Im Garten der Schöpfung

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Summary

Wenn kleine Geister große Macht ausüben, bringen sie viel Leid über unschuldige Menschen und treiben die zur Verzweiflung, die sich Geist und moralische Integrität bewahrt haben. So geschieht es auch »Im Garten der Schöpfung«, den über fantastische technische Möglichkeiten verfügende Wissenschaftler zu einer Spielwiese für soziale Experimente gemacht haben. Kulturen und Zivilisationen auf den von ihnen beherrschten »Gartenwelten« sind ihnen hilflos ausgeliefert. Auf den Planeten Sommergarten, Wintergarten und Torgarten leben nicht nur Angehörige des »modernen« Menschen, sondern auch Neandertaler und als Halbknochige bezeichnete Mischlinge aus modernem Menschen und Neandertaler. Ihre Völker haben einen Entwicklungsstand, der von Jägern und Sammlern bis zu einer dem zwanzigsten Jahrhundert vergleichbaren technischen Zivilisation reicht. Für die »Paradiesmenschen« sind all diese Zivilisationen nur Versuche in einem gigantischen sozialen Labor. Die Wissenschaftlerin Bethna erlebt, was ihre skrupellosen Kollegen den Menschen auf den von ihnen beherrschten Planeten antun. Aber sie resigniert vor der Allmacht der Herrschenden und macht in der Hierarchie der Paradiesmenschen Karriere – bis sie erkennt, auf welcher Täuschung ihre Welt aufgebaut ist. In der Raumfahrerin Lìn und ihren Freunden findet sie Mitkämpfer, um einem zur Hölle gewordenem »Paradies« ein Ende zu setzen.

Genre
Scifi
Author
Beverly
Status
Complete
Chapters
57
Rating
n/a
Age Rating
18+

* Ein Geheimnis *

Der Stern zerlief zu einem winzigen Ring und der Ring floss wieder zu einem Stern zusammen. Immer und immer wieder spielte Lìn den Film ab. Es bestand kein Zweifel daran, dass eine Gravitationsquelle vor dem Stern her gezogen war und sein Licht gebeugt hatte. Das Objekt, das die Gravitation erzeugte, befand sich im Äußeren Sonnensystem und kreiste um die Sonne. Niemand hatte es bisher aufgesucht und seine Beschaffenheit ergründet. 

Lìn speicherte die Informationen über das Objekt in einem Kont mit dem Namen »Müstêr«, was in dem auf ihrem Heimatlünett Metropolis gesprochenem Französisch »Geheimnis« bedeutete.

›Nun hat unsere Cosmojet ein Ziel für den Jungfernflug‹, dachte sie.

Ihre Partner für die Cosmojet hatten Lìn Botschaften und Personenkonts geschickt. Sie ging durch die Konts, las Namen und betrachtete Gesichter. Da war zunächst Dereje, ein untersetzter und breitschultriger Mann von Harter Fall. Seine dunkelbraune Haut und die tiefschwarzen Haare verrieten seine Herkunft aus dem afrikanischen Land Äthiopien. Das Gesicht mit der breiten Stirn, schmaler Nase und hohen Wangenknochen war so scharf geschnitten wie bei einem Kaukasier. Lìn fragte sich, wie ihn Frauen im Bett fanden. Die, die auf Männer standen.

Tilahun war in Äthiopien geboren und hatte die meiste Zeit seines Lebens auf der Erde verbracht. Er war fast zwei Meter groß und athletisch gebaut, hatte braune Haut und tiefschwarzes, leicht gewelltes Haar. Der ehemalige Kickballer Brent stammte von Vor Ort, einem Lünett, das um die Erde kreiste und wo die Menschen in Schwerelosigkeit lebten. Er war noch einen halben Kopf größer als Tilahun, aber schmaler und drahtiger. Seine Haut und die kurzen Haare waren vom gleichen Braun, zu dem die großen blauen Augen nicht recht passen wollten. Marq kam aus der Stadt Tycho auf dem Erdmond. Er war 1,80 groß und schlank, hatte blasse Haut und ein schmales Gesicht mit grauen Augen. Seine langen anthrazitfarbenen Haare reichten bis zum runden Po und auf dem Holo, das er Lìn und den anderen geschickt hatte, war er nackt.

Lìn leckte sich die Lippen.

Peard kam wie Lìn von Metropolis. Er war schlank, hatte aber schwere Knochen, ein leicht spitzes Gesicht und einen großen Kopf. Sein braunes Haar reichte ihm weit über den Rücken. Er trug ein schlichtes graugrünes Hemdkleid, das seine Arme frei ließ.

