Kapitel 1
Sie galoppierten. Die Hufe ihrer Pferde donnerten über den Weg, der aufgrund der Begebenheiten ihre liebste Galoppstrecke war.
Noch ahnten die drei Reiter nicht, was gleich passieren würde.
Finn Jäschke stand am Putzplatz und sattelte gerade ein Pferd ab. Findus hieß der Hengst, den er von seiner Stiefschwester und Ex-Freundin, der besten Mitarbeiterin seines Vaters, in Beritt bekommen hatte. Finn war mit dem Fuchs in der Halle gesprungen und sehr zufrieden mit der Leistung der Tiers.
Plötzlich hörte er Hufgetrappel. Das war nichts Ungewöhnliches, aber es klang als ob Pferde auf den Hof galoppierten, was sonst nie jemand mit seinem Pferd tat. Außerdem war er quasi alleine auf dem großen Eulenhof. Nur vereinzelte Einsteller waren da.
Irgendetwas war nicht in Ordnung. Er wusste selbst nicht, warum er das dachte.
„Finn! Komm schnell!“, rief plötzlich eine Stimme von draußen.
Es war seine jüngere Schwester Greta. Schnell legte er den Sattel, den er Findus gerade abgenommen hatte, über eine Stange und verließ den Stall. Er sah sich um, bis er seine Schwester sah. Sie hatte ihren Quaterhorse Wallach Gray Tonic am Strick. Warum hatte sie nach ihm gerufen?
Ein braunes Pferd galoppierte über den Hof. Es war Jeu de vie, der erfolgreiche Belgische Wallach seines Freundes Niko Schneider.
Das Pferd war gesattelt.
Finn erstarrte, während der Wallach kurz vor ihm abbremste.
Die Flanken des Pferdes hoben und senkten sich in einem schnellen Takt. Das kastanienbraune Fell glänzte vor Schweiß, doch das war es nicht, was Finn beunruhigte. Denn von dem Reiter war nichts zu sehen, genauso wie von den Anderen, mit denen Niko ausreiten war.
Finn nährte sich dem aufgeregten Pferd. Dabei sah er den Dreck, der an dem feuchten Fell des Tiers hängen geblieben war. Beim näheren Hinsehen, sah er Kratzer und Schrammen am Rücken des Pferdes.
„Da muss etwas passiert sein“, dachte er. Niko war ein wahnsinnig guter Reiter. Er fiel nicht einfach so vom Pferd, außerdem machte der Dreck und die Wunden im Fell den Eindruck als ob das Pferd selbst gestürzt war.
„Ganz ruhig“, sagte Finn leise zu dem Wallach. Er strich dem Fuchs über die Stirn und nahm die Zügel des Pferdes.
„Greta, komm mal her!“, rief er halblaut. Er gab ihr die Zügel und ging um das Pferd herum und tastete die Beine des Pferdes ab.
„Ein Glück, er ist augenscheinlich nicht ernster verletzt“, sagte er.
„Aber der Tierarzt sollte sich ihn trotzdem mal anschauen, wenn er morgen sowieso schon da ist“, fügte er hinzu.
„Was könnte passiert sein?“, fragte Greta.
„Keine Ahnung, ich hoffe nichts schlimmes“, antwortete er.
„Wir sollen nachsehen“, schlug sie vor.
„Weißt du wo sie hinwollten?“, fragte Finn.
„Ich schätze ihre Standardroute über die Galoppstrecke“, antwortete sie.
„Gut, kannst du Gray in seine Box bringen und Vitus alleine versorgen?“, fragte er und meinte damit Gretas Wallach und Jeu de vie.
„Ja, ich denke schon. Und was machst du?“, fragte sie neugierig.
„Ich gehe sie suchen“, antwortete er in einem ernsten Tonfall.
„Ich komme mit“, rief sie begeistert.
„Nein, du bleibst lieber hier. Zum einen muss Vitus versorgt werden, zum anderen dauert es eine Weile, bis du Gray fertig gemacht hast. Außerdem könnte es sein, dass die anderen gleich hierher zurückkommen.“
„Stimmt, du hast recht“, willigte sie widerwillig ein.
„Gut, bis gleich“, mit diesen Worten, drehte er sich um und ging wieder zurück zu Findus. Der Hengst war schnell wieder gesattelt. Finn zog den Gurt fest und legte dem Pferd Gamaschen und Vorderzeug an. Dann stieg er wieder auf den Fuchs. Eigentlich hatte der Hengst heute schon genug gearbeitet, aber Finn hatte das Gefühl, dass er keine Zeit hatte, um ein anderes Pferd zu satteln.
Als der Hengst merkte, dass es nicht in die Halle, sondern ins Gelände ging, spitzte er die Ohren. Er war extrem motiviert.
Unter normalen Umständen war Finn immer auf die Sicherheit der Pferde fokussiert doch diesmal trieb er Findus deutlich mehr an. Schon galoppierten sie. Die meiste Zeit blieben sie in diesem Tempo. Doch sobald sie den Wald erreichten parierte Finn den Hengst in einen schnellen Trab.
Finn kannte den Weg, denn er war hier aufgewachsen und oft mit oft mit Emma, ihrer Freundin Mareike, Niko oder Emmas Bruder Carsten ausgeritten. Auch wenn Carsten und Niko nur noch in den Semesterferien und an einigen Wochenenden zwischendurch auf dem Hof waren um ihre Pferde zu reiten und um ihre Freunde zu sehen, genossen sie alle die Ausritte in der Gegend.