Vergoldete Asche

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Summary

Sie war die goldene Tochter einer perfekten Welt. Er war der Schatten, den man ihr Leben lang vor ihr verborgen hatte. Als Ocean ihre gläserne Bühne in Blut verwandelt und Celeste entführt, prallen zwei Welten aufeinander: Licht gegen Dunkelheit. Lüge gegen Wahrheit. Krone gegen Chaos. Doch je tiefer sie in die zerstörten Untergründe hinabsteigt, desto schneller bricht alles zusammen, woran sie jemals geglaubt hat. Und Ocean muss entscheiden, ob er den Menschen in ihr erkennt. Oder das Monster, das seine Familie vernichtet hat. Zwischen Hass, Verrat, Krieg und brennenden Städten werden die beiden ausgerechnet dort fündig, wo sie es am wenigsten erwarten: Einander.

Status
Ongoing
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Ocean

Der Rauch hing schwer über den Ruinen, als würde die Stadt selbst noch atmen, noch leben, obwohl wir sie längst in Stücke gerissen hatten. Ich stand mit den anderen im Schatten eines halb eingestürzten Gebäudes und wartete. Warten war das Schlimmste. Nicht wegen der Angst, die kannte ich seit meiner Kindheit. Sondern wegen der Stille, die davor kam. 

Die Stille, in der jeder Fehler tödlich war.

Corvan gab ein kurzes Handzeichen. Nur ein Zucken der Finger. Für jeden normalen Bürger bedeutete es nichts. Für uns war es der Startschuss.

Bereitmachen.

Ich zog die Maske hoch, sie verdeckte nur die untere Hälfte meines Gesichts, aber das reichte. Mir war klar, dass die Purifier uns ohnehin erkennen würden — oder zumindest mich. Mein Name stand seit Jahren auf ihren Listen. Ein Schatten ohne Identität. Ein Problem, das man nicht beseitigen konnte.

Viper trat neben mich. „Zielpunkt bestätigt?“, fragte sie leise.

Ich nickte. „Fünf Minuten. Das Signal kommt von Westen, die zweite Einheit ist schon drin.”

Sie verzog keine Miene. Sie tat das selten. Aber ich sah das angespannte Zucken unter ihrem Auge. Sie wusste, dass dieser Angriff riskant war.Zuriskant, für das, was wir gewinnen konnten.

Aber das war Krieg. Und im Krieg gab es keine Alternativen.

Ich überprüfte meine Messer. Zwei an der Hüfte, eines am Handgelenk, eines an der Brust, eines hinten im Stiefel. Jedes hatte Narben hinterlassen. Manche an Feinden, manche an mir. Meine Finger glitten kurz über die scharfen Kanten. Der einzige Trost, den ich kannte, war die Verlässlichkeit von Stahl.

„Ocean?“, kam Corvans Stimme tief hinter uns.

Ich drehte mich nicht um. „Ich weiß, was ich tun muss.”

„Gut.” Er trat näher, seine Hand schwer auf meiner Schulter. „Keine Fehler. Wir brauchen sie lebend.”

Ich spürte, wie meine Zähne aufeinander schlugen.

Lebend.

Die Prinzessin.

Goldenes Aushängeschild einer Welt, die meine zerstört hatte. Eine, die wahrscheinlich nie einen Tropfen echten Regen gefühlt hatte. Eine, die jeden Tag in ihrer makellosen Lüge badete.

„Sie ist wie die anderen”, sagte ich kalt. „Geboren in Glas, blind für Blut.”

Corvan sah mich lange an. Zu lange.

„Sei nicht dumm, Junge. Sie ist wertvoller als du denkst.”

Ich riss mich los und ging ein paar Schritte nach vorne, die Hände in Fäusten. Ich hasste, wenn er mich so nannte. Junge. Als wäre ich noch der verängstigte Zwölfjährige, den sie aus den Rohren gezogen hatten.

„Ich werde sie holen”, sagte ich knapp. „Und wenn sie schreit, mach ich’s schneller.”

Viper stieß ein kurzes, humorloses Geräusch aus.

„Du klingst, als würdest du dich drauf freuen.”

„Tue ich nicht.”

Ich log. Ein Teil von mir tat es.

Die goldene Erbin. Celeste Varek.

Ich hatte sie nie gesehen, aber jeder kannte ihr Gesicht.

Das Lächeln, das mehr Wert hatte als hundert Leben im Untergrund. Die Reinheit, die sie verkörpern sollte. Reinheit. Was für ein verlogenes Wort.

Ein Funksignal knackte leise in meinem Ohr.

„Positionen einnehmen”, flüsterte Ghost. „Die Rede beginnt.”

Ich atmete einmal tief durch, schob alles zur Seite

Die Wut, die Erinnerungen, die Stimmen meiner Vergangenheit.

Und ließ nur das übrig, was ich brauchte: Klarheit. Berechnung. Präzision.

Wir bewegten uns gleichzeitig. Schatten im Schatten.

