Der Fluch der Hexe

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Summary

Maximilian ist seit Jahrhunderten verflucht und wartet auf eine Hexe, die diesen Fluch bricht.

Status
Complete
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
13+

Der Fluch der Hexe


Leise vor sich hin knurrend blickte Maximilian hoch zum vollen, strahlenden Mond. Wieder einmal hatte ihn der helle Lichtschein des nächtlichen Himmelskörpers geweckt. Er war es so leid, an das Mondlicht gebunden zu sein.

Missmutig rappelte er sich aus seinem Versteck auf und huschte auf der Suche nach Nahrung durch den Wald. Lang brauchte er nicht suchen. Er fand schnell eine Beute, die seinen Hunger stillen konnte. Danach trottete er halb zufrieden zu seinem Stein, wie er es bei jedem Vollmond seit Hunderten von Jahren tat. Dort stellte er sich hin, ließ sich vom Mond anscheinen und hoffte, dass der Zauber gebrochen würde.

Als er dort stand und einige der nächtlichen Insekten um ihn herumschwirrten, seufzte er auf. Womit hatte er sich dieses Schattendasein nur verdient? Er war doch eigentlich ein ganz normaler Vampir, nichts Besonderes. Und dennoch hatte er einen Fehler gemacht, damals, und sich das Blut einer Hexe genommen. Zumindest hatte er es versucht. Er war jung und naiv gewesen, gerade frisch ins Vampirleben eingetaucht. Woher hatte er wissen sollen, dass es ein stillschweigendes Bündnis zwischen Hexen und Vampiren gegeben hatte?

Niedergeschlagen setzte er sich hin. Auch dieses Mal würde keine Hexe kommen und ihn vom Fluch befreien. Er würde nie das wahre Leben eines Vampirs genießen können. Für immer war er an diesen Ort und den Vollmond gebunden, würde nie woanders hinreisen können, würde nie andere Vampire kennenlernen. Er war es so leid. Vielleicht sollte er einfach hier sitzenbleiben, bis der Vollmond versank und den ersten Sonnenstrahlen wich. Er hatte noch eine dunkle Erinnerung daran, dass Sonnenstrahlen für einen Vampir tödlich sein sollten. Vielleicht ... vielleicht sollte er es ausprobieren ...

Der Pfad durch den Wald war kaum mehr als ein schmaler Streifen zwischen Farn und Schatten. Die Luft roch nach feuchtem Laub und etwas anderem – einem Hauch Magie, der schwer zu fassen war, aber Avelina schaudern ließ. Irgendetwas drängte sie dazu, genau jetzt hier entlangzugehen. War es der Vollmond, der sie lockte? Die junge Hexe war sich nicht sicher.

Da – ein Rascheln. Sie war nicht allein hier. Angestrengt lauschte sie in die Dunkelheit. Ihr Herz schlug schneller, und ihre Augen waren geweitet. Nervös fuhr sie mit der Zungenspitze über ihre trockenen Lippen.

„Ich sollte nicht hier sein“, murmelte sie und rieb nervös über ihre Arme. Sie war noch nie nachts unterwegs gewesen. Die erfahrenen Hexen warnten immer vor unheimlichen Kreaturen der Nacht, die vor niemanden Halt machten. Werwölfe, Vampire – unheilvolle Wesen, die sich von Blut ernährten. Denen wollte sie lieber nicht begegnen.

Und doch drängte sie eine innere Stimme, zur alten Lichtung zu gehen. Dort, wo ein großer Hinkelstein stand, von dem niemand wusste, wie er dorthin gelangt war.

Sie ging immer weiter. In ihren Ohren rauschte es, das Blut pulsierte heftig durch ihren Körper. Sie hatte Angst. Trotzdem machte sie einen Schritt vor den nächsten, bis sie bei der Lichtung angelangt war.

Avelina blieb stehen. Der Vollmond stand groß und rund über den Baumwipfeln und tauchte die Lichtung vor ihr in silbrigen Glanz. Es sah wie verzaubert aus, magisch, einfach wundervoll.

Mit einem Mal sah sie ihn – einen Vampir, auf dem Hinkelstein!

