Kapitel 1 ∿ Helena ∿ Der Wikinger

Das gedämpfte Licht im »Bitter & Sweet« hat diesen goldenen Schimmer, der jede Unebenheit oder Unreinheit in Gesichtern verschwinden lässt, dafür aber jede Narbe des Herzens umso deutlicher hervorhebt. Ich sitze am Tresen, zum zweiten Mal in den drei Tagen, die ich jetzt in dieser Stadt lebe, und drehe das halbleere Glas Rotwein zwischen meinen Fingern. Der Stiel ist so dünn, dass ich befürchte, er könnte jeden Moment unter meinem Griff zerbrechen. Ein Sinnbild für meine Gefühlslage.
Es ist Dienstag, kurz nach neun Uhr abends. In der Bar ist es warm, aber nicht stickig. Der Duft von Holz und süßen Cocktails vermischt sich mit einer Note Wachs, die von der dicken, tropfenden Kerze in einem hohen Glas stammt, das neben mir auf dem Tresen steht. Ihr flackerndes Licht bricht sich im Rot meines Weines und fesselt meinen Blick.
Ich bin allein. Nicht im physischen Sinn, denn an einem der kleinen Zweiertische sitzt ein junges Pärchen, das sich seit fünf Minuten anschweigt, und in einem hinteren Teil der Bar diskutieren drei Anzugträger lautstark über E-Mobilität. Eher in diesem merkwürdigen Sinn, den wahrscheinlich nur jemand versteht, der kürzlich alles, was er je war, und alles, was er glaubte zu haben und zu wissen, irgendwo an einem griechischen Strand im Sand verbuddelt hat.
Maya, die Barkeeperin, poliert ein Glas so hingebungsvoll, als würde sie es demnächst für ein festliches Bankett bei einer Hochzeit brauchen. Ihr rechter Arm ist voller schwarzer geometrischer Tattoos, die im matten Licht beinahe lebendig wirken. Wortlos schiebe ich ihr mein Weinglas hin.
»Immer nur Merlot bei dir?«, fragt sie, und ich nicke, obwohl sie die Antwort bestimmt schon ahnt. Bereits am zweiten Abend kennt sie eine Eigenart von mir, die mein Exfreund in drei Jahren nie bemerkt hat. Und sie trägt besseres Parfüm.
»Du hast noch einen Schluck. Wenn du den letzten immer drin lässt, bezeichne ich dich ab jetzt offiziell als verschwenderisch«, erklärt sie trocken und stellt ein neues, volles Weinglas exakt auf der Wasserrandspur des vorherigen ab. Ihr norddeutscher Akzent schimmert durch und verleiht jedem Wort eine angenehme Kühle.
Ich lächle versonnen, nehme einen Schluck und lasse ihn einen Moment zu lange im Mund. »Besser verschwendungssüchtig als ...« Ich stocke. Die Angewohnheit, einen Rest im Glas zu lassen, habe ich schon, seit ich denken kann. Irgendwann habe ich gelesen, dass Menschen, die das tun, eine innere Angst vor Leere haben. Obwohl Maya mir vom ersten Moment an sympathisch war, ist das nichts, was ich ihr jetzt gestehen will. Kurz ringe ich um ein passendes Wort, doch mein Gehirn spuckt nichts Geistreiches aus. »Als das, was ich vorher war«, murmele ich schließlich.
Maya hebt eine Augenbraue, mustert mich eine Weile, dann dreht sie sich weg, nimmt einen blauen Lappen aus der Spüle und wischt die Theke ab. Ein leichtes Lächeln zuckt um ihre Mundwinkel. »Lass mich raten: Schlechte Männerwahl?«
Mein Blick bleibt an der Flamme der Kerze hängen, die noch immer träge in ihrem Glas tanzt. »Wenn das eine olympische Disziplin wäre, hätte ich eindeutig die Goldmedaille gewonnen.«
Maya lacht. Ein kurzes, kehliges und angenehmes Geräusch, das sogar mein Selbstmitleid beinahe angenehm prickeln lässt. »Ach, Helena. Die Bar ist jeden Tag voller Leute, die das von sich denken. Bloß geben die wenigsten es zu.«
Helena. Mein Name klingt fremd aus ihrem Mund. Vielleicht, weil ich ihn mir selbst noch nicht wieder ganz zurückerobert habe. Bei Marc war immer nur seine »Kleine« oder sein »Baby«. Als ich endlich verstanden habe, dass er auch nur genau das in mir sieht, war er schon mein Verlobter und das Hochzeitsdatum stand fest. Zum Glück habe ich den Absprung geschafft, gerade noch rechtzeitig.