Unter unseren Füßen vibrierte der Boden. Musik hallte von den Lautsprecherwänden der Oberschicht herab.

Jubel.

Applaus.

All die Dinge, die man erzwingen konnte, wenn man genug Menschen tötete.

Ich erreichte den Tunnel unter der Hauptbühne. Die Hitze war erdrückend, die Wände gläsern und makellos wie immer. Perfektion, die kotzen ließ.

Über uns begann ihre Stimme zu sprechen. Warm. Klar. Gefährlich.

Sie wusste nicht, dass Worte töten konnten.

Ich hörte, wie sie sagte:

„Heute feiern wir Harmonie.”

Harmonie.

Ich lachte leise, dunkel, heiser.

Dann detonierten die ersten Sprengsätze.

Ich fühlte den Druck in der Brust, den Ruck durch die Tunnelwände. Schreie drangen durch den Beton. Der Boden vibrierte. Und ich?

Ich wurde ruhiger.

Das war der Teil, in dem ich gut war.

Ich rannte hoch, sprang durch einen Wartungsschacht und brach in den Seitengang der Bühne ein. Purifier waren bereits in Alarmstellung. Einer sah mich, doch der arme Kerl war zu langsam. Meine Klinge durchtrennte seine Luftröhre, glitt mühelos durch Sehnen und Muskeln.

Ein kurzes Röcheln erklang.

Blut glitt warm über meine Finger.

Ich bahnte mir den Weg durch zwei weitere Wachen. Geräuschlos. Effizient.

Und dann sah ich sie zum ersten Mal.

Sie stand am Bühnenrand, das Licht fiel weich auf ihre Haare, als wäre sie nicht aus der Welt, die uns alle vergiftet hatte. Ihr Blick war entsetzt, verwirrt, aber nicht leer.

Nicht tot.

Noch nicht.

Unsere Augen trafen sich.

Ihre weiteten sich.

Meine verengten sich.

Ich stieg aus dem Schatten.

Und wusste sofort:

Dieses Mädchen würde mein Leben ruinieren.

Oder ich ihres.

Wahrscheinlich beide.

Doch bevor ein einziger Gedanke zu weit gehen konnte, war mein Körper schon schneller:

Meine Hand packte sie an ihren Haaren, zog sie an mich und presste ihr das Tuch auf den Mund, getränkt in einem der stärksten Betäubungsmittel, die wir im Untergrund hatten.

Sie versuchte wegzuzucken, doch ich hielt sie fest.

Ihre Augen weiteten sich.

„Keine Panik. Schlaf, Prinzessin.”

Sekunden später sanken ihre Lider zu, und ihr goldener Körper brach gegen meine Brust.


Der Geruch des Betäubungsmittels klebte noch immer in meiner Nase, an meinen Händen, während wir durch die schmalen Gänge rannten. Celestes Körper hing über meiner Schulter wie ein lebloses Paket. Ihr Oberkörper baumelte von links nach rechts, wie das Pendel einer Kuckucksuhr. Zum Glück bewirkte das Mittel Wunder, denn sie gab keinen Mucks von sich, so als wäre sie bereits tot.

Welch ein Jammer das aber auch wäre.

Dann wüsste die Elite endlich, wie es ist, jemanden Geliebten zu verlieren. Würden diesen grässlichen Schmerz durch ihren Körper pulsieren fühlen.

Ein Grinsen zeichnete sich auf meinen Lippen ab.

Hinter uns hallten gedämpfte Explosionen durch die Tunnel. Die Purifier waren bereits auf unseren Fersen. Ich erkannte ihr Stampfen sofort. Es war schwer, tief und absolut synchron. Eine Maschine aus Menschen, die nur dafür gebaut worden waren, uns zu jagen und auszuschalten.

Viper lief voraus. Ihre Schritte waren leise, aber schnell. Als sie sich zu mir umdrehte, glitt ein kurzer Blick an Celeste herunter. Er war kalt, wertend, vollkommen frei von Mitleid.

So wurde es uns beigebracht: Kein Mitleid zeigen. Das würde uns nur im Untergrund das Leben kosten.

„Hält sie noch?“, fragte sie angestrengt.

„Sie atmet. Mehr muss sie nicht“, antwortete ich gefühllos.

Corvan rannte hinter mir. Er hielt sich die Seite, doch er blieb nicht stehen. Sein Blut tropfte in unregelmäßigen Abständen auf den Boden. Er ignorierte es wie immer.

„Wir müssen weiter nach unten“, sagte er. Seine Stimme klang gepresst. „Die oberen Ebenen sind verloren.“

Ich nickte knapp. Reden war Zeitverschwendung. Jeder unnötige Atemzug störte meinen Fokus.

Ein Lichtstrahl schoss an uns vorbei und traf die Wand. Beton splitterte und fiel wie Staubregen über uns herab. Ein weiterer Schuss folgte. Ich drückte Celeste fester an mich und rannte schneller. Sie war leicht, viel zu leicht für jemanden aus dieser Welt. Offenbar härtete ein Leben in Gold nicht ab.

