Vorwort:
Irgendetwas im Zimmer fühlte sich… falsch an.
Ich stand vor dem Spiegel und zupfte mein anthrazitfarbenes Oberteil zurecht. Ich strich den Stoff über meine Schultern glatt. Mein schwarzer, durchsichtiger Rock schwang ein wenig mit, als ich mich bewegte. Der Saum streifte dabei meine Knie.
Ich bückte mich, um meine Stiefel anzuziehen. Sie waren kniehoch, poliert und stabil.
Der Fernseher lief bereits und sein Lichtschein breitete sich im Raum aus. Die Stimme des Nachrichtensprechers schwebte wie ein Hintergrundgeräusch durch die Luft, das plötzlich wichtig wurde.
„Die Behörden in Burbank untersuchen eine Reihe von nächtlichen Überfällen, die von einem maskierten Mann begangen wurden. Die Polizei bestätigt, dass drei Frauen brutal angegriffen wurden. Ein Opfer konnte entkommen und hilft nun den Ermittlern.“
Ich erstarrte mit dem Kopf halb im Pullover. Der blaue Strick hing von einer Schulter herab. Für einen Moment fühlte ich mich seltsam schutzlos.
Auf dem Bildschirm flackerten Blaulicht und gelbes Absperrband auf. Ich erkannte den Tante-Emma-Laden hinter dem Reporter wieder. Die Gasse daneben war nur ein paar Blocks von meiner Wohnung entfernt. Dass diese vertrauten Orte nun Tatorte waren, schnürte mir die Brust zu.
„Die Bewohner werden dringend gebeten, wachsam zu bleiben. Der Verdächtige wird als maskiert und dunkel gekleidet beschrieben, zudem hat er eine schmale Statur. Die Detektive glauben, dass die Verbrechen zusammenhängen könnten.“
Ich drehte den Ton leiser. Ich versuchte mich darauf zu konzentrieren, fertig zu werden – den Pullover zu richten, mein Spiegelbild zu prüfen. Aber die Stimme des Sprechers hallte immer noch in meinem Kopf nach, selbst nachdem ich den Fernseher stummgeschaltet hatte.
„Wir bitten jeden, der Informationen hat, sich zu melden. Die Sicherheitspatrouillen in der Gegend wurden verstärkt.“
In diesem Moment sah ich ihn.
Im Fenster neben mir, unter den Straßenlaternen, tauchte eine andere Gestalt auf. Sie kam nicht aus dem Fernseher, sondern war draußen.
Dort stand eine Figur. Gesichtslos. Reglos. Sie beobachtete mich.
Zuerst versuchte ich, es als Schatten oder Lichtspiel abzutun. Aber je länger ich hinsah, desto klarer wurde es: Da war tatsächlich jemand. Eine Silhouette drückte sich in den dunklen Teil des Gebäudes. Sie war zu still, um zufällig dort zu sein. Und zu absichtlich, um harmlos zu sein.
Der Sprecher redete weiter über Wachsamkeit und Streifen, aber ich hörte kaum noch zu. Meine Augen starrten wie gebannt auf das Fenster. Auf ihn. Er bewegte sich nicht — nur ein ganz leichtes Beben war zu sehen, wie beim Atmen. Als würde er warten.
Die Szene im Fernsehen und die Szene draußen verschwammen vor meinen Augen. Der gesichtslose Mann aus den Nachrichten war nicht mehr nur eine Geschichte.
Er war direkt hier, eingerahmt von meinem Fenster.
Ich zog meinen Pullover enger um mich. Mein Spiegelbild überschnitt sich mit seinem Schatten — ich drinnen, er draußen. Nur eine Glasscheibe trennte uns.
Ich wollte wegsehen, um diese Situation zu beenden, aber ich konnte nicht.
Er blieb einfach dort, stumm und geduldig. Es war, als wüsste er genau, dass sich gleich alles ändern würde….








