Was bleibt
*Preisgekrönte Geschichte: 3. Platz beim Literaturpreis der Nürnberger Kulturläden und Lesung im Rahmen des Literaturfestivals wortwärts*
Guten Morgen allerseits, gut geschlafen?
Sie schüttelten weder die Köpfe noch murmelten sie ein ja. Sie lagen still, wie immer. Gordon Mayer nickte trotzdem in die Runde. Theo in Reihe zwei hatte sich vor dem Schlafengehen nicht richtig zugedeckt. Junge, deine Füße luken heraus!Behutsam, um Theo nicht aufzuwecken, hob Gordon die Decke an und wickelte sie um seine Füße. Theo war ein Morgenmuffel. Bei dem eklig kalten Novemberwetter kein Wunder.
Gordon hustete. Wie kalt war es hier im Saal? Zehn Grad? Fünf? Seine Augen wanderten zu Berta, die es sich auf Theos linker Seite gemütlich gemacht hatte. Er deckte sie auf.Puh, dieser beißende Geruch. Sie sind fantastisch, aber sie riechen streng!Normalerweise nahm er den Geruch kaum wahr, seine Nase war oft verstopft, doch heute öffnete sie ihre Poren und sog die Welt um sich herum ein.
Berta. Ein Lächeln huschte über Gordons Gesicht. Er mochte sie alle, aber mit ihr verband ihn etwas Besonderes. Berta erinnerte ihn an jemanden, den er vor langer Zeit einmal gekannt hatte, aber der mit jedem Tag ein Stückchen mehr aus seinem Gedächtnis verschwand. Gordon ergriff Bertas Hand und ließ seine Finger über ihren Handrücken gleiten. So rau, vom Alter runzlig geworden. Berta sah ihn an. Blau waren ihre Augen, blau wie seine Lieblingshustenbonbons und blau wie die Ozeane.Ozeane, Urlaub. Wann Berta wohl zuletzt verreist war?Gordon strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er zuckte zusammen.Nicht die kleinste Röte auf den Wangen, das kann nicht gesund sein. Wenn ich in die Berge fahre, werde ich dich mitnehmen. Die Luft dort wirkt Wunder.
Behutsam deckte Gordon Berta wieder zu, passte auf, dass die Decke keine Falten warf. Eine Weile lang betrachtete er den Umriss ihres Körpers, die Hubbel, die sich dort hervor wölbten, wo sich ihre schmalen Arme und Beine befanden.
Irgendwann riss Gordon sich los. Heute war jemand anderes an der Reihe. Ein Neuzugang. Im Raum war es dämmrig. Er könnte Licht anmachen, damit er besser sah, aber das war nicht nötig. Mit seinen Händen begriff er Dinge, die seinen Augen verborgen blieben. Wer bist du?Gordon griff nach der Mappe, die neben Theos und Bertas neuer Zimmerkameradin auf einem Beistelltischchen lag.Franny Hanssen, 37, Bürokauffrau, zwei Kinder. Eifersuchtsdrama?
Guten Tag, gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Gordon Mayer. Keine Angst, ich werde sie nur untersuchen, es tut nicht weh. Gordon blätterte in der Mappe und hielt bei einem Foto inne, das eine lachende Frau mit Sommersprossen zeigte. Sie sind ein Sonnenschein, das gefällt mir. Wissen Sie, die meisten Leute gehen durchs Leben ohne zu lachen. Ich tue es auch nicht häufig, aber ich habe es nicht verlernt. Sehen Sie...Gordon lachte, auch wenn er sich anstrengen musste. Dann befreite er Frannys Kopf, um zu sehen, wie sie reagierte. Ihre Mundwinkel wanderten nach oben.Na also, Lachen ist ansteckend.
Gordons Blick wanderte zurück zum Foto und Frannys Strahlen sendete ein wohliges Kribbeln durch seinen Körper. Wann hatte er diese Wärme zuletzt verspürt? Sie war so anders als die Kälte, die hier im Saal herrschte.Denk nach, denk nach... Gordon kniff die Augen zusammen. Nichts. Nur Leere. Er gab auf.
Was war das? Gordon beugte sich über Franny.Mit meinen Händen begreife ich Dinge, die meinen Augen verborgen bleiben.So schloss er sie. Auch die Brille mit den dicken Gläsern half nicht viel. Dafür waren seine Augen im Laufe der Jahre zu müde geworden, hatten zu viel gesehen, das sie nicht hatten sehen wollen. Seine Hände dagegen lüfteten jedes Geheimnis und etwas stimmte mit Frannys Lächeln nicht.
