Ein Flüstern von Magie - Valentis-Chroniken 1

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Summary

Lyra wünscht sich nichts sehnlicher, als ihr gut behütetes, aber streng überwachtes Leben im Kaiserreich Valentis hinter sich zu lassen und in die freien Länder zu fliehen. Doch sie ist eine Berufene - eine Trägerin von Magie, dazu bestimmt, eines Tages einen Adeligen zu heiraten und ihm Kinder zu gebären. Und das in einem Land, welches magisches Talent als höchstes Gut ansieht, einen grausamen Gott anbetet und gnadenlos Krieg auf dem gesamten Kontinent führt. Schon bald gerät Lyra zwischen die Fronten in einem gefährlichen Machtkampf um die Vorherrschaft nicht nur in Valentis, sondern auf der ganzen Welt. Dabei muss sie nicht nur darum kämpfen, sich selbst treu zu bleiben, sondern auch ein gefährliches Geheimnis bewahren, denn sie lernt heimlich Magie - und das ist für Frauen in Valentis streng verboten...

Status
Ongoing
Chapters
102
Rating
4.9 13 reviews
Age Rating
18+

Prolog

~Zwölf Jahre zuvor~

~Madun, Hochsonn 23, 1034~

Ich fiel zu Boden, als man mich in die Kutsche stieß. Ungeschliffener Holzboden, der mit einer dünnen Schicht Stroh bedeckt war. Ein dünner Lichtschein drang von der Tür her in das Innere des Gefährts und ließ dunkel einen kleinen Raum erkennen.

Die Tür hinter mir schwang zu und ließ mich in zwielichtigem Dämmerlicht zurück. Sperrte die Geräusche der umkämpften Stadt aus. Die Schreie, das Jammern, die Rufe, das Donnern der Hufe von Pferden auf Steinpflaster. Das Tosen und Brüllen von Magie und Feuern. Ich hörte, wie ein Riegel vorgeschoben wurde. Dann ein Ruf, das Knallen einer Peitsche, und ruckelnd setzte sich die Kutsche in Bewegung. Ein Ruck ging dabei durch meinen Körper.

Ich rührte mich für eine ganze Weile nicht. Mein Kopf war vor Panik leergefegt. Ich starrte auf den Holzboden, reagierte nicht einmal, als ein Schlagloch den ganzen Wagen durchschüttelte. Ein einzelnes, kaum eine Handbreit großes Fenster war an der rechten Seite und spendete trübes Licht.

Ein einzelner Gedanke drang dann durch das Chaos in meinem Kopf. Mama, dachte ich voller Verzweiflung. Mama. Ich will zu meiner Mama.

Ich konnte nicht einmal weinen. All meine Tränen waren bereits vergossen. Ich spürte ihre salzigen, klebrigen Spuren auf meinen Wangen.

Dann, langsam, krabbelte ich in die Ecke neben der Tür. Ich nahm nicht einmal wahr, dass mein Lieblingskleid aus feiner, gelber Wolle zerrissen und dreckig war. Bemerkte nicht den Ruß auf meinen nackten Armen. Oder das Blut unter meinen Nägeln. Ich konnte mich auch nicht erinnern, wo es hergekommen war. Ich wusste nur noch eines. Meine Mama hatte mich beschützen wollen. Und dann hatte sie bewusstlos auf dem Steinboden gelegen. Männer hatten mich von ihr weggezogen und in diese Kutsche gestoßen. Papa und Tori waren nicht bei uns gewesen, sondern oben in der Festung.

Nichts weiter.

Ich drückte mich in die Ecke des Wagens, schlang die Arme um die Beine, und starrte auf den Boden. Kein weiterer Gedanke durchdrang den Strudel aus Bildern und Eindrücken in meinem Kopf. Bilder, die ich nicht verbinden und nirgends zuordnen konnte.

