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Verborgene Spuren

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Summary

Lia lebt im Schatten. Ohne Erinnerung an ihre Vergangenheit, in einer Welt, in der Frauen kaum Rechte haben, hat sie gelernt, unsichtbar zu sein und jeden auf Abstand zu halten. Doch sie besitzt eine außergewöhnliche Gabe: Sie erkennt, was andere verbergen. Als der Polizist Josef sie aus einer gefährlichen Situation rettet, ahnt sie nicht, dass diese Begegnung ihr Leben verändern wird. Josef ist kein gewöhnlicher Ermittler. Ein ehemaliger Elitesoldat mit dunkler Vergangenheit, getrieben von Schuld und dem Wunsch, Leben zu retten – koste es, was es wolle. Gemeinsam jagen sie Serienmörder. Männer, die töten, um zu bestrafen. Doch während sie die Dunkelheit anderer aufdecken, wächst zwischen Lia und Josef eine gefährliche Nähe. Zwischen Schuld und Liebe, Wahnsinn und Gerechtigkeit stellt sich die Frage: Was macht einen Menschen eigentlich zu einem Monster, oder steckt ein Monster in jedem Menschen? Ein spannungsgeladener Thriller über Trauma, Kontrolle und eine Liebe im Schatten der Gewalt.

Status
Complete
Chapters
41
Rating
5.0 4 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1 - wagen und helfen

Verborgene Spuren

Kapitel 1- wagen und helfen

<„Man kann nicht allen helfen“, sagt der Engherzige und hilft keinem.>

– Marie von Ebner-Eschenbach

Liana

Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.

Lias Herz schlug so laut, dass es in ihren Ohren dröhnte. Der unebene Boden des verlassenen Parkplatzes nahe dem Hafen knirschte unter ihren Stiefeln.

Das war aber nicht der Grund für ihren schnellen Atem. Auch nicht für den kalten Schweiß auf ihren Handflächen oder den Kloß in ihrem Hals, der ihr ein Schlucken kaum mehr ermöglichte.

Nein, das lag an dem, was gleich passieren würde – was gleich passieren musste.

Alles war sorgfältig vorbereitet. Es gab keine andere Möglichkeit.

Niemand, der ihnen sonst helfen könnte. Oder zumindest niemand, der ihnen helfen wollte.

Als sie den Transporter am hinteren Rand des Platzes erkennen konnte, kamen ihr trotzdem noch einmal Zweifel. Sie war zwar niemand, der sich etwas gefallen lässt, aber sich absichtlich in Gefahr zu begeben, entsprach genauso wenig ihrem Wesen wie sich mit Leuten anzulegen, die nicht nur skrupellos, sondern ihr auch eindeutig körperlich überlegen waren.

Sie war eine kleine Frau. Als schwach würde sie sich zwar nicht bezeichnen, aber sportlich oder gar kämpferisch war sie auch nicht. Sie hatte ein paar Kilos zu viel auf den Rippen, und die einzigen Muskeln, die sie wirklich regelmäßig trainierte, waren die, die man zum Denken brauchte. Selbst daran zweifelte sie gerade – wenn man bedachte, was sie jetzt tun wollte.

Aber sie konnte die Angst und die Verzweiflung, die aus Richtung des Transporters kamen, fast spüren. Doch sie tat es nicht aus Herzensgüte. Nein, nur wenn sie sich mit den Problemen anderer beschäftigte, gelang es ihr die eine Spur zu vergessen, an der sie fast zerbrochen wäre.

Sie zupfte den viel zu kurzen Rock zurecht und atmete tief ein.

In diesem Outfit fühlte sie sich schrecklich.

Der Rock. Die enge Jacke. Das Make-up. Der grelle Lippenstift.

Nichts davon gehörte zu ihr.

Aber alles hatte seinen Zweck.

Also ertrug sie die engen Stoffe und den knallroten Mund.

