Kapitel 1 - Das Mädchen aus der Platte
Die Schulglocke schrillte durch das Klassenzimmer.
Sofort brach Hektik aus.
Stühle scharrten über den Boden, Bücher klappten zu, Reißverschlüsse wurden hastig geschlossen.
Überall bunte neue Rucksäcke.
Mein Blick fiel auf meinen eigenen.
Der Stoff war dünn geworden.
An mehreren Stellen hatte ich die Löcher mit krummen Stichen geflickt.
Es sah aus wie alles in meinem Leben: notdürftig zusammengehalten.
„Bis morgen, Callie!“
Ein Mädchen mit süßen Zöpfen und einem geblümten Kleid sprang von ihrem Platz auf und winkte mir zu.
Ich lächelte zurück, packte meine wenigen Stifte und Bücher ein und zog mir meinen zu großen Kapuzenpulli über.
Das Klassenzimmer leerte sich schnell.
Ich blieb noch einen Moment sitzen.
Dann schulterte ich meinen Rucksack und machte mich auf den Weg nach Hause.
Falls man das so nennen konnte.
Draußen warteten Eltern.
Große Autos.
Geduldige Stimmen.
Offene Türen.
Für mich wartete niemand.
Mein Weg führte mich zwanzig Minuten durch die Innenstadt.
Vorbei an hohen Gebäuden, gepflegten Häusern und Parks, die aussahen, als würde sich jemand um sie kümmern.
Dort, wo ich wohnte, gab es wenig Schönes.
Der Plattenbau war grau.
Vielleicht war er einmal weiß gewesen.
Zwischen ein paar kranken Bäumen stand ein Spielplatz, der mehr von Junkies als von Kindern benutzt wurde.
Um die Ecke lag ein kleiner türkischer Supermarkt.
Er gehörte Fuat.
Er war der Einzige, der manchmal so tat, als wäre alles normal.
Wenn er mich sah, drückte er mir gelegentlich eine Tüte mit Lebensmitteln in die Hand.
Ohne viel zu sagen.
Nur ein Zwinkern.
Als wüsste er Bescheid.
Ich kramte nach meinem Schlüssel.
Der Briefkasten war leer.
Gut.
Post bedeutete meistens Probleme.
Die Treppen rochen wie immer nach Rauch und abgestandener Luft.
Ich ging schnell.
Begegnete niemandem.
Von außen sah unsere Wohnung normal aus.
Fußmatte.
Topfpflanze.
Ein freundliches Willkommen.
Ich hatte früh gelernt, dass der Schein wichtig ist.
„Hallo Mama, ich bin Zuhause.“
Keine Antwort.
Ich hatte auch keine erwartet.
Im Wohnzimmer flackerte der Fernseher.
Talkshow.
Schreiende Stimmen.
Meine Mutter lag auf dem Sofa.
Reglos.
Ich hielt kurz den Atem an.
Dann sah ich, dass sich ihr Brustkorb noch hob.
Erleichterung.
Ihre blonden Haare klebten ihr im Gesicht.
Die Haut fahl.
Die Wangen eingefallen.
Sie musste einmal schön gewesen sein.
Bevor der Alkohol und die Drogen alles genommen hatten.
Ich wusste nicht viel über ihr Leben.
Nur, dass es irgendwann falsch abgebogen war.
Und nie wieder zurückgefunden hatte.
Ich beugte mich zu ihr runter und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn.
Dann begann ich, die leere Wodkaflasche vom Tisch zu räumen.
Heute war es nur eine.
Manchmal waren es mehr.
Manchmal auch Spritzen.
Oder kleine Tütchen mit weißem Pulver.
Heute lag nichts davon herum.
Ein guter Tag.
Manchmal hatte sie Besuch.
Männer.
Das waren die Tage, an denen ich mich in meinem Zimmer einschloss.








