Zwischen Recht Und Gefühl by DragonLady at Inkitt
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Zwischen Recht und Gefühl

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Summary

Zwischen Recht und Gefühl Mira Lenz wollte nie auffallen. Seit ihrem ersten Semester versucht die angehende Juristin, einfach nur unsichtbar zu sein – bis Professor Julian Hartmann sie ausgerechnet für sein Elite-Team auswählt. Der Mann, vor dem die ganze Fakultät zittert. Distanziert, unnahbar, brillant. Was Mira nicht ahnt: Hinter Julians eiskalter Kontrolle verbirgt sich eine Vergangenheit, die seine Karriere fast zerstört hätte. Je näher sie sich bei den gemeinsamen Vorbereitungen kommen, desto mehr verschwimmt die Grenze zwischen Respekt und verbotener Nähe. Mira beginnt, hinter seine Fassade zu blicken – und Julian erkennt in ihr etwas, das er längst verloren geglaubt hatte: Vertrauen. Doch die Realität schlägt mit brutaler Härte zurück. Julians narzisstische Ex-Frau Sophie taucht an der Fakultät auf, bereit, alles zu vernichten, was er sich mit Mira aufzubauen beginnt. Und im Schatten lauert eine noch viel dunklere Gefahr aus Miras eigener Vergangenheit, die nur auf den richtigen Moment gewartet hat. Als aus dem verbotenen Spiel im Hörsaal ein lebensgefährlicher Albtraum im Spandauer Forst wird, bricht Miras Welt in tausend Scherben. Zwischen Amnesie, traumatischen Erinnerungen und einem unbarmherzigen Gerichtsprozess muss Julian alles opfern, um der Fels in ihrer Brandung zu sein. Denn manche Wahrheiten sind gefährlicher als jedes Urteil – und um Mira zu retten, muss er das Gesetz brechen, das er eigentlich lehrt. Eine Geschichte über Macht, tiefes Trauma und die unerschütterliche Kraft einer Liebe, die keine Beweise braucht, um zu heilen.

Status
Complete
Chapters
23
Rating
5.0 1 review
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Beweisaufnahme

Der Brief lag noch immer in der untersten Schublade seines Schreibtisches, unter Klausuren, die er längst hätte vernichten sollen. Julian Hartmann hatte ihn nie weggeworfen. Nicht, weil er ihn noch einmal lesen wollte – er kannte jedes Wort auswendig, jede einzelne Anschuldigung, jede falsche Tatsache, die mit chirurgischer Präzision so formuliert war, dass sie nach Wahrheit klang. Er hatte ihn aufbewahrt, weil er sich nie wieder erlauben wollte zu vergessen, wie es sich anfühlte, wenn der Boden unter einem verschwand, ohne Vorwarnung, ohne Geräusch.

Sehr geehrter Herr Professor Hartmann, aufgrund eingegangener Hinweise auf eine mögliche Verletzung der Prüfungsordnung sieht sich die Fakultät veranlasst, ein Verfahren gegen Sie einzuleiten…

Er konnte sich noch genau erinnern, wie das Papier sich angefühlt hatte zwischen seinen Fingern. Kühl. Glatt. Banal, eigentlich, für etwas, das sein gesamtes Leben in zwei Teile geschnitten hatte – das davor und das danach.

Drei Jahre war das her.

Drei Jahre, seit eine Studentin im dritten Semester behauptet hatte, sie habe gesehen, wie er einer anderen vorab Klausurfragen zukommen ließ. Drei Jahre, seit diese Anschuldigung wie ein Funke ins trockene Gras der akademischen Gerüchteküche gefallen war und sich verselbstständigt hatte, schneller, als irgendjemand sie hätte löschen können.

Er hatte gewusst, wer dahintersteckte. Vom ersten Moment an.

Sophie.

Seine Frau. Damals noch seine Frau.

Sie hatte es nie offen zugegeben – das hätte ihren eigenen Ruf beschädigt, und Sophie beschädigte niemals etwas, das ihr selbst nützte. Aber sie war es gewesen, die der Studentin den Gedanken eingepflanzt hatte, sie wisse etwas, sie habe etwas gesehen, sie solle es doch melden, es sei ihre Pflicht. Julian hatte das erst Monate später erfahren, durch einen Kollegen, der zufällig ein Gespräch belauscht hatte. Bis dahin war die Sache längst zu groß geworden, um sie noch zurückzudrehen.