Feuerbälle in der Luft. Ein funkelndes, blaues Licht im Himmel. Mama, wie sie gegen mehrere Männer in schwarzer Lederkluft kämpfte. Süße Wassermelone in meiner Hand. Magier in schwarzsilbernen Rüstungen, die Tod und Verzweiflung zurückließen. Mamas Gesicht, ihr Lächeln, während goldene Locken ihren Kopf umrahmten und im Wind tanzten. Eine Festung, die lichterloh brannte. Ein hübsches Haus an einer Allee. Pflastersteine, die vor Hitze glühten. Ein Marktplatz voller rufender Händler und blökender Tiere. Lichtblitze und Donner. Roter Wassermelonensaft auf meinem gelben Kleid. Blut an meinen Händen. Blendender Sonnenschein. Ein scharfer Befehl von einem Mann in Schwarz. Mama, die mit einem Händler redete, der silberne Gegenstände verkaufte. Schwarzer Rauch von Feuern und etwas Schlimmerem, Mächtigerem.

Eisblaue Augen, die sich durch Rauchschwaden in meine bohrten.

Ich schloss die Augen und wünschte mich fort von hier. Weg aus diesem Leben. Hier gab es nichts für mich.

Meine Fantasie trug mich an einen anderen Ort.


Ein Ruckeln, das mich durchschüttelte und mir für einen Moment den Boden unter den Füßen nahm, ließ mich aufschrecken. Ich öffnete die Augen. Ich war noch immer hier, in dieser Kutsche. Nichts hatte sich verändert. Aber das Chaos in meinem Kopf hatte sich etwas gelegt.

Ich hob den Kopf und starrte in braune Augen.

Da, in der Ecke der Kutsche, die meiner genau gegenüberlag, keine zwei Meter entfernt, war ein anderes Mädchen. Ich hatte sie vorher nicht gesehen, da sie dort mit den Schatten verschmolzen war. Nun aber strahlte das dämmrige Sonnenlicht in einem anderen Winkel in den Innenraum und ich konnte sie dort hocken sehen. Sie drängte sich an das grobe Holz, als könnte sie damit verschmelzen und verschwinden, und rührte sich nicht, während sie mich anstarrte. Sie hatte ein hübsches dunkelgrünes Kleid an. Rotbraune Flecken bedeckten es von Kopf bis Fuß. Ihre lockigen Haare waren zerzaust. Der Blick aus ihren Augen war gehetzt und wild. Wir saßen beide nur da und starrten uns in die Augen. Ich registrierte, dass sie in etwa so alt war wie ich. Wie alt war ich noch einmal? Ich hob eine Hand und streckte alle Finger von mir. So alt. Fünf.

Tori war dreizehn. Das wusste ich ganz genau. Vor nicht einmal einer Woche war sein Geburtstag gewesen. Ein wichtiger Geburtstag. Er hatte ein Schwert geschenkt bekommen und war mächtig stolz gewesen. Kein Kinderspielzeug mit stumpfer Scheide, sondern ein echtes, wie Papa, gemacht für einen Krieger. Dabei konnte er noch nicht einmal besonders gut kämpfen, da er sich lieber in Büchern verkroch, anstatt zu üben. Papa konnte es im Übrigen auch nicht, er war dazu viel zu ungeschickt, das sagte Mama immer wieder.

Ich hatte Tori beneidet und wollte das Schwert auch einmal ausprobieren. Als er es nicht hergab, hatte ich ihm aus lauter Frust meine Puppe an den Kopf geworfen.

Papa hatte nur gelacht und gesagt, wenn die Zeit reif sei, würde ich mein eigenes Schwert bekommen. Das hatte mich mit tiefer Zufriedenheit erfüllt, aber auch Ungeduld.

Dieser Moment fühlte sich unendlich lange her an.

Die Minuten verstrichen. Vielleicht auch Stunden. Keine von uns sprach ein Wort, beide gefangen in ihren eigenen, wirren, düsteren Gedanken und Erinnerungen. Eine Stille, die wir beide teilten. Einvernehmlich und voller stummer Schrecken.

Irgendwann kam die Kutsche ruckelnd zum Stehen. Als sich Stiefelschritte der Tür näherten, in deren Nähe ich kauerte, kam das erste Mal Bewegung in mich. Ich schreckte auf. Die altbekannte Angst hielt mich wieder im Griff, als ich aufsprang. Ich hastete mit wenigen Schritten in die Ecke, in der das andere Mädchen kauerte. Sie ließ es zu. Als sich die Tür öffnete, griff sie nach meiner Hand.

