Prolog
Ein gellender Schrei, zerrissen vor Entsetzen, hallte durch das Brautgemach. Die junge Frau, die ihn ausgestoßen hatte, barg ihr Gesicht schluchzend in den zitternden Händen und floh vor dem schrecklichen Anblick, der sich ihren Augen sonst geboten hätte.
Sie hatten ihn bis an das Geländer des kleinen Balkons gedrängt. Zu viert waren sie in das Gemach der Frischvermählten eingedrungen, die sich gerade erst von der Hochzeitsgesellschaft zurückgezogen hatten. Doch die liebevolle Zweisamkeit war ihnen nicht vergönnt gewesen – sie wurde auf brutalste Weise zerstört. Mit gezückten Schwertern rissen die Eindringlinge das Paar auseinander. Hass und Mordlust hatten jäh Einzug gehalten, wo wenige Sekunden zuvor nur Liebe und fiebernde Sehnsucht geherrscht hatten.
Armando III. von Lemarc war von ihren Degenspitzen bedroht worden, bis er Schritt für Schritt zurückwich – so lange, bis ihm die schmiedeeiserne Balkonbrüstung den Weg versperrte. Voller Wut und Enttäuschung funkelten seine glitzernden Augen die Rädelsführer des Überfalls an. Es waren sein eigener Minister und der Kanzler seines kleinen Königreichs. Sie hatten sich gegen ihn verschworen und wollten nun seine Macht, seine Krone – und sein Leben.
Er wusste, dass er keine Chance hatte. In lustvoller Erwartung der bevorstehenden Hochzeitsnacht hatte er jede Vorsicht fahren lassen, obwohl er wusste, wie es hinter den Kulissen in seinem Reich gärte. Doch er hatte nur noch an das eine gedacht: Endlich würde sie die Seine werden. Endlich würde sie sich ihm hingeben, und er konnte sie – nach all den Jahren des Wartens und den Kämpfen um ihre Hand – endlich zu seiner Frau machen.
Aber anscheinend war es ihm vom Schicksal nicht vergönnt, die Erfüllung seiner Liebe zu finden. Nicht hier, nicht an diesem Ort – und schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt. Oder gar in diesem Leben?
Ein tiefer Seufzer hob seine Brust, dann wich sein Blick von der zusammengekauerten Gestalt seiner schluchzenden Braut ab und er fasste wieder seine Gegner ins Auge. Es war merkwürdig, obwohl ihn diejenigen denen er am meisten vertraut hatte, nun verrieten, weinte sein Herz aus einem ganz anderen Grund. Wie hatte er auf den Moment gewartet, wo er seiner Liebe endlich würde beiwohnen können. Und jetzt sah es schwer danach aus, als würde dieser Moment nie kommen.
„Meine Herren, Ihr habt Euch einen äußerst schlechten Zeitpunkt ausgesucht, um mich zu stürzen“, mokierte er sich mit hochgezogenen Augenbrauen und kaum wahrnehmbarem Vibrieren in der Stimme. „Ihr habt mich sozusagen mit heruntergelassenen Hosen erwischt!“
Schmieriges Lachen war die Reaktion des einen, doch der andere Verräter sah ihn unbehaglich an. „Hoheit!“ Graf von Schwengel, sein Premierminister jedoch sah ihn beschwörend an. „Wenn Ihr Euch entsprechend verhaltet, dann muss die Geschichte hier nicht blutig enden. Dann habt Ihr eine Zukunft mit Eurer reizenden Gemahlin. Zeigt Euch nur entgegenkommend!“
Es mochte sein, dass sein Premier das tatsächlich so sah, doch Michel de Bejou – sein Mitverschwörer, ausgerechnet der oberste Kanzler seines Reiches und väterlicher Freund, seit er die Krone übernommen hatte – wollte seinen Tod. Das stand in seinem Blick, der wollte sein Leben nicht schonen.
Milde schüttelte Amando den Kopf. „Wir wollen doch bei der Wahrheit bleiben“, rügte er sanft. Sein Mund verzog sich, als er wieder das verzweifelte Weinen seiner Braut vernahm. Sie kniete vor dem Bett am Boden, die seidigen Falten ihres Hochzeitskleides umflossen sie wie eine matt schimmernde Wolke. Nie war sie ihm schöner erschienen, auch wenn diese Robe bald ein Leichenhemd sein würde. Insgeheim straffte er sich, sein Leben vermochte er vielleicht nicht mehr zu retten, aber das von Fabienne musste unbedingt bewahrt werden!
Einen Moment lang lauschte er ihr, wie sie mit gebrochener Stimme und tränenerstickt um sein Leben flehte, dafür gehässig von dem Kanzler verhöhnt wurde. Dann konzentrierte er sich wieder auf Graf von Schwengel, der ihm als der Vernünftigere von den beiden erschien.