Gordon fuhr Frannys Brauen mit dem Ringfinger nach. Der Gummi des Handschuhs lag eng an, er verschmolz mit seiner Hand. Hand auf Haut. Hand auf feinen Härchen. Frannys Augenbrauen waren buschig und stellten sich auf, wenn Gordon in der Gegenrichtung über sie strich. Dann wanderte sein Finger Frannys Wange hinab zu ihren Lippen.Schöne volle Lippen sind das, Franny. Du hast den Jungs auf dem Schulhof früher ordentlich den Kopf verdreht. Sie sind rissig, probier mal diese norwegische Fett-Créme aus.
Frannys Mundwinkel. Zeigten sie wirklich nach oben? Gordon drang in die Furchen, folgte ihrem Verlauf. Etwas stimmte nicht. Sie verzerrten sich, verwandelten Fröhlichkeit in Schmerz. Gordon zuckte zurück. Franny lachte nicht. Man spürte es, wenn man die Fassade niederriss.Man hat dir dein Lachen genommen.Gordons Hände näherten sich abermals, suchten in Frannys Gesicht nach etwas, das echt war. Erst jetzt nahm Gordon die Stiche in ihrem Brustkorb wahr. Eifersuchtsdrama. Aber er hatte die Wunden nicht sehen wollen, nicht als Erstes zumindest.
Das Leben bringt uns Jahre voller Hass, aber auch Liebe und Humor. Ich kann das nicht. Die Menschen, die so viel erlebt haben, auf das Schlechte zu reduzieren, das ihnen widerfahren ist.Seufzend zählte und begutachtete Gordon die Stiche. Es waren viele und sie waren tief. Zugestochen, um zu zerstören.Dieser Kerl wollte den Menschen, zu dem du dich entwickelt hast, mit all seiner Fröhlichkeit und seinen Macken, verschwinden lassen. Aber er hat es nicht geschafft. Jetzt lebst du bei mir. In Sicherheit. Du wirst dich bald eingewöhnen.
Gordon kritzelte einige Notizen in seinen Bericht und klappte die Mappe zu. Dann ließ er sich auf einen Hocker sinken. Drip, drop... Regentropfen klatschten gegen die Fensterscheibe und zerflossen in breiten Schlieren auf dem Glas. Regentropfen sein, das wär’s. Drip, drop. Wohin, woher, keiner weiß es. Sie lassen sich einfach treiben. Drip drop. Gordon deckte Franny zu.
Hallo Theo, gut geschlafen? Ja, es ist Zeit für einen Tee. Möchtest du Vanille oder Himbeer? Ich weiß, du trinkst ihn mit Zucker. Viel Zucker. Das ist nicht gesund, Theo, denk an deine Blutwerte. Zum Teufel soll ich mich scheren mit meinen Blutwerten? Mein lieber Mann, musst du es deinem Freund so schwer machen? Ich hab auch beschissene Tage, aber du bläst pausenlos Trübsal. Ach so, du langweilst dich. Mmh, Langeweile macht aggressiv. Stier mich nicht an und lass das Zähnefletschen. Klar ödet dich alles an. Jeden Tag der gleiche Saal, die gleichen Leute, jeden Tag ich. Wie wär’s, soll ich dich auf einen Spaziergang mitnehmen? Keine Ursache, ich sage nur Berta Bescheid, sonst fragt sie sich, wo wir stecken.
Gordon zog Bertas Hand unter der Decke hervor und drückte sie kurz.Bis gleich.Doch Gordon ließ nicht los. Die Wärme kehrte in seinen Körper zurück. Er schnupperte.Mmh, Schmorbraten. Der mit der leckeren Pilzsoße.Gordon lief das Wasser im Mund zusammen.Deftiges Fleisch, oh, ein kleines, sehniges Stück, unauffällig ausspucken und in die Serviette wickeln. Warum klappert es in der Küche? Aber ja, die Nachspeise fehlt noch. Obstkuchen, meine Lieblingsnascherei! Psst... Hört ihr das? Jemand singt ein Lied. Ein fröhliches Lied ist das. Falleri, fallera... Und diese Stimme! Wie Engelschöre im Gestühl, so zerbrechlich.Etwas blitzte vor Gordons Augen auf. Ein gelbes Kleid. Er blinzelte.
