Breathe - Atme, wenn du kannst

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Summary

Eigentlich sollte es für Janey ein entspannter Urlaub vor ihrer Hochzeit werden, aber eine Begegnung mit einem attraktiven Fremden, bringt sie in ungeahnte Schwierigkeiten. Schon bald muss sie sich entscheiden: Will sie leben oder sterben? Janey: Ich sollte glücklich sein. Warum bin ich es nicht? Diese Frage stelle ich mir jeden Tag. Seit mein Verlobter mir einen Antrag gemacht hat, scheint sich das Seil, welches sich um meinem Hals geschnürt hat, immer enger zu ziehen. Hinzu kommt noch, dass meine Mutter die brillante Idee hatte, vor unserer Hochzeit eine gemeinsame Auszeit in Frankreich zu nehmen. Auch wenn ich gedacht habe, dass ich wenigstens da ein bisschen verschnaufen kann, macht mir ein geheimnisvoller halbnackter Fremder einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Immer wieder kreuzen sich unsere Wege und damit fangen die Probleme erst an… Max: Eigentlich sollte es ein Job, wie jeder andere sein. Eine Sache, die ich für gewöhnlich im Schlaf tue. Doch schon bei meiner Ankunft im Hotel gibt es Probleme. Probleme in Form einer – in Spitzendessous bekleideten, sehr attraktiven Frau. Wer hätte denn auch ahnen können, dass genau diese Frau mein Interesse weckt? Ich sehe, dass irgendwas nicht mit ihr stimmt. Und als sie auch noch etwas sieht, das sie niemals hätte sehen dürfen, nimmt alles seinen Lauf. Es gibt kein Zurück mehr. Weder für sie, noch für mich…

Status
Complete
Chapters
42
Rating
5.0 5 reviews
Age Rating
18+

Ein ersticktes Leben

Janey

Ich ließ meinen Blick durch den gesamten Speisesaal schweifen und hörte die schrille Stimme meiner Mutter neben mir. Mein Brustkorb hob und senkte sich, dennoch hatte ich nicht das Gefühl, dass ich atmete. Mein Leben schien unwirklich. Ich war unwirklich, so als würde ich nicht existieren. Meine Augenlider senkten sich in der Hoffnung, dass es bald vorbei sein würde, dass das schnelle Klopfen, das mir so Angst machte, vorüberzog. Dass der Druck, der sich mehr und mehr in meiner Brust ausbreitete, endlich verschwand. Dass die Hand, die sich um meinen Hals legte, sich lockerte und ich wieder atmen konnte. Mein Verstand schien kurz davor durchzudrehen. Ich schrie stumm vor Verzweiflung, mit dem Wissen, dass mich niemand hörte.

»Alles okay?« Die Stimme meines Verlobten war sanft und klang besorgt. Obwohl ich die Augen nicht öffnen wollte, tat ich es. Ich musste es. Ich musste ihn in Sicherheit wiegen. Ihm vermitteln, dass unser Leben perfekt war. Während ich die Augen öffnete, zwang ich mich wie die meiste Zeit in meinem Leben zu einem Lächeln. »Ja, Julian, es ist alles in Ordnung. Ich bin nur etwas müde. Das ist alles.«

Sein prüfender Blick ließ mich nicht los. Er betrachtete mich lange, so, als ob es ihm etwas verraten würde. Das tat er oft und allmählich fragte ich mich, ob er etwas ahnte. Manchmal wünschte ich es mir. Ich stellte es mir manchmal sogar vor. Mit viel Glück würde das ganze dann vielleicht ein Ende haben. Nach Sekunden ließ er den Blick von mir und sah wieder hinüber zu meiner Mutter. »Deine Tochter hat heute Nacht an der Hochzeitsmappe gearbeitet.«

In Gedanken verdrehte ich genervt die Augen. Er hatte meiner Mutter Gesprächsmaterial vor die Füße geworfen und ich wusste, jetzt würde es wieder losgehen. Doch ehe das passierte, musste ich meinen Zustand, der mich in letzter Zeit so oft übermannte, in den Griff bekommen. Abrupt schob ich meinen Stuhl zurück, erhob mich und bekam kurz die Aufmerksamkeit der beiden.

