Prolog
Sie rannte.
So schnell wie der unebene Untergrund, die vielen kahlen Wurzeln, das schwache Licht des Mondes das durch die Baumkronen brach, es ihr erlaubten.
Sie strauchelte, fiel beinahe, doch fing sich im letzten Moment wieder.
Ihr Atem keuchend, ihr Herz rasend.
Sie musste keinen Blick über ihre Schulter zurück riskieren, sie wusste, dass sie ihr auf den Fersen waren.
Sie drückte das Bündel in ihren Armen fest an ihre Brust.
Sie durfte nicht stehen bleiben, musste ein Versteck finden.
Ginge es nur um ihr Leben, so wäre sie längst stehen geblieben, hätte sich ihrem Schicksal ergeben.
Doch das Bündel in ihren Armen verdiente es zu leben. Ein lebenswertes Leben. Eins, dass der Ort, von dem sie flohen, ihm nicht bieten konnte. Nicht bieten wollte. Niemals bieten würde.
Ihre Lungen brannten, sie wurde langsamer. Durfte nicht langsamer werden.
Doch ihre Kräfte wichen. Sie rannte schon so lange. Um ihr Leben, um das ihres Kindes.
Sie erreichte eine Lichtung. Der Mondschein erhellte ihr den Weg, so plötzlich wie ein Blitz am Himmel.
Sie blieb stehen, nach Atem ringend. Sah sich um. Es musste doch etwas geben, irgendwas, wo sie sich verstecken konnten.
Sie hörte die herannahenden, schnellen, schweren Schritte. Panik überkam sie, erneut. Sollte es das gewesen sein?!
Schon jetzt?!
Wo sie es doch gerade erst geschafft hatten zu entkommen?!
Und dann sah sie es.
Eine Ruine am Rande der Lichtung.
Ohne einen weiteren Gedanken zu fassen rannte sie los.
Das Kind in ihren Armen begann zu wimmern.
"Sh Sh Sh", presste sie atemlos hervor.
Sie erreichte die Ruine, die zwischen den Bäumen stand, als sei sie gerade aus ihnen erwachsen.
Sie erreichte den Eingang, der sicherlich einmal eine Tür hatte, die aber längst aus den Angeln gehoben oder der Natur zum Opfer gefallen war.
Sie sah sich um.
Es musste einst ein kleines Haus, vielleicht nur eine Hütte gewesen sein.
Durch das marode, löchrige Dach fiel schwacher Mondschein. Beinahe gespenstisch.
Sie wagte sich vorsichtig weiter vor, schob ihren Körper eng an das Mauerwerk gepresst voran.
Sie würden sie hier finden, was hatte sie auch nur gedacht?! Natürlich würden sie sie hier finden. Eine Ruine mitten im Wald. Keine gute Wahl.
Doch sie hatte sich entschieden, es gab kein Zurück. Also kauerte sie sich in die Ecke neben der einstigen Feuerstelle, hinter einen umgestoßenen Tisch, an dem vielleicht einst eine Familie gemeinsam Mahlzeiten eingenommen hatte. Vor vielen Monden.
Sie hörte die Schritte näher kommen, die Stimmen lauter werden, während sie das Kind in ihren Armen sanft wiegte, es im Geiste anflehte, still zu sein, sie nicht zu verraten.
"Findet sie!"
Die tiefe Stimme klang so nah, dass sie jeden Moment damit rechnete, entdeckt zu werden. Ihr Herz schlug so laut, dass sie sicher war, allein das würde sie herführen.
Doch dann entfernten sich die Schritte, die Stimmen gingen mit ihnen, bis es von einem Moment auf den anderen totenstill war. Nur die entfernten Rufe einer Eule waren zu hören, das Rascheln im Geäst der nachtaktiven Waldbewohner.
Dennoch verweilte sie noch eine gefühlte Ewigkeit in ihrem Versteck, traute sich kaum zu atmen.
Wie war es möglich, dass ihre Verfolger sie hier nicht fanden?! Wie war es möglich, dass sie nicht einmal einen Fuß in die Ruine gesetzt hatten?!
Schließlich erhob sie sich, traute sich aus dem Versteck, setzte langsam einen Fuß vor den anderen, darauf bedacht keinen Laut zu machen.
Sie verließ die Ruine, sah sich um. Doch sie waren allein und die Stille umschloss sie wie eine tröstende Umarmung.