Der Dämmermond

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Summary

Wenn der Dämmermond über Vaelbrunn aufsteigt, verlangt der Wald eine Braut – so will es die Sage. Kairy soll die Nächste sein, gefesselt an ein Schicksal aus Furcht und Schweigen. Doch im Schatten wartet kein grausamer Tod, sondern eine Begegnung, die ihre Welt in Licht und Dunkel taucht. Zwischen uralten Flüchen und heimlichem Verlangen entdeckt sie, dass nicht alles ist, wie die Alten glauben. Und manchmal beginnt Liebe dort, wo alle anderen nur das Ende sehen.

Status
Complete
Chapters
3
Rating
n/a
Age Rating
18+

Das Dorf

„Höre gut zu, Kind… und vergesse nie, was ich dir nun sage,

denn wer den Dämmermond vergisst, vergisst sein Leben.“

Man sagt, in den Nächten des Dämmermonds erwacht

der Herr der Schatten.

Er wandelt lautlos durch den Nebelsaum-Wald,

seine Augen wie kaltes Feuer,

sein Atem schwer wie der Tod.

Seit ältester Zeit kennt Vaelbrunn sein Gesetz:

Keine Frau soll älter als einundzwanzig Sommer werden,

ohne ihm ihren letzten Gang zu bringen.

Die Alten sagen, er verlange alle sieben Winter eine Braut –

jung, gesund und von reinem Blut.

In jener Nacht kleiden wir sie in tiefblaues Tuch, so dunkel wie das Wasser des Atembrunnens,

legen ihr das Band der Stille um den Hals,

damit ihre Seele nicht entweicht, bevor er sie holt.

Die Augen binden wir, damit sie den Blick des Herrn

nicht sieht – den Blick, der Männer wahnsinnig und

Frauen leblos macht.

Zwei Männer führen sie in den Wald.

Keine Lieder begleiten ihren Schritt,

nur der dumpfe Schlag der Trommel,

der den Schatten den Weg weist.

Sie lassen sie am Opferstein zurück und kehren hastig heim,

ohne sich je umzusehen.

Dort, so erzählt man, tritt Kairazhul aus den Nebeln.

Er packt die Braut mit Händen, so groß wie Wurzelgeflechte,

reißt ihr das Herz aus der Brust und verschlingt es,

während noch ihr letzter Atem in seiner Kehle zittert.

Dann trägt er, was von ihr bleibt, in die Dunkelheit,

auf, dass die Dorffelder wieder Frucht tragen und

die Seuchen verschwinden.

Wer je versuchte, ihr zu folgen, ist nicht zurückgekehrt.

Und manchmal, wenn der Wind vom Wald her weht,

schwören manche, die Stimmen der Bräute

im Flüstern der Bäume zu hören.

Sie rufen nicht um Hilfe.

Sie rufen, um zu warnen.

„Darum, Kind – wenn dein Dämmermond naht,

bete, dass er dich nicht schön findet.“

In Vaelbrunn begleitete diese Sage seit Anbeginn jeden, und keiner wollte Kairazhul je verärgern.

Vaelbrunn war ein abgelegenes Dorf in Saterios. Es lag zwischen den Schwarzdornbergen und dem Nebelsaum-Wald.

Mit etwa 300 Einwohnern war es recht klein.

Seine Bewohner, freundlich zu Reisenden, verbargen jedoch ein düsteres Geheimnis, das kein Fremder je erfahren durfte. Alle sieben Jahre, während einer seltenen Himmelskonstellation, erschien der Dämmermond. Zu dieser Zeit nahm der Mond eine bläuliche Färbung an, als lägen Schatten über ihm. Nach außen hin feierte das Dorf den Dämmermond wie ein Fest – in Wahrheit war es der Tag, an dem man den Tod einer von ihnen besiegelte.

Dieses Jahr wurde die gerade 21 gewordene Kairy ausgewählt. Sie wusste, was das für sie bedeutete:

Ihr Leben würde in dieser Nacht enden.

