1. Advent - 2025
Erster Advent – Glitzer in der Lunge
Ich wache auf, weil jemand mir leise »psst« in den Nacken haucht. Es ist Toni. Das »psst« ist ungefähr so hilfreich wie ein Warnschild ›Rutschgefahr‹ direkt neben einer bereits stürzenden Person. Ich blinzle ins graue Sonntagslicht und brauche zwei Sekunden, um zu verstehen: Es ist der erste Advent. Die Kerze eins wird heute feierlich entzündet, wir werden besinnlich frühstücken, und das Leben wird für exakt 23 Minuten so tun, als sei es ein Weihnachtsfilm.
»Bleib liegen«, flüstert Toni, »ich mach Kaffee und dann zünden wir die Eins an.«
»Wenn du ‘die Eins’ sagst, klingt das, als würdest du einen Code starten, der das Ende der Welt auslöst.«
»Dramaqueen. In zehn Minuten bin ich wieder da. Nicht die Katze füttern.«
Das Letzte, was man in diesem Haushalt sagen sollte, ist: »Nicht die Katze füttern.« Muffin, unsere neun Kilo schwere, moralisch flexible Hauskatze, beherrscht zwei Künste: Warten und Intrige. Wenn Toni die Küche betritt, höre ich schon das Geräusch, mit dem Muffin normalerweise seine politischen Ziele durchsetzt: das milde, insistierende »Mrrrp«, das in die Seele faucht wie ein unterschriebener Koalitionsvertrag.
Ich drehe mich auf den Rücken und zwinge mich, nicht ans Handy zu gehen. Besinnlichkeit. Advent. Gleich Kerze eins. Ich stelle mir vor, wie Toni mit seiner absurden Hingabe das Tablett richtet: Brötchen, Orangenmarmelade, die guten Tassen mit den Tannenbäumen, und natürlich der Adventskranz, den er gestern auf dem Wochenmarkt gekauft hat. Die Verkäuferin trug einen Rentierpulli und diese unheimlich blanken Augen, die Leute haben, die Glühwein verkaufen und nicht probieren.
Nach sieben Minuten riecht es nach Kaffee, nach neun nach Toast, nach zehn nach… Tanne? Und nach elf nach Panik.
»Jonas?«, ruft Toni mit genau dem Ton, den Menschen in Filmen benutzen, bevor ein Alien durch die Lüftung kriecht. »Hast du Muffin gesehen?«
Ich setze mich auf. »Wieso?«
»Weil er nicht hier ist. Und weil vom Kranz… äh… ein Teil fehlt.«
Ich springe auf, renne barfuß in die Küche und sehe, was Toni meint: Der Adventskranz liegt wie ein verstümmelter Soldat auf dem Tisch. Eine Kerze fehlt, genauer: die erste. Das rote Band ist halb abgerissen. An der Tischkante liegt ein verdächtig glänzendes, speichelfeuchtes Tannennadel-Bündel und gleich daneben eine unangetastete Kerze.
»Er hats gefressen«, flüstere ich ehrfürchtig. »Na wenigstens hat er den Kranz nicht gefressen.« Toni sieht mich an wie ein Mediziner, der gerade eine sehr spezifische Fehldiagnose korrigieren muss.
»Er hat die Deko gefressen. Die kleinen Glitzerkugeln. Und die Zimtstangen. Und eventuell… das Band.«
Muffin sitzt auf dem Kühlschrank, den Blick von oben herab, als wäre er der Papst und wir zwei Ketzer mit schlechter Küchenhygiene. In seinem Schnurrhaar glitzern winzige Goldpunkte. Er schluckt demonstrativ.
»Das ist ungiftig, oder?«, frage ich, obwohl ich die Antwort kenne. Nichts, was hübsch glänzt, ist ungiftig. Das ist ein Lebensgesetz.
»Google sagt: ‚Glitzer ist für Katzen nicht ideal.‘« Toni hält sein Handy wie einen Gerichtsbeschluss. »Außerdem…« Er deutet auf den Teppich vor dem Herd.