Nein, hier gibt es kein gelbes Kleid. Gordon richtete seinen Blick zurück auf Berta, deren Hand er noch immer umklammerte. Etwas kam zurück. Er wehrte sich dagegen, doch es kroch in ihn hinein wie eine Made in ein Stück Speck.Küchengeräusche, eine zarte Stimme, Küchengeräusche, Gordon, sanft wie Engelschöre, Küchengeräusche, Küchengeräusche... Nein!
Gordon stieß Bertas Hand von sich und stolperte zurück. Er keuchte. Schweißtropfen liefen seine Stirn hinab. Was war das? Das konnte nicht, nein, nein.Es tut mir leid, Berta. Mensch, Gordon, wo bleiben deine Manieren, so behandelt man doch keine Dame. Gordon wischte sich mit dem Ärmel seines Kittels den Schweiß ab.Nur raus an die frische Luft, zum versprochenen Spaziergang mit Theo. Berta ist nicht nachtragend, lass sie weiterschlafen.Gordon stützte sich auf Bertas Tisch, bis er nicht mehr schnaufte wie eine Dampflokomotive, dann widmete er sich Theo.
Flugs den Rollstuhl aus der Ecke geholt, Theo war nicht mehr gut beifuß.Keine Angst, ich schiebe dich. So, alles einsteigen. Huppa, du bist ganz schön schwer.Gordon biss die Zähne zusammen, als er Theo vom Tisch hob und in den Rollstuhl hievte.Geschafft. Noch die Jacke und den Schal überziehen, dann schiebe ich los.
Die Tür des Saals quietschte, als Gordon sie mit dem Fuß aufschob. Der Handwerker übersah sie stets, wenn er das Haus auf Vordermann brachte. Besser so, Berta und die anderen liebten ihre Ruhe. Der Gang war menschenleer, wie immer am Wochenende. Wochenende, wie er dieses Wort hasste. Wie konnte man die Menschen hier für zwei ganze Tage alleine zurücklassen, nur weil die Zeiger der Uhr ein weiteres Mal ihre Runde gedreht hatten? Babys ließ man auch nicht achtundvierzig Stunden lang in ihrem Gitterbettchen liegen und kam ohne schlechtes Gewissen zurück. Verstehe einer die Welt.
Gordon ließ seinen Blick über die Vitrinen an den Wänden schweifen. Abgehackte Finger, verdrehte Glieder. Für jedermann zu begaffen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.Kein Respekt heutzutage. Gordon schüttelte den Kopf.Kein Fünkchen Respekt.
Tapp, tapp. Gordons Schritte hallten von den Wänden wider, durchbrachen die Stille, die sich wie ein Schatten um das Gebäude legte. Vor der Eingangstür hielt er inne.Mist, die Treppe. Wie soll ich Theo und den Rollstuhl da hinunter bekommen?
„Gordon? Wieder Überstunden am Wochenende?”
Gordon zuckte zusammen. Seine Augen flitzten umher, blickten nach oben und unten und schließlich nach vorne. Wer sprach da?
„Gordon.”
Hinter Gordon tauchte eine hagere Gestalt im Gang auf. Dr. Winckel. Gordon atmete auf. „Ach sie sind’s, Winckel, haben sie mich erschreckt.”
Die Gestalt im flatternden weißen Kittel kam näher. Herrgott, weshalb der Aufzug? Handschuhe ja, um den Patienten vor Infektionen zu schützen, aber ein Kittel auf dem Gang?Schaut her, ich bin ein Halbgott in Weiß, betet mich an.
„Gordon, wir müssen reden.”
Reden und worüber? Wenn unsere Kollegen dabei sind, ignorierst du mich, aber auf einmal willst du dich unterhalten? „Tut mir leid, aber Theo und ich machen einen Ausflug zum Stadtpark. Wir würden gerne frische Luft schnappen”.
„Gordon.” Winckel packte ihn am Arm und drückte leicht zu. „Bitte.”
Gordon blickte in Winckels mausgraue Augen, die sich hinter einer Brille mit Glubschegläsern verbargen. Strenge Augen waren das, aber sie schimmerten. Und hatte Winckel schon immer gehumpelt oder war er in die Jahre gekommen? „Meinetwegen. Ich bin gleich zurück, Theo. Winckel wird uns mit dem Rollstuhl helfen.”