Das Schlimmste war nicht einmal der Vorwurf selbst gewesen. Vorwürfe konnte man widerlegen. Beweise konnte man sammeln. Er hatte beides getan, akribisch, wie er alles tat – E-Mail-Protokolle, Zeitstempel, Zeugenaussagen von Kollegen, die in der fraglichen Nacht mit ihm in der Bibliothek gesessen hatten. Am Ende war das Verfahren eingestellt worden, mangels jeglicher Substanz. Offiziell war er rehabilitiert.

Aber das Schlimmste war gewesen, dass Sophie – seine Frau, die Frau, die geschworen hatte, an seiner Seite zu stehen, in guten wie in schlechten Zeiten – in den Wochen, in denen sein Name durch jeden Flur der Fakultät getragen wurde wie etwas Schmutziges, geschwiegen hatte.

Sie hätte ihn entlasten können. Ein einziges Wort von ihr – ich war dabei, als er die Klausuren vorbereitet hat, das ist unmöglich passiert – hätte gereicht, um die ganze Geschichte im Keim zu erwürgen. Stattdessen hatte sie nichts gesagt. Tagelang. Wochenlang. Hatte ihn morgens angesehen, wenn er aufwachte mit dem Gesicht eines Mannes, der nicht geschlafen hatte, und nichts gesagt außer das wird schon wieder, Julian, hab Vertrauen in das System.

Vertrauen. Als hätte sie nicht gewusst, dass sie selbst der Grund war, warum es überhaupt ein System gab, dem er vertrauen musste.

Er erinnerte sich an den Abend, an dem alles zerbrach, mit einer Klarheit, die ihn manchmal nachts noch wach hielt. Die Wohnung war dunkel gewesen, nur die Lampe über dem Esstisch brannte, und Sophie hatte ihre Koffer schon gepackt – nicht heimlich, nicht über Nacht, sondern mit der kühlen Effizienz einer Frau, die längst entschieden hatte, lange bevor sie es ihm sagte.

»Ich gehe«, hatte sie gesagt, ohne ihn anzusehen, während sie eine Schublade durchsuchte. »Das hier funktioniert nicht mehr. Du bist… du bist zu verschlossen geworden, Julian. Seit dem Verfahren. Ich kann nicht mit jemandem leben, der mich nicht mehr an sich heranlässt.«

Er hatte gelacht. Ein hässliches, kaltes Lachen, das nicht zu ihm gepasst hatte. »Du hast mich nicht an dich herangelassen, Sophie. Du hast mich verbrannt und dann gefragt, warum ich keine Wärme mehr in mir habe.«

Sie hatte ihn angesehen, in diesem Moment, mit einem Blick, der weder Schuld noch Reue zeigte. Nur Müdigkeit. Als wäre er die Last, die sie endlich abwerfen durfte.

»Du weißt nicht, wovon du redest«, hatte sie gesagt, und das war die letzte vollständige Lüge gewesen, die sie ihm ins Gesicht gesagt hatte, bevor die Tür hinter ihr zufiel.

Er wusste es. Er hatte es immer gewusst. Er hatte nur nie beweisen können, warum sie es getan hatte – aus Eifersucht, vielleicht, weil er an der Fakultät schneller aufgestiegen war als sie selbst; aus Verbitterung, weil ihre eigene akademische Karriere irgendwo zwischen zwei gescheiterten Habilitationsversuchen ins Stocken geraten war; oder einfach, weil manche Menschen Zerstörung brauchten, um sich selbst lebendig zu fühlen.

Julian Hartmann schloss die Schublade.

Drei Jahre. Er hatte sich neu aufgebaut, Stein für Stein, mit der gleichen Disziplin, mit der er jeden Fall analysierte – emotionslos, methodisch, ohne sich je wieder die Blöße zu geben, jemanden so nah an sich heranzulassen, dass er ihn ein zweites Mal zerstören könnte. Er war der jüngste Lehrstuhlinhaber der Fakultät geworden. Gefürchtet für seine Fragen im Hörsaal, respektiert für seine Urteile, gemieden für seine Distanz. Genau so, wie er es wollte.