„Was erhofft Ihr Euch mit dieser Tat?“, verlangte er zu wissen. Und zuckte zusammen, Fabienne hatte sich aufgerafft und versuchte zu ihm zu kommen, wurde grob von dem Preußen beiseite gestoßen. Als er unwillkürlich vorwärts drängte, um ihr zu Hilfe zu eilen, drückte sich die Degenspitze mahnend gegen seinen Brustkorb. Schon gab der Stoff seines seidenen Oberhemdes nach, und der Stahl schnitt geringfügig in seine Haut.
„Danken Sie ab, Armando! Überreichen Sie uns die königlichen Insignien, dann können Sie mit Ihrer Frau in ein Land Ihrer Wahl reisen. Wir werden Sie nicht mehr behelligen!“
Armando wusste, dass das gelogen war. Was sie verlangten war unmöglich, sie mussten ihn töten und dafür sorgen, dass seine Linie ausstarb. Es durfte keinen königlichen Erben für Lemarc geben, nur so konnte sein Reich dem französischen König überschrieben werden. Das war es, worum es hier ging. Kein simpler Staatsstreich, sondern eine feindliche Übernahme seines Landes.
Sein Mund verzog sich zu einem schmerzlichen Lächeln, während er beobachtete wie sich seine junge Frau aufrappelte. Wie sie versuchte, tapfer zu sein und sich die Tränen vom Gesicht wischte. Sie war so wunderschön, die Liebe seines Lebens. Wie es schien, war es ihm vom Schicksal wirklich nicht vergönnt, diesen wunderschönen, göttlichen Körper zu genießen. Er sollte die Erfüllung seiner Liebe nicht finden – und doch konnte er den Weg nicht beschreiten, auf den die beiden Grafen ihn zwingen wollten. Sie köderten ihn – seine eigene Frau und eine Zukunft mit ihr war der Köder, aber die Falle roch er drei Meilen gegen den Wind. Sterben würde er so oder so. Er konnte nur verhindern, dass sie die Insignien in die Hände bekamen.
Arme Fabienne, trauerte er. Armes, geliebtes Weib. Arme Königin für einen Nachmittag.
Sehnsucht verdunkelte seinen Blick, spiegelte all die Liebe wider, die er für seine junge Braut empfand. Und verhärtete sich dann, als er seinen Widersacher wortlos aber herausfordernd erneut ins Auge fasste.
‚Fabienne! Fabienne!’, beschwor er seine Geliebte in Gedanken – so innig und intensiv, wie es ihm nur möglich war. Fast, als würde er die Worte laut aussprechen und sie ihn hören. Der Kopf seiner Braut hob sich verwundert, sie sah in seine Richtung. Hob ihren tränenumflorten Blick zu ihm auf.
‚Fabienne, mein Schatz‘, hauchten seine Gedanken in ihre Richtung. ‚Du weißt, wie sehr ich dich liebe, nicht wahr? Du weißt, wie gerne ich das hier vermieden hätte – und doch weißt du sicher auch, dass ich nicht anders kann. Ich muss tun, was getan werden muss. Bitte verzeih mir, mon amour!“
Armando straffte sich, dann verkündete er voll stiller Würde – jeder Zoll der König, den seine Untertanen so sehr liebten: „Ich bedauere, Messieurs – ich kann Ihnen die Dinge nicht geben, die Sie so sehr begehren! Denn das würde bedeuten, dass ich nicht nur mein Volk und mein Land verrate, sondern ebenso alles wofür meine Familie gelebt hat und gestorben ist! Auch ich werde dafür sterben, das bin ich meinem Land und meinen Untertanen schuldig!“
„So sei es!“, keuchte der preußische Kanzler. „Wenn Ihr es so wollt, dann sterbt zusammen mit Eurer Ehre und Eurer Krone! Wenn Ihr tot seid und das Land einen Regenten braucht, dann wird niemand mehr nach den Regierungsinsignien fragen. Lemarc wird untergehen, vive la France!“
Ein knapper Wink mit der Hand, ein schneller Blickwechsel mit dem Minister. Graf de Bejou, sein eigener Premierminister, hob die Hand mit seinem Degen. Es war nicht mehr als ein Zucken des Handgelenks, eine kaum wahrnehmbare Bewegung nach vorne. Ein tonloses, heiseres Stöhnen kam von den Lippen des Königs, seine Finger krallten sich um die aufwändig geschmiedete Brüstung in seinem Rücken. Fabiennes verzerrter Schrei hallte in seinen Ohren.
