corvin?

“Wenigstens bin ich nicht die Einzige”, dachte Lunethra. Auch Corvin kämpft mit seiner Vergangenheit. Nur dass er wenigstens weiß, was er vergessen will.

Aber trotz allem – trotz der Verachtung, der ständigen Erinnerung daran, dass sie als Erwachte versagte – gab sie nicht auf. Irgendwo in ihr brannte ein Funke Hoffnung. Vielleicht würden ihre Erinnerungen noch zurückkehren. Vielleicht würde sie doch noch beweisen können, dass sie mehr war als eine defekte Erwachte.

Und vielleicht würde sie auch herausfinden, welche Geheimnisse ihr charmanter, humorvoller Freund hinter seinem perfekten Lächeln verbarg.

Die violette Dämmerung des Limbo schien ihr zuzuflüstern, als sie den Klassenzimmern entgegenging. Ihre braunen Augen mit den schwachen weißen Mustern reflektierten das sanfte Licht, während sie sich auf einen weiteren Tag der Ausbildung vorbereitete – ahnungslos, dass sie keine gewöhnliche Erwachte war, und dass neben ihr ein junger Mann ging, dessen Vergangenheit ebenso außergewöhnlich war wie ihre mysteriöse Zukunft.

Corvin warf einen letzten Blick zurück zu den Fenstern, seine grünen Augen nachdenklich. Dann wandte er sich wieder Lunethra zu und schenkte ihr eines seiner strahlenden Lächeln.

“Komm schon, Geheimnisvolle”, sagte er und bot ihr galant seinen Arm an. “Zeit herauszufinden, ob Professor Arvalis heute etwas Faszinierendes über Elementmagie zu erzählen hat. Oder ob ich meine eigene Unterhaltung erfinden muss.”

“Das machst du sowieso immer”, lachte Lunethra.

“Stimmt!“, gab er fröhlich zu. “Aber es ist schön, dass du es bemerkt hast. Aufmerksamkeit ist das höchste Kompliment für einen Künstler wie mich.”