Niemand kam mehr nah genug heran, um ihn zu verletzen.

Das war der Plan gewesen. Bis heute hatte er funktioniert.


Der Hörsaal 0.05 roch nach kaltem Kaffee und nach der Anspannung von zu vielen Studierenden, die zu wenig geschlafen hatten. Mira Lenz saß, wie immer, in der letzten Reihe, ganz außen, dort, wo sie im Notfall unbemerkt verschwinden konnte – ein Fluchtweg, den sie sich in jedem Hörsaal automatisch suchte, ohne darüber nachzudenken.

Vor ihr, ganz vorne, stand Professor Hartmann am Pult, und wie immer, wenn er sprach, wurde es im Raum so still, dass man das Rascheln von Papier wie einen Donnerschlag hörte.

»Wer kann mir sagen«, sagte er, ohne auf seine Notizen zu schauen, »warum der Bundesgerichtshof in diesem Fall die Verkehrssicherungspflicht des Beklagten bejaht hat, obwohl der Schaden erst drei Wochen nach der ursprünglichen Pflichtverletzung eintrat?«

Stille. Ein paar Studierende rutschten unwillkürlich tiefer in ihre Sitze, als könnte das sie unsichtbar machen.

Mira kannte die Antwort. Sie hatte sie sich gestern Nacht durchgelesen, dreimal, mit einem gelben Textmarker, der inzwischen mehr Linien auf ihrem Skript hinterlassen hatte als unmarkierten Text. Adäquanztheorie. Die Frage der Vorhersehbarkeit. Sie wusste es. Aber ihre Hand blieb auf dem Tisch liegen, die Finger leicht um ihren Kugelschreiber gekrallt, während ihr Herz schneller schlug, allein bei dem Gedanken, sich zu melden.

»Niemand?« Julians Stimme hatte diesen Ton, der irgendwo zwischen Enttäuschung und stiller Belustigung lag, als würde er genau wissen, dass die Hälfte des Raums die Antwort kannte und trotzdem schwieg, aus Angst, sie könnte falsch sein.

Sein Blick wanderte über die Reihen. Systematisch, ohne Eile, wie jemand, der einen Raum scannt, weil er es gewohnt ist, jedes Detail zu erfassen.

Mira senkte den Kopf, sobald sein Blick in ihre Richtung wanderte. Eine alte Reflexbewegung. Sie hatte sich nie wohl dabei gefühlt, gesehen zu werden – nicht im Klassenzimmer früher, nicht im Hörsaal jetzt, nicht in Gruppen, in denen alle anderen mühelos zu wissen schienen, wie man sich Raum nahm, ohne dabei das Gefühl zu haben, dass die Wände einen erdrückten.

»Niemand«, wiederholte Julian, und etwas in seinem Tonfall klang fast amüsiert, »riskiert eine falsche Antwort. Interessant. Dabei lernt man hier nicht durch Schweigen, sondern durch Irrtum.« Er machte eine kurze Pause. »Aber gut. Adäquanztheorie. Der Schaden muss eine vorhersehbare Folge der Pflichtverletzung sein – nicht zwangsläufig die unmittelbare. Die zeitliche Distanz allein schließt die Zurechnung nicht aus, solange die Kausalkette nicht durch ein atypisches Zwischenereignis unterbrochen wird.«

Er schrieb es an die Tafel, in dieser sauberen, fast unnatürlich gleichmäßigen Handschrift, die Mira insgeheim faszinierte – als wäre selbst seine Schrift einem inneren Regelwerk unterworfen, das keine Unordnung zuließ.

Sie schrieb mit, schneller als nötig, nur um die Anspannung in ihren Fingern irgendwo abzuladen.

Als die Vorlesung endete und die Studierenden sich in Richtung Ausgang schoben, in diesem typischen, lauten Chaos aus Stühlerücken und Gesprächsfetzen, blieb Mira noch einen Moment sitzen, packte ihre Sachen langsamer als nötig zusammen. Sie mochte diesen kurzen Moment, in dem der Hörsaal sich leerte und sie nicht mehr Teil der Masse war, sondern wieder unsichtbar werden konnte, in ihrem eigenen Tempo.

»Frau Lenz.«

Sie zuckte zusammen.