Ich erwiderte die Berührung, hielt sie fest, als sei sie ein Stück Treibholz auf hoher See. Diese Berührung war wie ein Anker. Sie gab mir Halt. Meine Angst wich ein kleines Stückchen zurück.

Beide blinzelten wir gegen die Abendsonne, die tief am Himmel stand und blutrotes Licht in die Kutsche warf. Unser Atem ging schnell und stoßweise, unsere Herzen flatterten wie kleine, gefangene Vögel in unseren Körpern. Ein Mann in einem blutbefleckten, rostigen Brustpanzer und dunkelgrünem, aber abgetragenen Umhang stieg in die Kutsche. Er war so groß, dass er den Kopf einziehen musste, um nicht an die Decke zu schlagen. Er hatte eine wilde Lockenmähne und einen buschigen Bart. Er blickte für einige Sekunden stumm auf uns herunter, eher er leise brummte: „Keine Angst, ihr beiden. Machen nur ‘ne Pipipause. Hopp, raus aus dem Wagen.“

Starr vor Angst gehorchten wir. Mit verschränkten Händen kletterten wir heraus. Ein zweiter Mann stand gelangweilt und mit verschränkten Armen neben dem Wagen und beobachtete uns. Er trug schwarzes Leder und einen dunkelgrauen Umhang.

Ich zuckte verschreckt zurück. Diese Farben waren böse. Diese Rüstung war böse. So viel wusste ich.

Der mit dem buschigen Bart scheuchte uns zwischen die Bäume am Straßenrand und wir hockten uns stumm hin, verrichteten unsere Notdurft. Der Bärtige ließ uns in Ruhe, wandte sich sogar kurz ab. „Lass sie ja nicht aus den Augen. Nicht, dass sie uns noch entwischen“, rief der andere mit schneidender Stimme.

Der Bärtige brummte nur. „Die verschwinden schon nicht, Isan. Stehen unter Schock. Zwei kleine Mädchen, die sie mitten in der Schlacht gefunden haben, mehr nicht.“

Isan schnaubte verächtlich. „Gören von Rebellen und niederträchtigen Hexen“, sagte er kalt. „Die Mutter der einen soll wohl ein gutes Dutzend Krieger und Krähen niedergemäht haben, sagt der Lordhauptmann. Lass sie keinen Moment unbeobachtet. Das ist ein Befehl, Beren.“

Der Bärtige neigte leicht den Kopf, dann gab er mir einen sanften Stoß. „Wieder rein mit euch, kleine Vögel. Habt ihr Hunger?“

Hunger, dachte ich müde. Habe ich Hunger? Ich wusste es nicht, und so antwortete ich nicht.

Zurück in der Kutsche, huschten wir wieder in die Ecke. Beren seufzte. Er verschwand kurz, und wir hörten, wie Isan murrte. „Hätten uns wenigstens ein Portal zur Verfügung stellen können. Bis nach Marrandt sind es über vierhundert Kilometer durch diese vermaledeite Wüste. Dafür brauchen wir eine Woche selbst mit der magieverstärkten Kutsche. Eine beschissene Woche, um zwei Gören abzuliefern!“

„Als wir die Reise begonnen hatten, waren immer noch Straßenschlachten im Gang. Der General hat verboten, Portale ins Landesinnere in Gang zu bringen, und so wird es noch eine ganze Weile bleiben, schätze ich“, sagte Beren ruhig. „Klug von ihm. Solange wir die Portale nicht mit Sicherheit halten können, ist es besser so.“

„Ich scheiß auf Euren General. Er ist genauso Abschaum aus der Gosse wie Ihr, Beren.“

Es wurde kurz sehr still. „Lord Tallandor ist per kaiserlichem Befehl auch Euch und Eurem Lordhauptmann überstellt, Krähe.“, sagte Beren, nun nicht mehr freundlich. „Ich würde ihn nicht so leichtfertig beleidigen.“

Isan spuckte aus. „Ein Weichling ist er. Er hätte die Stadt einfach in Grund und Boden stampfen sollen, wie es ihm der Generalmajor sagte. Stattdessen lässt er Feuer auf eine beschissene Steinstadt regnen und erlaubt diese ermüdenden Scharmützel in den Straßen.“

