Wie alles begann
Mein Name ist Clara, 47 Jahre, keine Kinder, Single von Geburt an. Ja, bis heute hat sich bei mir nie eine Beziehung ergeben. Um ehrlich zu sein, gab es dafür auch nicht viele Möglichkeiten. Im Gegenteil, ich fand immer die Jungs oder Männer interessant oder zu mir passend, die entweder vergeben waren oder zu alt. Ich meine, ein Mann Mitte 30 interessiert sich wohl kaum für eine übergewichtige 18-Jährige – auch wenn beide gesanglich aktiv sind. Eine Begegnung gab es mal: Da interessierte ich mich gerade mal wieder für einen jungen Mann, der an einer anderen interessiert war. Ein eigentlich ganz ansehnlicher, vielleicht 25 Jahre alter Mann wollte mich auf ein Getränk einladen, und ich hatte nichts Besseres zu tun, als dankend abzulehnen. Heute, 25 Jahre später, bereue ich es zutiefst, hätte ich doch nur die Einladung angenommen. Wer weiß, vielleicht würde ich dann nicht allein auf dem Sofa sitzen. Würde Spielzeug wegräumen und mich, erledigt von der Kindererziehung, abends an meinen Ehemann kuscheln. Stattdessen mache ich Karriere, eigentlich nicht mein Lebenswunsch. Vor ein paar Jahren sagte mal ein Kollege zu mir, Männer wollten Frauen, die auf keinen Fall intelligenter seien als sie selbst. Ich würde es schwer haben, einen Partner zu finden. Ich war mir nicht sicher, ob ich das damals als Kompliment oder als Beileidsbekundung auffassen sollte. Ja, ich bin nicht dumm, ok? Eigentlich bin ich ganz gut ausgestattet im Kopf. Leider auch am Bauch und an den Beinen. Die Einsamkeit und das eine oder andere Trauma meiner Kindheit schlagen sich bei mir in Gramm Fett nieder. 168 cm und 125 kg, aber hey, was soll’s, mein IQ liegt bei 144 – das ist doch immerhin im Schnitt. Ja, ja, Galgenhumor kommt nicht so gut an.
Aber ich habe mich von meiner Karriere ablenken lassen. Vor etwa zwei Jahren teilte mir mein Chef mit, dass er in Rente gehen wolle. An und für sich ja ganz in Ordnung, nur waren wir nur noch ein Zwei-Mann-Betrieb. Er und ich.
Ich fand erstaunlicherweise ziemlich schnell eine neue Arbeit, und was soll ich sagen, es ist toll. Nicht mehr fünf Tage die Woche Homeoffice. Mehr Verantwortung, als mir eigentlich lieb ist, aber offensichtlich mache ich meinen Job gut. Demnächst kommt die Fortbildung zum Teamleiter. Manchmal macht mir meine eigene Courage schon Angst. Aber was ich eigentlich erzählen will, ist, was in meinem ersten Jahr in der neuen Firma passiert ist. Genau zwei Monate nach mir gab es einen neuen Kollegen. Pascal, 35 Jahre alt, gutaussehend, trainiert, strahlend blaue Augen und ein Lächeln zum Dahinschmelzen. In der ersten Besprechung grüßte er mich direkt von seinem Vater, und ich war ziemlich überrascht. Pascal ist der Sohn eines ehemaligen Kollegen, der in der alten Firma gekündigt hatte. Der Firmensitz war aber mehr als 100 km weit weg. Es stellte sich heraus, dass er ebenso wie ich zur Arbeit pendelte. Gemeinsamkeiten schaffen Vertrauen oder zumindest Interesse. Als wir dann noch am gleichen Projekt arbeiteten und gemeinsam zu Kundenterminen fuhren, stellte sich schnell heraus, dass wir ähnlich dachten. Und dass er, Gott sei Dank, nicht viel Ähnlichkeit mit seinem Vater hatte. Pascal hatte bei seiner Vorstellung besser verhandelt und bekam daher nach seiner Probezeit einen Dienstwagen. Als die Spritpreise dann ins Unermessliche stiegen, bot er mir doch tatsächlich freiwillig an, mich zur Arbeit mitzunehmen. Tatsächlich passte er seine Bürotage sogar mir an.
