Under his voice

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Summary

Wem kann man vertrauen, wenn nicht einmal sich selbst? Seit ihrem Unfall leidet Skadi Corren unter Erinnerungslücken. Teile ihrer Vergangenheit fühlen sich an, als wären sie einfach ausgelöscht worden. Schlaflose Nächte, innere Unruhe und das Gefühl, dass etwas Entscheidendes fehlt, lassen sie nicht los. Auf Drängen ihres Freundes Flynn sucht sie den Psychotherapeuten Dr. Cassian Voss auf. Mit Hilfe von Hypnose versucht er, die verschlossenen Erinnerungen langsam wieder an die Oberfläche zu bringen. Doch je tiefer Skadi in ihr Unterbewusstsein eintaucht, desto stärker wächst das Gefühl, dass ihr Verstand etwas nicht ohne Grund verborgen hält. Denn manche Erinnerungen verschwinden nicht einfach. Sie werden vergraben. Und vielleicht gibt es Dinge, die besser niemals wieder ans Licht kommen sollten.

Status
Ongoing
Chapters
3
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

„Babe, du brauchst Hilfe.“

Ich drücke den Auslöser.

Klick.

Das Licht ist heute optimal. Es fällt schräg durch die hohen Fenster meines Studios und bricht sich an den weißen Wänden und den aufgespannten Hintergründen. Die Konturen sind scharf und die Schatten weich genug, um nicht zu stören. So sollte es sein.

Ich überprüfe das Bild auf dem Display, zoome näher ran und justiere automatisch, obwohl ich genau weiß, dass es passt.

„Du hörst mir nicht zu.“

Ich atme leise aus.

„Ich arbeite“, sage ich, ohne aufzusehen.

Er lehnt am Türrahmen, als hätte er dort schon immer gestanden. Seine Arme sind verschränkt, während sein Blick geduldig auf mich gerichtet ist.

Ich fokussiere neu, als würde ich ihn aus dem Bild schneiden können, wenn ich nur lange genug durch die Linse sehe, aber das funktioniert natürlich nicht.

„Du warst gestern auch schon hier drin“, merkt Flynn an. „Und vorgestern.“

Klick.

„Und?“ Ich zucke mit den Schultern. „Das nennt sich Arbeit.“

Er hebt eine Augenbraue an. Bevor er kontern kann, füge ich hinzu: „Hast du das vergessen, seit du nicht mehr arbeiten musst?“

Plötzlich herrscht Stille, nur für einen Atemzug.

Ich halte seinem Blick zu lange stand. Irgendetwas daran fühlt sich falsch an. Als hätte ich einen Schritt zu weit gemacht.

Ich schlucke.

Flynn verzieht trotzdem einen Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen.

„Sehr witzig.“ Er stößt sich vom Türrahmen ab und verschränkt wieder die Arme. „Dennoch denke ich, dass andere Menschen, die arbeiten, trotzdem auch ab und zu etwas essen.“

Ich senke die Kamera ein Stück. „Ich habe keinen Hunger.“

„Das sagst du immer“, stellt er mit ruhiger Stimme fest. Sein Blick ist besorgt.

Ich hasse diesen Ton. Ich drehe mich halb zu ihm und lasse die Kamera locker in meiner Hand hängen.

„Seit wann bist du mein Ernährungsberater?“

Ein kaum merkliches Zucken huscht über sein Gesicht.

„Seit du angefangen hast, dich selbst zu ignorieren.“

Ich schnaube leise und gehe an ihm vorbei in die Küche.

Er macht Platz.

Oder ich bilde mir ein, dass er das tut.

Ich öffne den Kühlschrank und starre hinein, ohne wirklich etwas zu sehen. Klar, was sollte auch drin sein? Ich habe seit Tagen nichts eingekauft.

„Das ist genau das, was ich meine“, meint er hinter mir.

Ich schließe die Tür wieder, etwas zu fest.

„Du meinst viel, wenn der Tag lang ist“, kontere ich.

„Skadi.“ Sein Ton ist weich. Früher hätte mich das beruhigt.

Ich lehne mich mit beiden Händen gegen die Arbeitsfläche und senke kurz den Kopf.

Ich bin müde, nicht nur körperlich. Das Problem sitzt deutlich tiefer.

„Du kannst das nicht einfach weiter ignorieren“, sagt er und natürlich hat er recht.

Ich lache leise.

„Babe, ich meine es ernst. Du brauchst wirklich Hilfe.“

Ich presse die Lippen zusammen, richte mich langsam auf und drehe mich zu ihm um. Er steht unverändert noch genau da, wo ich ihn zurückgelassen habe.

„Mir geht’s gut“, lüge ich und versuche ein Lächeln aufzusetzen.

„Nein“, reagiert er prompt. Ich spüre, wie sich etwas in mir dagegen sträubt.

„Du schläfst kaum noch“, fährt er fort. „Du starrst ins Leere… Und du redest mit mir.“

Ich schließe kurz die Augen und antworte: „Das habe ich schon immer gemacht. Warum sollte ich jetzt damit aufhören?“

Für einen Moment sagt keiner von uns etwas.

Ich reiße die Augen wieder auf.

Routiniert greife ich nach der Kamera und richte sie auf Flynn.

„Was wird das?“, fragt er.

„Stillhalten!“, befehle ich ihm unnötigerweise, denn er steht da bestimmt schon seit einer halben Stunde unverändert.

Klick.

Sofort werfe ich einen Blick auf das Display und runzle die Stirn.

„Schon wieder…“

„Was?“, erkundigt sich Flynn.

Ich zoome näher ran.

„Unscharf.“

Er verzieht das Gesicht. „Vielleicht liegt das ausnahmsweise nicht an mir.“

„Sehr witzig“, entgegne ich ihm.

Ich halte die Kamera noch einen Moment oben, justiere den Fokus und drücke noch einmal den Auslöser. Klick.

Ich starre auf das Display. Und wieder ist das Bild unscharf.

Natürlich ist es unscharf. Ist es immer.

Ich atme leise aus und senke die Kamera ein Stück.

„Du könntest es langsam akzeptieren“, sagt Flynn hinter mir.

Ich zucke kaum merklich mit den Schultern.

„Ich arbeite dran.“

„Tust du nicht.“

Ich hebe den Blick. Er steht noch genau da.

Einen Moment denke ich daran, einfach zu ihm zu gehen. Die wenigen Schritte zu überbrücken… Und ihn zu berühren.

Ich starre ihn an. Dann zwinge ich mich, wegzusehen.

Ich lege die Kamera auf den Tisch.

„Ist ja gut“, murmele ich, mehr zu mir als zu ihm.

Die darauffolgende Stille zieht sich einen Moment zu lang.

Dann greife ich nach meinem Handy. Der Bildschirm leuchtet auf. Der Name steht noch da. Dr. Cassian Voss. Mein Daumen bleibt darüber hängen.

„Du brauchst Hilfe“, flüstert Flynn.

Ich schließe kurz die Augen.

Diesmal widerspreche ich nicht.

Dann tippe ich auf Anrufen.