Kapitel 1
Katherine strich mit sanften Bewegungen über die Blätter der Zimmerpflanze. Die Stadt erwachte aus ihrem Schlaf. Wien nannte man Stadt der Träume. Die Stadt, deren Kultur und Atmosphäre Menschen seit Jahrhunderten anzog. Dessen Ruf voller Nostalgie und Ruhm getränkt war. Katherine zupfte gedankenverloren ein Blütenblatt ab. Rieb es zwischen ihren Fingern. Es beruhigte Katherine auf eine Art, die sie in diesem Moment nicht beschreiben konnte. Der Duft bemerkte sie mit ihren feinen Sinnen.Ihre Gedanken verloren sich in einen Teil ihrer Vergangenheit.
Sein Blick liess ihren Körper erschaudern. Seine Hände, die ihren Körper erforschten. Die Leidenschaft erfüllte sie und sie wusste, dass es ihm genauso ging. „Sag es!“, flüsterte Katherine. Zärtlich sprach er die Worte, die sie brauchte, und gab ihrem Körper das, nach dem sie sich sehnte.
Die nahe Kirchenuhr schlug die nächste Stunde an. Menschen aus jeder Lebenslage liefen durch die Strassen der Stadt.Kamen. Gingen. Blieben.Katherine drehte sich von der Pflanze weg, immer noch in Gedanken. Gedanken, die bei ihr eine angenehme Gänsehaut verursachten.
Ihr Körper wollte ihn. Sie wollte ihn.Katherine umarmte ihn stürmisch, zwang ihn, weiterzumachen. Er neckte sie und sie genoss es.Dieser Moment durfte nie vorbeigehen. Sie wollte ihn auf ewig geniessen. Als er ihr ins Ohr flüsterte, schloss sie die Augen. Liess sich fallen.
Obwohl Katherine sich gerne weiterhin in den Gedanken verlor, musste sie sich ausruhen.Bald würde sie zur Arbeit gehen. Unter Menschen. Menschen, deren Lebensspanne unbedeutend war, im Gegensatz zu ihrem und ihresgleichen.
Die Leidenschaft in seinen Augen spornte sie an. Katherine verwöhnte ihn und er genoss es.Sie bereute nicht, dass sie sich ihm hingegeben hatte. Das sie damals die Flucht ergriff und das Schicksal sie zu ihm führte. Sie hielt ihm die Augen zu und sprach das aus, was sie tief in sich fühlte.Katherine blickte aus dem Fenster. Sie lächelte und folgte mit den Fingern einem Wassertropfen, der am Fenster entlanglief.Sie war glücklich.
Katherine konzentrierte sich. Dieses Level des Games sollte machbar sein, besonders für sie.Als zum 10. Mal der Game Over Bildschirm kam, streckte sie sich. Habe ich gerade in einem Spiel verloren, in dem Reflexe gefordert werden? Katherine sah vom PC auf. Sie war alleine in ihrem momentanen Büro, das stilvoll eingerichtet war. Ihr momentaner ganzer Stolz war ein signiertes Poster von Olivier Panis.„Ich werde es nochmal versuchen“, sprach sie laut. Dass ein simples Spiel, welches umsonst auf dem PC spielbar war, sie so fesselte, hätte Katherine nicht gedacht. Es war faszinierend, was die Menschheit alles erfand, um sich abzulenken. Während sie sich wieder dem Flashgame widmete, hörte sie die Nachrichten im Radio zwei Stockwerke unter ihrem Büro. Die Elektriker haben ihn vergessen, mitzunehmen. Es störte Katherine nicht. Im Gegenteil, die Musik war erfrischend. Ein Remix von Beethoven und einem Queensong. Wieder musste Katherine der Menschheit ein Lob aussprechen. Sie waren kreativ in verschiedenen Bereichen. Bedauerlicherweise auch dabei, sich zu schaden.Sie verlor nochmals. Während sie den letzten Strophen des Remixes lauschte, beendete sie das Game. Das Summen des Computers, Menschen würden es nicht bemerken, vermischte sich mit den Geräuschen des verlassenen Gebäudes. Sie fürchtete sich nicht, konnte jedoch die Leute verstehen, die sich vor leeren Gebäuden fürchteten. Ängste gab es viele und die waren tief verwurzelt. Katherine schloss ihre Augen, öffnete sie wieder.