Julian stand noch vorne, eine Hand auf seinem Laptop, der andere Arm locker an der Seite, und sah zu ihr herüber – über die halb leeren Reihen hinweg, direkt zu ihr, als hätte er gewusst, dass sie dort sitzen würde, lange bevor sie es selbst entschieden hatte.

Mira erstarrte für eine Sekunde, bevor sie reagierte. Niemand sprach sie je direkt an. Sie war die Studentin, die in Vorlesungsverzeichnissen existierte und sonst kaum.

»Ja?«, brachte sie hervor, und ihre Stimme klang dünner, als sie wollte.

»Bleiben Sie kurz?«

Es war keine Frage, die einen Widerspruch zuließ. Sie nickte und blieb stehen, während der Hörsaal sich endgültig leerte, bis nur noch das Echo von Schritten im Flur draußen übrig blieb.

Julian kam langsam zwischen den Stuhlreihen nach oben, bis er ein paar Reihen vor ihr stehen blieb – nah genug, um leise zu sprechen, fern genug, um nicht bedrohlich zu wirken. Mira bemerkte, wie genau er diesen Abstand zu kalkulieren schien, als hätte er eine unsichtbare Linie gezogen, die er nie überschritt.

»Sie kennen die Antwort immer«, sagte er, und es klang nicht wie ein Vorwurf, eher wie eine Feststellung, die ihn selbst zu interessieren schien. »Ich sehe es an Ihren Notizen. An der Geschwindigkeit, mit der Sie schreiben, wenn ich etwas erkläre, das Sie offensichtlich bereits wissen. Warum melden Sie sich nie?«

Mira spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie hasste diese Frage, weil sie keine Antwort darauf hatte, die nicht peinlich klang. Weil ich Angst habe, falsch zu liegen. Weil ich Angst habe, dass alle mich ansehen. Weil ich es nicht gewohnt bin, dass irgendjemand mir zuhört, wenn ich etwas sage.

»Ich weiß nicht«, murmelte sie stattdessen, und ihr Blick fiel auf den Boden zwischen ihnen.

Julian schwieg einen Moment, und sie wusste nicht, ob er die Ausflucht akzeptierte oder einfach nur entschied, sie nicht weiter zu bedrängen.

»Ich habe Ihre letzte Hausarbeit gelesen«, sagte er schließlich. »Zur Drittwirkung der Grundrechte im Privatrecht.«

Mira hob den Kopf, überrascht. Sie hatte diese Arbeit vor zwei Wochen abgegeben und nicht erwartet, dass er sie persönlich gelesen hatte – normalerweise korrigierten die wissenschaftlichen Mitarbeiter solche Arbeiten.

»Sie haben einen Gedanken entwickelt, den ich in zehn Jahren Lehre noch nicht von einem Erstsemester gesehen habe«, fuhr er fort, und seine Stimme war jetzt anders, weniger der distanzierte Dozent, mehr jemand, der tatsächlich etwas zu sagen hatte, das ihm wichtig war. »Die Verbindung zwischen der mittelbaren Drittwirkung und dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz im Kontext digitaler Plattformen – das war nicht nur korrekt. Das war originell.«

Mira wusste nicht, was sie sagen sollte. Niemand hatte je so über ihre Arbeit gesprochen. Sie war es gewohnt, gute Noten zu bekommen, ohne dass irgendjemand sie wirklich sah.

»Danke«, brachte sie schließlich hervor, leiser, als sie wollte.

»Ich leite in diesem Semester das Moot-Court-Team«, sagte Julian, und jetzt war wieder der professionelle Ton da, klar und sachlich. »Sie wissen, was das bedeutet?«

Sie nickte. Jeder im ersten Jahr kannte den Mythos um das Moot-Court-Team – die simulierten Gerichtsverhandlungen, an denen die Fakultät mit anderen Universitäten konkurrierte, die als eine der prestigereichsten Erfahrungen im gesamten Studium galten, ausschließlich besetzt mit den besten Studierenden höherer Semester. Niemand aus dem ersten Semester hatte je teilgenommen. Niemand.

»Ich möchte Sie ins Team aufnehmen«, sagte er.

Für einen Moment war Mira sicher, sie hätte sich verhört.

»Ich bin im ersten Semester«, sagte sie automatisch, als müsste sie ihn auf einen offensichtlichen Fehler hinweisen.