Es ließ sie kalt. Sie hatte ihr Leben zwischen den Bergen und in diesem Dorf satt. Seit der Dorfschamane sie als Opfer auserkoren hatte, mieden sie alle – selbst ihre Eltern und ihre vier Geschwister. Seit ihrem vierzehnten Sommer war sie auf sich allein gestellt. Das Einzige, wofür sie ihren Eltern dankbar war, war, dass sie ihr zuvor alles Nötige beigebracht hatten und dass sie in dem kleinen Häuschen weiter wohnen durfte.

Sie war gerade am Brunnen des Dorfes, als der Dorfschamane auf sie zukam. Als sie ihn bemerkte, verbeugte sie sich kurz – eine Geste des Respekts. Schließlich sorgte er mit seinen Weissagungen über die Opfergaben für Schutz. Er trug eine Kutte, die eher an einen Mönch erinnerte, dazu einen erdigen Gürtel mit Kräutern, Ästen und Knochenanhängern. Die Kette, die er um den Hals trug, bestand ausschließlich aus Tierschädeln in verschiedenen Größen.

Die Atmosphäre des Dorfes änderte sich immer, wenn er den Platz betrat.

Die Bäume standen regungslos, die Tiere schwiegen, und die Luft wurde schwer.

„Was kann ich für Euch tun, werter Schamane?“, fragte sie mit leiser Stimme.

Sie wollte nicht, dass die anderen hörten, wie sie mit ihm sprach. Ihre Hoffnung war allerdings vergebens.

„Kairy, meine Liebe… heute Abend ist es so weit. Komm bitte, wenn die Sonne untergeht, in die Vorbereitungshütte.

Du weißt – für deine Übergabe an Kairazhul musst du vorbereitet werden.“

Seine Stimme war über den ganzen Platz zu hören. Die Dorfbewohner hielten inne.

Kairy spürte die Blicke auf sich haften. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, Schweiß sammelte sich auf ihren Händen, und sie schluckte schwer.

Der Schamane sah sie erwartungsvoll an. Sie nickte nur kurz.

„Gutes Mädchen. Danach sehen wir uns auf dem Dorfplatz“, sagte er und wandte sich mit seinem Stock zum Gehen.

Das Gemurmel und Getuschel der Dorfbewohner war für Kairy ohrenbetäubend und endete erst mit einer Geste des Schamanen.

Kairy nahm ihren Wassereimer und eilte nach Hause. Sie wollte so schnell wie möglich diesem unheimlichen Gefühl entkommen, das er in ihr ausgelöst hatte. Eilig schloss sie die Tür hinter sich und ging auf zittrigen Beinen zu ihrer kleinen Holzwannen. Auch ihre Familie wusste, dass heute der Dämmermond anstand, und hatte ihr per Pergament aufgetragen, sich gründlich zu waschen – keine Frau sollte ungewaschen an Kairazhul übergeben werden.

Sie atmete ein paar Mal tief durch, um sich zu beruhigen, und füllte die Wanne mit dem letzten Eimer Wasser.

In der Wanne liegend, ließ sie ihre Gedanken schweifen. Ein sanftes Lächeln huschte über ihre Lippen. Das Einzige, wofür sie betete, war, dass Kairazhul sie schnell töten würde. Kein weiteres Leid, kein weiteres Trauern. Nur Frieden – und den sah sie nur noch im Tod.

Die Zeit verging wie im Flug. Sie zog ihr graues Kleid an und ging mit zittrigen Schritten zur Vorbereitungshütte. Das graue Kleid stand symbolisch für den Antritt der Reise und für die Reife, Kairazhul übergeben zu werden.

Ein letztes Mal atmete sie tief durch und klopfte an die Tür der Hütte. Kurz darauf öffneten drei ältere Frauen und zogen sie hinein. Sie zerrten sie in einen mit Fellen ausgelegten Raum. Die älteste der Frauen sah sie streng an.

„Ausziehen“, knurrte sie.

Kairy überkam ein Schauer, ihre Augen weiteten sich.

„Na los, wir haben nicht den ganzen Abend Zeit!“

Verunsichert tat Kairy, was verlangt wurde, und wurde von den drei Frauen genau betrachtet. Jede von ihnen prüfte eine andere Stelle ihres Körpers: Haut, Becken, Haar – als sei sie nichts weiter als Vieh.

Kairy schloss die Augen. Sie hasste es. Sie hatte zwar mit ihrem Leben abgeschlossen, doch niemand hatte das Recht, sie so zu behandeln. Sie war kein Vieh, sondern ein Mensch.

