⁂ Prolog ⁂
Es ist nichts als Finsternis um mich herum.
Tiefschwarze Nacht, die nicht einmal vom silbrigen Mondlicht durchbrochen wird.
Die Scheinwerfer meines Wagens, sind die einzige Lichtquelle weit und breit.
Doch sie nützen mir nicht viel.
Denn ein heftiger Schneesturm wütet.
Braust und peitscht mit einem aufgebrachten Heulen über die felsigen Klippen.
Der eisige Orkan fegt die dicken, bauschigen Flocken, die in Scharen vom Himmel fallen, wie kleine Wattebäusche, wild in der Luft umher. Lässt sie in wirren Formationen tanzen, was es mir kaum möglich macht, auch nur einen Meter weit zu sehen.
Doch das ist es nicht, was mir Angst macht. Was mein Herz schmerzhaft in meiner Brust zusammenkrampfen lässt.
Ich fühle mich gefangen.
Eingesperrt, wie in einer riesigen Schneekugel, die unkontrolliert umhergeschleudert wird. Aber es ist hier keineswegs so wunderschön, wie in einer dieser süßen Kindertraumwelten. In meiner persönlichen Schneekugel ist es düster, einsam und bitter kalt.
Kalt und grausam, wie das Leben.
Wie bin ich nur hierhergekommen?
Angestrengt starre ich durch die Windschutzscheibe meines Wagens, auf die durch den Schnee kaum noch sichtbare, kurvige Bergstraße vor mir. Die Heizung ist voll aufgedreht, läuft auf Hochtouren. Trotzdem zittern meine Hände und mein ganzer Körper vor Anspannung.
Haltsuchend klammere ich meine Finger, so fest ich kann, an das Lenkrad.
Der Wind peitscht gnadenlos gegen die Frontscheibe. Schleudert ihr unaufhörlich dicke, weiße Wattebäusche entgegen. Auf verlorenem Posten, mühen sich die Scheibenwischer des alten Autos ab. Kämpfen einen aussichtlosen Kampf.
Doch ihre Bemühungen gleichen nur einem Tropfen auf dem heißen Stein.
Ich kann nicht einmal den nächsten Leitpfosten sehen.
Trotzdem muss ich weiter. Lasse den Wagen im Schneckentempo vorwärts rollen, weil ich nicht hierbleiben darf.
Sie werden mich sonst finden.
Sicher werden sie das und dann…
Darüber will ich nicht nachdenken. Ich kann es nicht.
Das hier. Diese unheimliche Fahrt hinauf auf den Berg. Das alles, ist ein sprichwörtliches Himmelfahrtskommando.
Nur bezweifele ich, dass ich in den Himmel komme.
Ich war bereits dort gewesen. Hatte den Himmel auf Erden erlebt und alles zerstört. Jegliche Chance auf Glück zunichte gemacht.
Das Himmelreich wird seine Pforten nicht für mich öffnen.
Niemals.
Nicht für Jemanden wie mich.
Mein Herz zieht sich erneut krampfhaft zusammen, als mein Blick hinüber zu der rosa Strickweste gleitet, die einsam und verlassen auf dem Beifahrersitz liegt. Der Kloß, der sich in meinem Hals bildet ist so beklemmend, dass ich beinahe keine Luft bekomme.
Für einen Moment, schreit alles in mir danach umzudrehen.
Aufzugeben.
Mich meinem Schicksal zu fügen.
…
Doch ich kann nicht.
Ich habe es mir vor langer Zeit geschworen und der letzte Rest meines früheren Ichs, hält sich vehement daran fest, wie an einen rettenden Anker. Weigert sich mit aller Macht davon abzulassen.
Also fahre ich weiter.
Quälend langsam. Meter für Meter.
Der Schnee hat mittlerweile die komplette Straße mit einer weißen, dicken Schicht überzogen und knirscht laut und drohend unter dem Gewicht des Wagens.
Klingt beinahe wie eine Warnung in meinen Ohren.
Während ich um die nächste Kurve fahre, kommen die alten Reifen plötzlich ins schlittern.
Sie verlieren die Bodenhaftung, drehen kurz durch und werden für einen Moment unkontrollierbar, bevor sie wieder Halt finden.
Der Neuschnee ist tückisch und der tosende, heulende Wind, trägt sein Übriges dazu bei mich zu verspotten.