Unter der glühenden Sonne Griechenlands, mit salzigem Schweiß auf der Haut, war ich endlich einfach mal nichts. Und das hat sich besser angefühlt als jeder Kosename dieser Welt.
Ich beobachte, wie Maya einen neuen Gast ins Visier nimmt, der hinter mir die Bar betritt. Der bewundernde Ausdruck in ihren großen, braunen Augen lässt mich unwillkürlich den Kopf drehen. Sofort ist mir klar, was sie an ihm findet. Er ist beeindruckend. Groß und athletisch, seine Schritte sind selbstbewusst und zielstrebig und sein Gesicht raubt einem fast den Atem. Die schwarze Lederjacke verleiht ihm einen verwegenen Look und vielleicht sogar einen Hauch von Gefahr.
Er kommt direkt auf die Theke zu und setzt sich zwei Hocker rechts von mir. Sein Haar ist blond, oben etwas länger, an den Seiten sauber kurz geschnitten und ein Dreitagebart setzt seine männlichen, kantigen Gesichtszüge perfekt in Szene. Als er die Jacke ablegt und über den Stuhl hängt, wirkt sein Oberkörper unter dem engen schwarzen T-Shirt wie aus Granit gemeißelt.
Er bestellt einen Whisky, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken oder einen Blick auf die Karte zu werfen. Seine Stimme ist dunkler als ich erwartet hätte und hat einen leichten Akzent. Nur eine Andeutung, als würde er sich extra Mühe geben, um damit nicht sofort aufzufallen. Ich interpretiere ihn als skandinavisch, was perfekt passt, denn dieser Mann entspricht für mich genau dem Klischee eines Wikingers.
Ich starre nicht. Ich bin schließlich kein Teenager mehr. Aber wenn ich ehrlich bin, hätte mir dieser Mann als Teenager ziemlich sicher ein sehnsuchtsvolles Sabbern entlockt. Stattdessen beobachte ich ihn aus dem Augenwinkel, während er den Blick schweifen lässt: einmal durch die Bar, dann über die Flaschen hinter dem Tresen, über Mayas Tattoos, schließlich bleibt er den Bruchteil einer Sekunde zu lange an mir hängen. Oder bilde ich mir das nur ein? Am Ende richtet er seinen Blick auf das Glas vor ihm. Er nimmt es mit der linken Hand und trinkt, als wäre die rechte zu wertvoll, um sie für solche banalen Alltagsdinge einzusetzen.
Maya grinst, als sie zu mir zurückkommt. »Helena, noch ein Glas Merlot? Oder willst du mal was anderes riskieren? Was Neues?« Ihre Stimme ist lauter als nötig, und ich ahne, was sie vorhat. Verlegen will ich meine Augen auf meine Finger, die Kerze oder sonst irgendetwas richten, da fängt der Wikinger plötzlich meinen Blick ein.
Es ist, als würde jemand einen Schalter in meinem Hinterkopf betätigen, denn auf einmal fließt Strom zwischen uns. Seine eisblauen Augen stechen selbst im schummrigen Licht der Bar hervor, und das kurze Lächeln, das seine Lippen umspielt, wirkt ehrlich, aber auch irgendwie ... gefährlich. Es ist nicht das Lächeln eines Mannes, der Frauen am Tresen aus Gewohnheit anflirtet. Eher das Lächeln von jemandem, der weiß, dass er attraktiv genug ist, dass die Frauen normalerweise den ersten Schritt bei ihm machen.
»Ich nehme auch einen Whiskey, bitte«, sage ich, wie in Trance, ohne den Blick von ihm lösen zu können.
Er hebt sein Glas und prostet mir wortlos zu. Die Geste ist unaufdringlich, wirkt sogar respektvoll, dann wendet er sich ab. Ich frage mich, ob er Single ist oder seinen Ehering in der Jackentasche verstaut hat. So wie Marc seinen Verlobungsring. Ich frage mich, wie sein Leben aussieht, ob er morgens joggen geht oder heimlich Zigaretten raucht, ob er den Whisky wirklich mag oder ihn nur bestellt hat, weil er zu seiner Lederjacke passt.