Die Frauen tuschelten: „… dünn.“ „Vielleicht klein…“ „Nicht mager.“ „Gutes Becken…“

Kairy stand wie betäubt da, unfähig zu realisieren, was gerade geschah. Schließlich wandte sich die Älteste ihr zu:

„Dein Körper ist schwach, doch dein Becken stark. Vielleicht kannst du Kairazhul Erben schenken.“

„W-was?“ Die Worte rissen Kairy aus ihrer Trance.

„Du hast mich schon richtig verstanden, Mädchen!“

„I-ich soll ihm… Erben schenken? Ich dachte, ich sollte…“

„Sterben, ja – wenn du versagst. Deine Vorgängerinnen starben, weil sie Kairazhul keine Erben geben konnten.“

Kairy’ s Herz stockte.

Sterben – dazu war sie bereit.

Aber nicht so.

Nicht langsam. Nicht in Qualen.

Ihre Kehle schnürte sich zu, ihre Hände zitterten. Die Erkenntnis lähmte sie völlig. Selbst als die Frauen sie ankleideten und ihre Haare flochten, konnte sie sich kaum rühren.

Als sie fertig war, trug sie ein wunderschönes Kleid, und ihre Haare waren geflochten.

Für einen Moment riss es sie aus ihrer Benommenheit, doch sie blieb wie erstarrt. Den Frauen wollte sie ihren Schock nicht auch noch preisgeben.

Die Frauen brachten Kairy gerade noch rechtzeitig auf den Dorfplatz, wo das Kleid sein volles Ausmaß entfaltete.

Feinste, tiefblaue Seide, so zart, dass sie wie Wasser an der Haut lag.

Im Licht des Dämmermonds wirkte es fast schwarz,

durchzogen von einem Schimmer, der an stille Seen erinnerte.

Der Schnitt war schlicht, doch makellos:

ein langer, fließender Rock, der bei jedem Schritt wie leises Rauschen klang,

schmale Ärmel, die in Spitzen ausliefen.

Saum und Ärmel waren mit Silberfäden bestickt –

Mondsicheln, Sterne, Tropfen,

nur im richtigen Licht erkennbar.

Ein schmaler Gürtel aus dunkelblauer Seide lag um ihre Taille,

verziert mit Steinen vom Atembrunnen –

ein Zeichen, dass die Braut an ihr Schicksal gebunden war.

Über Haar und Schultern lag ein fast durchsichtiger Schleier aus schwarzer Seide,

so leicht wie Atem, verhüllend und doch durchlässig.

Bei jedem Windzug flatterte er, als wolle er sie schützen.

Auf ihrem Haupt trug sie eine Krone aus getrockneten Mitternachtsblumen,

deren Blüten im Mondlicht wie Tropfen dunkler Tinte glänzten.

Kairy stand still, gelähmt von dem Wissen, was ihr bevorstand, wenn sie nun in den Wald geführt würde.

Ihre Augen zeigten keine Tränen, kein Zittern.

Den Sieg des Dorfes über sie – den würde sie ihnen nicht schenken.

Die Frauen führten sie über den Platz. Das ganze Dorf gratulierte ihr. Es feierte die Braut, als sei es das freudigste Ereignis. Nach vierzehn Sommern redeten plötzlich alle wieder mit ihr.

Kairy schwieg. Es war ihr egal. Das Dorf. Die Bewohner. Alles. Mit leerem Blick starrte sie vor sich hin. Ohne klare Gedanken wurde sie von den Frauen an zwei Männer übergeben.

Diese beiden nannte man stumme Wegbegleiter. Sie waren zwar groß, aber schlaksig und dürr. Wie das Opfer selbst wurden auch sie vom Dorfschamanen bestimmt. Doch anders als bei der Braut hatte man ihnen die Zungen entfernt.

So konnten sie nur geringe Mengen zu sich nehmen und mussten alle vier Sommer neu erwählt werden.

Die stummen Wegbegleiter verbeugten sich und nahmen Kairy entgegen.

„Geht mit Bedacht und bringt unsere schöne Braut sicher zu Kairazhul“, erklärte die älteste der Frauen.