Winckel führte Gordon ein Stück den Gang zurück, bevor er in einen Seitengang einbog und die Tür zu seinem Büro aufschloss. Bücher, überall Bücher. Und Skelette. Gordon lief ein Schauer den Rücken hinunter. Ein einziges Mal hatte er ein Skelett berührt. Der harte Knochen unter seinen Fingern, die Kälte, aber vor allem diese Leblosigkeit ohne Fleisch, ohne Augen, ohne Haare. Nein, Skelette besaßen nichts von Bertas Wärme oder Theos Humor oder- um die Neue gleich mit einzubeziehen- Frannys schöne Sommersprossen.
„Setz dich.” Winckel wies auf einen Holzstuhl mit abgeranztem Polsterbezug, bevor er selbst hinter seinem Schreibtisch Platz nahm.
Winckel, wie kommst du zu einem Weltenbummler-Büro? Sieht aus, als ob du alle Länder dieser Welt bereist und aus jedem ein Stück mit hierher gebracht hast. Den persischen Teppich an der Wand, die Figuren afrikanischer Stammeskrieger auf dem Schreibtisch, die Bambushüte auf dem Schrank. Aber du bist jeden Tag hier gewesen, versteckt hinter Papieren.
„Gordon, langsam gehst du zu weit. Ich weiß, dass du es nicht leicht hattest, aber das Leben bleibt nicht stehen. Wir machen uns Sorgen um dich. Such dir Hilfe.”
„Hilfe von wem? Mir fehlt nichts.” Gordon fuhr sich durchs krause Haar. Ein Friseurbesuch, das wär’s. Vielleicht kamen Theo und er auf dem Weg zum Park an einem vorbei.
Winckel nahm einen Kulli in die Hand und trommelte damit auf den Tisch. Anscheinend suchte er nach Worten, die vor ihm davonsausten und sich partout nicht einfangen ließen. „Wir- das heißt, du, ich und die Kollegen, sind an Theo und die anderen gewöhnt. Wir fürchten uns nicht vor ihnen, weil wir To-, ähm, ich meine, Personen wie sie, tagein, tagaus sehen. Die Menschen auf der Straße dagegen kennen sie nicht. Sie fangen an zu schreien, sie laufen weg und sie holen die Polizei. Verstehst du? Du darfst Theo nicht mit nach draußen nehmen. Es würde uns ’ne Menge Ärger einbrocken. Leider.” Winckel legte den Kulli beiseite und senkte die Augen.
„Theo möchte nicht im Saal verrotten, er will was von der Welt sehen, verstehst du nicht? Nicht wie du, du sammelst all diese schönen Dinge, ohne je ihre Heimat gesehen zu haben. Du lebst eine Lüge.”
Das saß. Winckel nahm seine Brille ab und gab vor, sie zu putzen.
Du bist mit deinen Gedanken woanders, Winckel, ich merk’s doch. Du wirfst mir vor, dass ich mich ausgrenze. Schau dich selbst an! Ich habe meine Freunde da oben im Saal, du hast niemanden. Oder warum bist du sonst an einem Sonntag hier?
Winckel atmete unregelmäßig. Sch, schhh, sch. Wie eine Dampflok, die nicht vernünftig angeschürt wurde.
„Gordon. Wir alle schleppen Probleme von zuhause in die Arbeit und die Arbeit verfolgt uns bis in unsere Wohnzimmer. Wir sind keine Übermenschen, es passiert. Aber wir tragen Verantwortung und müssen uns zusammenreißen. Privates darf uns nicht daran hindern, einen guten Job zu machen. Verstehst du...”
Gordon schnaubte. Winckel und Privates? Pah!Der privateste Moment in deinem Leben, lieber Kollege, ist der Ausflug auf die Herrentoilette! Du Quacksalber verschwendest meine Zeit. Theo wird bestimmt langsam unruhig.Gordon sprang auf.
„Gordon, wenn du jetzt gehst...”
„Und wie ich gehen werde!”
„Es ist nicht fair. Ich kann es nachvollziehen. Das mit Miria....”
Der Klang, die Sanftheit dieses Namens. Gordon konnte ihn keiner Person zuordnen, doch er sprengte in ihm eine Sicherung. Das Kribbeln zog aus seinem Inneren bis in seine Fingerspitzen und Zehen, in ihm pochte und schlug es wie beim Metzger. Wo flogen seine Gedanken hin? Sie wirbelten durcheinander, sein Hirn blockierte.Miria, Miria. Wie Engelschöre im Gestühl, Miria, Miria, wie...
