Kapitel 1
Sie war die erste Frau, die ich wirklich wollte. Ihr Anblick traf mich wie ein Schlag aus heiterem Himmel. Ich stand inmitten des Partyrummels – zugleich aber hätte ich irgendwo auf einem fremden Planeten gestrandet sein können, so alleine und abgeschottet von allem fühlte ich mich plötzlich.
Dabei war sie überhaupt nicht mein Typ. Wenn ich einen Blick auf eine andere Frau riskierte, oder mir eine besonders ins Auge stach, dann waren die meist klein, ein wenig pummelig mit richtig schönen Kurven. Ich mochte sie brünett und frech.
Die hier aber wirkte auf mich, als wäre sie aus Eis und Marmor modelliert worden. Groß, vermutlich überragte sie mich sogar um etliche Zentimeter. Blasse Haut, helles blondes Haar. Bubikopf, noch nicht einmal bis zu den Schultern reichte es. Oh, und dem Spruch vom Schneewittchen (ohne Arsch und Tittchen) entsprach sie obendrein zu hundert Prozent.
Dennoch erfasste mich eine Erregung bei ihrem Anblick, wie ich sie sonst nur kannte, wenn ich einem prächtigen Mannsbild gegenüberstand. Ein Blick genügte und ich wusste, die willst du haben. Vor dir, auf Knien, dir untertan!
Wie das? Ich hatte noch nie in diese Richtung gedacht, warum denn dann jetzt – und warum sie? Sie hatte überhaupt nichts Devotes an sich, als sie da so im Kreis ihrer Bewunderer thronte. Ein wenig hochmütig wirkte sie auf mich, wie sie ihre Blicke lässig über das Rund der Männer gleiten ließ, die sie anhimmelten, die sie anbaggerten und die hofften, sie für sich zu gewinnen.
Hätte man mich gefragt, was ich denke, dass sie ist – ich hätte prompt auf Femdom getippt. Aber seltsam, obwohl selbst devot, kam mir überhaupt nicht der Gedanke, mich ihr unterwerfen zu wollen. Im Gegenteil, ich wollte sie in Besitz nehmen.
Zwischen meinen Schenkeln pochte es. Rücklings gegen den Tresen der Bar gelehnt, ließ ich immer noch kein Auge von ihr. Vielleicht wurde diese Party ja doch noch interessant. Ich hatte zunächst überhaupt nicht hierherkommen wollen, ohne Begleitung reizte mich normalerweise keine SM-Party. Als Devote bekommst du immer das Gefühl, so eine Art Freiwild zu sein. Jeder Hirni mit ein paar Handschellen am Hosengürtel denkt dann nämlich, er könnte dich einfach haben. Weil er ja Dom ist. Glaubt er zumindest.
Ich hatte an diesem Abend meinen Anteil an solchen Idioten schon hinter mir, meine Laune war dementsprechend gereizt. Manchmal fragte ich mich, ob man mir an der Nasenspitze ansah, was ich eigentlich war, denn ich trug kein äußerliches Merkmal, das mich hätte verraten können. Keinen Ring, kein Halsband. Kleidung war szenemäßig, aber neutral. Ein schenkelkurzes Lederkleid mit Schnürung an der Seite. Overknees. Hätte auch eine Domina tragen können, war meine Meinung.
Und doch hatten sie es versucht. Mancher dezent, ein anderer extrem aufdringlich, und so hatte ich meinen Frust alkoholhaltiger ertränkt, als ich eigentlich sollte. Ich war schon im Aufbruch und wollte gerade meine Getränkerechnung begleichen, als sie mir auffiel.
Es war, als würden unsichtbare Magneten mich an ihre Seite ziehen. Ich stieß mich vom Tresen ab und schob mich durch die Menge, welche die Ecke füllte, in der sie Hof hielt. Unwilliges Knurren begleitete mich, als ich die Gaffer einfach beiseitedrängte, doch all das ignorierte ich. Was interessierte mich das Quaken der Kröten, wenn ich die lohnende Beute so dicht vor Augen hatte?
Die Unruhe blieb nicht unbemerkt, ihr Blick flog in meine Richtung und mitten im Wort stockte sie. Etwas blitzte in diesen Augen – moosgrün. Zwillinge der meinen. Nur war ich rothaarig, und nicht so nordisch blond.