Seltsam, er war tödlich getroffen – doch er spürte überhaupt keinen Schmerz. Fast unbeteiligt sah er, wie der Premier seinen Degen zurückzog, nun war die Spitze blutig. Ein hämisches Grinsen umspielte die wulstigen Lippen des Mannes, von dem er sein ganzes Leben lang gedacht hatte, er wäre nicht nur sein engster Ratgeber, sondern auch sein väterlicher Freund.
Das Licht des Kronleuchters spiegelte sich auf seiner Glatze, als er sich behäbig zu Graf von Schwengel umdrehte und grölend meinte: „Der König ist tot! Es lebe der neue König! Vive le France!“
Armando starrte auf das Blut, das langsam die Vorderseite seines weißen Seidenhemdes rot färbte. Verwundert stellte er fest, dass er heftig blutete und doch schmerzte es nicht. Sein Bauch wurde nur langsam unangenehm warm von der Feuchtigkeit und warnte ihn davor, wie schnell das Leben aus ihm herausfloss.
Sein Blick suchte wieder seine Gemahlin, die leichenblass inmitten des Brautgemachs kniete und am Rande einer Ohnmacht schwebte. Hände hielten sie fest, sie ließen sie nicht zu ihm. Vielleicht war das besser so, er wusste es nicht.
Ihre Blicke trafen sich, wieder bedauerte er es auf das Heftigste, dass die Zeit mit ihr wenn auch wunderschön, doch viel zu kurz gewesen war. Zu kurz, um es zu vollenden und die Ehe zu vollziehen.
„Fabienne, ma cherie! Sieh mich nicht so an. Sieh mich nicht an, als ob du am liebsten mit mir sterben würdest“, hauchte er mit liebevoller, langsam ersterbender Stimme. „Dies ist nicht das Ende, das schwöre ich dir! Unsere Liebe ist viel zu groß, als dass sie einfach mit mir sterben könnte. Unsere Liebe ist zu rein und zu mächtig. Nein Fabienne, weine nicht. Dies ist nicht das Ende, das verspreche ich dir!“
Wieder begann sie zu schluchzen, sie zerrte an den Händen, die sie grob festhielten. Ihr Weinen war so qualvoll und unglücklich, dass Armandos Herz sich verkrampfte und er ihre Schmerzen am eigenen Leib verspürte. Immer weiter floss das Leben aus seiner Brust.
Er raffte all seine Kraft zusammen und straffte sich hoheitsvoll. Majestätisch lehnte er an der Balkonbrüstung, und dann donnerte er: „Meuchelmörder und Verräter, die Ihr seid! Mit Eurer Sucht nach Macht und Gold habt Ihr verhindert, dass sich unsere Seelen für die Ewigkeit verbinden konnten! Ein schlimmeres Verbrechen noch als Euer Mord! Ihr habt verhindert, dass sich das Schicksal erfüllt hat, das uns bestimmt war. Doch lasst Euch eines sagen: Eure feige Tat wird Euch nichts bringen. Die Dinge, die Ihr sucht und wegen der Ihr mich gemordet habt, die werden für Euch auf ewig verloren sein. Niemand kann und niemand wird sie finden. Niemand weiß, wo sie versteckt sind. Und der eine Mund, der es euch hätte sagen können, wird schweigen. Dafür habt Ihr gesorgt, Ihr Narren Ihr!“
Mit einem gotteslästernden Fluch auf den Lippen sprang der Kanzler vor, griff nach dem sterbenden König und wollte ihn zwingen, sein Geheimnis doch noch preiszugeben. Aber bevor er ihn erreichte, ließ Armando III von Lemarc sich hintenüberfallen und stürzte sich über das Balkongeländer in die Tiefe.
Der König war tot.
Doch das Versprechen das er gegeben hatte, lebte weiter. Der Schwur im Angesicht seines Todes, geleistet vor den Zeugen, die seinem Mord beiwohnten.
Mit einem Seufzen legte Fabienne d’Abo das Buch zur Seite, ihr Blick war von Tränen getrübt. Tausendmal hatte sie diese Geschichte nun schon gelesen, aber wie schon beim ersten Mal ging sie ihr immer noch ans Herz und die Ungerechtigkeit, die dem noblen jungen König widerfahren war, brachte sie regelmäßig zum Weinen.
Obwohl die näheren Umstände des damaligen Königsmordes nie vollständig geklärt worden waren und das Ganze mittlerweile die Ausmaße einer Legende im Range der Artussage angenommen hatte, war es nicht gelungen, die Sache zu vertuschen. Die Königstreuen hatten Kanzler und Minister – die Rädelsführer des Verrates – aufgegriffen und hingerichtet. Die Leiche des Königs hatte man nicht gefunden, sie war vom Balkon zwischen die Klippen des Meeres gestürzt und von den Strömungen in die offene See hinaus gezogen worden.