Gordon schrie. Er wusste nicht, was er tun sollte, also schrie er. Laut, aber nicht laut genug. Lauter. Etwas schnürte ihm die Kehle zu, er schüttelte es ab und schrie weiter. Schwarz, rot, durcheinander. Das Zimmer vor seinen Augen verschwamm. Eine der chinesischen Vasen flog durch die Luft, knapp an Winckels Kopf vorbei.
Winckel! Reiß die Augen nicht so weit auf, sie hat dich verfehlt.
Peng. Die Vase knallte gegen die Wand und es regnete Keramik. Winckels Mundwinkel zuckten, doch er schwieg. Seine Hände auf dem Tisch zitterten.
Gordon öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ohne sich noch einmal umzudrehen stürmte er aus dem Büro und den Gang entlang. Mit jedem Schritt, den er sich von Winckel entfernte, ließ das Dröhnen in seinem Kopf nach. Noch ein Schritt. Winckels zitternde Hände verschwanden aus seinem Gedächtnis. Noch ein Schritt. Nun hörte er ihren Namen nicht mehr. Noch ein Schritt und er war bei Theo.
„Komm, von dem lassen wir uns nicht den Spaß verderben.” Kurzerhand rumpelte Gordon mit dem Rollstuhl die Treppe hinunter, wobei er Theo mit einer Hand festhielt.Es zerrt in meinen Armen, Theo, aber ich würde selbst dann nicht loslassen, wenn du ein Elefant wärst.
Eine frische Brise wehte Gordon und Theo um die Nase, als sie in die Straße zum Park einbogen. Autos rasten an ihnen vorbei. Immer schneller, ohne etwas von der Welt wahrzunehmen. Erst als er mit Theo das Eingangstor durchquert hatte, atmete Gordon auf.
Hörst du die Vögel in den Bäumen? Da ist einer. Denkt wohl, wir füttern ihn mit Brotkrumen. Es ist ein schöner Vogel. Keine Krähe und auch keine Taube. Dieser hier hat ein bläuliches Gefieder und einen spitzen Kopf. Das liebe ich am Park. Man entdeckt immer wieder Neues. Stimmt’s Theo? Gordon schob den Rollstuhl den gepflasterten Weg entlang bis zum Teich und ließ sich auf einer Bank nieder. Keine brüllenden Kinder und herumspringenden Hunde. Nur Stille. Gordon sog die Luft ein und freute sich über die Wölkchen, die er beim Ausatmen erzeugte.
Ich fühle mich lebendig. Du auch? Theo?Gordon berührte Theo an der Schulter.Brr... Wie ausgekühlt. Nimm meinen Mantel und meinen Schal. Du brauchst sie nötiger als ich. Wie egoistisch von mir, dich frieren zu lassen. Schnell zurück ins Warme, wir kommen morgen zurück. Auch auf dem Rückweg begegneten sie niemandem. Kälte scheucht die meisten schneller zurück in ihr Mauseloch, als sie ‚Käsekuchen’ sagen können, stimmt’s? Gordon bebte am ganzen Körper, aber was machte das schon. Hauptsache Theo ging es gut.
Winckel war verschwunden, als Gordon an seine Tür klopfte, um sich zu entschuldigen und ihn zu bitten, ihm mit dem Rollstuhl zu helfen. Na gut, dann schaffte er es eben alleine. Hau ruck! Mist. Schieben geht nicht. Ich muss dich wohl oder übel in deinem Stuhl hochtragen müssen, Theo.Gordon brach auf den Stufen von der Last fast zusammen, aber er schaffte es, den Rollstuhl samt Theo heil oben abzusetzen.
Aah, meine Arme.Gordon schüttelte sie.Wann hat es zum letzten Mal so gezogen? Nach dem Ruderwettbewerb an meinem vierzigsten Geburtstag? Potzblitz, als zerre ein Riese an meinen Fingern, um sie als Appetitanreger zu verspeisen. Der Schmerz prügelte auf Gordon ein, anschließend ließ er Winckels Gesicht vor ihm aufblitzen. Dann etwas längliches, graues. Blumen. Einen Mann in schwarzem Gewand mit einem Buch in der Hand. Ein blasses Gesicht mit Sommersprossen.
