Tales of Fate

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Summary

Elara glaubt, sie versteht die Welt. Dann findet sie das Buch. Im alten Antiquariat Nocturum wartet das Cantus Sirenarum , man liest es nicht, es zieht einen hinein. Durch Jahrhunderte, Kulturen und Farben. Durch Leben, die nicht ihre sind. Und doch begegnet Elara in jeder Geschichte einer Erinnerung, die sich anfĂŒhlt, als könnte sie ihre eigene sein. Und sie begegnet Leon. GiftgrĂŒne Augen. Eine MĂŒnze, die zwischen seinen Fingern kreist. Kalt und zĂ€rtlich zugleich , ein Mann, der Wandel und VergĂ€nglichkeit trĂ€gt wie eine zweite Haut. Er erscheint in jeder Geschichte. In jeder Zeit. In jedem Leben. Als wĂ€re er immer dort gewesen. Als hĂ€tte er immer auf sie gewartet. Je tiefer Elara liest, desto mehr verschwimmt die Grenze zwischen Buch und Wirklichkeit. Zwischen Fiktion und Erinnerung. Zwischen dem, was sie ist, und dem, was sie vielleicht schon immer war. Tales of Fate ist eine Geschichte ĂŒber Schicksal, Dunkelheit und eine Liebe, die keine Zeit kennt.

Status
Ongoing
Chapters
41
Rating
n/a
Age Rating
16+

1 Die Resonanz der Tiefe - Neu

Der Regen war kein gewöhnlicher.ï»ż

Er fiel dicht, kalt, unerbittlich. Ein Vorhang, der die Stadt verschluckte und alles in ein trĂŒbes Grau zog.

Elara kÀmpfte sich durch die engen Gassen.

Doch es war nicht der Regen, der sie aus dem Gleichgewicht brachte.

Es war ihr eigener Verstand.

Mit jedem Schritt, den sie sich von den sterilen, neonhellen Fluren der UniversitÀt entfernte, begann etwas in ihr nachzugeben.

Das GerĂŒst aus Logik, Zahlen und klaren Definitionen verlor an Halt.

Meeresbiologie. Klassifizierungen. DNA-Sequenzen.

Fakten, die sonst Gewicht hatten.

Hier wirkten sie plötzlich leicht.

Fast bedeutungslos.

In ihrem Kopf hallte die Stimme von Professor Aris nach.

Aris war ein Paradoxon.

Ein Mann mit einem wachen, fast elektrischen Geist, der dennoch wirkte, als wÀre er eben erst aus einem viel zu langen Schlaf erwacht.

Seine Zerstreutheit war legendÀr.

Er suchte stĂ€ndig nach seiner Brille, die entweder auf seiner Nase saß oder irgendwo zwischen Manuskripten und kalten Kaffeetassen verschwand.

„Sie mĂŒssen dort suchen, Elara.“

Seine Stimme war rau gewesen.

Trocken. Als hÀtte er lange nicht gesprochen.

Er hatte eine Tasse beiseitegeschoben, um Platz fĂŒr die zerknitterte Adresse zu schaffen.

„Die Wissenschaft misst nur die OberflĂ€che. Das Glitzern der Wellen.“

Ein kurzer Moment Stille.

„Aber das Nocturum
 bewahrt den Kern.“

FĂŒr einen Wimpernschlag war seine Zerstreutheit verschwunden.

Sein Blick klar. Scharf.

Beobachtend.

Dann war es wieder weg.

Als hÀtte es nie existiert.

Doch er hatte ihr die Adresse gegeben.

Und er hatte nicht gelÀchelt.

Nun stand Elara vor der TĂŒr.

Das Holz war dunkel, fast schwarz.

Im schwachen Licht wirkte es feucht, als wĂŒrde es atmen.

Sie zögerte.

Dann drĂŒckte sie die Klinke.

Das Metall war kalt.

Zu kalt.

Beim Öffnen erklang kein helles Klingeln.

Der Ton war tief.

Lang gezogen. Fremd.

Er erinnerte an etwas


Altes.

Ein Knarren wie Holz unter Druck.

Oder das ferne LĂ€uten einer Boje im Nebel.

Es war kein metallischer Klang.

Etwas Organisches lag darin.

Hohl. Schwer.

Er vibrierte in ihr nach.

„Guten Tag.“

Ihre Stimme klang gedÀmpft.

Als wĂŒrde der Raum sie verschlucken, bevor sie sich entfalten konnte.

Die BĂŒcher standen dicht an dicht.

TĂŒrmten sich in den Schatten.

Die Luft war anders.

Dichter.

Sie roch nach altem Pergament, nach Harz


und nach etwas, das sie kannte.

Meer.

Nicht die OberflÀche.

Tiefe.

Kalt.

Still.

„Einen Augenblick. Nur einen Augenblick.“

Die Stimme kam aus dem hinteren Teil des Ladens.

Zwischen hohen Regalen, die sich beinahe im Dunkel verloren.

Ein dumpfes Poltern.

Ein leiser Fluch.

„Wo habe ich sie nur wieder hingelegt
 verflixte Kurzsichtigkeit.“

Ein Mann trat aus dem Schatten.

Nicht Aris.

Und doch
 Àhnlich.

Er trug eine Weste, auf der dunkle Flecken getrockneter Tinte lagen.

Seine HĂ€nde waren staubig, als hĂ€tte er Dinge berĂŒhrt, die lange niemand mehr angefasst hatte.

Er blieb stehen.

Blinzelte.

Seine Finger tasteten ĂŒber seine Stirn, bis sie die Brille fanden, die sich dort im Haar verfangen hatte.

„Ah.“

Ein kurzes, fast jugendliches LĂ€cheln.

„Da ist sie ja.“

Er setzte die Brille auf.

„Aris hat mir gesagt, dass Sie kommen wĂŒrden.

Elara, nicht wahr.“

Er rĂŒckte die Brille zurecht.

FĂŒr einen Moment sah sie es.

Das LĂ€cheln blieb.

Aber nicht in den Augen.

Dort war etwas anderes.

Ruhig.

Wach.

Unnachgiebig.

Wie ein Blick aus großer Tiefe.

Er sah sie nicht an wie eine Studentin.

Sondern wie etwas, das man verstehen musste.

„Willkommen im Nocturum.“

Seine Stimme war leise.

Hinter ihr verklang das Glockenspiel.

Ein dunkler Nachhall, der im Raum hÀngen blieb.

Fast wie ein FlĂŒstern.

„Hier werden Geschichten wahr.“