Kapitel 1
Tick. Tack. Tick. Tack.
Der Zeiger der Küchenuhr läuft gleichmäßig weiter. Ein steter Rhythmus, der mich daran erinnert, dass die Zeit einfach weiterläuft – obwohl sich mein Leben mehr nach Stillstand anfühlt.
Fünf Jahre Studium. Drei unbezahlte Praktika. Ein Abschluss mit Auszeichnung. Und trotzdem habe ich nichts erreicht. Stecke immer noch in demselben Leben fest wie zu Schulzeiten. Immer noch in der Küche meiner Eltern. Immer noch nicht ganz am Ziel.
Obwohl ich vor ein paar Wochen meine erste Stelle in einer Hamburger Redaktion angetreten habe.
Nicht gerade der Inbegriff von investigativem Journalismus, von dem ich immer geträumt habe. Nur nichtssagende Reportagen über Schulessen, Lehrermangel und Waschbär-Plagen. Themen, die auf keiner Titelseite landen. Nicht mal auf Seite 3.
Aber ich habe einen Fuß in der Tür. Kann Erfahrungen sammeln und verdiene dabei zum ersten Mal mehr als ein nettes Taschengeld aus diversen Nebenjobs. Und trotzdem fühlt sich das Studium eher an wie ein hübsches Aushängeschild – aber mehr auch nicht.
Meine Eltern sehen das sicher anders. Als ich vor ein paar Monaten den Abschluss gemacht habe, waren sie stolz. Still und ein bisschen ungläubig, so wie Menschen es sind, die nie gelernt haben, große Worte zu machen – weil es in ihrem Leben nie viel zu feiern gab. Papa hat die Urkunde genommen, als wäre sie zerbrechlich. Mama hat nichts gesagt, aber sie hat sie dreimal gelesen.
Ich bin die Erste in unserer Familie, die studiert hat. Für mich ist die Abschlussurkunde das Ergebnis jahrelanger Mühen. Etwas, von dem ich mir mittlerweile nicht mehr sicher bin, ob es das überhaupt wert war. Weil ich jeden Tag erkenne, dass Fleiß in dieser Branche nicht alles ist.
Für sie ist es der Beweis, dass es möglich ist. Dass man weiterkommen kann, wenn man will. Dass ihre Entscheidungen, die Nachtschichten, die billigen Urlaube, das ewige Rechnen nicht umsonst waren. Dass Rieke nicht die Einzige bleibt, die irgendetwas aus sich gemacht hat.
Und ich muss ihnen jetzt beweisen, dass es wirklich so ist.
Ich gieße mir eine Tasse Kaffee ein, als die Wohnungstür aufspringt. Papa ist vor zwei Stunden auf die Arbeit gegangen. Jetzt kommt Mama von der Nachtschicht im Krankenhaus.
Seit ich denken kann, geben sie sich morgens die Klinke in die Hand. So war immer jemand da, für mich und für Rieke, meine ältere Schwester. Rieke ist direkt nach ihrer Ausbildung ausgezogen. Hat geheiratet. Ein Kind bekommen. Sie lebt mir ihrer Familie nur ein paar Straßen weiter.
Während ich immer noch hier bin. Mit Mitte zwanzig. Ohne eigene Wohnung, ohne große Story, ohne Beweis, dass sich dieser Weg gelohnt hat.
»Guten Morgen.« Mama beugt sich zu mir, küsst meine Stirn. »Musst du gleich los?«
»Mhm«, mache ich. »Kaffee?«
»Gerne.«
Ich stelle die Tassen auf den Tisch und wir setzen uns. Mama greift wie automatisch nach ihrem Tablet und der Lesebrille. Jeden Morgen nach der Arbeit liest sie die Zeitung. Als hätte sie die Hoffnung, etwas zu entdecken, was von ihrer genialen Tochter stammt.
»Tilda, hast du das gelesen?«
Ihre Stimme ist plötzlich zögerlich. Fast vorsichtig.
Der Löffel in meiner Hand stoppt mitten in der Bewegung. Etwas in ihrem Tonfall ist anders. »Was genau?«
»Die Sachen über Robin ...«
Sein Name sticht. Schärfer als erwartet. Ich wünschte, es würde mich kaltlassen. Aber das tut es nie. Auch nach fünf Jahren nicht.
»Nein. Was ... was ist mit ihm?«
»Die schreiben von Partyeskapaden. Alkohol. Frauen. Die Schlagzeilen sind grausig. Das ist doch ... also, ich meine ...« Sie stockt, sucht nach Worten. »So war er doch nie.«
Ich schließe die Augen. Sehe sein Gesicht vor mir – wie von selbst. Und lächle. Automatisch.
»Der hat doch deiner Oma die Einkäufe reingetragen, weißt du noch? Und mit deinem Vater Fußball geschaut. Auf unserem winzigen Fernseher. Obwohl er zu Hause alles hatte.« Sie schüttelt den Kopf. »Er war doch ... ein guter Kerl.«
»Ja«, flüstere ich.