Der Geruch der Farbe und der Lösungsmittel rief eine alte Erinnerung in ihr wach. Sie würde später in einem ihrer privaten Bücher sich darin vertiefen.Bevor sie dies täte, wollte sie einen Rundgang machen. Die Frau war neugierig und etwas Bewegung würde auch ihr nicht schaden.Die Renovierung ging gut voran, obwohl ihre Kollegen und Kolleginnen sich über alles ärgerten.Es ärgerte sie, dass sie nun in provisorischen Büros arbeiten mussten. Das die Mensa nur noch teilweise benutzbar war. Zwei Beispiele, über die Leute sich aufregen konnten und Zeit verbrachten, miteinander darüber zu reden. Katherine versuchte, sie zu verstehen, und einige Punkte waren für sie verständlich. Anderes war nur Bequemlichkeit und übertriebenes Aufregen. Einige Menschen brauchten Routinen und konnten mit Veränderungen nicht umgehen. Menschen konnten sich über Kleinigkeiten aufregen und dann wieder den grössten Widerständen trotzen, ohne sich was anmerken zu lassen. Es gab Vampire, die Menschen als niedrige Geschöpfe betrachteten. Weniger wert als der Dreck unter ihren Füssen. Jedoch wollte die Frau ihre Zeit nicht mit solchen düsteren und philosophischen Gedanken verschwenden. Katherine schlenderte durch die Räume, inspizierte sie mit einer Mischung aus Neugier und Pflichtbewusstsein. Durch ein gekipptes Fenster strömte Luft herein. Katherine betrachtete eine Spinne, die sich hinter einem Farbeimer versteckte. Die Frau musste über den Gedanken schmunzeln, dass das Spinnentier sich genauso wie ein Teil ihres Kollegiums über die Arbeiten ärgerte. Beim nächsten Raum waren an der Wand die Steckdosen mit Spray umrundet. Ein fleissiger Arbeiter hatte sogar die kleinsten kaputten Stellen markiert.Sie liess sich Zeit und driftete unbewusst in Erinnerungen von früher, obwohl sie dies in Ruhe zu Hause machen wollte.
Amüsiert schüttelte Leonardo seinen Kopf. Diese Frage hätte er der aufgeweckten jungen Frau nicht zugetraut. Er griff nach dem Brot, nahm einen Bissen.Er hatte sich nicht in ihr getäuscht. Sie war klug und ihre Fragen zeugten davon, dass sie Interesse an dem Leben und an allem hatte, was nach dem Hier und Jetzt geschehen würde.Sie sprachen und scherzten, bis Leonardo entsetzt bemerkte, dass die Nacht schon längst eingebrochen war. Zum Abschied klopfte er der jungen Frau auf die Schultern. Obwohl sich dies nicht gehörte, immerhin war sein Gast eine Dame.Da kam ihm urplötzlich etwas in den Sinn. Er hielt sie zurück und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Farbe! Der Geruch von Farbe rief ihr diese Erinnerungen zurück. Verärgert schüttelte sie den Kopf über sich selbst. Das dies ihr passieren würde, hätte sie nicht gedacht. Sie würde jetzt ihre Arbeit beenden und danach nach Hause gehen. Sich entspannen und die Nähe ihrer Familie geniessen.Das Radio spielte gerade die bekanntesten Lieder aus Österreich.Katherine stellte ihn aus.
Katherine hatte schon lange bemerkt, dass die Person sie betrachtete.Aus einem unbestimmten Grund musste Katherine an früher denken. An die Zeit, als sie voller Gram und Hoffnungslosigkeit lebte.
Sie konnte es nicht glauben. Ihr untotes Herz explodiert beinahe. Ihre Liebsten waren in Sicherheit. Sie umarmte ihren Mann und ihr Kind. Ihr geliebtes und wundervolles Kind.Jetzt waren sie endlich wieder vereint.
Der junge Mann biss sich auf die Lippen, überlegte, was er als Nächstes tun sollte.Etwas an der Dame hat seine Aufmerksamkeit geweckt. War es ihre Ausstrahlung? Wie sie am Tisch sass und in die Ferne blickte?Thomas konnte es nicht beschreiben. Er wollte sie fragen, ob er sie zeichnen dürfte. Nur eine schnelle Skizze.Er liess es und versuchte, seinen Blick von ihr zu wenden. Wichtiger war es, pünktlich zum Treffpunkt zu kommen. Leise murmelte er ein „Tschau, gnädige Frau“ und lief los.Auf dem halben Weg wollte er umkehren, sie trotzdem fragen. „Nein, sie ist eine Liga über dir“, murmelte er. Die Kleidung und ihr Äusseres waren sehr gepflegt. Wie sie sich bewegte und wie sie sprach, verrieten, dass sie sich in gehobenen Kreisen bewegte. Dazu der Ring aus Lapislazuli.Thomas kniff sich in die Wange. Das tat er immer, wenn er sich eine Idee aus dem Kopf schlagen wollte.Katherine war ihm gefolgt. Als Vampir gelang dies, ohne gesehen zu werden.Er traf sich mit anderen jungen Leuten. Klassenkameraden von früher.Sie gingen weiter, wollten sich ein spätes Abendessen gönnen. Jemand bemerkte, dass Thomas etwas beschäftigte. Katherine beobachtete gespannt, was wohl weiter geschehen würde.