Damit hatten sie den Gang in den Wald – und damit Kairy’ s Tod – besiegelt.

Das Dorf jubelte und warf Blüten über sie zur Verabschiedung.

Die stummen Wegbegleiter hielten sie an den Armen fest und führten sie in die Dunkelheit des Waldes.

Kairy schwieg und starrte ins Leere. Kein Rascheln war zu hören, selbst der Wind, der sonst durch die Bäume sang, schwieg.

Es war, als würde der Wald um sie und ihr Schicksal trauern.

Nach einer Weile erreichten sie einen steinernen Traualtar.

Er war mit Moos und Mondrosen bedeckt, als hätte die Natur selbst ihn geschmückt.

Die stummen Wegbegleiter setzten Kairy dort ab und legten ihr eine Kette an, die bereits dort angebracht war.

Sie starrte auf das Metall an ihrem Körper und bemerkte nicht, wie ihre Begleiter sie zurückließen.

Tränen liefen über ihre Wangen, sie konnte sie nicht länger zurückhalten.

Das Ganze war surreal. Ihr war zwar bekannt, dass die Frauen zurückgelassen wurden – aber nicht, wie. Gefesselt, auf den Tod wartend.

Nun wusste sie, warum nie eine der Bräute überlebt hatte. Entweder Kairazhul holte sie tatsächlich, oder sie wurden von wilden Kreaturen gefressen.

Niedergeschlagen setzte sie sich auf den Traualtar und wartete.

Nach einiger Zeit hörte sie ein Rascheln, das näherkam.

Ihr Puls beschleunigte sich, ihre Härchen stellten sich auf. Ihr ganzer Körper schrie, sie solle rennen – doch sie konnte nicht. Nicht nur wegen der Fesseln, sondern weil ihr Körper ihr nicht gehorchte.

Das Rascheln kam immer näher. Je näher es kam, desto mehr versteifte sie sich. Zitternd schloss sie die Augen, in der Hoffnung, das, was auch immer kam, würde sie nicht leiden lassen.

Das Rascheln verstummte – und eine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter.

Sie öffnete langsam die Augen, ihre Pupillen weiteten sich vor Schreck, und sie stieß einen Schrei aus.

Ein Wesen stand neben ihr und sah sie mit sanften, braunen Augen an.

Es war eine Mischung aus schwarzer Katze und einem kräftig gebauten Mann. Der Kopf war der einer Katze, der Körper menschlich, jedoch von Fell bedeckt. An den Händen trug er kleine Krallen, die an längere Nägel erinnerten. Seine Füße waren echte Pfoten.

Arme und Beine waren mit türkisfarbenen, runenähnlichen Mustern überzogen. Die Kleidung, die er trug, war ebenso dunkel wie sein Fell und erinnerte an die Nebelklingen – Meuchelmörder, die Könige oder Adelige anheuerten, um Rivalen zu vernichten.

Kairy starrte ihn panisch an.

„Ist alles bei euch in Ordnung, junge Dame?“ Seine tiefe Stimme wirkte beruhigend.

Er wartete geduldig, bis Kairy mit einem leichten Nicken bestätigte, dass es ihr gut ging.

Ein sanftes Lächeln glitt über sein Gesicht. „Das freut mich. Wie heißt Ihr – und was macht Ihr hier im Dunkeln?“

„I-ich soll Kairazhul als Braut geopfert werden. Deshalb wurde ich hier angekettet.“ Sie hob den Fuß und zeigte ihm ihre Fessel.

Er schüttelte enttäuscht den Kopf. „Also kommt Ihr aus Vaelbrunn.“

„W-was? Woher wisst Ihr das?“

„Nur Vaelbrunn hat… diese seltsame Tradition.“

Kairy’ Gesicht zeigte offene Verwirrung.

Er verschränkte die Arme. „Mittlerweile ist Vaelbrunn einfach nur anstrengend.“

Sie runzelte die Stirn. „Warum? Woher wisst Ihr all das?“

„Oh – Verzeihung. Vielleicht hätte ich mich zuerst vorstellen sollen.“ Er verbeugte sich leicht.

„Mein Name lautet Kairazhul.“

Kairy starrte ihn mit offenem Mund an. Sie schwankte – und die Welt um sie wurde schwarz.