Dort, wo keine Schatten fallen

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Summary

Ein Tal, das Verborgenes bewahrt. Eine Gemeinschaft, die Hoffnung pflanzt. Und eine Dunkelheit, die geduldig wartet. ​Auf der Flucht vor einer unerbittlichen Außenwelt findet Evelyn ein Refugium: Ein verborgenes Tal, geschützt durch eine uralte Naturmagie. Hier wächst Evelyns Tochter Lyra in der Geborgenheit einer Gemeinschaft heran, die fernab von Unterdrückung nach eigenen Gesetzen lebt. ​Doch während die Jahre vergehen und das Tal blüht, mehren sich unerkannte Zeichen der Unruhe. Als die vermeintliche Sicherheit Risse bekommt, ahnt niemand, dass der Schutz des Tals brüchiger ist, als es den Anschein hat. Während Lyra versucht, ihren Platz in dieser Welt zu finden, ziehen im Verborgenen Mächte auf, die das Licht des Tals für immer löschen wollen. ​In einer Welt, in der Vertrauen die einzige Währung ist, stellt sich die alles entscheidende Frage: Ist das Tal wirklich der sichere Hafen, für den alle es halten – oder ist die Gefahr längst Teil des Refugiums geworden?

Genre
Fantasy
Author
Ines
Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
16+

Prolog

Sie rannte.

So schnell wie der unebene Untergrund, die vielen kahlen Wurzeln, das schwache Licht des Mondes das durch die Baumkronen brach, es ihr erlaubten.

Sie strauchelte, fiel beinahe, doch fing sich im letzten Moment wieder.

Ihr Atem keuchend, ihr Herz rasend.

Sie musste keinen Blick über ihre Schulter zurück riskieren, sie wusste, dass sie ihr auf den Fersen waren.

Sie drückte das Bündel in ihren Armen fest an ihre Brust.

Sie durfte nicht stehen bleiben, musste ein Versteck finden.

Ginge es nur um ihr Leben, so wäre sie längst stehen geblieben, hätte sich ihrem Schicksal ergeben.

Doch das Bündel in ihren Armen verdiente es zu leben. Ein lebenswertes Leben. Eins, dass der Ort, von dem sie flohen, ihm nicht bieten konnte. Nicht bieten wollte. Niemals bieten würde.

Ihre Lungen brannten, sie wurde langsamer. Durfte nicht langsamer werden.

Doch ihre Kräfte wichen. Sie rannte schon so lange. Um ihr Leben, um das ihres Kindes.

Sie erreichte eine Lichtung. Der Mondschein erhellte ihr den Weg, so plötzlich wie ein Blitz am Himmel.

Sie blieb stehen, nach Atem ringend. Sah sich um. Es musste doch etwas geben, irgendwas, wo sie sich verstecken konnten.

Sie hörte die herannahenden, schnellen, schweren Schritte. Panik überkam sie, erneut. Sollte es das gewesen sein?!

Schon jetzt?!

Wo sie es doch gerade erst geschafft hatten zu entkommen?!

Und dann sah sie es.

Eine Ruine am Rande der Lichtung.

Ohne einen weiteren Gedanken zu fassen rannte sie los.

Das Kind in ihren Armen begann zu wimmern.

"Sh Sh Sh", presste sie atemlos hervor.

Sie erreichte die Ruine, die zwischen den Bäumen stand, als sei sie gerade aus ihnen erwachsen.

Sie erreichte den Eingang, der sicherlich einmal eine Tür hatte, die aber längst aus den Angeln gehoben oder der Natur zum Opfer gefallen war.

Sie sah sich um.

Es musste einst ein kleines Haus, vielleicht nur eine Hütte gewesen sein.

Durch das marode, löchrige Dach fiel schwacher Mondschein. Beinahe gespenstisch.

Sie wagte sich vorsichtig weiter vor, schob ihren Körper eng an das Mauerwerk gepresst voran.

Sie würden sie hier finden, was hatte sie auch nur gedacht?! Natürlich würden sie sie hier finden. Eine Ruine mitten im Wald. Keine gute Wahl.

Doch sie hatte sich entschieden, es gab kein Zurück. Also kauerte sie sich in die Ecke neben der einstigen Feuerstelle, hinter einen umgestoßenen Tisch, an dem vielleicht einst eine Familie gemeinsam Mahlzeiten eingenommen hatte. Vor vielen Monden.

Sie hörte die Schritte näher kommen, die Stimmen lauter werden, während sie das Kind in ihren Armen sanft wiegte, es im Geiste anflehte, still zu sein, sie nicht zu verraten.

"Findet sie!"

Die tiefe Stimme klang so nah, dass sie jeden Moment damit rechnete, entdeckt zu werden. Ihr Herz schlug so laut, dass sie sicher war, allein das würde sie herführen.

Doch dann entfernten sich die Schritte, die Stimmen gingen mit ihnen, bis es von einem Moment auf den anderen totenstill war. Nur die entfernten Rufe einer Eule waren zu hören, das Rascheln im Geäst der nachtaktiven Waldbewohner.

Dennoch verweilte sie noch eine gefühlte Ewigkeit in ihrem Versteck, traute sich kaum zu atmen.

Wie war es möglich, dass ihre Verfolger sie hier nicht fanden?! Wie war es möglich, dass sie nicht einmal einen Fuß in die Ruine gesetzt hatten?!

Schließlich erhob sie sich, traute sich aus dem Versteck, setzte langsam einen Fuß vor den anderen, darauf bedacht keinen Laut zu machen.

Sie verließ die Ruine, sah sich um. Doch sie waren allein und die Stille umschloss sie wie eine tröstende Umarmung.