»Ich weiß, in welchem Semester Sie sind, Frau Lenz«, antwortete Julian trocken, mit einem Hauch von etwas, das fast wie Belustigung klang. »Ich treffe meine Entscheidungen nicht versehentlich.«

Sie starrte ihn an, unfähig, irgendetwas zu sagen, das nicht dumm klang.

»Ich erwarte keine Antwort jetzt sofort«, fügte er hinzu, etwas sanfter. »Aber das Team trifft sich ab nächster Woche, dienstags um achtzehn Uhr, Raum 2.14. Wenn Sie kommen, gehe ich davon aus, dass Sie sich entschieden haben. Wenn nicht – dann respektiere ich das ebenso.«

Er nahm seinen Laptop, schloss die Tasche, und bevor er sich zur Tür wandte, sah er sie noch einmal an – ein Blick, der länger dauerte, als professionell notwendig gewesen wäre, ein Blick, der etwas in ihr berührte, das sie nicht benennen konnte, etwas Warmes und Unbequemes zugleich.

»Sie haben mehr zu sagen, als Sie sich selbst zugestehen«, sagte er leise, fast wie eine Randbemerkung, bevor er den Hörsaal verließ. »Es wäre schade, wenn das niemand außer mir bemerken würde.«

Dann war er weg, und Mira blieb allein zurück, mit einem Herzschlag, der sich anfühlte, als würde er versuchen, aus ihrer Brust zu springen, und einem Gedanken, der sich hartnäckig in ihrem Kopf festsetzte und nicht mehr verschwinden wollte.


Julian ging den Flur entlang, schneller als gewöhnlich, mit dem Gefühl, etwas getan zu haben, das er nicht vollständig rational erklären konnte.

Er stellte sich diese Frage selten. Warum. Warum hatte er innegehalten, als er die Hausarbeit von Mira Lenz gelesen hatte, anstatt sie wie hunderte andere mit einer Note zu versehen und weiterzugehen? Warum hatte er sich die Mühe gemacht, sich ihren Namen aus der Anwesenheitsliste zu merken, eine stille, junge Frau, die niemals auffiel, die sich offensichtlich Mühe gab, in jeder Vorlesung so klein wie möglich zu erscheinen?

Er kannte die Antwort, auch wenn er sie sich nicht gerne eingestand. Es war die Diskrepanz, die ihn faszinierte – zwischen dem, was sie auf dem Papier zeigte, dieser scharfen, unerwarteten Klarheit des Denkens, und dem, was sie im Raum zeigte, dieses ständige Zurückweichen, als wäre Sichtbarkeit eine Gefahr, der man entgehen musste.

Er kannte dieses Muster. Er hatte es selbst einmal gelebt, vor langer Zeit, bevor er gelernt hatte, dass Rückzug keine Sicherheit bot, sondern nur eine andere Form der Verwundbarkeit.

Aber das war es nicht allein. Es war auch der Moment gewesen, in dem sie aufgeblickt hatte, als er sie ansprach – dieser kurze Augenblick, in dem ihre Augen seine trafen, bevor die Scheu sie wieder zurückzog, und etwas in ihm hatte reagiert, schnell und unwillkommen, wie ein Reflex, den er für längst abtrainiert gehalten hatte.

Das war gefährlich.

Er war ihr Dozent. Sie war neunzehn, in ihrem ersten Semester, eine Studentin, die er gerade eben in ein Team aufgenommen hatte, das er selbst leitete. Jede Form von – was auch immer das gewesen war, dieser flüchtige Moment der Aufmerksamkeit, der sich wie etwas Ungewohntes in seiner Brust ausbreitete – war unprofessionell, unangebracht, und schlicht unmöglich.

Er hatte sich drei Jahre lang darauf trainiert, niemanden mehr so nah heranzulassen, dass es ihn etwas kosten könnte. Diese Disziplin hatte ihn vor weiterem Schaden bewahrt. Sie hatte ihn auch einsam gemacht, aber Einsamkeit, das hatte er gelernt, war ein Preis, den man zahlen konnte. Verrat dagegen kostete mehr, als man je zurückbekam.

Sein Telefon vibrierte in seiner Tasche. Er warf einen Blick auf das Display, ohne stehen zu bleiben, und sein Schritt stockte, kaum merklich, als er den Namen sah.