Lìn selbst glich Peard in Größe und Statur. Auch die schweren Knochen, das spitze Gesicht und der große Kopf waren bei ihr so wie bei ihm. Während seine Haut blass war, war ihre tief gebräunt und das lange Haar war dunkelbraun. Seine Augen hatten ein blasses Blau, ihre funkelten grün wie zwei Smaragde.

Auf Wunsch von Lìn und Peard waren die anderen Cosmojetter mit ihren Modulen nach Metropolis gekommen. Sie trafen sich in einem Hangar in der Nabenregion im Zentrum des Lünetts, wo Schwerelosigkeit herrschte. In der Mitte des Hangars schwebten die sechs noch voneinander getrennten Module. Es waren keilförmige Fahrzeuge mit gebogener Außenkante. Manchmal flogen Cosmojetter in ihren Modulen allein durch das All, doch oft vereinten sie sie zu einer scheibenförmigen Cosmojet.

Die im Hangar versammelten Cosmojetter gaben sich die Hand. Lìn war Weltraumingenieurin gewesen, ehe ihr Arbeit und Leben auf Metropolis langweilig wurden. Peard hatte hier als Gärtner und in der Lebenserhaltung gearbeitet.

Marq hatte Kunstgeschichte und Menschenkunde studiert. »Menschenkundler wurde ich aus gegebenem Anlass.« Er hob seine rechte Hand und spreizte ihre Finger. Es waren sechs, weil sie anstatt eines Mittelfingers zwei hatte. »Da ich wie viele Monder mit zwölf Fingern zu einer besonderen Menschenart gehöre, interessierte es mich, was den Menschen zum Menschen macht.« Lìn schwebte zu ihm und hielt seine schmale Hand. Dass sie einen Finger mehr als bei Altmenschen hatte, machte sie noch schöner. »Ich hatte gehofft, sechs Finger gäben mir auch das Talent als Künstler. Dann habe ich gemerkt, dass es nicht so ist.« Er lächelte kurz. »So habe ich anstatt Kunst Kunstgeschichte studiert.«

Tilahun betrachtete Marq wohlgefällig und erklärte: »Ich bin Menschenkundler geworden, weil es in meinem Heimatland die ältesten Funde von Menschen gibt.« Er schlug einen Namen für die neue Cosmojet vor: »Lucy’s Traum. Nach der eine Million metrische Jahre alten Vormenschenfrau, die die Paläontologen ›Lucy‹ nannten.«

Marq war sofort einverstanden und auch Lìn gefiel der Name. Die anderen Cosmojetter nickten. Dereje meinte: »Der Name passt.«

»Also ›Lucy’s Traum‹!«, rief Brent.

Die sechs Module näherten sich einander an und berührten sich. Die Lücken zwischen ihren Hüllen wurden immer schmaler und verschwanden. In der Mitte der Cosmojet entstanden oben und unten je eine Kuppel aus Panzerglas. In der oberen Kuppel war die Steuerzentrale, die untere diente als Aussichtskuppel. Auf der Hülle der Cosmojet erschien in Züntésis-Schrift ihr Name: »Lucy’s Traum.« Die Außentür von Brents Modul klappte auf und einer nach dem anderen hangelten die Cosmojetter in ihr fliegendes Heim.

Durch den ringförmigen Korridor, der die Module miteinander verband, ging Lìn zu Marq. In seinem Modul war wie auf dem Mond nur ein Sechstel der Erdschwerkraft. Marq erwartete sie nackt und auf dem Bauch liegend.

»Geile Frau«, sagte sie und strich über eine weiße Hinterbacke.

Er erzählte: »Als Student habe ich davon gelebt, als Aktmodell zu posieren.«

»Warst du auch Abbild?«

Marq errötete. »Zuerst wollte ich das nicht. Dann ... ich rechnete mir aus, dass das Honorar für ein Modul reichte und seitdem bin ich im Datenraum zu haben. Für die Abbildung musste ich alles machen, damit sie meine Verhaltensmuster und Gefühle aufnehmen konnten. Die wurden in die Abbilder übertragen.« Er lächelte kurz. »Ich weiß davon nichts mehr.«

»Warum nicht?«

»Als mein Abbild fertig war, habe ich mich in der Zeit zurück drehen lassen. Jetzt bin ich wieder ein unbeschriebenes Blatt.«

Die sechs Cosmojetter saßen vor den Pulten in der Steuerzentrale. Peard kontrollierte das Lebenserhaltungssystem, Tilahun die Energieversorgung, Dereje die Kommunikation, Brent Gravitationstriebwerke und Avenzer, Marq die Navigation und Flugkontrolle und Lìn die Sensoren.

»Wollen wir avenzen oder fliegen?«, fragte Brent.