Dort liegt ein weiterer Beweis der Unschuld und Reinheit der Adventszeit: ein dünner, funkelnder Haufen. Wenn man sehr optimistisch ist, könnte man es Weihnachtsmagie nennen. Realistisch ist es Glitzerkot.
»Ich liebe die Feiertage«, sage ich tonlos.
»Es wird schon«, meint Toni und setzt entschlossen die Kerze eins wieder auf den Kranz, als könnte man mit Willenskraft die Realität geradebiegen. »Wir frühstücken jetzt. Besinnlich. Und nachher rufe ich den Tierarzt-Notdienst.«
»Es ist Sonntag.«
»Erster Advent«, korrigiert Toni. »Gott sieht alles, auch schlechte Entscheidungen bei Dekoration. Setz dich. Wir machen das schön.«
Ich setze mich. Toni stellt das Tablett hin, schenkt Kaffee ein, legt die Hand auf meine Schulter und wir haben für exakt drei Sekunden das Gefühl, zwei Erwachsene zu sein, die ihr Leben im Griff haben.
Dann beugt sich Muffin vom Kühlschrank in unsere Realität und würgt.
Die Geräusche sind bekannt: ein trockenes »Uuurkk«, dann ein hoffnungsvolles »uuhuuh«, dann das philosophisch tiefe »ÜLLLKKK«. Toni reißt ein Küchentuch aus der Halterung, während ich automatisch die einzige sinnvolle Sache tue: Ich halte die Tanne am Kranz fest, als würde sie sonst davonsegeln.
Muffin würgt auf die Arbeitsplatte. Aus ihm kommt ein Faden, der aussieht, als hätte eine Fee versucht, Strickgarn herzuzaubern. Es glitzert. Es ist rot. Es ist das Band.
»Er hat wirklich… das Band…« Toni klingt wie ein Archäologe, der eine Vase in Scherben findet und gleichzeitig erkennt, dass die Scherben in seinem Wohnzimmer liegen und stinken.
»Tierarzt«, sage ich.
»Tierarzt«, bestätigt er. »Aber erst Kerze eins. Damit der Dezember weiß, wer hier die Autorität hat.«
Es gibt im Leben Momente, in denen man spürt, dass man an einer Gabelung der Schicksalsstraße steht. Rechts: Vernunft. Links: Tradition. Wir biegen links ab wie zwei Lemminge im Partnerlook.
Toni zündet die Kerze an. Der Docht nimmt das Feuer, hält es klein, warm, nahezu trotzig. Wir schauen beide darauf, atmen tief ein. Es ist beinahe schön.
»Siehst du?«, fragt Toni leise. »Es geht. Wir können das.«
In diesem Moment entscheidet sich Muffin, aus Solidarität mit der Flamme, ebenfalls Wärme zu spenden, und springt vom Kühlschrank direkt auf den Tisch, landet mit einem Pfote-vor-Pfote-Wettrennen mitten im Kranz. Der Kranz kippt, die Kerze kippt mit, rollt, die heiße Seite streift das Tischtuch, das Tischtuch ist aus Baumwolle und Baumwolle liebt Feuer.
»Nein, nein, nein«, rufe ich, aber die Wirklichkeit ist schneller als Verben.
Ein kleiner brauner Kreis und ein Knistern. Toni schlägt mit der Handfläche drauf, ich kippe den Rest der Kaffeetasse rüber. Es riecht schlagartig nach verbrannter Orangenmarmelade und Qualm, der in Weihnachtsfilmen als ›stimmungsvoll‹ gilt und in echten Wohnungen wie ›Rauchmelder-bitte-jetzt‹.
Der Rauchmelder gehorcht. Er ist der Einzige in diesem Haus, der Regeln ernst nimmt. Er kreischt in C-Dur. Ich greife nach einem Geschirrtuch und fächere den Alarm wie eine hysterische Tänzerin an, weil mein Gehirn in Katastrophen auf Showbetrieb umschaltet.
»Fenster auf!«, ruft Toni. »Besen ... wo ist der Besen?« Kein Besen in Sicht.