"Hallo, komm doch her!", lud sie mich mit tiefer, rauchiger Stimme ein – und weil das nun einfach meine Art ist, nahm ich nicht nur Platz, sondern diese Einladung wörtlich. Das Murren der Kerle um sie herum missachtend, setzte ich mich neben sie. Fixierte ihren Blick, blendete alles um uns herum aus.
"Ich bin Silva. Wie heißt du?"
Nicht die intelligenteste Einleitung, das war mir selbst klar. Egal. Der Anfang war gemacht, jetzt würde ich sie nicht mehr aus den Fängen lassen.
"Agnes …" In ihrer Stimme schwang etwas mit. Ich horchte auf. Neugier. Interesse. Aber noch etwas anderes …
Die Sache war klar. Wozu zögern?
Ich nahm ihre Hand. "Komm mit!"
Wieder kam Protest auf, doch auch sie ignorierte ihn. Als wäre es ganz selbstverständlich, folgte sie mir, als ich sie durch die Menge zog, mit ihr wie mit einer Beute an die Bar zurückkehrte und sie regelrecht auf den nächsten freien Barhocker schob.
Sobald unsere Bestellung vor uns stand, hob ich mein Glas und sah ihr tief in die Augen.
"Also, Agnes – worauf wollen wir trinken?"
Ein feines Lächeln umspielte ihre rosigen Lippen, aus der Nähe erkannte ich, dass sie älter war, als zunächst angenommen. Doch das störte mich überhaupt nicht, im Gegenteil.
"Auf uns – und auf das, was diese Nacht noch bringen mag!"
Na, wenn das mal keine Einverständniserklärung war!
Ein breites Grinsen zog meinen Mund in die Breite, ich feixte.
"Bist du dir sicher?"
Sie nickte nur. "Absolut!"
"Du weißt überhaupt nichts von mir!", warf ich ihr mild vor, doch sie lachte nur. "Und du nichts von mir, also sind wir quitt!"
"Ich kann dir aber verraten, dass ich dich will", schnurrte ich heiser. "Was sagt dir das?"
"Das werde ich noch rausfinden. Im Moment weiß ich nur, dass ich nicht abgeneigt bin!"
Im Großen und Ganzen wirkte sie willig, und doch kam ich irgendwie nicht ran an sie. Oder stellte ich mich einfach nur zu dumm an? Der Umgang mit den Domherren war immer relativ einfach, stellte ich fest. Da kannte ich meine Regeln und die Abläufe, wie ich etwas in Gang setzen konnte. Niederknien half immer. Aber Agnes wollte ich nicht bedienen, ich wollte von ihr bedient werden. Das half mir also nicht weiter.
Schon wieder wollte sich leiser Frust in mir breitmachen. Der Smalltalk funktionierte hervorragend, wir plauderten über Gott und die Welt – und ständig war da unterschwellig diese erotische Anziehungskraft spürbar. Sie machte mich verrückt, und mittlerweile hatte ich das Gefühl, mein eigener Saft müsste mir schon bis zu den Knien runter laufen.
Sie sah mein Stirnrunzeln. "Was ist los?"
Ehrlichkeit half in den meisten Fällen weiter. Ich bekannte Farbe. "Ich will dich, aber ich weiß nicht – wie rankommen an dich?"
Wieder lachte sie, ihre Pupillen weiteten sich und sie leckte sich aufreizend mit der Zungenspitze über die Lippen. Am liebsten hätte ich mich jetzt auf sie gestürzt und sie in eben diese Lippe gebissen. Eine seltsame Anwandlung war das, so völlig untypisch für mich.
"Tja, das musst du schon selbst herausfinden. So leicht bin ich nicht zu haben!"
Das war mir klar, das hatte sich schon vorhin gezeigt, an der Art, wie sie inmitten all dieser sie anschmachtenden Männer thronte.
Ich kniff die Augen zusammen und musterte sie grimmig. Spielte sie mit mir? Der Gedanke gefiel mir nicht. Am liebsten hätte ich sie jetzt im Genick gepackt und auf die Knie gedrückt, ich wollte sie in einer demütigen Stellung sehen und ihre Entschuldigung hören. Warum tat ich es einfach nicht?
Diese Hemmungen verstand ich überhaupt nicht, sonst war ich nicht so.
Manchmal kam es mir vor, als würde sie mich offen auslachen. Dann blitzte der Schalk im Moosgrün ihrer Augen und wenn sie grinste, tauchten winzige Falten in Augen- und Mundwinkel auf.