Maya stellt breit grinsend das neue Glas mit der braun schimmernden Flüssigkeit vor mir ab und beugt sich dabei ein Stück näher zu mir. »Er ist neu in der Stadt. War letzte Woche zum ersten Mal hier. Er trinkt immer dasselbe, so wie du. Bei ihm ist es Lagavulin, Double. Immer nur ein kleines Glas. Er fragt nie nach der Karte. Ich schätze, der weiß, was er will.«
Ich schüttle den Kopf, muss lächeln. »Vielleicht ist er auch einfach nur langweilig.«
»So wie du mit deinem Wein?«, flüstert sie. »Langweilig wirkt er auf mich ja ganz und gar nicht. Aber wer weiß, vielleicht solltest du es einfach herausfinden. Nur, um sicherzugehen.« Sie schiebt mir die Karte zu, als würde sie mir meine Eintrittskarte in ein neues Leben überreichen. »Hier, falls du heute nochmal was Neues ausprobieren willst.« Sie zwinkert mir zu und tritt zur Seite, um sich um eine Bestellung zu kümmern.
Ich nehme die Karte, blättere aber nur halbherzig darin herum. Stattdessen taste ich mit meinem Blick nach rechts und bemerke, dass auch der Wikinger mich aus den Augenwinkeln beobachtet. Das gibt mir den Mut, den Kopf so weit zu drehen, bis sich unsere Blicke wieder treffen. Diesmal hält er den Augenkontakt, lässt seinen Blick langsam und absichtlich an meinem Gesicht entlanggleiten, bis er an meinem Mund hängen bleibt.
Er sieht aus wie jemand, der seinen eigenen Schatten kontrollieren könnte, wenn er es wollte. Selbst wenn er lächelt, ist da diese beherrschte Ruhe, als hätte er gelernt, seine Emotionen genau zu dosieren. Ich frage mich, was ihn so hat werden lassen. Arbeit? Beziehungen? Sein Elternhaus? Vielleicht ist es alles zusammen. Wie bei mir.
»Lagavulin, also?«, formt mein Mund, bevor mein Verstand Einspruch erheben kann.
Er lacht leise, zieht die Brauen hoch. »Guter Geschmack spricht sich anscheinend schnell herum.« Sein Deutsch ist makellos, bedeckt nur mit diesem hauchdünnen Schleier aus Nordlicht.
»Oder schlechte Angewohnheiten«, kontere ich und zucke mit den Schultern. »Manchmal ist das vielleicht sogar dasselbe.«
»Ja, vielleicht. Helena, oder?« Er sagt meinen Namen, als wäre er sich sicher und bräuchte meine Bestätigung eigentlich gar nicht. Ich frage mich, ob Maya ihm etwas gesteckt hat, doch sie unterhält sich gerade am anderen Ende der Theke mit einem Mann in Anzug, Krawatte und mit graumeliertem Haar. Sie beobachtet uns mit desinteressierter Miene, die ich ihr nicht ganz abkaufe.
Ich nicke. »Und du bist?«
Er runzelt die Stirn, als müsse er sich zwischen mehreren Identitäten entscheiden. »Sindre. Aber die meisten sagen Sin.«
Sin. Ich muss grinsen. »Wie die Sünde.«
Er lächelt. »Du wirst es kaum glauben, aber das höre ich nicht zum ersten Mal. In meinem Land ist das eigentlich ein ganz harmloser Name. Aber hier ... naja, muss ich das wohl erst beweisen.«
»Dass du harmlos bist?«
»Ja. Jeg skulle i hvert fall gjerne vært det.«
Ich lache, und es fühlt sich nicht gezwungen an. »Bist du Schwede?«
Er schüttelt den Kopf. »Norweger, aber meine Mutter kommt aus Deutschland. Ich hab beide Seiten.« Er sagt das so, als wäre das eine Art Stempel im Pass, kein Grund für Stolz oder Scham. Einfach ein Fakt.
Gerade als ich eine weitere Frage stellen will, beugt sich Maya mit einem schalkhaften Funkeln in den braunen Augen zu uns vor. »Das ist doch perfekt. Wenn ihr beide Deutsche seid, dann habt ihr ja schon das ideale Thema für einen Smalltalk gefunden. Ihr könnt euch wunderbar übers Wetter beschweren.«
Sin lacht. »Im Moment ist das Wetter ziemlich perfekt. Und nicht nur das Wetter. Ich habe überhaupt keinen Grund, mich zu beschweren.«
Er sieht mich dabei direkt an und ich merke, wie mir die Hitze in die Wangen schießt. Vielleicht ist es der Alkohol, aber vielleicht ist es auch die Tatsache, dass mein Körper nach Monaten emotionaler Windstille offenbar beschlossen hat, einen Hormonsturm durch meine Blutbahn fegen zu lassen.