»Katze!«, rufe ich zurück.
Muffin hat die Gelegenheit genutzt und sitzt jetzt inmitten des halb nassen, halb verkohlten Kranzes, blickt in den Rauch wie ein Kapitän, der seinen untergehenden brennenden Dampfer beobachtet. Sein Fell ist an der Pfote minimal beglitzert und riecht verdächtig nach Zimt.
»Rauchmelder«, sagt Toni und klettert auf den Stuhl. Der Rauchmelder hängt über der Tür, zu hoch für Normalsterbliche, genau richtig für Männer, die glauben, sie seien größer, wenn sie die Arme strecken. Toni fuchtelt mit einem Geschirrtuch, der Rauchmelder kreischt beleidigt weiter, ich reiße das Fenster auf, kalte Luft strömt rein, draußen regnet es so gerade, dass es keiner ernst nimmt.
»Ich liebe den ersten Advent«, keuche ich, »er bringt Überraschung.«
»Er bringt mich gleich auf die Idee, eine Fackel zu schnitzen, um dieses Ding endgültig zu verbrennen.« Endlich findet Toni den kleinen Testknopf, der immer wie ein moralischer Reset wirkt. Der Alarm verstummt. Stille kommt auf, aber nicht die gute Stille, sondern die, die man hat, wenn man weiß, dass die Nachbarn lauschen.
Als ob bestellt, klopft es. Dreimal, passiv-aggressiv, im Takt eines Menschen, der seit fünf Uhr morgens meditiert und nun eine Gelegenheit sucht, das zu beenden.
Ich öffne, noch bevor Toni »tu’s nicht« sagen kann. Frau Tietze steht im Flur, gekleidet in das gesetzliche Outfit für Erster-Stock-Hausflur-Inspektionen: Bademantel, Schlappen, Blick voller Bürgerpflicht. Sie ist ungefähr fünfzig, hat das Herz am richtigen Fleck und den restlichen Körper in Türrahmen.
»Es riecht nach Feuer«, sagt sie anklagend.
»Advent«, sage ich mit meinem besten Kirchenchor-Lächeln.
»Advent riecht nicht nach verbranntem Untersetzer«, sagt Frau Tietze. »Gehts euch gut?«
»Alles gut«, ruft Toni aus der Küche, der gerade den Kranz mit Leitungswasser tränkt, als müsse er ihn taufen. »Rauchmelder getestet, Adventskranz frisch bewässert, Katze lebt.«
»Katzen und Kränze«, murmelt Frau Tietze und blickt hinter mich. Muffin hat sich demonstrativ auf das Fensterbrett gesetzt und schaut in den Regen, eine Statue der Selbstgerechtigkeit. »Na, mein Hübscher. Wars wenigstens lecker?«
Muffin blinzelt langsam. Das ist sein diplomatischer Service.
»Wir lassen die Kerzen vielleicht erst mal…« Ich ringe nach einem Wort, das nicht »verboten« ist. »…unangezündet.«
»Klug«, nickt sie. »Ach, und die Hausgruppe hat entschieden, dieses Jahr gemeinsam den Hof zu schmücken. Lichterketten, Sterne, der ganze Spaß. Wir treffen uns 16 Uhr im Hof. Erster Advent und so.«
Toni erscheint mit nassen Händen, nassem Kranz und dem Versuch, so auszusehen, als hätten wir unser Leben im Griff. »Wir sind dabei.«
»Wunderbar. Ich bringe Punsch. Ohne Alkohol.«
»Kriminell«, murmele ich und lächle freundlich. Frau Tietze zieht ab wie eine Nebelbank.
Wir schließen die Tür, sehen uns an und lachen gleichzeitig, dieser hysterische, erlöst-verzweifelte Ton, der nur entsteht, wenn man so knapp an einer Peinlichkeit vorbeigeschrammt ist, dass die Peinlichkeit noch einen Tritt daraufsetzt.