Immer noch unterhielten wir uns prächtig, die Zeit verging. Meine Laune wurde schlechter, weil ich so unzufrieden mit mir selbst war – sie hingegen wirkte immer gelöster und entspannter. Es war wie verhext.
Die Party näherte sich langsam dem Ende, die Zahl der Gäste hatte sich erheblich gelichtet. An der Bar war niemand mehr, nur ein paar ganz Hartnäckige bemühten noch die diversen Spielecken des Klubs.
Der junge Barkeeper hatte sich schon längst verabschiedet, an seiner statt bediente eine etwas ältere Frau. Sie trug eine strenge Lederkluft, die mir ausnehmend gut gefiel, die hatte etwas Militärisches an sich. Ihr Haar war eine enganliegende, dunkle Kappe, und wenn ihre braunen Augen zu uns beiden am Ende des Tresens schweiften, lag immer leise Belustigung darin.
Ich war bereit, die Sache zu vergessen und zahlte meine Zeche bei der Barfrau. Langsam machte ich mich hier zum Affen. Ich hatte das, was ich wollte, direkt vor Augen – und keinen blassen Schimmer, wie ich es mir schnappen sollte. Es wunderte mich ohnehin ein wenig, dass Agnes nicht schon längst das Weite gesucht hatte – so dämlich, wie ich mich gerade anstellte.
"Ihr zwei seid echt lustig", ließ mich eine Stimme plötzlich zusammenzucken.
Verwirrt sah ich hoch – und mich ausgerechnet dem dunkelbraunen Blick gegenüber, der schon seit einer ganzen Weile über uns zu lachen schien.
Mir hatte es die Sprache verschlagen, Agnes war da aus härterem Holz geschnitzt. "Und was willst du uns damit sagen?"
"Also bitte!", mokierte sich die Barfrau. "Ihr schleicht umeinander wie zwei Katzen um den Brei! Es ist deutlich ersichtlich, ihr tropft vor Geilheit – aber keine traut sich, den ersten Schritt zu machen!"
Nun, so ganz unrecht hatte sie nicht, so viel stand fest. Ich verzog den Mund.
Agnes lachte auf. "Es ist ein Spiel!"
"Aber jetzt ist Schluss mit diesem Spiel, verstanden?" Minimal hatte sich der Ton geändert, wurde kälter, strenger – und wieder sah ich hoch.
Die Frau hinter dem Tresen fing meinen Blick ein.
"Soll ich dir ein bisschen Schützenhilfe leisten? Du wirkst, als wüsstest du nicht so recht, was du gerade tun sollst – und das ist ein Fehler, das nutzt die da …" Sie deutet auf Agnes. "… schamlos aus. Die ist nicht so leicht rumzukriegen, da musst du dich schon mehr anstrengen!"
Noch während ich tief Luft holte, um ihr zu antworten – nahm sie schon die Zügel in die Hand. Sie kam hinter der Bar hervor. "Mitkommen, alle beide!"
Wie ferngesteuert folgte Agnes ihr, ich etwas langsamer. Wieder klopfte mein Herz bis zum Hals, ich zögerte. Was wurde das jetzt? Schon sah ich meine Beute entschwinden, weggeschnappt von der Barfrau.
Doch die hatte etwas ganz anderes im Sinn, das erfuhr ich schnell.
In einem abgelegenen Bereich des Klubs ließen wir uns in einer gemütlichen Sitzecke nieder. Neben uns an der Wand hing ein Andreaskreuz, doch das beachtete sie gar nicht. Ich setzte mich neben sie, als Agnes es mir gleichtun wollte, hielt sie sie mit einer scharfen Handbewegung zurück. "Nein, dein Platz ist dort …" Sie zeigte zu Boden, und ohne zu Murren ließ Agnes sich auf Knien nieder.
Ich staunte nicht schlecht.
Wieder fing die Barfrau meinen jetzt staunenden Blick auf.
"Ja, so macht man das!", zwinkerte sie mir zu. "Nicht fackeln, einfach machen. Dann gehorcht sie. Das ist das ganze Geheimnis!"
Als hätte ich das nicht gewusst. So funktionierte ich selbst ja auch. Nur jetzt, wo ich mich auf der anderen Seite – der der Dom – bewegen wollte, fühlte ich mich absolut unbedarft.