„Und wie viele weitere unschuldige Menschenleben hätte das gekostet, Isan, wenn wir ihre Mauern und Häuser mit Magie niedergerissen hätten, ungeachtet der Menschen, die darin leben?“, entgegnete Beren kalt. „Aber natürlich hätte das Euch besonderen Spaß gemacht.“

Er stapfte wieder zu uns herein, mit wütend zusammengezogenen Augenbrauen, aber bei unserem Anblick wurde seine Miene wieder weicher. „Hier. Esst.“ Er stellte uns zwei Teller mit dampfender Suppe hin. Sie musste köstlich riechen, und bestimmt auch genauso köstlich schmecken. Es schwamm Fleisch, Getreide und Gemüse darin herum.

Sie war mir gleichgültig. Ich konnte nicht an Essen denken. Nur an meine Mama.

Ich atmete auf, als er die Tür wieder verriegelte. Das Mädchen neben mir tat es mir gleich.

So saßen wir beide vor den Tellern mit Suppe, während die beiden Männer draußen irgendetwas anderes besprachen und ihren Streit fallen ließen.

Ich tastete wieder nach ihrer Hand. Ihre Finger verschränkten sich mit meinen.

„Ich heiße Cara“, sagte sie dann mit leiser Stimme. Es war ein wundervolles Geräusch, das mich ein klein wenig aus meiner Starre befreite. Als würde man mich mit einem Seil ein Stück aus einem tiefen Brunnen ziehen.

„Lyra.“ Da lag noch mehr auf meiner Zunge. Ein Familienname. Meine Mama hatte mich angehalten, ihn immer zu sagen. Aber ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Er war wie weggeblasen, wie fast alles vor diesem grässlichen Tag.

Mehr sagten wir nicht. Und mehr mussten wir auch gar nicht sagen.

Die Reise dauerte an. Zweimal am Tag ließ Beren uns heraus und brachte uns etwas zu Essen und Wasser. Langsam begann ich zu verstehen, dass er keine Gefahr bedeutete. Er behandelte uns gut. Den anderen lernte ich, aus ganzem Herzen zu hassen. Er war kaltherzig und fluchte die ganze Zeit nur, und er machte uns klar, dass er uns für Abschaum hielt.

Ich begann, Beren ein winziges bisschen Vertrauen entgegenzubringen. Er würde uns nichts tun. Aber er arbeitete mit Isan zusammen, den ich mit Inbrunst verachtete. Deshalb verachtete ich auch Beren. Es war eine einfache Schlussfolgerung, und ich hielt mich daran fest.

Irgendwann schmerzten unsere Mägen vor Hunger, und wir begannen zu essen. Zögernd, mechanisch, nicht weil wir Appetit hatten, sondern weil unsere Körper danach schrien. Während die Kutsche unterwegs war, begannen wir, uns sicher zu fühlen. Denn dann störten uns Beren und Isan nicht. Und als Cara einmal anfing zu reden, hörte sie nicht mehr damit auf. Sie redete ununterbrochen, erfand Geschichten, versank in ihrer eigenen Fantasie, sang Kinderlieder, und ich hörte zu. Ließ mich von ihrer Stimme Stück für Stück aus dem tiefen, tiefen Brunnen ziehen, in den ich im Geiste hoffnungslos versunken gewesen war. Bis ich irgendwann auch anfing, zu reden. Wir weinten gemeinsam um unsere Familien, lagen nachts dicht an dicht gekuschelt, flüsterten uns gegenseitig ihre Namen zu. Wir hatten Angst, sie zu vergessen. Vielleicht vergaßen wir dann auch noch unsere eigenen Namen. Und wenn die Namen noch jemand anderes wusste, dann konnte er sich vielleicht daran erinnern.

Die Risse in unseren Seelen begannen, ein wenig zu verheilen.

Und dann, irgendwann, war es nicht Beren, der durch die Tür trat, sondern Frauen mit sanften Gesichtern, liebevollem Lächeln und wunderschönen weißen Kleidern. Wir gingen klaglos mit ihnen, denn sie versprachen Wärme, Liebe, eine neue Heimat. Etwas Besseres als die Gewalt und die Kämpfe, die wir hinter uns gelassen hatten.

Eine bittersüße Lüge.