Mentale Quarantäne

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Summary

Das Leben führt uns auf Wege, die wir nicht kommen sehen. Wege, die sich oft aus den kleinsten Entscheidungen formen. Ein einziger Schritt, ein Augenblick des Zögerns, ein Flüstern des Herzens statt der Vernunft genügt, um einen Sturm auszulösen. Manche Entscheidungen bringen Licht, andere Schatten. Und manchmal ahnen wir erst viel zu spät, welchen Preis wir für sie zahlen müssen. Für ein siebzehnjähriges Mädchen wird aus einer unschuldigen Entscheidung ein Albtraum: Vier Jungen sind tot und sie ist die Hauptverdächtige. Während sie der Kommissarin ihre Geschichte erzählt, entfaltet sich ein Netz aus Liebe, Manipulation und Verrat. Zwischen Gegenwart und Vergangenheit kämpft sie um die Wahrheit: Wer waren diese Jungen wirklich? Warum hinterließ ausgerechnet er die tiefste Wunde? Am Ende bleibt nur eine Frage: Wieviel Wahrheit verträgt ein Herz, das längst gebrochen ist?

Genre
Romance/Drama
Author
su
Status
Ongoing
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
18+

Der Beginn meiner Schuld

„Bereits siebzehn Minuten sind seit deiner Ankunft vergangen!“, zischt die Frau mit dem zu eng gebundenen Zopf.

Für den Bruchteil einer Sekunde hält sie mir ihre Armbanduhr vor die Augen, doch in dieser kurzen Zeit gelingt es mir nicht, die genaue Uhrzeit zu erkennen.

Hinter ihr hängt an der Wand eine weitere analoge Uhr, die mir hilft, die verstrichene Zeit festzustellen: fünf nach halb sechs. Ich senke den Blick und bemerke, dass ich mit Handschellen an eine Metallstange gefesselt bin, die fest mit dem Tisch verbunden ist.

„Ich möchte nur nach Hause…“, flüstere ich und spüre den schweren Stein auf meinem Herzen. „Zurück zu meinen Eltern.“

„Nachdem dich die Polizei im Haus der Familie Lee aufgefunden hat?“, fragt die Frau ungläubig. „Kind, mit dir waren in diesem Raum vier weitere Personen! Wie sollen wir dich einfach gehen lassen? Du wirst des vierfachen Mordes beschuldigt!“

„Aber ich war es nicht!“, entgegne ich, plötzlich lauter. Für einen Moment tauchen die Bilder wieder auf — diese kalten Augen, dieses unbarmherzige Lachen, diese Stimmen. „Ich war es nicht.“ Diesmal klingt meine Stimme brüchig.

„Die Beweise sprechen gegen dich“, meint die Frau ruhig und nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. Eine dünne Dampfwolke steigt aus dem Becher, tanzt im Licht, bevor sie sich auflöst.

Ich senke den Blick auf meinen Schoß. Die Sporthose, die ich trage, ist mit Blut befleckt. Es ist längst getrocknet, und doch klebt der Stoff noch immer an meiner Haut. Diese Hose gehört nicht mir. Woher habe ich sie? Am liebsten würde ich den Stoff von meiner Haut ziehen, weil er so an mir haftet, doch meine Hände sind dazu nicht in der Lage. Die Handschellen schneiden in mein Handgelenk und jedes Zucken macht es schlimmer.

Ich hebe den Blick wieder zu der Frau. Sie mustert mich, als wolle sie meine Gedanken lesen. Ihre Augen sind zu schmalen Schlitzen verengt, und die Finger ihrer rechten Hand, die noch immer die Tasse umklammern, trommeln im gleichmäßigen Rhythmus gegen den Keramikrand.

„Warum bist du so nervös?“, fragt die Frau und lehnt sich in ihrem Sessel zurück. Ihre Hand ruht weiterhin auf dem Tisch, die Finger umklammern den Kaffee, als hinge ihr Leben davon ab. „Ich merke es, wenn jemandem etwas auf dem Herzen liegt. Hier hast du die Chance, mir deine Sicht der Dinge zu erzählen. Nutze sie.“

„Ich soll mich einer vollkommen Fremden anvertrauen?“, zische ich und schüttle den Kopf. „Ich kenne nicht einmal Ihren Namen.“

„Dann hast du wohl nicht zugehört“, sagt sie und erhebt sich ruckartig. „Mein Name ist Jocelyn Arden. Ich bin Hauptkommissarin und leite die Mordermittlung.“

Es ist äußerst nervtötend, dass sie mich durchgehend mit „du“ anspricht, während ich weiterhin auf höfliche Redeweise achte. Aber ich werde nicht darauf eingehen. Das ist schon in Ordnung. Soll sie machen. Ich bin nicht in der Position, Sonderwünsche zu äußern.