"Ich bin Rita", sprach sie nun weiter. "Mir gehört der Laden hier. Aber das ist gerade nebensächlich. Ich beobachte euch schon den ganzen Abend. Es ist deutlich, ihr wollt euch und seid scharf aufeinander. Warum tut ihr es nicht einfach?"
Agnes lächelte sanft. "Weil das nicht meine Art ist."
"Ja, du weißt genau, was du willst und wie du es brauchst. Du bist in deinem Element. Du liebst die Eroberung und die Unterwerfung. Trotzdem bist du scharf auf sie …"
"Silva", warf ich ein, und sie nickte knapp, wandte sich mir zu.
"Du, Silva, du bist ein anderes Kapitel. Ich kenn dich von früheren Besuchen her, du wurdest hier schon öfter bespielt. Gehst immer mächtig ab, wenn der Dom richtig loslegt. das hört dann der ganze Klub!" Sie zögerte kurz. "Und jetzt willst du dich auf der anderen Seite versuchen?"
"Eigentlich nicht wirklich", gab ich zu. "Es ist sie …" Mein Kinn ruckte kurz in Richtung der knienden Agnes. "Es ist einfach sie, ich will sie vor mir auf Knien."
"Das tut sie ja schon mal, sie kniet. Und weiter?"
Ich will sie fressen, schoss es mir durch den Kopf, aber laut sagte ich: "Eine Session. Und Sex."
Von Agnes kam ein kehliger Laut, mein Blick schweifte zu ihr und ich staunte nicht schlecht. Schwer hingen ihre Augen an mir, sie atmete schneller. Der Mund war leicht geöffnet. Am liebsten hätte ich mich vorgebeugt und sie einfach geküsst!
"Warum tust du es nicht?", drangen Ritas Worte in meine Gedanken.
Es war, als würde nun ich ferngesteuert. Tatsächlich, ich bewegte mich in Agnes‘ Richtung und brachte mein Gesicht dicht über ihres. Unsere Blicke bohrten sich ineinander, bis sie die Lider senkte und wieder leise seufzte. Dann küsste ich sie.
Es war mein erster Kuss mit einer Frau, und der war ziemlich keusch und zögernd. Aber sie schmeckte süß, sie schmeckte nach mehr, und als ich mich wieder von ihr löste, saß ein dicker Kloß in meiner Kehle. Mir war warm geworden …
"Warst du immer nur auf der devoten Seite?", wurde ich gefragt, während ich Mühe hatte, meinen Blick von Agnes abzuwenden. Himmel, die Frau saß mir echt unter der Haut!
Ich blinzelte und riss mich mühsam zusammen. "Bisher ja!"
"Wie ich es sehe, brauchst du jemanden, der dir zeigt wo es langgeht", stellte sie fest, dann straffte sie sich. "Ich mache euch einen Vorschlag. Lasst uns nach oben gehen, in meine Wohnung. Dort sind wir ungestört, und dort helfe ich euch beiden ein wenig auf die Sprünge."
Sie sah mich nun direkt an. "Ich werde für diese Nacht die Position deiner Mentorin annehmen, Silva. Sieh es als kleine Starthilfe an – und als Dankeschön, weil du bei deinen letzten Besuchen hier im Klub meine Gäste immer so vortrefflich unterhalten hast mit deinen Sessions. Das verleitet die Leute dazu, immer wieder herzukommen – in der Hoffnung, wieder so ein Schauspiel geboten zu bekommen. Heute will ich mich dafür bei dir revanchieren."
Ich nickte nur, atemlos und überwältigt.
Agnes aber war da weit weniger zurückhaltend. "Ich will aber nicht mit dir!", gab sie kund.
Rita lachte auf. "Missie, ich habe auch überhaupt kein persönliches Interesse an dir. Ich bin in jeder Hinsicht gut versorgt. Du kannst dich darauf verlassen, dass ich dich nicht mal anfassen werde!"
"Dann bin ich auch einverstanden!", gab sie ihre Einwilligung.
Seltsam, ich hatte mir überhaupt keine Vorstellungen davon gemacht, wie so etwas ablaufen sollte, oder ob Rita etwas mit Agnes tun würde. So weit hatte ich gar nicht gedacht, jetzt fiel mir auf, dass mir das nicht gefallen hätte. Ich wollte Agnes, aber ganz alleine für mich …
"Kommt mit", wurden wir wieder aufgefordert, und diesmal zögerte ich nicht.