Ich genoss die Fahrten zur Arbeit. Sobald ich in seinem Auto saß, hatte ich gute Laune – gerade weil ich sie morgens sonst nur sehr schwer erreichen konnte. Er war nett zu mir, er behandelte mich wie eine Frau, eine Freundin. Das war der ganze markerschütternde Trick. Er lachte über meine trockenen Kommentare, weil sie tatsächlich komisch waren, nicht weil er nett sein wollte. Er bat mich um meine fachliche Meinung. Wenn er mich ansah, sah er, so kam es mir vor, eine Frau. Nicht eine Ausnahme, keine Randnotiz, keine Walze, niemanden, den man besser übersah. Irgendwie schaffte er es auch, zu sehen, was ich lieber verbergen wollte: meine Traurigkeit, meine Einsamkeit. Und es fühlte sich nicht an, als würde er mich deswegen bloßstellen. Es fühlte sich an, als würde er mich verstehen. Während er fuhr, konnte ich dösen – etwas, das mir bei anderen Fahrern sonst nicht möglich ist. Er tröstete mich, als ich meinen Hund einschläfern musste, und berührte mich sogar. Ich bin mir sicher: Hätte er nicht im Auto gesessen und wäre ich nicht danebengestanden, hätte er versucht, mich in den Arm zu nehmen, nur um mich zu trösten.
Leider bemerkten auch die Kollegen, dass wir uns gut verstanden und dass wir eine Fahrgemeinschaft gebildet hatten. Selbst der Chef sprang darauf an. Immer wieder kamen Kommentare, natürlich ging es dabei in der Regel um sexuelle Anspielungen. Der Chef fragte, worüber wir auf der Fahrt tuschelten und ob wir Spaß hätten. Ich spielte mit, natürlich. Sich über sich selbst lustig zu machen ist besser, als dass es ein anderer tut. Pascal lächelte nur und reagierte nicht auf die Kommentare. Vielleicht wurde er mal rot, und der aktuelle Teamleiter, ein ehemaliger Soldat, stichelte dann besonders gern: „Na, Pascal, woran denkst du denn gerade wieder?“, wenn wieder ein Kommentar über uns beide fiel. Es wirkte für mich so, als schäme er sich dafür, mit mir so in Verbindung gebracht zu werden. Auf der Weihnachtsfeier und dem Grillfest hielt er sich komplett fern von mir. Nicht einmal ein Hallo war drin. Es wirkte manchmal so ambivalent: Mal suchte er meine Nähe und das Gespräch, mal ging er vollkommen auf Distanz. Ich wurde nicht schlauer, dachte aber immer wieder über unsere Situation nach, ohne sie zu verstehen. Nur dass er mich sah, wirklich sah, davon war ich zum ersten Mal in meinem Leben überzeugt.
Dann kam das Sommerfest, direkt am Strand in einer Strandbar. Überall waren Lichterketten und Fackeln. Es lief Musik, und schon während des Essens konnte ich sehen, dass die Kollegen ordentlich zulangten. Vor allem beim Alkohol. Heute waren wir nicht zusammengefahren. Mir war klar, dass er deutlich länger auf dem Sommerfest verweilen würde als ich und dass er die Nacht bei seinem Bruder schlafen würde. Ich würde noch vor Mitternacht wieder nach Hause fahren und dort wie immer einsam und allein ins Bett gehen. Ich suchte gerade nach meinem Büronachbarn Timo. Frischer Bachelor, gerade einmal 27 Jahre alt, und wie konnte es anders sein, natürlich gutaussehend und gut gebaut. Ich sah mein Team an einem Tisch sitzen und ging lächelnd auf sie zu. Sie konnten nicht fliehen, immerhin würde ich bald ihre Teamleiterin werden. Die einzige Frau im Team von sechs Ingenieuren. Ich schob den Gedanken beiseite, schließlich war der Chef mit der Idee auf mich zugekommen. „Wird schon gutgehen …“, murmelte ich vor mich hin, als plötzlich eine Hand mit einem Glas vor mir auftauchte und mich daran hinderte, weiterzugehen. Ich wollte schon Danke sagen und drehte meinen Kopf, als ich sah, dass das Glas einer jungen, attraktiven Frau gereicht wurde und ich einfach nur im Weg war. Ich entschuldigte mich, umrundete die beiden und erreichte endlich den Tisch mit meinen Kollegen.