»Fliegen«, antwortete Marq. »Das ist stilvoller.«

Die Flügel des Hangartors glitten auseinander. Die Erde und ihr umgeformter Mond leuchteten blau, grün, braun, grau und weiß inmitten von Schwärze und Sternen. Ein Schirm aus virtueller Materie hielt Luft und Wärme im Hangar. Virtuelle Materie war außen negativ und im Inneren positiv geladenes polarisiertes Vakuum, das die Eigenschaften von aus Atomen bestehender Materie imitierte. Wie ein Fenster aus Panzerglas schützte sie den Hangar vor dem Vakuum des Alls. Langsam flog die Cosmojet auf das offene Hangartor zu. Die virtuelle Materie glitt über ihre Hülle, ließ sie hinaus und hielt die Luft im Hangar.

Hinter ihnen schwebte Metropolis im All. Das Lünett kreiste um die Erde und war eine der ältesten Weltraumsiedlungen. Es war eine viele Kilometer durchmessende Scheibe mit konzentrisch angeordneten Decks. Rotation erzeugte Beschleunigung, die von innen nach außen zunahm und auf dem äußersten Deck so hoch wie Erdschwerkraft war. Entlang der Rotationsachse befand sich die Nabenregion, in der Schwerelosigkeit herrschte.

Die Bewohner von Metropolis hatten bei der Errichtung des Lünetts beschlossen, Not und Zwang der Alten Epochen hinter sich zu lassen. Die Menschen benötigten in Metropolis kein Geld. Nahrung, Wohnung und Kleidung wurden ihnen umsonst zur Verfügung gestellt. Den größten Teil der Arbeit verrichteten Maschinen, Computer und Servos. Lìn, Peard und ihre Mitbürger arbeiteten drei bis fünf von hundert Stunden. Die meiste Zeit verbrachten die »Metrop’s« genannten Bewohner des Lünetts mit Lernen, Lesen, Holos und Ereignissen, dem Besuch von Wunschhäusern und Kulturveranstaltungen, familiären Aufgaben und eigenen Projekten oder Sex.

Das Projekt von Lìn war die Astronomie. All die Berichte und Dokumentationen über die Menschen, die in den Alten Epochen und dem Dampfzeitalter den Blick zu den Sternen gerichtet hatten, hatten sie dazu inspiriert, es ihnen gleich zu tun. Auf Metropolis gab es Aussichtskuppeln, in denen sich Lìn und andere »Sternfreunde« trafen und schauten. Sie schauten mit dem bloßen Auge, sie schauten mit dem Auge am Okular durch mechanische Teleskope oder ließen ihre Computer schauen. Neues entdeckten sie nicht. Sterne und Galaxien, Monde und Planeten waren erforscht und die Menschen konnten jederzeit zu ihnen reisen. Die Welt war entzaubert und hatte all ihre Geheimnisse verloren.

Um so aufgeregter war Lìn gewesen, als ein belangloser winziger Stern für einen Augenblick zu einem Ring wurde, um danach wieder belanglos und winzig zu leuchten. War das schon einmal geschehen? Nein, war es nicht. In Aufzeichnungen und Dokumentationen, Konts und Datenspeichern mit Bezug auf durch Raumkrümmung hervorgerufene optische Effekte fand die Hobbyastronomin nichts und niemanden, der ihre Entdeckung vor ihr gemacht hatte.

»Hurra!«

Aufgeregt hatte Lìn ihre sehnigen Arme in die Luft geworfen. Einige in der Kuppel schauten zu ihr herüber und sollte sie …? Nein. Menschen waren soziale Wesen und Lìn war ein Mensch und sehr sozial. Nun musste sie den anderen Sternfreunden berichten, was sie gefunden hatte, damit sie gemeinsam herausfanden, was es mit der Lichtbeugung auf sich hatte.

Etwas hielt Lìn davon ab.

Lìn speicherte Beobachtungen und Daten. Für lange Zeit würde sie nicht mehr in der Aussichtskuppel zu den Sternen schauen, denn bald begann die Reise ihres Cosmojets.›Nun hat unsere Cosmojet ein Ziel für den Jungfernflug‹, dachte sie.

Lìn faltete ihren Computer zusammen und verstaute ihn mitsamt Teleskop in ihrer Umhängetasche. Sie nickte den anderen in der Kuppel zu und lächelte. Die Menschen mochten es, wenn sie lächelte. Bei ihr war es stets echt und authentisch.

»Ich mache Schluss.«

Lìn strahlte über ihre Entdeckung. Sie hatte ein Geheimnis. Oder hatte das Geheimnis sie? Ein Schatten huschte über Lìns ausdrucksvolles Gesicht, dann kehrte ihr Lächeln zurück. Jetzt war es unergründlich und geheimnisvoll.