„Tomy, was ist?“, flüsterte Ralf ihm zu. Überrascht blickte der Angesprochene auf.Zuerst wollte er es leugnen, die Stimmung nicht verderben. Aber Ralf würde nicht locker lassen. Das würde eine Kettenreaktion auslösen, da seine Zwillingsschwester es ihm ansehen würde. Dann würde sie weiterbohren, was Emily nerven würde. Die beiden würden mit Sicherheit streiten und … „Tomy?“, sprach Ralf jetzt lauter und gab ihm einen sanften Klaps auf den Hinterkopf. Die anderen sahen zu ihnen. Irgendwo hupte ein Auto und man hörte Gefluche aus einem Imbiss. Das Bimmeln der Strassenbahn erschreckte Dora so sehr, dass sie fast auf die Strasse sprang. „Alles in Ordnung. Ich müsste mich bloss erleichtern“, antworte Thomas. Das Zeichen, das er Ralf gab, blieb den Anderen unbemerkt.Ralf zündete sich eine Zigarette an. Er dachte nach, was er seinem Freund raten könnte.Thomas war ein Träumer. Dass ihm eine Person so sehr auffiel, war selten. Ralf hätte die Frau angesprochen und gefragt. Das Schlimmste wäre ein Nein auf die Bitte gewesen. Im allerschlimmsten Fall wäre die feine Dame ausgetickt, aber dann wäre dies auch nicht sein Problem gewesen.„Vorschlag: Wir zwei gehen jetzt jeden Abend zu dem Café und schauen, ob sie da ist. Dann sprichst du sie an.“ Thomas nickte und nahm sich auch eine Zigarette. Sie plauderten noch miteinander, bis der Rest der Gruppe dazukam. Ralf machte die Bemerkung, dass Thomas und er den restlichen Abend stets was vorhatten. Niemand sagte was oder fragte nach.
Katherine war noch beeindruckter von dieser Freundesgruppe. Sie vertrauten sich und verstanden sich ohne viele Worte. Sie mischte sich wieder unter die Leute der belebten Stadt.Wien schlief nicht, nicht einmal der Zentralfriedhof.
Eigentlich hätte sie das nicht tun wollen. Thomas’ Interesse hätte ihr gleich sein sollen.Katherine wurde jedoch überredet. Ihre Liebsten meinten, es wäre nett. Und solange er nicht eine Gefahr wäre, warum ihm nicht eine Freude machen? Ja, es gab eine Diskussion und Katherine wollte zuerst nicht nachgeben. Warum sollte sie einer Person, die sie trotz ihres langen Lebens mit höchster Wahrscheinlichkeit nie mehr treffen würde, eine Bitte erfüllen? Jedoch gab sie nach, aber nicht sofort.
In den letzten drei Tagen spielte Katherine ein kleines Spiel mit Thomas.Am ersten Tag tat die Frau so, als müsste sie dringend weg. Am zweiten Tag erschien sie gerade dann, als Ralf und er gingen, und am dritten Tag erschien sie einfach nicht. Doch Thomas war nicht enttäuscht, was Katherine überraschte. Lag es daran, dass sein Freund Ralf ihn begleitete? Am vierten Tag gab sie ihm die Chance, sie anzusprechen.Dass daraus ein längeres Gespräch entstehen würde, hätte Katherine niemals erwartet. Thomas war, nachdem er etwas aufgetaut war, ein angenehmer Gesprächspartner.