Mir ist das egal. Mittlerweile ist mir alles egal geworden.
Ich bin verzweifelt.
Etwas zu fest, trete ich auf die Bremse um zu stoppen. Was das Fahrzeug dabei jedoch gefährlich nahe an den Abgrund rutschen lässt.
Mein Herzschlag beschleunigt.
Leitplanken gibt es hier oben nicht. Dafür ist die Straße zu abgelegen und zu wenig frequentiert.
Der Wagen kommt zum Stehen.
Erneut schnürt es mir die Kehle zu und ich bekomme augenblicklich kaum noch Luft, als ich durch die Scheibe hinaus in das dichte Schneegewirr schaue. Realisiere, wie knapp es gewesen ist.
Ich befinde mich nur etwa eine Handbreit vom Abgrund entfernt.
Meine Augen weiten sich bei dem furchteinflößenden Anblick der tiefen, schwarzen und gefährlichen Schlucht, die wie ein heimtückisch lauerndes Monster, zwischen den hoch in den Himmel aufragenden Bergen schlummert.
Wie das Maul eines riesigen Ungeheuers, ragt der Abgrund vor mir auf. Wartet auf ahnungslose Opfer.
Flüstert mir mit seiner düsteren, bedrohlichen Ungewissheit zu, dass ich näherkommen soll. Einen kurzen Blick riskieren soll.
Mir läuft es kalt den Rücken hinunter.
Wer es, so wie ich, wagt hinunter zu schauen, sieht nichts als völlige Dunkelheit.
Den Boden kann ich nicht ausmachen.
Nicht nur wegen des Schneesturms, sondern auch wegen der schwindelerregenden Höhe, in der ich mich befinde.
Einen Herzschlag später, reiße ich meine Augen von der lauernden Gefahr neben mir, die mich zu hypnotisieren droht, los und richte sie wieder nach vorne.
Weg von diesem Abgrund, dieser eisigen Hölle, die nach mir zu rufen scheint.
Meine beiden mickrigen Scheinwerfer, spenden immer noch das einzige Licht an diesem gottverlassenen Ort.
Die unzähligen, dicken Schneeflocken, wirbeln und tanzen, wie kleine Tanzpaare unaufhörlich zur wilden, wütenden, jede Minute stärker werdenden Melodie des Sturmes umher. Eine gefährliche Naturgewalt, die jedoch eine bezaubernde, reine und unverfälschte Schönheit besitzt.
Wie so oft im Leben sind Vollkommenheit und Unheil zwei Seiten derselben Medaille. Nur das eigene Glück entscheidet, auf welcher Seite sie landet, wenn man sich traut sie zu werfen.
So wie ich es getan habe…
Mein Blick ist verschwommen.
Es sind so unglaublich viele Flocken vor mir, dass der schwarze Himmel gräulich auf mich wirkt.
Ihre Zahl ist so viel größer, als ich jemals Sterne am Firmament gezählt habe.
Und ich bin völlig allein.
Selbst der Mond leistet mir in dieser dunklen Stunde keinen Beistand.
Eine mir wohlbekannte Einsamkeit breitet sich langsam kriechend, wie ein tödliches Gift in meinen Adern aus. Befällt mich unaufhaltsam und erbarmungslos.
Panik steigt in mir auf.
Das Tosen des Orkans, scheint sich in meinem Körper wieder zu spiegeln. Seine kalten, frostigen Finger nach mir auszustrecken. Von mir Besitz zu ergreifen.
Ein bitteres Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus, als ich das vertraute Gefühl begrüße, dass nun langsam in mir aufsteigt.
Da bist du ja, mein alter Freund…
Automatisch schließe ich die Augen. Versuche meinen flachen Atem zu verlangsamen. Mehr Luft in meine Lungen zu saugen und meinen hektischen Herzschlag zu beruhigen.
Genauso wie ich es immer tue.
Es dauert eine Weile, doch schließlich gelingt es mir, die Panik zu vertreiben.
Ich werde ruhiger.
Aber gleichzeitig fühle ich mich unglaublich alleine.
Leer.
Ausgebrannt.
Zurückgelassen.
Unnütz und innerlich tot.
So wie seit vielen Jahren.
Die gerechte Strafe, für das was ich getan habe. Für die unentschuldbare Sünde, die ich begangen habe. Die ich seither mein Leben lang bereue.