»Plan«, sagt Toni. »Eins: Tierarzt. Zwei: Neuen Kranz kaufen.«
»Drei: Brandmelder in den Schrank sperren.«
»Vier: Den Schrank verbarrikadieren.«
Wir ziehen uns an, was in unserem Fall bedeutet, dass Toni eine Mütze wählt, die aussieht wie eine Kugel Eis auf seinem Kopf, während ich meinen Mantel suche, in dem alle Quittungen meines bisherigen Lebens wohnen. Muffin beobachtet uns, legt den Kopf schief, und macht dann etwas, was ich selten von ihm sehe: Er rollt sich zusammen und seufzt. Vielleicht bereut er. Vielleicht plant er nur neu.
Auf dem Weg zur Tierarztpraxis regnet es stärker. Die Stadt ist am Sonntag wie immer ausgestorben, nur hier und da eine Familie mit Kinderwagen, der frisch vom Adventsmarkt-Lego befüllt ist. In der Praxis sitzen wir mit vier anderen Pärchen und ungefähr sechs bedenklich glitzernden Tieren. Eine Französische Bulldogge hat eine Lichterkette gefressen und sieht aus wie ein fragiles Lampions. Ein Kaninchen – jawohl – hat eine Zuckerwatte im Fell. Der Wartebereich ist ein Museum der Fehleinschätzungen.
Die Tierärztin, Mitte dreißig, ruhige Hände, Augen wie inszenierte Geduld, winkt uns rein. »Muffin. Wie gehts uns?«
»Funkelnd«, sage ich.
»Er hat Glitzerkugeln und Bänder probiert«, ergänzt Toni, »und eventuell Zimt.«
»Zimt ist okay. Glitzer weniger. Ich spritze ihm etwas gegen Übelkeit und ihr beobachte ihn weiter. Wenn er normal frisst und trinkt, ist alles gut. – Und kein Kranz in Reichweite.«
»Das ist eine utopische Forderung«, murmele ich.
Sie lächelt knapp. »Willkommen in der Saison. Letztes Jahr hatte ich eine Ragdoll, die hat die komplette Miniaturkrippe vom Ikea gefressen. Jesus inklusive. Er kam am zweiten Weihnachtsfeiertag … wieder zur Welt.«
Ich lache zu laut und Toni tritt mir gegen den Fuß, Muffin schaut beleidigt. Die Spritze wir gesetzt, Muffin miaut kurz, dann wedelt er mit der Pfote, als wolle er der Ärztin eine Rechnung überreichen. Wir zahlen, wir gehen, und draußen hat der Regen aufgehört. Die Luft riecht nach Metall und Mandeln. Ein Straßenmusiker spielt »Last Christmas« auf einer Klarinette, als wolle er sich und uns prüfen.
»Kranz?«, fragt Toni.
»Kranz«, nicke ich und spüre, wie in mir ein unvernünftiger Ehrgeiz wächst. Wir werden einen Kranz finden, der katzensicher, feuersicher und nach was-auch-immer-heute-sicher ist. Also praktisch einen Betonring mit LED.
Auf dem Markt ist die Trennung zwischen Kitsch und Kunst nur ein Preisschild weit entfernt. Kränze in allen Variationen, von »minimalistisch« ein Stück Kordel und vier Kerzen – billigere Variante bis »barocke Apokalypse« Moos, Tannenzapfen, getrocknete Orange, fünf Engel, eine kleine Violine – teure Variante. Toni verliebt sich in einen »Nordic Hygge«-Kranz, der aussieht, als hätte jemand Skandinavien geschreddert und mit Faden zusammengehalten. Ich zeige auf einen mit sicheren LED-Kerzen, die man pusten kann, um sie zu »löschen«.
»Das ist Magie ...«, sagt Toni misstrauisch.