„Hey … da bist du ja. Setz dich, Murat holt schon eine Runde Shots für uns.“ Ich lächelte und setzte mich. „Sorry, Jungs, aber ich muss noch fahren.“ So verging eine Weile, und immer wieder sah ich Pascal mal mit Kollegen reden. Da ich ja wusste, dass er mir bei solchen Veranstaltungen aus dem Weg ging, habe ich auch nicht nach ihm gesucht.
Als es dann kurz vor zehn war, trat unser aktueller Teamleiter ans Mikro auf der Bühne. „So, ihr Lieben, ich hoffe, ihr habt richtig Spaß. Jetzt, wo der erste Pegelstand erreicht ist, schalten wir die Karaoke-Maschine ein. Also kommt her und sucht euch einen Song aus. Der schlechteste Sänger, die schlechteste Sängerin bekommt einen Preis …“ Er grinste unseren Chef an. „… den Chef morgen früh nach Hause fahren.“ Natürlich wurde laut gelacht, und ich sah tatsächlich ein paar Mutige, die zur Bühne gingen, um sich in die Liste einzutragen. Da ich das niemals tun würde, achtete ich aber nicht weiter darauf. Was dann die nächste Stunde präsentiert wurde, war nicht gut. Nicht ansatzweise, es war eine Qual für meine Ohren, und ich hatte gerade beschlossen, dass dieses Glas Spezi das letzte sein würde.
„Als Nächstes hören wir Clara!“ Ich zuckte zusammen und spuckte tatsächlich etwas von meinem Getränk über den Tisch. Erschrocken schaute ich zur Bühne, wo mein Teamleiter wild mit den Armen wedelte, um mich dorthin zu locken. „Oh nein, ganz sicher nicht. Das könnt ihr voll vergessen.“ Leider hatte ich nicht mit meinen Jungs gerechnet, die mich vom Stuhl hochzogen und zur Bühne brachten. Ich versuchte mich noch zu wehren, da wurde mir schon das Mikro in die Hand gedrückt. Ganz vorne in der ersten Reihe stand der breit grinsende Pascal. Mit meinem Blick hätte ich ihn töten können. Das war ganz sicher sein Werk.
Dann setzte die Musik ein, und ich dachte, ich müsste tot umfallen. Robbie Williams’ „Angels”. Die ganze Menge vor mir fing an zu singen, und ich fand mich nur mühsam zurecht, das Mikro möglichst weit weg von meinem Mund. Irgendwann spürte ich, wie die Musik mich dann doch noch mitriss, und ich fing an, richtig zu singen. So schlecht ist der Song ja nun einmal nicht. Kurz vor Ende kam ich wieder ins Hier und Jetzt, und so bemerkte ich auch erst jetzt, dass die Menge vor mir still war. Erschrocken riss ich das Mikro herunter und starrte nach unten. Langsam hob Pascal die Hände und fing an zu klatschen. Ich starrte ihn an, und als dann die anderen anfingen zu applaudieren, zu pfeifen, zu grölen, zuckte ich kurz zurück. Mein Teamleiter kam mit offenem Mund auf mich zu: „Alter, warum wusste ich nicht, dass du so geil singen kannst? Hammer …“ Ich schluckte und eilte von der Bühne. Ich musste hier unbedingt und schnell weg. „So eine Blamage …“ Ich drängte mich durch die Menschen und spürte immer wieder irgendwelche Schulterklopfer. Ich hörte wie durch einen Nebel ein paar Komplimente, und doch tat mein innerer Kritiker alles als Mitleid ab.