Die mich unsagbar quält und langsam, Stück für Stück auffrisst, bis nichts mehr von mir übrig ist.
Jede Sekunde meines Lebens schwebt sie, wie ein dunkler Schatten über mir. Erinnert mich stetig an mein Vergehen.
Zusätzlich zu all dem anderen Schmerz in meiner Brust. Ein gefährlicher Cocktail aus Schuld und Pein, der sogar dazu fähig ist, mir körperliche Qualen zu bereiten.
Grausamer noch, als jedes Monster aus Fleisch und Blut.
Ich ertrage das nicht länger.
Plötzlich scheint mir die dunkle Schlucht vor mir, nicht mehr so furchteinflößend, im Vergleich zu meinen inneren Abgründen. Den Dämonen, die in mir wüten und ihre unsichtbaren, unbarmherzigen Krallen tief in meine Eingeweide graben.
Ich will das nicht länger durchmachen müssen.
Es geht nicht mehr.
Niemals werde ich tun, was sie von mir verlangen.
Für mich gibt es keinen Ausweg in diesem Leben.
…
Eine einzelne, verlorene Träne, sammelt sich in meinem Augenwinkel. Bahnt sich, wie schon so viele vor ihr, ihren Weg über meine Wange. Zieht eine heiße Spur über meine kalte Haut, bis sie an mein Kinn gelangt und hinabfällt.
Mich alleine zurück lässt.
Die eben noch so angenehm warme Spur, die jetzt das Einzige ist, was mich noch an sie erinnert, fühlt sich nun eiskalt an.
Auf Wärme, folgt Kälte.
…
Diese Wahrheit dämpft meine schmerzhaften Gefühle.
Eine seltsame Ruhe überkommt mich, als sich meine Gedanken schlagartig klären.
Es ist, als würde sich der tosende Sturm um mich herum plötzlich lichten.
Als würden sich die dicken Schneeflocken in eine sanfte, warme Briese verwandeln und Sonnenstrahlen meine Haut, warm und zärtlich liebkosen. Ich rieche den zarten Duft von Wildblumen, frischem, saftig grünen Gras und moosigen Waldboden.
All diese wunderschönen Eindrücke, sind mir so vertraut, so lieb und gleichzeitig so fern, dass ich mich daran festklammere, wie ein Kind an seine Mutter. Ich möchte daran festhalten. Möchte an diesem friedlichen Ort leben.
Die wohltuende Ruhe, die mich umgibt, besänftigt mein Herz und auf einmal sehe ich ein Gesicht vor mir.
Wie aus dem Nichts, erscheint es ganz deutlich.
Ein wunderschönes, vollkommenes Gesicht.
Markante Züge, eingerahmt von dichten, rabenschwarzen Haaren. Volle Lippen umgeben von einem dunklen, stoppeligen Bart.
Doch nichts übertrifft diese Augen. Die blausten Augen, die ich jemals gesehen habe. Einem tiefen, weiten und unergründlichen Ozean gleich, strahlen sie etwas Altes und Ehrwürdiges aus.
Sie blicken mich direkt an. Schauen mir dabei tief in meine Seele.
Scheinen stumm auf mich zu warten.
…
Ich weiß, was ich tun muss.
Es ist so simpel.
Ohne zu zögern und wie ferngesteuert, tritt mein Fuß auf das Gaspedal. So fest, dass die Reifen des Wagens erst wieder durchdrehen. Dann gerate ich ins Schleudern und fühle mich plötzlich, als könnte ich fliegen.
Fühle mich so frei, wie ein Vogel.
Leicht und absolut schwerelos.
Völlig berauscht, lege ich den Kopf in den Nacken, schließe die Augen und genieße das befreiende Gefühl in mir.
Das Gesicht des Mannes, sehe ich währenddessen immer noch vor meinem inneren Auge.
Nun ziert ein breites, liebevolles Lächeln seine Züge. Bringt seine tiefblauen Augen zum Leuchten. Lässt mein Herz hüpfen und meine Liebe zu ihm wieder aufflammen.
Er ist bei mir.
Nach all dieser Zeit, ist er immer noch bei mir.
Erneut bahnt sich eine einzelne, heiße Träne über die Wange. Folgt ihrer Vorgängerin.
Doch diesmal, lächle ich.