»Ich muss auf die Toilette«, log ich und machte mich auf zum Damenklo. Sobald ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, atmete ich tief ein und aus. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich frei. Frei von allem. Frei von Verpflichtungen. Von meiner Mutter. Von Julian und von meinem Leben. Ich hasste mein Leben so sehr. Ich wollte so sehr darin ausbrechen, aber den Mut dazu fand ich nicht. Normalerweise sollte ich glücklich sein. Ich besaß alles, was ein Mädchen in meinem Alter von fünfundzwanzig nur besitzen konnte. Ein überfülltes Bankkonto. Ein Haus. Mehrere Luxuskarren und einen Freund, der überaus attraktiv und noch viel reicher als ich war. Ein Mann, der vor zwei Monaten um meine Hand angehalten und mir einen fetten Klunker verpasst hatte. Ein Mann, der mich auf Händen trug und mir jeden Wunsch von den Lippen ablas.

Wieso war ich nicht glücklich? Wieso schnürte es mir so die Kehle zu, wenn ich nur daran dachte Julian zu heiraten?

Er war perfekt. Liebenswürdig, zuvorkommend und sehr attraktiv. Julian war ehrgeizig, was seinen Job betraf, auch wenn unsere Beziehung dadurch manchmal etwas zu kurz kam, war er alles in allem ein perfekter netter Mann. Jedes Mädchen hätte sich ein Bein ausgerissen, um an meiner Stelle sein zu können. Doch ich war unglücklich und erstickte in meinem Leben. Kopfschüttelnd ging ich in eine der Kabinen, klappte den Toilettendeckel herunter und setzte mich darauf. Ich kramte in meiner Tasche nach meinem Handy, scrollte zu dem Namen herunter, dessen Stimme ich jetzt hören wollte und wartete auf ein Freizeichen. Als ich die jungenhafte Stimme meines Bruders am anderen Ende hörte, erwärmte sich mein Herz.

»Hey, Kleine!«

Ich lächelte. »Hey, Jake!«

»Hm«, raunte er in den Hörer. »Was hat sie jetzt schon wieder gemacht?«

Noch breiter lächelnd, freute ich mich darüber, dass mein Bruder der einzige Mensch war, mit dem ich offen darüber reden konnte. Meine Beine überschlagend, antwortete ich: »Ach, nichts. Sie freut sich nur, dass wir heiraten. Sie ist total aus dem Häuschen.«

»Oh Mann, Janey«, stöhnte er.

Ich stoppte ihn, bevor er loslegen konnte. »Bitte, sag einfach nichts dazu. Ich komme schon klar.«

Seitdem mein Bruder zu unserem Vater gezogen war, weil er es bei unserer Mutter nicht mehr ausgehalten hatte, fühlte er sich dafür verantwortlich, dass meine Mutter ihre Krallen nach mir ausstreckte. Meine Mutter hatte genaue Vorstellungen von ihren Kindern perfekt zu sein, und sich der Welt, in der wir aufgewachsen waren, anzupassen. In der Welt, in der die meiste Zeit falsch gelächelt wurde. In denen oberflächliche Gespräche geführt wurden, die nichts bedeuteten. Aber das allerschlimmste war, dass diese Gesellschaft, in der wir aufgewachsen waren, sich dadurch kennzeichnete, wer das meiste Geld auf dem Konto hatte.

Meine Mutter hatte versucht, meinem Bruder sein komplettes Leben vorzudatieren. Als er noch bei uns gelebt hatte, hatten sie sich oft gestritten. Mein Bruder war das, was man einen Freigeist nannte. Er wollte hinaus, die Welt sehen, nicht in einem Anzug gesteckt und von meiner Mutter wie eine Marionette behandelt werden. Deshalb war er auch gegangen und seitdem klammerte sich meine Mutter an mich. Er fühlte sich schuldig mir gegenüber und ich meiner Mutter gegenüber. Sie verkraftete nicht noch ein Kind, das sie verließe.

»Wie geht es Lucy?«, fragte ich, um abzulenken. Er seufzte. »Es geht ihr gut.«

Lucy war die Freundin meines Bruders und auch einer der Gründe, warum mein Bruder gegangen war. »Wir gehen heute Abend mit Dad zusammen essen.«

»Grüßt ihn lieb von mir. Ich rufe ihn die Tage an«, bat ich meinen Bruder. »Ja, das mache ich.«

Ich nahm eine Strähne meines braunen Haares und zwirbelte sie zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Wo bist du überhaupt?«, wollte er wissen.