»Ich kann keinen Smalltalk«, sage ich halb im Scherz, halb, weil ich Smalltalk tatsächlich als völlig überflüssige Zeitverschwendung empfinde. Ganz im Gegensatz zu Marc, der darin perfekt war.
Auf Sins glatter Stirn erscheint eine steile Falte, als würde er angestrengt über etwas nachdenken. Schließlich steht er auf und deutet auf den Hocker direkt neben mir. »Darf ich?«, fragt er leise.
Ich nicke nur. Er setzt sich neben mich und plötzlich ist er mir ganz nah. Sein Duft und die Wärme, die er ausstrahlt, und die ich glaube, direkt auf meiner Haut zu spüren, sind überwältigend. Er ist überwältigend. Er lehnt sich vor, kommt noch näher, und ich habe Mühe, meinen Atem unter Kontrolle zu halten. Sein Blick senkt sich in meine Augen, aber er berührt mich nicht. »Musst du auch nicht können. In Norwegen sind wir direkt. Wir sind keine Freunde von belanglosem Geplapper.«
Der Satz bleibt in der Luft hängen. Als Einladung. Oder vielleicht auch als Warnung. Ich trinke einen großen Schluck, dann einen zweiten. Sin dreht sein Glas zwischen den Fingern, als würde er darauf warten, dass ich den nächsten Zug mache.
»Und was verschlägt einen direkten Norweger in diese Stadt?«, frage ich.
Er zuckt mit den Schultern. »Die Arbeit. Eine neue Herausforderung. Ich war vorher in England und dachte, hier wäre es weniger ...« Er überlegt kurz, dann findet er das passende Wort. »Laut. Aber da habe ich mich wohl getäuscht.«
Ich lache. »Du findest es jetzt schon laut? Dann hast du wahrscheinlich noch nie diesen Stadtteil und das Stadion an einem Spieltag erlebt.«
Er hebt die Brauen und in seinen Augen flackert etwas auf, das ich nicht deuten kann. »Bist du Fußballfan?«
»Ein bisschen, aber eher von Amateurfußball. Mein kleiner Bruder spielt wirklich richtig gut. Ihm sehe ich schon zu, seit er bei den Bambinis angefangen hat. Aber dieser Bundesligazirkus mit all den Millionengehältern, den unfassbar teuren Transfers, den Fernsehrechten und den Werbeverträgen ... Das ist irgendwie nicht so mein Ding.« Ich weiß nicht, warum ich ihm das erzähle. Vielleicht, weil seine berauschende Nähe meine Zunge locker macht, mehr noch als der Alkohol.
Sin nickt nachdenklich, als müsste er diese Antwort erst verarbeiten und für sich einordnen. »Klingt, als wärst du kein Fan von ... Menschen mit viel Geld.«
»Das würde ich so nicht sagen. Aber ich bin kein Fan von Menschen, die mit ihrem vielen Geld bei jeder Gelegenheit angeben und auf andere herabsehen, nur weil die weniger haben.«
Er nickt wieder und sein Blick streift mein Outfit. Ausgewaschenes Sweatshirt, das inzwischen mehr grau als weiß ist, Jeans, abgetretene Converse. Ich sehe aus wie meine eigene kleine Rebellion gegen das Leben, das mir zuerst meine Eltern und dann Marc mit ihrem übertriebenen Statusdenken aufgedrängt haben.
Ich runzele die Stirn. »Ist das für dich ein Problem?«
Er schüttelt den Kopf und lächelt. »Im Gegenteil.«
Es folgt eine kurze Stille, die jedoch nicht unangenehm ist. Ich frage mich, ob er überlegt, was er als Nächstes sagen soll, oder ob er einfach gerne wartet, bis sein Gegenüber die Geduld verliert. Und so selbst die Kontrolle behält. Ich will sie ihm nicht geben, aber mein Mund sieht das offenbar anders.
»Hast du Familie hier?«, platzt es aus mir heraus. Denn irgendetwas in mir möchte unbedingt noch mehr über ihn erfahren. Er ist interessant. Sehr sogar.
Wieder ein Zögern, dann ein knappes »Nein. Nur ... wie sagt man hier: Bekannte.«
Er spricht das Wort Bekannte wie eine Abwehrmaßnahme aus. Als wäre jeder Mensch, der ihm zu nahe kommt, sofort in diese Schublade zu stecken, damit sich auf keinen Fall eine Freundschaft oder gar mehr daraus entwickelt.