»Nein! Das ist Batteriebetrieb«, korrigiere ich. »Magie ist nur Marketing mit Winterjacke.«
Wir kaufen den LED-Kranz, plus ein Band, das angeblich »Katzensicherheitsstandard 2B« erfüllt. Ich vermute, das bedeutet, dass es bitter schmeckt. Die Verkäuferin schenkt uns ein Päckchen Lebkuchen dazu, lächelt, und sagt: »Schönen ersten Advent!«
Zu Hause bauen wir unsere Festung auf. Kranz auf Metalltablett. LED-Kerzen mit Timer. Muffin testweise an den Tisch gelassen, unter strengem Blick. Er schnüffelt, verzieht das Gesicht, als hätte er gerade verstanden, dass die Welt keine Gerechtigkeit kennt, und zieht ab. Ich liebe bittere Chemie.
»Langsam wirds«, sagt Toni leise. »Wir machen uns das schon schön.«
»Wir fangen zur Sicherheit von vorn an«, sage ich. »Frühstück. Kaffee. Und dann um vier Hofschmücken. Ich will wissen, wie Punsch ohne Alkohol schmeckt.«
»Nach Strafe oder tagelang getragenen Socken.«
Wir decken den Tisch neu. Es gelingt uns und der Kaffee dampft fröhlich vor sich hin. Ich schmiere Brötchen, Toni schneidet Orangen und der Kranz leuchtet mit einer vorsichtigen Würde, die mir plötzlich rührend vorkommt. Wir stoßen an, trinken, schweigen. Es ist nicht perfekt. Perfekt ist was für Prospekte. Es ist effektiv. Echt ist für Leute mit Katze.
»Weißt du noch«, sagt Toni, »letztes Jahr, als bei meinen Eltern die Lichterkette durchgebrannt ist und dein Vater ‚Das ist ein Zeichen‘ gesagt hat?«
»Ja. Ein Zeichen, dass niemand die Sicherung gefunden hat.« Ich grinse. »Dieses Jahr wird besser. Nicht perfekt, aber besser«
»Und es ist unseres.«
Um vier stehen wir im Hof. Frau Tietze hat recht: Manche Rituale retten den Verstand. Alle sind da, sogar Herr Cheng aus dem Dritten, der immer so wirkt, als würde er den Hof nur benutzen, um den Müll zivilisiert zu bewerten. Es gibt Kisten voller Lichter, Sterne aus Holz, ein Plastikrentier, das so traurig blickt, dass man es adoptieren will. Jemand hat »We Wish You a Merry Christmas« auf eine Bluetooth-Box gelegt, die Box fühlt sich angegriffen und kratzt die Töne raus.
»Ihr macht die rechte Ecke«, ordnet Frau Tietze an. »Dort, wo die Kletterhortensie alles überwuchert.«
»Wir lieben Herausforderungen«, sagt Toni, und ich höre es ihm an, wie sehr er uns gerade beweisen will, dass wir Dinge hinkriegen.
Wir klettern auf Hocker und wickeln Lichter um unkooperative Äste. Die Lichter beschließen, dass Kabelbruch im Advent kein moralisches Problem ist, sondern alljährlich. Ich halte die Leiter, Toni hantiert und redet auf die Lichter ein, als wären sie pubertierende Verwandte. Nach zehn Minuten leuchtet tatsächlich ein Teil des Gewirrs. Es sieht aus, als hätte der Hof ein Wettersignal abgesetzt.
»So«, ruft Frau Tietze, »Punschpause.«
Der Punsch schmeckt ... gut. Warm, süß, gewürzt, und nur ein Hauch von »ich wäre gern jemand anderes«. Wir stehen da, der Dampf zittert vor unseren Gesichtern, und dann passiert etwas Seltsames: Der Hof wirkt plötzlich größer. Lichter, Stimmen, eine fremde Wärme, die nicht aus der Tasse kommt. Ich schiebe meine Hand in Tonis Manteltasche, er drückt meine Finger.
»Nächstes Jahr«, sagt er, »machen wir es besser.«
»Nächstes Jahr hat Muffin schon eine Lobby im Bundestag.«
Wir lachen wieder. Nicht hysterisch. Eher erstaunt darüber, dass Lachen noch geht.