»Wir sind in Frankreich. Mom meinte, es wäre eine gute Idee so kurz vor der Hochzeit.«

Er lachte laut auf. »War ja klar!«

Ich liebte es, wenn er lachte. Es war ansteckend, genau wie jetzt. Unwillkürlich lachte ich mit. Wenn ich mit Jake telefonierte, war es immer so. Wir redeten und lachten. Die meiste Zeit lachten wir über die Allüren meiner Mutter. Meine Mutter fand es ungefähr sechsmal im Jahr gut in den Urlaub zu fliegen. Ihre Begründung war wie folgt: Einmal war sie gestresst, weil der Friseur, bei dem sie gewesen war, ihr einen zu kurzen Haarschnitt verpasst hatte und das kurz vor einer Spendengala. Ja, es gab noch Leute mit so solch belanglosen Problemen. Nach der Spendengala – zu der sie eine Hochsteckfrisur getragen hatte – flog sie in die Karibik. Unsere jetzige Reise begründete sie damit, dass Julian und ich uns vor unserer Hochzeit eine Auszeit verdient hätten. Die Tatsache, dass mich diese Reise mit ihr stresste, wusste sie nicht und auch wenn sie es wüsste, würde sie es nicht interessieren.

Langsam verebbte unser Lachen, und der ernste Ton meines Bruders holte mich zurück in die Realität. »Janey, wie lange willst du das noch mitmachen?«

Ich schloss die Augen, ließ meine Haarsträhne los und seufzte: »Bitte nicht, Jake«, um zu verhindern, was er als Nächstes sagen würde, sagte ich schnell: »Ich wollte nur eben anrufen, um deine Stimme zu hören. Ich muss wieder zurück zu Julian und Mom.«

Er schnaubte. Ich wusste, dass es der Ärger darüber war, dass meine Mutter mein Leben so kontrollierte und ich es zuließ. »Okay, dann grüß Julian.«

Erleichtert, weil er nichts weiter dazu sagte, öffnete ich die Augen. »Mach ich. Ich melde mich wieder.«

Nachdem wir aufgelegt hatten, presste ich die Lippen aufeinander und ballte meine Hände zu Fäusten. Mir war klar, was er als nächstes gesagt hätte, wenn ich ihn nicht gestoppt hätte. Er sagte mir oft, dass ich gehen und nicht zurückschauen sollte. Aber das konnte ich nicht, es ging nicht! Das konnte ich meiner Mutter nicht antun. Tränen stiegen in mir auf, doch ich unterdrückte sie. Die Tür zum Damenklo öffnete sich und als ich den panischen Ton meiner Mutter hörte, war ich mir sicher, wenn ich nicht gleich herauskäme, dann würde sie die Tür eintreten.

»Janey, Liebes, bist du hier?«

Wie auf Kommando erhob ich mich, strich mein Kleid glatt, ließ mein Handy zurück in die Tasche fallen und setzte mein perfekt gespieltes Lächeln auf. Dann trat ich aus der Kabine. Ihr besorgter Blick fing mich direkt ein. »Liebes, alles okay bei dir?«

Sie trat an mich heran und legte mein glattes dunkles Haar nach hinten. Das tat sie oft. Vor allem, wenn sie das Gefühl hatte, mich nicht unter Kontrolle zu haben.

»Ja, es ist nur das Essen. Ich habe mich übergeben«, log ich, um irgendwie aus der Nummer heraus zu kommen.

Hätte sie gewusst, dass ich heimlich mit meinem Bruder telefoniert hatte, wäre sie ausgeflippt. Sie kniff ihre smaragdgrünen Augen etwas zusammen und musterte mich unter ihren dichten schwarzen Wimpern.

»Vielleicht solltest du auf dein Zimmer gehen und dich etwas hinlegen. Ich sage Julian Bescheid, dass er später nach dir sehen soll.«

Ich nickte, aber nicht zu hastig. Sie lächelte knapp und gab mir einen Kuss auf die Stirn. »Ich habe dich sehr lieb, mein Schatz.«

»Ich dich auch, Mom.«

Als ich mein Zimmer betrat, durchflutete mich Erleichterung. Das einzig gute an dieser Reise war, dass ich ein Zimmer für mich allein hatte. Julian und ich hatten beschlossen in getrennten Zimmern zu wohnen, da er meist bis spät in die Nacht arbeitete und wegen der Arbeit nicht so lange bleiben konnte. Ich kickte meine High-Heels in die Ecke, schälte mich aus meinem Cocktailkleid und lief Richtung Schlafzimmer. Mein Bett rief nach mir. Während ich mir noch die schweren Klunker von meinen Ohren fummelte, stieß ich die Tür auf und erschrak. Die Klunker fielen zu Boden. Instinktiv wich ich sofort einen Schritt nach hinten, als ich einen fremden Mann auf meinem Bett liegen sah. Der zu allem Übel auch noch mit nacktem Oberkörper auf meinem Bett lag.