Ich nehme noch einen Schluck, dann rücke ich meinen Hocker näher an seinen heran. Absichtlich. Ich will wissen, wie er auf mehr Nähe reagiert. Vielleicht will ich auch wissen, wie ich darauf reagiere. Und ich tue es. Stark. Mein Herz flattert wie ein gefangener Kolibri in meiner Brust, und ich muss mich zusammenreißen, um nicht meine Hand zu heben, die gerne ein Eigenleben entwickeln und seine Haut berühren möchte.
Sin bewegt sich nicht, aber ich spüre, wie sich seine Haltung verändert, wie er den Blick auf meinen Hals richtet, wie er kurz auf der silbernen Kette mit dem filigranen, rautenförmigen Anhänger verweilt, die ich immer trage, wie er schließlich wieder auf meine Augen trifft.
Maya grinst uns an. »Ihr beide seid süßer als meine alkoholfreien Cocktails in der Happy Hour. Und die sind wirklich verdammt süß«, kommentiert sie, füllt noch ein Glas und lässt uns dann wieder allein.
»Wie lange bist du schon in der Stadt?«, frage ich, weil ich das Gefühl habe, die Spannung zwischen uns nicht länger auszuhalten.
Ein leichtes Lächeln erscheint auf seinen Lippen. Sahen die schon immer so sinnlich aus? Sin wie sinnlich. Das passt.
»Lang genug, um alle schlechten Bars in der Gegend zu kennen. Und die beste.«
Ich lehne mich wieder zurück, denn inzwischen kribbelt jeder Quadratzentimeter meiner Haut und ich brauche Abstand. »Ich war noch in keiner anderen, aber ich glaube, du hast recht.«
Sin beugt sich leicht vor, als könnte er es nicht ertragen, dass ich die Distanz vergrößert habe. »Ja? Was magst du hier am liebsten?«
Ich lache nervös, weil ich kurz davor war, ihm ein »Dich« entgegenzuflöten. Was völlig unpassend gewesen wäre. »Die Barkeeperin, den Wein und ... Ich mag einfach den Geruch hier.« Ich deute auf den hölzernen Tresen, auf die Flaschen, auf die Kerze. »Selbst wenn im Leben alles außer Kontrolle geraten ist, riecht ein Abend hier trotzdem noch ein bisschen nach Abenteuer.«
Sin lächelt, diesmal mit mehr Wärme. »Das ist ein schöner Gedanke.«
Ich lächle zurück und habe dabei das Gefühl, dass wir beide im Kreis laufen, umeinander herumtänzeln und darauf warten, dass der andere etwas mehr von sich preisgibt. Aber das macht es irgendwie nur spannender.
»Und was tust du so, wenn du nicht in einer Bar sitzt?«
Ich will wissen, ob er Single ist, ob er abends allein nach Hause geht, ob er wie ich mit dem Gefühl lebt, dass die Vergangenheit immer einen halben Schritt hinter ihm ist. Ihn verfolgt wie ein Schatten, den man nicht loswerden kann.
Er dreht das Glas in der Hand. »Ich mache viel Sport. Ich laufe. Gehe ins Gym. Und ich lese. Und manchmal schaue ich Menschen zu.« Sein Blick liegt wieder auf mir. »Wie dir.«
Ich grinse. »Das ist ein bisschen creepy.«
Er nickt, als würde er mir zustimmen. »Wahrscheinlich. Aber wenigstens bin ich ehrlich.«
Ich mag seine Ehrlichkeit. Sie ist wie ein Spiegel, der mich zwingt, ebenfalls ehrlich zu sein. Ihm gegenüber, aber auch mir selbst gegenüber. Ohne nach Ausreden zu suchen.
Sin nimmt sein Glas und stößt mit mir an. »Auf die guten und die schlechten Angewohnheiten.«
Ich lächle ihn an. Heute Abend ist die Vergangenheit nur ein verschwommener Schatten an der Wand. Wahrscheinlich wird er wieder deutlicher, wenn ich morgen früh aufwache, aber im Moment will ich einfach nur meinen Drink genießen und vergessen, dass ich schon zu oft jemandem geglaubt habe, der mir sagte, ich sei nicht genug.
Und während ich mit Sin am Tresen sitze, spüre ich, wie das Leben wieder zurück in meinen Körper kriecht. Nicht schlagartig wie eine alles überrollende Flut, sondern eher wie ein sanfter Regen, der alles wachsen lässt und die Welt ein bisschen grüner macht.
Ich weiß nicht, was ich von diesem Mann will. Aber ich weiß, dass ich nach Jahren der Zurückhaltung endlich wieder Lust habe, es herauszufinden.