Drei Jahre zusammen löscht man nicht einfach aus. Vor allem, wenn sie nicht schmerzen. Ganz im Gegenteil. Es war eine schöne Zeit. Mit Robin war immer alles leicht gewesen.
Und noch heute ist er der Maßstab dafür, wie sich Nähe anfühlen sollte. Wie Vertrauen klingt, wenn es in Worte gegossen wird. Weil er nie etwas falsch gemacht hat, konnte niemand danach alles richtig machen.
Ich ziehe das Tablet zu mir. Die Überschrift ist fett, die Sprache billig: »Partys, Groupies, kein Gewissen: Was hinter Robin Brunners Rockstar-Image steckt«.
Darunter ein Screenshot. Ein Interview vor drei Wochen. Der Moderator fragt, ob er sich vorstellen kann, wieder in einer festen Beziehung zu sein. Robin lacht. Dieses Lachen, das ich noch kenne. Halb verlegen, halb Ablenkung, und sagt: »Ich bin halt kein Beziehungstyp. Die Frauen, mit denen ich Zeit verbringe, wissen, worauf sie sich einlassen.«
Der Satz hat gereicht. Mehr braucht es nicht.
Der Artikel malt das Bild, das dazu passt: Robin Brunner, der nach jedem Konzert als Letzter die Location verlässt. Der in Hotelbars fotografiert wird, immer mit einem Glas in der Hand, immer umgeben von Frauen, die am nächsten Tag nicht mehr da sind. Gerüchte über durchgemachte Nächte, über Auftritte, bei denen er angeblich kaum noch nüchtern auf der Bühne stand. Quellen ohne Namen, Fotos ohne Kontext. Aber zusammen ergibt es ein Bild, das haftet.
Seitdem melden sich Frauen. Keine schweren Vorwürfe. Nur immer wieder dasselbe Muster: Charmant, präsent, dann weg. Ohne Erklärung, ohne richtigen Abschluss.
»Er lügt dich nicht an«, wird eine zitiert. »Aber er sagt dir auch nur das, was du hören willst.«
Ich starre auf den Satz, länger als nötig.
Das Foto darunter ist verwackelt, schlechtes Licht. Irgendein Backstageausgang, Robin, zwei Frauen, ein Grinsen.
Es beweist nichts. Und trotzdem reicht es für alles, was die Leute sehen wollen.
Vielleicht auch für das, was ich sehen will. Es wäre so viel einfacher, wenn er wirklich so geworden wäre. Wenn der Robin, den ich mal kannte, nicht mehr existiert. Weil ich dann loslassen könnte.
Ich schiebe das Tablet zurück.
»Vielleicht hat der Erfolg ihn verändert«, sage ich nachdenklich und schließe die Augen.
Und da ist er. Ein Moment von damals. Einer von vielen. Hell, warm, beinahe greifbar.
Licht flutete mein Zimmer durch das offene Fenster. Es war Frühling geworden. Draußen lärmten Kinder. Ich saß am Schreibtisch, umgeben von Karteikarten, Textmarkern und Notizblättern, vollgekritzelt mit Fakten und Quellenangaben.
Robin saß im Schneidersitz auf dem Boden, den Rücken an die Wand gelehnt, ein Buch auf den Knien. »Abiturtraining Geschichte.« Er las es nicht. Trommelte stattdessen mit den Fingern rhythmisch auf seinen Oberschenkel. Immer im Takt. Immer in Bewegung.
Er konnte nie lange still sein. Weder mit dem Körper noch mit dem Kopf.
»Du machst mich wahnsinnig«, stöhnte ich, ohne ihn anzusehen. Aber gleichzeitig schlich sich ein Schmunzeln auf mein Gesicht.
»Sorry. Ich trommel im Takt deiner Schreibbewegungen. Ist fast meditativ.«
Ich schüttelte den Kopf, lachte leise. Dann stand ich auf und ging zu ihm. Ich wusste, dass er darauf wartete. Er griff automatisch nach meiner Hand, zog mich zu sich herunter. Ich landete neben ihm auf dem Boden, Schulter an Schulter. Für einen Moment war da nur Ruhe.
Robin sah mich an. Mit einem Blick, der schwer zu deuten war. Ernster, als ich es von ihm gewohnt war. Fast zu ernst für einen Moment wie diesen.