„Dann entschuldige ich mich für meine Unachtsamkeit“, murmele ich. Jocelyn nickt knapp. „Es klingt zwar missverständlich, aber ich weiß nicht, was ich Ihnen erzählen soll.“

Sie zieht eine Akte aus ihrer schwarzen Ledertasche. Ich bin mir nicht sicher, ob das Leder echt ist oder nur eine Imitation. Im Vergleich zu ihr wirkt die Tasche fast neu. Jocelyn selbst sieht aus, als könnte sie ein warmes Bad und einen erholsamen Schlaf gebrauchen. Verständlich, schließlich ist Freitagabend. Wahrscheinlich wollte sie gerade ihren Feierabend antreten, als ich hierhergebracht wurde, und nun muss sie sich mit einer Jugendlichen beschäftigen, die sich weigert, in klaren Sätzen zu sprechen.

„Das hier sind die Fotos der Opfer von heute Abend“, sagt Jocelyn und breitet vier mittelgroße Papiere auf dem Tisch aus.

Das erste Bild zeigt einen Jungen mit schwarzem, welligem Haar und tiefbraunen Augen. Seine buschigen Augenbrauen und der dunkle Teint passen perfekt zu seinem Gesicht. Sie tippt auf das Foto. „Elias Amirmoez.“

Auf dem zweiten Foto lächelt ein bildhübscher Junge mit glatten, schulterlangen blonden Haaren. Seine blauen Augen scheinen direkt in meine Seele zu starren. Ein Kloß sitzt mir im Hals, meine Hände zittern leicht, und der Magen zieht sich zusammen. „Gilian Schmidt.“

Das dritte Foto zeigt einen Jungen mit leicht gebräuntem Teint und schulterlangem, hellbraunem Haar, das er in Braids trägt. Seine großen, braunen Augen wirken unschuldig als könnten sie allein die Herzen der Menschen erweichen. Ich schlucke schwer, mein Atem wird flach, und für einen Moment verschwimmt alles um mich herum. „Navid Irvani.“

Ich kenne diese Gesichter. Aber das sind nicht die Menschen, die ich einst kannte. Entweder trugen sie immer eine Maske, oder die Zeit hat sie zu denen gemacht, die sie zuletzt waren. Mein Herz zieht sich zusammen, die Scham und Angst schnüren mich. Ich kämpfe dagegen an, dass die Erinnerungen überhandnehmen. Ich darf hier keinen Zusammenbruch zeigen, nicht vor ihr.

„Matthew Lee“, sagt Jocelyn schließlich und tippt auf das vierte Foto.

Ein Junge mit asiatischen Wurzeln blickt mich an. Schwarzes, glattes Haar, fast schwarze Augen; ich könnte dieses Gesicht nie vergessen. Ein leises Lächeln huscht über meine Lippen. Mein Herz verkrampft erneut, aber diesmal nicht vor Trauer. Stattdessen ist da eine Mischung aus Schmerz und Angst, gepaart mit dem Wissen, dass ich dieses Gesicht wohl nur noch auf Fotos sehen werde. Ich zittere leicht an den Händen, atme flach, und spüre, wie die Kontrolle über meinen Körper für einen Moment entgleitet.

„Wie gut warst du mit ihnen befreundet?“, fragt die Kommissarin und fixiert mich erneut. Ihre prüfenden Augen bohren sich in meine. „Was kann nur passiert sein, dass du dich dazu entschlossen hast, dem Leben dieser vier jungen Männer ein Ende zu setzen?“

Sie weiß die Antwort vermutlich längst, doch sie will sie von mir hören.

Ich zucke mit den Schultern und schniefe leise. Meine Nase kann ich mir ohnehin nicht putzen. „Ist das denn wichtig? Offenbar war die Bekanntschaft nicht gut genug.“

„Warum sagst du das?“ Die Frau will zu mir durchdringen, aber das lasse ich nicht zu. „Waren sie gute Freunde von dir? Sie alle waren fast zwei Jahre älter. Welche Gemeinsamkeiten hattet ihr, dass euch das Leben zusammengeführt hat?“

Gemeinsamkeiten? Vielleicht die gleiche kleine Stadt, in der man sich zwangsläufig über den Weg läuft. Freunde, die einem in den Rücken fallen und trotzdem unschuldig lächeln. In dieser Stadt haben so viele Menschen Gemeinsamkeiten, aber diese Frau wird sie nie verstehen.

Wieder zucke ich mit den Schultern. „Keine, eigentlich. Irgendwie haben wir uns gefunden. Das war’s.“

Die Kommissarin blickt mich schweigend an. Ihre Augen verraten, dass ihr meine Antworten nicht gefallen. Verdammt, selbst mir gefallen sie nicht. Aber ich will nicht über das reden, was in diesem Raum geschehen ist. Am liebsten würde ich den Teil meines Gehirns herausschneiden, der diese Erinnerungen bewahrt. Ich will nicht mehr denken. Ich will nicht mehr fühlen. Es ist mir alles egal.