Sie griff sich entsetzt ans Herz, wollte schon umdrehen und fliehen. Aber sie konnte nicht. Ihre Beine gehorchten ihr nicht. Panik flutete all ihre Sinne. Doch er schien sie gar nicht zu bemerken. Er saß da und starrte hoch zum Mond. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag. Blinzelnd sah sie zu ihm hinauf. Vorsichtig machte sie einen Schritt in seine Richtung. Dann noch einen.

Sie war fast bei dem Felsen angekommen, als sie ein leises Flattern hörte. Sie sah verwirrt umher. Es dauerte einen Moment, ehe sie auf die Idee kam, zum Mond zu blicken.

„Unmöglich!“, rief sie aus. Und im selben Moment hörte sie eine männliche Stimme, die genau das gleiche aussprach.

Während sie erschrocken zurückwich, sprang der Vampir auf die Füße, drehte sich um und starrte sie aus seinen roten Augen an. Seine weißen, spitzen Eckzähne blitzten im Mondlicht auf. Für einen Moment vergaß sie die schwarze Fledermaus, die oben im Vollmond erschienen war. Der Vampir schien ungleich näher und gefährlicher.

„Bist du hier, um den Fluch zu brechen?“ Seine Stimme klang dunkel und verführerisch, gleichzeitig voller Sehnsucht und Hoffnung.

Avelina blinzelte. „Ich ... ich ... äh ...“ Sie brach ab. Sie hatte keine Antwort auf seine Frage. Was für einen Fluch meinte er?

Sie sahen einander an. Für einen Augenblick. Konnte er in ihr Innerstes sehen? Die Hexe glaubte sich daran zu erinnern, dass Vampire andere mit ihrem Blick hypnotisieren konnten. Aber er schien es nicht zu versuchen. Oder tat er es doch, und deshalb konnte sie sich nicht bewegen und vor ihm fliehen? Irgendetwas an ihm berührte sie so sehr, dass sie wieder auf ihn zuschritt.

Er sah zu ihr hinunter. Dann seufzte er auf, hob kurz seine Schultern, ließ sie wieder sinken und drehte sich von ihr weg. Er hob seinen Kopf und blickte hinauf zum Vollmond. Sie tat es ihm gleich. Noch immer flatterte eine Fledermaus im schimmernden Weiß des vollen Mondes. Es sah bizarr aus. Ob alle Wesen das sehen konnten?

Avelina atmete tief durch, flüsterte ein paar magische Worte und ließ sich nach oben auf den Hinkelstein schweben. Obwohl ihr Herz vor Angst wie wahnsinnig pochte, wagte sie es. Sie trat neben den Vampir, der sie um einiges überragte. Er war ein großer Mann, gefährlich und doch überaus anziehend.

„Was willst du von mir?“ Seine Stimme klang rau. Er sah nicht einmal zu ihr hin. „Wenn du den Fluch nicht brechen kannst, geh.“

War es Mitleid, das sie durchdrang? Er klang so hoffnungslos, dass es sie traurig machte. Auch wenn er eines der Geschöpfe war, vor denen alle Hexen warnten, tat er ihr unendlich leid. Niemand sollte so verzweifelt klingen.

„Ich ... ich glaube, der Mond hat mich hierhergerufen“, murmelte sie und knetete nervös ihre Finger.

Er beugte den Kopf und betrachtete sie nun doch genauer. „Der Mond?“

Sie nickte. Hinter dem Rot in seinen Augen konnte sie einen braunen Schimmer sehen. Sein Gesicht war bleich, als hätte er lang kein Tageslicht mehr gesehen. War das sein Fluch? Nur in der Nacht leben zu können? Aber dieser Fluch gehörte zu jedem Vampirleben dazu, das war kein Fluch, das war einfach so.

Maximilian sah auf die junge Hexe, die zitternd vor ihm stand. Sie war voller Angst und doch so mutig, sich neben ihn zu stellen. Konnte es sein, dass sie tatsächlich hier war, um den Fluch zu brechen, der ihn an diese Lichtung, diesen Ort band?