Fabienne seufzte erneut und umschlang ihre Beine mit den Armen. Nachdenklich legte sie den Kopf auf die Knie. „Der unbefleckte König“, so nannte man Armando III heute, weil er die Ehe mit seiner jungen Braut nicht hatte vollziehen können. Alles was von dem jungen König geblieben war, waren seine beiden Schlösser, die mit zu den schönsten und prächtigsten der Welt gehörten. Sein kleines Reich – Lemarc – existierte jedoch nur noch in den Geschichtsbüchern. Zuletzt hatte sich der perfide Plan der Verräter doch noch erfüllt. Den Zwergstaat gab es nicht mehr, er wurde von Frankreich annektiert. Als Erklärung für die Tat hatte man nachträglich verlauten lassen, die beiden Grafen hätten rebelliert, weil der König eine Ausländerin zu seiner Königin ernannt hatte, und so war nachträglich die große, reine Liebe der beiden in den Schmutz getreten worden.
Offiziell wusste niemand, was aus der Königin für einen Nachmittag geworden war. Die Meuchelmörder hatten ihr Leben zunächst verschont, dann war sie auf einmal verschwunden gewesen, Getreue hatten sie unauffällig außer Landes gebracht.
Fabienne lächelte an dieser Stelle ihrer Überlegungen. Fabienne Moreau. Sie war ihre Ahnfrau. Vor über zweihundert Jahren nach Paris gekommen, frisch verwitwet. Königstreue Anhänger, die befürchtet hatten, man würde auch sie aus dem Weg schaffen, hatten sie über die Grenze gebracht und ihr eine Schiffspassage nach Amerika besorgt. Dort hatte sie einen netten Mann kennengelernt, der sich des unglücklichen, einsamen Mädchens erbarmt und sich ihrer angenommen hatte. Später wurde daraus eine Liebe, beständig und zahm. Und Fabienne schenkte als Krönung dieser Beziehung ihrem liebevollen, verständnisvollen Gatten eine Tochter.
Dies war in keinem der Geschichtsbücher nachzulesen, aber Fabienne wusste trotzdem alles über die Ereignisse. Sie wusste mehr darüber als alle Historiker zusammen, denn in ihren Händen befand sich das Tagebuch der Königin für einen Nachmittag. Es war in ihrer Familie vererbt worden, immer von der Mutter an die Tochter, bis heute. Nun gehörte es Fabienne. Die hütete das alte, abgegriffene Büchlein wie ihren Augapfel, denn die Tragödie faszinierte sie schon seit ihr die Mutter das erste Mal davon erzählt und ihr erste Passagen aus dem Tagebuch vorgelesen hatte. Später, als sie älter war, hatte Fabienne sich dann alles gekauft, was über die Tragödie von Lemarc zu finden war.
Warum sie dies tat?
Sie wusste es selbst nicht so genau. Vielleicht deswegen, weil die Angelegenheit eine unmittelbare Vorfahrin von ihr betraf.
Nur etwas bedauerte Fabienne mehr noch als den unglücklichen Ausgang der Tragödie, nämlich dass von Fabienne Moreau nur ein einziges Bild existierte. Es hing in einem der beiden Schlösser von Lemarc und war in keinem einzigen der Geschichtsbücher abgebildet, da man die Königin für einen Nachmittag einfach als zu unbedeutend erachtete.
Darum hatte sie es bis heute noch nicht gesehen. Doch das würde sich bald ändern!
Mit einem Lächeln stand Fabienne geschmeidig auf und blinzelte in die untergehende Sonne. Morgen um diese Zeit saß sie im Flugzeug, und dann würde sich endlich ihr größter Wunsch erfüllen. Sie besuchte das Schloss, das der König damals für seine geliebte Braut gebaut hatte und dessen Brautbett nie benutzt worden war. Dort würde sie sich endlich das Bild ihrer Ahnfrau ansehen können.
Mit einem tiefen Durchatmen klemmte sie sich das Geschichtsbuch unter den Arm und ging langsam in das Haus ihrer Eltern zurück.
Ja, morgen würde sich ihr Herzenswunsch erfüllen, und vielleicht fand sie dann endlich ihre Ruhe. Vielleicht würde sich dann diese seltsame Unruhe und Rastlosigkeit legen, die seit sie denken konnte, ihr Innerstes aufwühlte und sie manchmal fast um den Verstand brachte.









Graf von Schwengel...was für ein Name🤣
boah was für ein einstieg. mal was ganz anderes, schön, aber auch heftig