Nein. Gordon biss die Zähne zusammen und schob den Schmerz in seinen Gliedern von sich weg.Denk an die anderen.Er klammerte sich an Theos Schulter.Nein, sie brauchen dich. Denk an Berta.Endlich änderten Gordons Gedanken die Richtung, lösten sich von dem Mann im Gewand und steuerten auf Theo zu. Der Schmerz ließ nach. Die Anspannung verschwand und auch die Blockade in Gordons Kopf löste sich.Danke Theo.
Eine Minute ruhte Gordon sich noch aus,fühle ich mich nach Spaziergängen immer wie nach einem Marathon?, dann schob er Theo nach Hause. Das wohlbekannte Quietschen der Saaltür hieß sie willkommen. Jemand räusperte sich.Oh Berta, wir waren lange fort, tut uns leid. Winckel hat uns aufgehalten, der Arme sehnt sich nach Gesellschaft. Theo, der Spaziergang hat dich geschlaucht, wie still du in meinen Armen liegst. Keine Sorge, jetzt kannst du dich ausruhen. Es war schön, findest du nicht? Beim nächsten Mal sollten wir die anderen mitnehmen. Hallo Franny. Na, hast du die versammelte Mannschaft schon kennengelernt? Du musst dich mit Luigi unterhalten. Er ist Friseur und bei deiner Mähne macht er dir bestimmt einen Sonderpreis.
Gordon fuhr Franny durchs Haar.Guck nicht so traurig, nun wir sind deine Familie. Ja, ich hab gut Reden, ich bin schon länger hier, aber man gewöhnt sich schnell ein. Die meisten bleiben nur so lange, bis wir mit den Berichten fertig sind, aber der Staat hat kein Geld mehr. Kein Geld bedeutet weniger Mitarbeiter und ich verliere ab und zu einen Bericht. Manchmal fallen sie hinter die Heizung oder werden von der Putzfrau für Altpapier gehalten und dann könnt ihr länger bleiben. Gordon zwinkerte Franny zu. Ihre Mundwinkel entspannten sich und sie schenkte ihm ein Lächeln. Zwar ein schüchternes, aber das würde noch werden.Ich wünschte, ich hätte eine Tochter wie dich gehabt. Gordon beugte sich über Franny und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.Bis gleich. Ich werde auf dich aufpassen.
Wie gut sie zu uns passt. Sie ist ein Geschenk, findest du nicht? Berta stimmte Gordon zu. Sie sagte nichts, aber sie beide brauchten keine Worte, um sich zu verständigen.Tja Berta, Theo und ich haben den Nachmittag auf den Kopf gehauen. Männerausflug.Gordon lachte.Ja, ich Lausebengel. Immer treibe ich mich draußen herum und verschwinde im Dorfpub, um zu reden und zu reden und mir ein Schlückchen Whiskey zu gönnen. Zum Essen zieht es mich aber zurück zu dir, Miria. Du kochst zu gut. Falleri, fallera. Und deine Stimme. Wie Engelschöre im Gestühl. Pass auf, willst du ein Geheimnis hören?
Gordon nahm Bertas Hand in die seine und fuhr mit seiner Nase ihre Wange entlang bis zu ihrem Ohr. Berta kicherte wie ein junges Mädchen. Und ihr Kichern sog Gordon in einen Strudel und Bertas kalter Haut entsprang jemand lebendiges. Jemand, den der Schmerz aus Gordons Gedanken verdrängte, aber der doch stets in ihm wohnte.
Ich habe ihn wieder gesehen. Unseren Vogel, flüsterte er und grinste verschmitzt.Der blaue Freund, der unsere Weide am Fluss bewacht hat. Wie du gelacht hast, wenn du ihn gesehen hast. Was für ein angenehmer Zeitgenosse!, hast du gerufen. Er zwitschert so froh! Und dann hast du gesungen. Falleri, fallera. Deine Sommersprossen glitzern, wenn du singst. Deine Augen strahlen. Die Wärme fließt durch mich wie die Sonnenstrahlen an einem der Sommertage, an denen wir gebadet haben. Ich lächle ebenfalls. Dann rücke ich näher. Ich nehme dein Gesicht in meine Hände. Unsere Lippen treffen sich. Miria. Ich werde dich nie vergessen. Für mich gehen geliebte Menschen nicht. Auch nicht im Tod.
Gordon bettete seinen Kopf auf die Brust der Leiche und schlief ein.








