Ein Blumenstrauß für eine Kollegin

August – Donnerstagmorgen.
Heute bin ich etwas zeitiger aufgestanden, weil ich noch ein paar Blumen kaufen will. Meine Kollegin hat heute Geburtstag. Der Blumenladen im Einkaufscenter ist um diese Zeit noch geschlossen, aber ich habe in der Nähe eines kleinen italienischen Bistros einen Blumenladen entdeckt der schon ab 8 Uhr geöffnet hat.
„Hallo, guten Morgen, ich möchte gern einen kleinen Blumenstrauß. Er soll für eine Frau zum Geburtstag sein, aber bitte keine Rosen.”
Die kleine rothaarige Verkäuferin zeigt mir zwei kleine Sträuße. Ich schätze sie auf Mitte vierzig und irgendwie habe ich das Gefühl, dieses Gesicht zu kennen, sehr gut sogar.
„Ja, der linke Strauß dort gefällt mir sehr gut, den würde ich gern nehmen… Sagen Sie mal, kennen wir uns vielleicht von früher? Ich habe das Gefühl, dass wir uns schon mal irgendwo begegnet sind.“
„Oh…“,
sie hält kurz inne und überlegt…
„Deine Stimme? … oder vielleicht ist es die Art, wie du fragst? Ich habe gerade so ein komisches Gefühl im Bauch. Sag mal, warst du vielleicht auf dem Lessing-Gymnasium? Ich glaube mich zu erinnern, ich war in der Elften und du… in der Zehnten oder Neunten? Du warst so ein kleiner, stiller Beobachter, der immer in der Ecke saß, aber genau hingeschaut hat, wenn ich mit den Mädels rumgealbert habe. Damals hatten wir das Gefühl, dass du uns gern beobachtet hast. Die Mädels hatten schon Scherze über dich gemacht, du wärst wohl mein stiller Verehrer oder so etwas und eine meinte, du stündest bestimmt auf mich und meine roten Locken. Wir haben viel gelacht damals und das Ganze nicht weiter ernst genommen.
Wenn du der bist, den ich gerade im Kopf hab… dann ist das ja fast schon unheimlich, dass du nach so langer Zeit zu mir in den Laden kommst und Blumen kaufen möchtest.”
Ihr Blick streift mich mehrmals neugierig, etwas Geheimnisvolles liegt in ihrem Gesicht und die Erinnerungen an meine damalige Verliebtheit werden wieder wach.
„Ja, genau, du bist Rosalie, die kleine Rosalie. Ich fand dich damals richtig toll, als ich in der Zehnten war, aber ich hatte immer das Gefühl, dass die Jungs aus den unteren Klassenstufen für euch Luft waren.”
„Oh… wow. Du bist es ja wirklich. Der stille, unauffällige Junge, … aus der zehnten Klasse warst du also und hast uns immer beobachtet und alles mitgekriegt.”
Ihre Wangen röten sich und sie wirkt etwas verlegen, was sie sofort jünger wirken lässt.
Ich sehe sie wieder genau vor mir, die kleine Rosalie mit den langen roten Locken von damals. Sie ist älter geworden und reifer aber sie hat überhaupt nichts von ihrem alten Zauber eingebüßt. Immer noch 150 bis 160 cm groß, immer noch diese feuerroten Locken, etwas kürzer und wilder als damals aber immer noch sehr anziehend für mich und ihre grünen Augen beginnen das alte Feuer in mir wieder zu entfachen.
„Weißt du, was komisch ist? Ich habe es damals tatsächlich gemerkt, dass da jemand war, der… na ja, der zu mir geschaut hat. Aber ich war ja total in meiner eigenen Welt – mit den Mädels, den verrückten Geschichten und den Jungs, die uns lautstark den Hof gemacht haben. Du warst nur der stille Junge aus einer unteren Klassenstufe. Der kleine Spanner, der immer da war und uns belauscht hat. Ich hätte mich damals nie getraut, dich anzusprechen, schon wegen der anderen Mädchen. Aber rückblickend finde ich das irgendwie ein bisschen schade…, dass ich damals nicht den Mut hatte, dich aus deiner stillen Ecke zu locken.