Bevor sie losging, schloss sie die Hand noch einmal fest um den Gegenstand in ihrer inneren Jackentasche und ging ihren Plan zum hundertsten Mal durch.

Dann sah sie einen Mann aus Richtung des Hafens auf den Transporter zugehen.

Jetzt oder nie.

Tränen hervorzurufen war nicht schwer, wenn sie daran dachte, was im Inneren des Transporters geschah.

Schwerer war es, laut genug zu schluchzen, damit der Mann aufmerksam wurde.

Er bemerkte sie tatsächlich.

Doch zu ihrem Schrecken ging er nicht auf sie zu, sondern setzte seinen Weg mit langen Schritten fort.

Richtung Transporter.

Aber sie war sich sicher, dass er zu ihnen gehörte.

Hätten sie Uniformen getragen, wären sie kaum offensichtlicher gewesen. Jeder der Männer, die sie nun schon seit Wochen beobachtete, hatte denselben dunklen, strengen Kleidungsstil und die gleichen groben, lauten Schuhe.

Doch was ihre Zugehörigkeit besonders deutlich zeigte, war jene grausame und gewissenlose Ausstrahlung, mit der sie zwar immer wieder ihre Umgebung überprüften, aber dennoch für die meisten Augen nicht verdächtig wirkten.

Eine Ausstrahlung, frei von jeder Spur schlechten Gewissens oder Unsicherheit. So, wie sie es normale Menschen hatten, wenn sie im Begriff waren, eine Straftat zu begehen.

Doch der Mann schien sie wohl weder für eine Bedrohung, noch für ein leichtes Opfer zu halten, sondern einfach für unwichtig. Für jemanden, dem man keine Beachtung schenken musste.

Ein Bild, dem sie im Normalfall sehr gerne entsprach, weil es das Leben einfacher und sicherer machte.

An diesem Abend aber musste sie zuerst das leichte Opfer sein. Um anschließend beweisen zu können, dass sie sehr wohl eine Bedrohung darstellen konnte.

Also lief sie laut schluchzend und leicht schwankend auf den Mann zu und rief, als sie nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt war, mit zitternder Stimme und falschem merischem Akzent:

„Hallo, Sir, könnten Sie mir vielleicht helfen? Ich habe mich verlaufen und weiß nicht, wie ich wieder zurück in die Innenstadt komme.“

Der dunkelblonde Mann, Anfang vierzig, betrachtete sie nun mit zusammengezogenen Augenbrauen etwas genauer, zeigte aber nur mit dem Finger in östliche Richtung und meinte dann in gebrochenem Alarisch:

„Die Innenstadt liegt in dieser Richtung.“

Da musste sie wohl etwas vehementer werden.

Schon bei einigen Gelegenheiten hatte sie beobachtet, wie verzweifelte Frauen ihr Herz ausschütteten und sich Fremden regelrecht aufdrängten mit ihren Sorgen. Das war in ihren Augen zwar höchstens ein merkwürdiges und bemitleidenswertes Verhalten, aber sie hoffte dennoch, es gut genug imitieren zu können.

„Bitte, Sir, können Sie mir helfen? Oder mich vielleicht in Ihrem Wagen mitnehmen? Ich habe nichts mehr.“

Sie zwang sich, die Tränen laufen zu lassen, und schluchzte lauthals.

„Mein … mein Verlobter hat mich rausgeworfen. Er ist einfach weg. Ich habe nichts mehr. Kein Geld. Keine Bleibe. Keine Familie. Nicht mal meinen Geldbeutel. Oh Gott, nicht mal meinen Pass. Wie soll ich denn jetzt beweisen, dass ich nicht illegal hier bin?“

Dabei griff sie nach seiner Hand.

Der Blick des Mannes veränderte sich sofort.

Neugier.

Berechnung.

Er musterte sie langsam von oben bis unten.

Hoffentlich schluckte er die Geschichte.

„Hast du denn keine Freunde hier?“

„Nein.“

Ihre Stimme klang brüchig.