»Hast du manchmal das Gefühl, das hier ist das letzte Mal, dass alles so einfach ist?«
»Ständig.« Ich nicke in Richtung seines Buchs. »Das Studium wird ne Herausforderung im Gegensatz zu dem hier. Du darfst mich dann nicht mehr andauernd ablenken, Rob.«
Er legte den Kopf schief und grinste. Sein Grinsen hatte schon immer etwas Bühnenreifes. »Du packst das mit links, Tilly. Du hast doch sicher jetzt schon angefangen, die Einführungsliteratur zu lesen, weil dir der Abistoff zu langweilig ist.«
Ich boxte ihn leicht in die Seite. »Ich bin halt fleißig. Kann ja nicht jeder mit ein bisschen Trommeln berühmt werden.«
Er zuckte mit den Schultern. »Tja, ich bin halt nicht so gut mit Worten wie du.« Seine Finger fanden meine, warm und fest. »Irgendwann wirst du als große Enthüllungsjournalistin bekannt. Und bringst ein Buch über mich raus.«
Ich lachte leise. »Dafür musst du mir vorher ein paar Skandale liefern.«
»Gib mir ein paar Jahre«, grinste er. »Ich kann dramatisch sein, wenn’s sein muss.«
»Dein Ernst?«
Er stupste mich mit der Schulter an, sein Daumen strich über meinen Handrücken. »Keine Sorge. Bis dahin bin ich langweilig. Keine Drogen, keine Groupies. Nur ne Freundin, die mich andauernd korrigiert, wenn ich ›als wie‹ sage.«
Er ließ seinen Kopf gegen meinen sinken und unser Atem passte sich aneinander an. Die Ruhe, die zwischen uns entstand, war wie ein Heimkommen.
»Tilda, ich weiß, es klingt kitschig«, begann er schließlich, seine Stimme vorsichtig. »Aber das hier – ich will das nicht verlieren.«
»Was denn?«
»Dich. Uns.« Er machte eine lange Pause. Ich konnte förmlich sehen, wie sich seine Gedanken sortierten – oder ins Weite schweiften, wie so oft. »Egal, was da kommt – Musik, Tour, Studium, was auch immer – ich will, dass du weißt: Wenn du jemals sagst: ›Robin, ich brauch dich‹, bin ich da. Ich lass alles stehen und liegen. Du bist mir wichtiger als alles andere.«
Ich löste meinen Kopf ein Stück. Sah ihm tief in die Augen. »Ich nehme dich beim Wort, Rob.«
»Tu das.«
Dann trafen sich unsere Lippen zu einem Kuss. Ruhig, vertraut und zärtlich. Nicht wie zwei Teenager, die ausprobierten, wie das geht. Sondern wie zwei Menschen, die wussten, was sie einander bedeuteten. Vielleicht zum ersten Mal. Vielleicht zum letzten Mal.
Und dann saßen wir einfach da, ineinander verschränkt, zwischen Karteikarten und Zukunftsträumen.
Und er trommelte leise weiter.
Ich starre ins Nichts, kehre erst in die Realität zurück, als Mama meine Hand sacht berührt. »Ja, vielleicht hat er das«, sagt sie ruhig. »Aber manchmal fällt es schwer, das Bild loszulassen, dass man von früher hat.«
Ich lächle traurig. Sie weiß nicht, wie schwer es mir fällt. Weil Robin nicht irgendjemand war. Keine Jugendliebe, an die man hin und wieder zurückdenkt. Er war so viel mehr als das.
Er war der erste Mensch, der mich wirklich sah. Und mich trotzdem liebte. Oder genau dafür.
Nichts an unserer Beziehung war je falsch. Wir waren einander wichtig. Zu wichtig vielleicht. Weil ich damals genau eine Entscheidung getroffen habe, die ich ihm nie erklärt habe. Eine, von der ich bis heute nicht sicher bin, ob sie richtig war.
Mama sagt nichts mehr. Sie trinkt ihren Kaffee, überfliegt weiter Schlagzeilen. Und die Küchenuhr tickt weiter.
Ich stehe auf, räume meine Tasse in die Spülmaschine. Als ich mich wieder aufrichte, trifft mein Blick meine Reflexion im Fensterglas.
Wo stände ich heute, hätte ich mich anders entschieden?
Ich schüttle kaum merklich den Kopf.
Hör auf, überhaupt darüber nachzudenken. Du wolltest nur das Beste für ihn.
Aber stimmt das?
Und wenn es stimmt, warum denke ich dann überhaupt über all die Gerüchte über Robin nach? Ist doch gut, wenn er nicht mehr der Typ ist, der an irgendwelche Nachmittage zurückdenkt.
Sondern nur noch an Nächte mit Fremden.
»Musst du nicht los?«, fragt Mama.
Ich reiße meinem Blick vom Fenster los. Sehe zur Küchenuhr, die unaufhörlich weiter tickt. Ohne dass wirklich etwas vorwärtsgeht.
»Ja«, sage ich und greife nach meiner Jacke, die über dem Küchenstuhl hängt.
Mama sitzt immer noch da, Kaffee in der Hand, aber ihr Blick liegt sanft auf mir. »Hab einen guten Tag, meine Kleine.«
Etwas in meiner Brust zieht sich bei ihren Worten zusammen.
Kleine.
Ich nicke, schlüpfe in die Ärmel der Jacke. »Du auch, Mama.«
Und gehe.









Das fängt ja schon einmal sehr gut an...... Der Einstieg ist Dir sehr gut gelungen❣️