Zurück in der Wohnung ist der Kranz friedlich. Muffin schläft auf der Couch, ausgestreckt, als würde er sich schuldig fühlen wollen, aber keine Zeit dafür hat. Ich setze mich neben ihn, lege vorsichtig die Hand auf seinen Bauch. Er atmet ruhig und ich spüre das leise Vibrato seines Schnurrens, dieses mechanische Trostwerk, das Katzen in sich tragen. Toni setzt sich neben mich, fällt zur Seite, seinen Kopf auf meine Schulter.
»Wenn du’s jemandem erzählst«, murmelt er, »ich hab nicht fast geheult, als der Rauchmelder…«
»Ich? Erzählen? Niemals.« Ich halte kurz inne. »Außer meinem Tagebuch. Und meinen Therapeuten. Und allen, die ich kenne.«
Er stupst mich mit der Stirn. »Du bist schlimm.«
»Und du bist ...«
Wir sitzen so, bis die LED-Kerzen von allein ausgehen, weil selbst sie finden, man müsse irgendwann zur Ruhe kommen. Draußen rutschen Autos durch nasses Laub, irgendwer singt schief »Stille Nacht«, wahrscheinlich mit Kopfhörern, und zum ersten Mal an diesem Tag denke ich: Vielleicht ist dieser Advent nicht der Feind. Vielleicht versucht er nur, uns mit Absicht zu demütigen, damit wir kapieren, was zählt.
Bevor wir ins Bett gehen, checkt Toni Muffins Klo (glitzerfrei), füllt Wasser nach, zieht den Kranz prophylaktisch in die Mitte des Tisches und legt das bittere Band noch mal stramm. Ich blicke zum Rauchmelder an, der an der Decke hängt, als wüsste er nicht mehr, wo Norden ist. Kleine Siege.
»Weißt du«, sage ich beim Zähneputzen, »mein Vater hat immer gesagt: ‚Wenn die erste Kerze brennt, dann weißt du, wie dunkel vorher war.‘ Da war er zehn und mein Opa hatte die Kerze im Stall vergessen. Der Heuboden hats nicht überlebt.«
»Familienromantik«, murmelt Toni und spuckt aus. »Wir hatten mal einen Kunststoffbaum, der ist geschmolzen und roch nach Cola.«
Ich lache in die Zahnpastawolke. »Dann ist es heute offizielle Tradition. Zwar kein Heuboden, aber Küche«
Im Bett drehen wir uns zur Wandlampe, die in warmem Gelb so tut, als sei sie eine Kerze mit Gespür. Ich schalte sie aus. Stille. Der Tag zieht sich zurück wie eine Flut.
»Jonas?«, flüstert Toni in die Dunkelheit.
»Hm?«
»Nächsten Sonntag backen wir Plätzchen.«
»Ochhhh nöööö ... Wir haben keine Küche mehr. Es ist das reinste Schlachtfeld ...«
»Wir improvisieren. Du kaufst Teig. Ich bringe Ausstecher mit. Wir werden das schaffen.«
»Und nichts brennt oder fängt zu brennen an«, sage ich. »Gar nichts.«
»Gar nichts«, wiederholt er zuversichtlich.
Auf dem Fensterbrett reckt sich Muffin, gähnt und macht dieses kleine, lächerliche Geräusch, das irgendwo zwischen Quietschen und Seufzen liegt. Ich strecke die Hand aus, finde Tonis Fingerspitzen. Draußen flüstert die Stadt und drinnen sind wir. Die Adventszeit hat angefangen, nicht mit Chören und Schneefall, sondern mit Glitzer in der Lunge und Kaffee auf dem Tischtuch. Es ist nicht perfekt, aber es ist dennoch perfekt.
Ungefähr drei Minuten vorm Einschlafen fällt mir ein, dass der Hofrentierkopf leicht nach links hängt und die rechte Lichterkette eine Lücke hat. Es beruhigt mich auf eine gewissene Art, merkwürdig. Imperfektion als Beweis, dass noch etwas zu tun ist.
Wir wünschen euch einen wunderschönen 1. Advent.
LG Conny J. Gross & Malaike Lucas