„Ich hatte nur ihn.“

Für einen Moment schwieg sie.

„Und er hat ziemlich deutlich gemacht, dass ich ihn nie wiedersehen werde.“

Perfekt.

Allein.

Verzweifelt.

Leicht zu kontrollieren.

Das ideale Opfer.

Jetzt hing alles davon ab, wie misstrauisch ihr Gegenüber war.

Männer wie er hielten Frauen für schwach. Ungefährlich. So jemand erwartete von ihnen keine Falle.

Ihre Vermutung bestätigte sich.

Der Mann griff nicht nach der Pistole, deren Umriss sich deutlich unter seiner Jacke abzeichnete.

Stattdessen drückte er ihre Hand fester und lächelte.

Seine blauen Augen aber blieben kalt, wie Eis.

„Das klingt wirklich schlimm. Ich fahre sowieso gleich in die Stadt. Ich kann dich ein Stück mitnehmen.“

Er musterte sie erneut.

„Woher kommst du denn, meine Hübsche?“

Sie hatte sich als Herkunft bewusst ein armes Nachbarland von Merien ausgesucht. Ihr falscher Akzent würde so weniger auffallen.

Zumindest hoffte sie das.

Der Mann schien keinen Verdacht zu schöpfen.

Er führte sie zum Transporter und legte eine Hand auf ihren Rücken.

Sanft.

Doch in Lia spannte sich jeder Muskel an.

Der Impuls, sich von ihm loszureißen, war stark. Sie unterdrückte ihn.

Nicht jetzt. Noch nicht.

Als sie den Transporter erreichten, wusste sie genau, was als Nächstes passieren würde.

Sie schob den Arm vorsichtig in ihre Jacke.

Für ihn sah es vermutlich aus, als würde sie sich in ihrer Verzweiflung selbst umarmen.

In Wahrheit umschloss ihre Hand ihren Rettungsanker.

Fest.

Zumindest versuchte sie es.

Ihre Handflächen waren inzwischen so feucht, dass der Griff beinahe rutschte.

Hoffentlich hörte er ihren Herzschlag nicht, der in ihren Ohren dröhnte.

Die Tür wurde aufgerissen.

Er stieß sie hinein.

Metall schlug zu.

Das Schloss klickte.

Das Geräusch hallte in dem engen Raum wie ein Urteil.

Sie rang nach Luft.

Sie war drin.

Genau wie geplant.

Doch die Realität traf sie härter, als sie erwartet hatte.

Sechs Gestalten hockten im Halbdunkel.

Junge Frauen.

Gefesselt.

Verschmutzt.

Verängstigt.

Vorn im Wagen saß ein zweiter Mann.

Und sofort erkannte sie es.

Dasselbe Gesicht.

Dieselben Augen.

Brüder.

Der ältere fuhr herum.

„Was zum Teufel machst du, Furat?“

Lia ließ ihren Blick ziellos durch den Wagen wandern und spielte die Verwirrte.

Furat antwortete auf Merisch. Sie verstand nicht jedes Wort, aber genug.

Er war stolz.

Eine weitere Frau.

Kostenlos.

Perfekt.

Der ältere Bruder wurde misstrauisch.

Sein Blick wanderte zu ihr. Dann zur Waffe auf dem Armaturenbrett.

Wenn er danach griff, war alles vorbei.

Sie musste jetzt handeln.

Mit einer schnellen Bewegung zog sie den leicht modifizierten elektrischen Viehtreiber aus ihrer Jacke und rammte ihn in sein Bein.

„Perfektes Opfer“, zischte sie. „Von wegen.“

Der Mann krümmte sich mit einem würgenden Laut und sackte zusammen.

Sie wirbelte herum.

Doch Furat reagierte schneller als erwartet.

Seine Hand schoss nach vorn und packte sie brutal am Haar.

Schmerz explodierte in ihrer Kopfhaut.