„Wie aussergewöhnlich“, sagte Katherine beeindruckt und setzte sich gerade hin.Thomas blickte auf und nickte. In seiner Hand die dritte Skizze, die er von ihr anfertigen durfte.„Vielen Dank, Gnädigste. Ich würde es jedoch nicht aussergewöhnlich nennen, was ich kann. Ich hatte bloss Glück.“ Sein Dialekt war feinstes Wienerisch. Ausser, dass er nicht, wie man so sagte, mürrisch und leicht hasserfüllt klang. Thomas war höchst konzentriert bei seiner Arbeit. Das gefiel der Frau, genauso wie, dass sein Freund Ralf sich nicht einmischte. Ab und zu blickte er zu ihnen, bereit, Thomas beizustehen.„Glück würde ich dies nicht nennen. Was sagt deine Familie …“, begann sie wieder, verstummte jedoch.
Thomas’ Herzschlag veränderte sich, seine Mimik verzog sich. Sie überbrückte die Situation mit einer anderen Frage. Sein Herzschlag beruhigte sich und auch Ralf bemerkte nichts.Sie plauderten weiter über jenes und dieses.Sogar über Videospiele. Thomas bemerkte vorsichtig an, dass sie nicht so aussähe, als würde sie sich mit so etwas beschäftigen. Katherine schwieg und lächelte. Thomas sprach davon, einmal für Freunde Charaktere gezeichnet zuhaben. Für ein Flashgame, das sich an BioShock anlehnte.„Gnädigste, mir wurde schon sehr oft gesagt, ich sei merkwürdig“, fing er nun das Gespräch nach einer kleinen Pause an. Er legte den Zeichnungsblock auf seinen Schoss. Katherine schwieg, hielt die Luft an. Ralf war draussen am Rauchen. Sie wusste nicht, ob Thomas abgewartet hat oder ob er es nicht bemerkte.Die anderen Gäste kümmerten sich nicht um sie, sie kümmerten sich um ihre Dinge. Lachten, diskutierten oder schwiegen. Katherine fühlte sich beinahe isoliert von den anderen Leuten. Eine komische Erfahrung und Situation, die ihr eine leichte Gänsehaut verursachte.
Katherine beobachtete den jungen Mann, der nach dem kalten Kaffee mit einem Schluck hinunter leerte. Seine Augen glänzten beim Skizzieren. Seine Ausstrahlung war beinahe nicht von dieser Welt. Das war seine Welt. Seine Leidenschaft.Er war auf seine Art faszinierend. Wie das Band, das er mit seinen Freunden knüpfte.„Ich lebe nicht auf die Art, wie Menschen es normal halten. Angefangen, wie ich spreche.“ Thomas fuhr mit seiner Hand durch seine lockigen Haare, holte tief Luft.„Ich bin ein Sonderling. Eine Liebesbeziehung pflegte ich bis dato noch nie, meine Interessen sind nicht die, welche die Leute als normal betrachteten.“Thomas blickte ihr direkt ins Gesicht. Er schwieg und flüsterte leise. „Ich fühlte mich nie wohl in dieser Welt. Bis ich meine Freunde traf. Wir alle sind Sonderlinge.“
Ralf klopfte seinem Freund auf die Schulter. Sie standen draussen in der kühlen Nacht. „Siehst du? Manchmal braucht es Mut, aber Menschen sind nicht alle schlecht“, sprach er fröhlich und sah sich um, ob das gerufene Taxi schon in der Nähe wäre.Thomas hörte ihm nicht zu. Er dachte an die Frau, deren Name er nicht kannte, obwohl er sie viele Stunden in Beschlag nahm.„Ralf. Danke.“„Nicht dafür.“Sie lächelten sich an, mehr mussten sie nicht sagen.
Katherine lief durch die Nacht, wollte zurück zu ihren Liebsten. In ihrer Hand eine der Skizzen, die von ihr angefertigt wurden.Für sie war Familie alles. Schutz. Liebe. Geborgenheit.Dass dies nicht für alle galt, wusste sie. Jedoch schmerzte es in diesem Augenblick sehr, das dies ihr diekt gesagt wurde. Thomas wurde regelrecht von seiner Familie verbannt. Weil er anders war, weil er nicht das tun wollte, was sie ihm sagten.Er wollte seine Familie nie wiedersehen, er würde ihnen nie mehr verzeihen können. Seine Freunde waren seine neue Familie. Sie würden füreinander alles tun.
Während des Laufens fiel ihr wieder ein, was, Leonardo einmal sagte.Wo viel Gefühl ist, ist auch viel Leid. Thomas war feinfühlig, eine Künstlerseele. Sie würde seine Skizze in Ehren aufbewahren.
Katherine schüttelte den Kopf, wollte ihre aufkommenden schlechten Gefühle abschütteln. Familie war für sie alles. Und dieses Gefühl wollte sie sich nicht kaputtmachen lassen.