Aber was solls … jetzt stehst du hier, kaufst Blumen bei mir und wir quatschen, als wäre nichts gewesen. Das Leben macht echt die seltsamsten Schleifen, oder?“
„Da magst du wohl Recht haben.”
Ich bin ziemlich aufgewühlt und etwas durcheinander.
„Also dieser Strauß soll es sein? Der mit den gelben Tulpen, den verschiedenen Gerbera und dem zarten Rosa? Okay, ich pack ihn dir besonders hübsch ein. Für eine Frau, sagst du, stehst du ihr näher? Aber nein, du wolltest ja keine Rosen … vielleicht eine Kollegin?
Ich finde, der Strauß ist eine gute Wahl. Ich binde noch etwas Schleierkraut dazu, das macht ihn etwas verträumter. Passt zu… na ja, zu so einem Moment wie diesem hier vielleicht.
Aber sag mal ehrlich, ist der Strauß wirklich nur für eine Freundin oder für eine Kollegin? Oder bist du etwa nicht ganz zufällig in meinen Laden gekommen?
Ich frag mich gerade, ob du immer noch so ein stiller Beobachter bist oder ob du inzwischen auch mutiger geworden bist.”
„Naja, der Strauß ist wirklich für eine Kollegin von mir. Sie hat heute Geburtstag und meinen Damen schenke ich immer Blumen. Dass ich heute gerade hier reingeschaut habe, ist tatsächlich kein Zufall, dein Laden ist der Einzige, der schon um 8 Uhr geöffnet hat. Ich finde es ja spannend, dass du dich tatsächlich noch so gut an mich, den schüchternen Tom aus der 10. Klasse, erinnerst. … Rosalie, ich würde mich jetzt wahnsinnig gern weiter mit dir unterhalten, aber ich muss zur Arbeit und die Blumen würde ich gern mitnehmen.
Aber vielleicht könnten wir uns heute Abend oder irgendwann später mal treffen. Kennst du vielleicht das kleine Bistro ‚Firenze‘ hier in der Straße? ”
„Oh Tom… der schüchterne Tom aus der 10. Klasse. Jetzt, wo du es sagst, sehe ich dich wieder ziemlich klar vor mir – immer mit diesem leicht schiefen Lächeln, wenn du dachtest, niemand sieht dich. Und jetzt stehst du hier, lächelst immer noch genauso wie damals und schenkst einer deiner Damen Blumen. Das klingt nach einem richtig netten Menschen, weißt du das?”
Sie hat das Schleierkraut in den Strauß gebunden. Dann wickelt sie ihn ein und bindet eine kleine Karte ‚Herzlichen Glückwunsch‘ an den Strauß.
„Ja… das Bistro ‚Firenze‘ kenn ich. Sehr gut sogar. Da gibt es einen kleinen Innenhof mit Lichterketten und Efeu … und die beste Bruschetta der Stadt. Ich bin da ab und zu, meistens allein mit einem Buch und manchmal auch mit meiner besseren Hälfte, wenn sie mal Zeit hat. Aber heute Abend… könnte ich mir vorstellen, dass ich sehr gerne und nicht ganz zufällig da bin. Sagen wir so gegen 19:30 Uhr? Ich setz mich gerne an den kleinen Tisch ganz hinten links, den mit dem Efeu darüber. Wenn du heute nach der Geburtstagsfeier noch Zeit hast, komm gerne vorbei. Dann hätten wir etwas Zeit zum Quatschen, wie’s so weitergegangen ist… Bis heute Abend?“
„Die Kollegin treffe ich nicht heute Abend, sondern gleich auf der Arbeit. Heute Abend 19:30 passt gut, ich freu mich echt, dass ich dich wieder getroffen habe und ich bin schon richtig gespannt auf heute Abend. Danke für den schönen Strauß. Ich muss dann los. Ciao, bis heute Abend.“
Sie sieht mich mit einem unergründlichen Blick ihrer grünen Augen an und haucht ein…
„Ciao”.