PROLOG – RAVEN (16)
Die Nacht im Trailerpark war wie so viele davor: kalt, laut und schwer. Der Wind drückte gegen die dünnen Wände unseres rostigen Metallkastens, und das flackernde Licht der einzigen Straßenlaterne warf bewegte Schatten an meine Zimmerdecke, die wie zerrissene Hände wirkten, die nach mir greifen wollten. Ich lag seit Stunden wach, halb angezogen, halb bereit zu fliehen, meinen kleinen Rucksack neben dem Bett. Er war seit Monaten gepackt, nur für den Fall, dass dieses „irgendwann“ endlich kam.
Aus dem Wohnzimmer drang das dumpfe Murmeln zweier Männerstimmen zu mir herüber, begleitet vom Kratzen eines Feuerzeugs und dem trockenen Lachen meiner Mutter. Ihr Tonfall verriet alles: Sie hatte wieder zu viel genommen, viel zu viel, um zu merken, wer durch ihre Tür ging oder wohin ihre Tochter sich zurückzog. Seit Jahren war ich in diesem Haus der einzige Mensch, der auf mich selbst aufpasste — und spätestens heute wusste ich, dass ich damit recht behalten würde.
Ich drehte mich auf die Seite und zog die Decke enger um die Schultern. Schlaf wäre schön gewesen. Einmal. Aber ich hatte nie tief geschlafen, nicht hier, nicht mit all den Männern, die kamen, lachten, flüsterten, Türen verwechselten. Deshalb schloss ich mein Zimmer immer ab, jede Nacht, bevor ich überhaupt meine Schuhe auszog. Sicherheit war hier kein Zustand, sondern eine Illusion, die mit einem einzigen falschen Geräusch zerbrechen konnte.
Genau so eines hörte ich in diesem Moment.
Ein leises Klicken. Metall. Die Türklinke.
Ich erstarrte. Ich hatte abgeschlossen. Ich war mir sicher, immer.
Das Atmen in meinem eigenen Körper wurde plötzlich fremd, zu laut, zu schnell. Ich richtete mich langsam auf und griff nach dem Rucksack, den ich instinktiv zu mir zog. Die Tür öffnete sich einen Spalt, einen Zentimeter, dann zwei. Das Licht aus dem Flur fiel wie ein dünner Schnitt ins Zimmer.
Ein Mann schob sich hinein. Der Geruch aus seinen Klamotten — Rauch, abgestandener Alkohol, Schweiß — traf mich wie eine kalte Hand im Gesicht. Er sah sich um, blickte auf mein Bett, dann auf mich. Das Lächeln, das sich über seine Lippen schob, war das hässlichste, das ich je gesehen hatte.
„Tja“, murmelte er und stützte sich an meinem Türrahmen ab, „wenn deine Mutter nicht zahlen kann, dann muss eben jemand anderes ran, hm?“
Er machte einen Schritt auf mich zu.
Ich fühlte keinen Gedanken, nur reinen Impuls. Mein Körper wusste schneller als ich selbst, dass ich jetzt handeln musste. Ich sprang vom Bett, wollte an ihm vorbeischlüpfen, doch er griff nach meinem Arm. Sein Griff war fest, schmerzhaft und voller Selbstverständlichkeit. Ich riss mich los, trat reflexhaft zu, hart und ohne Zögern, traf ihn genau dort, wo es einen Mann sofort schwächer macht. Er krümmte sich, stieß einen heiseren Fluch aus, und in diesem winzigen, zitternden Moment Freiheit packte ich den Rucksack und rannte zum Fenster.
Aus dem Wohnzimmer hörte ich eine zweite Stimme, diese tiefer, wacher, verärgert: „Was soll der Krach? Wo ist sie?“ Ein Stuhl schabte über den Boden. Das Klirren einer Flasche. Schritte.
Ich schob das Fenster nach oben, das Metall quietschte schrill, und der kalte Nachtwind schlug mir entgegen. Ohne Schuhe, ohne Plan, nur mit einem Herz, das viel zu laut schlug, schwang ich mich hinaus und landete im nassen Gras hinter dem Trailer. Der Boden brannte unter meinen nackten Füßen, doch ich lief trotzdem los.
Ich rannte über den Hof, vorbei an den Mülltonnen, an dem ausgeweideten Auto, das seit Monaten niemand reparierte, vorbei an den Schatten der anderen Trailer, die wie stumme Zeugen der Dinge standen, die man nachts nicht laut aussprach. Hinter mir fiel eine Tür auf, Stimmen wurden lauter, jemand rief meinen Namen, doch ich sah nicht zurück. Ich hatte Angst, dass ich dann stehen bleiben würde, und wenn ich stehen blieb, war alles vorbei.
Die Straße vor mir glänzte im schwachen Licht der Laterne. Ein Auto kam die Kurve herunter, die Scheinwerfer trafen mich und ließen mich blinzeln. Ich duckte mich in den Schatten, stolperte, fing mich, rannte weiter, bis meine Beine brannten und mein Atem nur noch in scharfen Stößen aus meiner Kehle brach.
Erst als ich weit genug weg war, dass mich niemand mehr sehen konnte, blieb ich stehen. Meine Hände zitterten. Meine Lippen brannten vor Kälte. Mein Herz schlug wie ein wilder Vogel in meiner Brust, der nur einen Gedanken kannte: Freiheit.
Ich wischte mir mit dem Ärmel über die Augen und blickte ein letztes Mal zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war. Da war kein Zuhause. Da war nur ein Ort, an dem ich nie wieder leben wollte.
„Ich schaffe das“, flüsterte ich in die Dunkelheit, und obwohl es kaum ein Ton war, hörte ich die Stärke darin. Ich zog den Rucksack fester an mich, atmete einmal tief durch und ging weiter.
Niemand hatte mich in diesem Leben je gerettet.
Also würde ich es selbst tun.