Es machte weich. Schwach. Blind.

Viper bog abrupt nach links ab. Ich folgte ihr, ohne zu zögern. Ein falscher Weg bedeutete den Tod. Die Purifier hatten einen Scanner, der Bewegungen im Untergrund erfasste. Wir konnten uns keine Sekunde leisten.

„Ghost?“, flüsterte Viper in ihr Funkgerät. „Wo lang?“

Rauschen. Dann eine verzerrte Antwort. „Zehn Meter weiter befindet sich eine alte Versorgungstür. Wenn ihr es dorthin schafft, kann ich sie schließen.“

„Wenn?“, wiederholte ich schnaubend.

Ghost antwortete nicht. Das allein sagte genug.

Na herzlichen Dank auch.

Wir erreichten den schmalen Korridor, der zur besagten Tür führte. Sie war groß, rostig und halb verkeilt. Ich setzte Celeste kurz auf den Boden ab, drückte ihren Körper gegen die Wand und trat mit voller Wucht gegen das Metall.

Es bewegte sich kaum.

Ich trat erneut dagegen. Diesmal sprang das Scharnier. Die Tür ächzte, dann knickte sie nach innen weg. Ich schnappte mir Celeste sofort wieder, bevor sie ihren Kopf gegen den Boden schlagen konnte. Nicht aus Fürsorge. Sondern weil wir sie brauchten. Sie lebend zu transportieren war meine Aufgabe. Nicht mehr.

Wir rutschten durch den schmalen Spalt in den Versorgungsschacht. Der Gestank war beißend. Feucht. Modernd. Genau der Ort, in dem niemand aus ihrer Welt jemals einen Fuß setzen würde.

Corvan schloss als letzter auf. Jetzt waren wir in fast völliger Dunkelheit. Nur ein schwaches, flackerndes Licht glomm am Ende der Röhre.

Ich spürte, wie der Boden unter uns vibrierte. Die Purifier hatten die Tür erreicht. Metall donnerte unter ihren Schlägen.

„Sie kommen gleich durch“, zischte Viper.

„Ich weiß, verdammt!“, murmelte ich.

Ich änderte Celestes Position auf meiner Schulter, um schneller rennen zu können. Sie war nichts weiter als eine Geisel, die mehr wert war als jeder von uns. Ein Auftrag, der uns allen das Leben kosten könnte.

Wir liefen tiefer in die Dunkelheit. Der Tunnel verengte sich nur noch mehr.

"Ein Glück, das ich keine Klaustrophobie habe.", murmelte Corvan hinter mir.

Das Wasser stand uns mittlerweile bis zu den Knöcheln.

Jeder Schritt war laut.

Jeder Schritt ein Risiko.

„Noch weiter“, drängte Corvan.

Ich hörte mein eigenes Atmen rauer werden. Nicht aus Erschöpfung. Aus Zorn. Der Zorn, der mich seit Jahren begleitete. Der Zorn, der nie verschwand. Ich spürte ihn wieder einmal, wie er durch meine Adern kroch, wie ein alter Feind, der nie ganz verschwunden war.

Diese goldene Erbin hatte keine Ahnung, in welcher Welt sie wirklich lebte. In ihrer Welt standen Bühnen und Kameras und glänzende Lügen. In meiner Welt starben Kinder, während ihre Leute ihnen die Kehlen aufschlitzten.

Ich sah zu ihr hinunter. Ihr Gesicht war blass. Die Betäubung hielt. Bewusstlos war sie am erträglichsten.

Purifierstimmen drangen schwach durch die Gänge.

„Zielperson gesichert? Überprüfung läuft.“

Ich hielt sie fester.

Sie gehörte uns. Bis sie ihren Zweck erfüllt hatte.

Und dann werde ich sie umbringen, genauso wie ihr Vater meine Familie vor meinen Augen kaltblütig umgebracht hat.

Die Eliten waren nichts weiter als blutrünstige Mörder, die ihren ach so privilegierte Reinheit vor der Dunkelheit bewahren wollten.

Reinheit, was für ein Bullshit.

„Ocean“, rief Corvan. „Weiter nach rechts. Der Schacht führt zur nächsten Ebene.“

Ich nickte, obwohl er es nicht sehen konnte.

Meine Augen flackerten kurz zur Prinzessin. In dem fahlen Licht konnte ich ihre Kontur erkennen.

Sie sah in diesem Zustand verletzlich aus.

Aber verletzlich bedeutete nichts.

Verletzlich bedeutete nur leichter zu brechen.

Und es gab viel in dieser Welt, das gebrochen werden musste.

„Bewegung“, zischte ich.

Meine Stimme schnitt durch die Dunkelheit.

„Wir bringen sie raus. Egal wie viele von ihnen sterben müssen.“

Und wir rannten weiter, tiefer in die Finsternis, während über uns eine goldene Stadt zu Asche zerfiel.