Kapitel 1 – Buchstabenchaos
Vivi saß an ihrem Schreibtisch und starrte auf das Heft vor ihr. Die Buchstaben tanzten, als wollten sie sie ärgern. Sie seufzte tief und stützte das Kinn in die Hand.
„Warum müsst ihr alle so gleich aussehen?“ murmelte sie.
Unter dem Tisch lag Lennox, ihr großer schwarzer Labrador. Er schnarchte laut und zuckte mit den Pfoten. Daneben lag Hope, die kleine Bulldogge, und machte leise Grunzgeräusche.
„Ihr habt’s gut,“ sagte Vivi. „Keine Hausaufgaben, kein Lesen, kein Stress.“
Hope öffnete ein Auge, gähnte und legte den Kopf schief. Lennox drehte sich auf den Rücken und streckte alle Beine in die Luft.
Vivi lachte. „Na schön, ihr habt gewonnen. Ich mach auch Pause.“
Aus der Küche rief Mama Nelly: „Vivi, liest du den Text, den ich dir hingelegt habe?“
„Gleich!“ rief Vivi. Sie sagte das immer, wenn sie etwas eigentlich gar nicht wollte.
Kurz darauf stand Nelly in der Tür. Ihre blonden Locken wippten, und sie hielt eine Teetasse in der Hand. „Wie läuft’s?“ fragte sie.
„Langweilig,“ gab Vivi zu. „Lesen macht keinen Spaß. Wörter sind einfach nur schwarze Punkte, die nichts erzählen.“
Nelly setzte sich aufs Bett. „Wörter können Geschichten erzählen, wenn du sie lässt,“ sagte sie ruhig. „Sie sind wie kleine Türen zu anderen Welten.“
Vivi verzog den Mund. „Dann hab ich wohl die falschen Türen.“
Nelly lächelte. „Du wirst schon die richtigen finden. Vielleicht sogar bald.“
Hope hob kurz den Kopf, als würde sie zustimmen. Lennox schnaufte.
„Mach Schluss für heute,“ sagte Nelly. „Geh ein bisschen raus. Morgen kommt Tante Sarah. Sie freut sich schon auf dich.“
Vivi hob sofort den Kopf. „Echt? Tante Sarah ?“
„Genau die,“ sagte Nelly und grinste. „Sie bringt etwas Besonderes mit, hat sie mir gesagt.“
„Ich hoffe, es ist kein Buch,“ meinte Vivi.
Nelly lachte leise. „Man weiß ja nie.“
Vivi schob den Stuhl zurück, schnappte sich ihre Jacke und rief: „Komm, Hope! Komm, Lennox!“
Die beiden Hunde stürmten zur Tür. Hope bellte aufgeregt, Lennox trampelte hinterher.
Draußen roch es nach Frühling. Die Sonne stand tief, und irgendwo zwitscherte ein Vogel. Vivi atmete tief ein und lächelte.
Lesen konnte warten. Heute wollte sie einfach nur spielen.
Sie ahnte nicht, dass der morgige Tag alles verändern würde.