Warum räumt sie diese Fotos nicht wieder in ihre luxuriöse Ledertasche? Will sie mich mit ihrem Anblick quälen? Eine Reaktion aus mir herauspressen?

„Warum verdächtigen Sie mich, die Morde begangen zu haben?“, zische ich. „Ich war doch diejenige, die die Polizei gerufen hat!“

„Dass du den Anruf getätigt hast, ist kein Beweis für deine Unschuld“, erwidert sie ruhig und dieses Mal zuckt sie mit den Schultern. Also will sie mich wirklich provozieren. „Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass du mir problemlos den Tathergang schildern könntest. Schließlich saßt du mitten unter den Verstorbenen. Du weißt, was geschehen ist. Und wenn du diese Morde nicht begangen hast, solltest du doch kein Problem damit haben, mir zu sagen, wer es war. Oder?“

Was soll das bringen? Sie redet, als könnte sie jede Wahrheit der Welt einfach so ertragen. Aber was passiert, wenn ich ihr wirklich alles erzähle? Wird sie das Motiv begreifen? Nein. Sie wird alles auseinandernehmen, jedes Detail analysieren und nur als Fakten betrachten. Ich will einfach nur nach Hause. Zurück zu meinen Eltern.

Dieser Raum ist kalt. Und die Kommissarin – unbarmherzig. Sie interessiert sich nicht für meine Gefühle. Für sie zählt nur die Ermittlung. Ich verstehe sie, ja. Aber ich bin doch auch nur ein Mensch.

„Dann stecken Sie mich doch gleich in eine Zelle!“, entgegne ich. „Anscheinend ist heutzutage vollkommen egal, wer schuldig ist und wer unschuldig.“

„Aus genau diesem Grund sitzen wir hier“, sagt sie, ihr Ton nun ein wenig strenger. Ist ihre Geduld am Ende? „Wenn ich nicht deinen Teil der Geschichte hören wollte, hätte ich nicht siebzehn Minuten lang dein Schweigen ertragen. Und dennoch wehrst du dich mit aller Macht dagegen, mir irgendetwas zu erzählen. Wie sollen wir deiner Meinung nach vorgehen?“

Warum fragt sie mich das? Bin ich die Kommissarin? Kenne ich mich mit den Gesetzen aus? Was soll das hier? Am besten schweige ich. Vielleicht merkt sie dann, dass ihre Fragen absurd sind und hört auf.

„Nun gut“, sagt sie schließlich. „Ich gebe dir zwei Optionen: Entweder du sprichst mit mir und erklärst, warum du in diesem Zimmer warst, oder deine Eltern können dich auf der anderen Seite der Glaswand im Besucherraum sehen.“

Meine Mutter wäre am Boden zerstört, wenn sie mich an diesem Ort sehen würde. Das Schlimmste ist, dass sie die Schuld nicht bei mir, sondern bei sich selbst suchen würde. Sie hat schon genug ertragen müssen. Und mein Vater? Er war immer der, der mir den Rücken gestärkt hat. Ein Vater, wie ihn sich jede Tochter nur wünschen kann. Wenn ich weiß, dass sie so sind, wie nehme ich mir dann das Recht, sie mit meinem Verhalten zu enttäuschen?

„Das möchte ich nicht“, sage ich leise und spüre, wie sich ein Knoten in meiner Brust zusammenzieht. Ich weiß, dass ich noch nicht bereit bin, zu erzählen. Zumindest nicht über heute Abend.

„Was möchtest du nicht?“, fragt Jocelyn. Eine ihrer Augenbrauen hebt sich leicht. Sie ist aufmerksam, aber vorsichtig.

„Eine Enttäuschung für meine Eltern sein“, gestehe ich schließlich.

Jocelyn hält meinen Blick fest. Ich merke, dass sie mich langsam aus meinem Versteck zieht und dass ich es zulasse.

„Ich werde Ihnen alles erzählen“, sage ich, und meine Stimme klingt brüchig, aber entschlossen. „Nur… lassen Sie es mich auf meine Weise tun.“

Die Frau schweigt. Vielleicht versteht sie nicht ganz, was ich meine. Vielleicht will sie mich einfach reden lassen.

„Ich kann Ihnen nicht sofort vom heutigen Abend berichten“, meine ich.

„Sondern?“, fragt sie leise.

„Ich möchte am Anfang beginnen“, antworte ich. „Ich will Ihnen erzählen, wie ich die Jungen kennengelernt habe und was uns wirklich miteinander verbunden hat.“