Zögerlich hob er eine Hand, sah ihr in die moosgrünen Augen, in denen ein furchtsamer Schimmer lag. Er berührte ihre Wange, so warm und zart. Ein wohliges Gefühl durchströmte ihn, wie er es nie zuvor gespürt hatte – oder doch, damals, als er noch ein Mensch war, ehe er zum Vampir wurde. Damals hatte er Sehnsucht und Liebe empfunden.

Liebe? Wieso kam ihm ausgerechnet jetzt dieses Wort in den Sinn?

„Wer bist du?“, wisperte sie. Ihre Stimme zitterte wie ihr Körper. Dennoch blieb sie neben ihm. Der sanfte Klang erschütterte ihn. Viel zu lang war es her, dass irgendjemand mit ihm gesprochen hatte, ihn etwas gefragt hatte.

„Ich bin Maximilian. Verflucht vor Jahrhunderten von einer Hexe, weil ich den alten Pakt gebrochen hatte.“

Sie öffnete die Lippen, ihr warmer Hauch streifte ihn und weckte Sehnsüchte in ihm. Der Wunsch, zu leben, wurde stärker. Er beugte sich zu ihr hinunter, konnte die Wärme ihres Körpers fühlen. Ihr Herzschlag pochte verlockend, ihr Blut rauschte köstlich durch ihren Leib. Er konnte die Süße durch jede Pore ihrer Haut riechen.

„Maximilian“, flüsterte sie, und es klang wie eine Liebkosung. Da war es um ihn geschehen. Er senkte seine Lippen auf ihren roten Mund, berührte sie nur zart. Ein Seufzen entrang sich ihr. Schon spürte er ihre Hände, die sich in seinen Umhang krallten. Ihre Nähe machte ihn schwindlig, und ihr Kuss vertiefte sich. Bereitwillig öffnete sie ihre Lippen, lud ihn ein zu einem wilden Tanz der Zungen.

Stöhnend drängte er seine Zunge in sie, ergriff sie an den Schultern und zog sie noch dichter an sich heran. Ihre Wärme berauschte ihn, ihre Süße vernebelte seine Sinne. Er wollte sie schmecken, spüren, tief mit ihr im Taumel der Sinneslust versinken.

Sie keuchte und stöhnte an seinem Mund, rieb sich an seinem harten Körper. Ihre Zunge tanzte wild mit seiner. Sie war kein Kind mehr, sie war eine Frau, die sich ihrer Lust ergab. Doch ihn verlangte nach so viel mehr, als es ein harmloser Kuss bieten konnte. Mit einem Knurren löste er sich von ihr, um ihr sein brennendes Verlangen zu offenbaren.

Da spürte er sie: Tausende glitzernde Mondfunken hüllten ihn ein.

Er blickte hoch zum leuchtenden Mond, wo noch immer die Fledermaus im Schein des Himmelskörpers tanzte. Doch nun schimmerte und schillerte der Nachthimmel, und eine glitzernde Spur an Mondfunken führte direkt zu ihm herab, hüllte ihn und die Hexe ein und brach den alten Fluch. Ungläubig starrte er hinauf, konnte es nicht fassen.

Maximilian lachte. „Danke!“, rief er, und seine Augen strahlten mit den Mondfunken. „Danke!“ Er beugte sich zu der bezaubernden Frau neben sich hinab, hauchte einen Kuss auf die Stirn der Hexe, dann wandelte er sich übermütig in eine Fledermaus und flog hoch hinauf in den Himmel. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten fühlte er sich frei.

Verwundert hörte er ein Lachen neben sich, ein silberhelles, frauliches Lachen. Es war die Hexe! Sie flog auf ihrem Hexenbesen neben ihm die glitzernde Spur der Mondfunken entlang. Nun wusste er es, sie hatte ihn gerettet, sie gehörte zu ihm. Gleich, wenn er diesen wunderbaren ersten Flug seit Jahrhunderten genossen hatte, würde er mit ihr erneut fliegen – in die Erfüllung aller Träume und Sehnsüchte, getragen von den Wellen ihrer beider Lust ...