Sophie Hartmann.

Sie hatte ihren Nachnamen nie geändert, auch nicht nach der Scheidung. Er hatte sich nie gefragt, warum – oder vielleicht hatte er es sich gefragt, und die Antwort einfach nie zulassen wollen.

Er ließ das Telefon klingeln, bis es verstummte, und steckte es zurück in die Tasche, mit einer Bewegung, die entschlossener wirkte, als er sich fühlte.

Was auch immer Sophie wollte – es konnte warten. Es musste warten. Er hatte genug Zeit damit verbracht, sich von ihrer Vergangenheit beeinflussen zu lassen. Heute hatte er Wichtigeres im Kopf.

Eine Studentin, die mehr zu sagen hatte, als sie sich selbst zugestand.

Und ein Gefühl, das er sich strikt verbot, weiter zu erforschen.


Mira saß noch immer im leeren Hörsaal, als ihre beste – eigentlich einzige – Freundin Carla, die draußen gewartet hatte, ungeduldig durch die Tür spähte.

»Was war das denn?«, fragte Carla, kaum dass sie eingetreten war, mit diesem typischen Funkeln in den Augen, das immer dann erschien, wenn sie Klatsch witterte. »Hartmann hat dich angesprochen? Persönlich? Vor allen?«

»Es waren nicht mehr alle da«, murmelte Mira, während sie ihre Sachen endgültig in die Tasche packte, ihre Hände immer noch leicht zitternd.

»Egal! Was wollte er?«

Mira zögerte. Es fühlte sich seltsam an, es laut auszusprechen, als könnte es sich dadurch in etwas verwandeln, das nicht real war.

»Er hat mich ins Moot-Court-Team aufgenommen«, sagte sie schließlich.

Carlas Mund klappte auf. »Das Moot-Court-Team? Das Moot-Court-Team? Mira, das nimmt niemals Erstsemester. Niemals. Mein Cousin hat es im fünften Semester versucht und wurde abgelehnt.«

»Ich weiß.« Mira spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog, eine Mischung aus Stolz, den sie sich nicht erlauben wollte zu fühlen, und Panik, die sich viel vertrauter anfühlte. »Ich weiß nicht, ob ich das kann.«

»Natürlich kannst du das«, sagte Carla, schon im Gehen, schon halb aus der Tür, mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, dem Selbstzweifel grundsätzlich fremd waren. »Du bist die Klügste, die ich kenne, und du redest nie darüber. Das hier ist deine Chance, dass es jemand merkt.«

Es wäre schade, wenn das niemand außer mir bemerken würde.

Julians Worte hallten in ihrem Kopf nach, während sie den Flur entlanggingen, hinaus in den kühlen Nachmittag, und Mira konnte sich nicht erklären, warum ausgerechnet diese Worte sich anfühlten wie etwas, das sie noch lange begleiten würde.

Sie hatte sich nie vorgestellt, dass jemand sie wirklich sah. Nicht so. Nicht mit dieser Art von Aufmerksamkeit, die keine Mitleid war, sondern – was auch immer das gewesen war, dieser Blick, der eine Sekunde zu lange auf ihr geruht hatte.

Sie wusste, dass sie zum Treffen am Dienstag gehen würde. Sie hatte es bereits entschieden, in dem Moment, in dem er den Hörsaal verlassen hatte. Was sie nicht wusste, war, warum die Aufregung in ihrer Brust sich nicht nur nach der Angst vor der Aufgabe anfühlte, sondern nach etwas, das tiefer ging, etwas, das sie noch nicht benennen wollte, weil sie ahnte, dass es gefährlich war, es überhaupt zu denken.

Ein Professor. Ein Mann, der elf Jahre älter war als sie, kontrolliert, distanziert, von dem die ganze Fakultät sprach wie von einer unnahbaren Festung.

Und doch – dieser kurze Moment, in dem seine Stimme weicher geworden war, in dem etwas Echtes durch die professionelle Fassade geschimmert hatte.

Mira schüttelte den Kopf, als könnte sie den Gedanken damit abschütteln, und ging weiter, während über ihr der Berliner Himmel sich langsam in ein dunkles, vielversprechendes Grau verfärbte.

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