Trotzdem schaffte sie es, den Viehtreiber gegen seinen Bauch zu drücken.

Der Stromstoß traf ihn voll.

Auch er ging zu Boden.

Doch im Fallen riss er sie mit sich.

Sie schlug hart auf.

Zu hart.

Mit einem lauten Knacken zerbrach ihre Waffe.

„Scheiße“, entfuhr es ihr.

Der Gestank des Bodens schlug ihr entgegen.

Blut.

Urin.

Zigaretten.

Einen Moment lang wurde ihr übel.

Sie schluckte die aufsteigende Galle hinunter und zwang sich, zu den Frauen zu sehen.

Sie wirkten noch panischer als zuvor.

Hoffentlich blieben die Männer lange genug bewusstlos.

Sie wiederholte die Sätze auf Merisch, die sie sich vorher eingeprägt hatte.

„Habt keine Angst. Euch passiert nichts mehr. Ich mache euch los – und dann folgt ihr mir. Ich bringe euch hier raus.“

Die Antworten verstand sie nur teilweise.

Aber sie hörte Dankbarkeit.

Und flehende Bitten.

Sie begann sofort, die erste Fessel zu lösen.

Währenddessen arbeitete ihr Kopf weiter.

Schnell vom Hafengelände weg. Zu Fuß.

Am Rand der Innenstadt gab es ein billiges Hotel. Dort arbeitete eine Bekannte von ihr.

Die Polizei wäre eine Möglichkeit gewesen.

Doch ihr Vertrauen in diese Institution war begrenzt.

Und sie hatte kein Interesse daran, sich selbst oder die Frauen in noch größere Schwierigkeiten zu bringen.

Den Rest würde sie später klären.

Irgendetwas fiel ihr immer ein.

Außerdem hatte der schwierigste Teil ja bereits funktioniert.

Wie man sich doch täuschen kann.

Gerade hatte sie den letzten Knoten gelöst. Da stockte ihr Atem.

Die Tür des Transporters kreischte auf.

Ein Mann trat ein. Sein Blick fiel auf die bewusstlosen Kameraden.

Schock, dann sofortige Wut.

Er stürzte sich auf sie, schneller, als sie reagieren konnte.

Ein Messer blitzte in seiner Hand.

Sein Gewicht traf sie mit voller Wucht. Größer und schwerer als die anderen Beiden.

Sie hatte keine Chance.

Sein Knie presste ihren Rücken in den Boden, so fest, dass ihr die Luft wegblieb.

Schmerz explodierte in ihrem Körper.

Ihre Augen trübten sich.

Dann ein brennender Stich im Arm.

Blut.

Seine Worte auf Merisch klangen wie ein wütendes Rauschen.

Unverständlich.

Fremd.

Seine Finger umklammerten ihre Handgelenke, als wollte er sie schon in Ketten legen.

Grob.

Erbarmungslos.

Ohnmacht kroch durch sie hindurch, lähmend.

Ein Schatten aus ihrer Vergangenheit.

Nein. Konzentration!

Sie musste sich jetzt zusammenreißen, sonst würde sie wirklich als perfektes Opfer enden.

Die Angst, die ihr gerade noch das Atmen erschwert hatte, wich bei dieser Erkenntnis einer viel nützlicheren Wut.

Diese Arschlöcher würden nicht gewinnen.

Das konnte sie nicht zulassen.

Nicht hier.

Nicht heute.

Aber bevor sie ihre Wut nutzen konnte, geschah etwas völlig Unvorhersehbares.




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Good Writing

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Compelling Plot

4

Compelling Plot

Great Character

3

Great Character

Strong Dialog

2

Strong Dialog

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author

Danke, das freut mich.

3 months
1
author

Es fing mit Action, Aufregung und Spannung an. Ich bin begeistert, was noch kommt.

2 months
3
author

Ein schockierender, packender Anfang 😲
Ich bin jetzt schon begeistert und gespannt, wie es für Lia weitergeht.

8 days
3