Prolog
Sein Herz ist ruhig. Tief. BestÀndig.
Der Rhythmus wirkt so selbstverstÀndlich, dass ich ihn zuerst kaum wahrnehme. Erst als ich meinen Atem daran angleiche, merke ich, wie sehr ich mich daran festhalte.
Meine Finger wandern langsam ĂŒber seine Haut, ohne dass ich bewusst darĂŒber nachdenke, zeichnen Linien ĂŒber seinen Brustkorb, bleiben an einer kleinen Narbe hĂ€ngen, die ich vorhin entdeckt habe. Ich streiche darĂŒber, als könnte ich herausfinden, woher sie kommt, als hĂ€tte sein Körper mir Geschichten zu erzĂ€hlen, wenn ich nur lange genug hinschaue.
Ein LĂ€cheln rutscht mir ĂŒber die Lippen, ohne dass ich es plane.
Es fĂŒhlt sich absurd leicht an. Fast falsch leicht, wenn ich daran denke, wie mein Leben die letzten Wochen ausgesehen hat. Und trotzdem ist genau das der Grund, warum ich diesen Moment festhalten will, ihn irgendwo in mir einschlieĂen, bevor er sich verĂ€ndert.
âIch habe noch nie so etwas gespĂŒrtâ, murmle ich.
Meine Stimme ist so leise, dass sie kaum mehr als Atem ist.
Ich hebe leicht den Kopf, stĂŒtze mich auf den Ellbogen und sehe sein Gesicht an, das halb im Schatten liegt. Meine Finger gleiten zu seiner Wange, folgen der Linie seines Kiefers, rau von dem Bart, den er immer nur halb rasiert.
âSo eine Verbindungâ, flĂŒstere ich weiter, und wĂ€hrend ich das sage, wird mir bewusst, wie kitschig es klingt â wie ein Satz aus einem Film, ĂŒber den ich normalerweise lachen wĂŒrde.
Trotzdem meine ich es.
Vielleicht ist genau das mein Fehler.
Enea sagt nichts.
Am Anfang denke ich, er hört mir einfach zu. Er war nie jemand, der sofort antwortet, und es gibt etwas an seiner Stille, das mich normalerweise nicht nervös macht, sondern eher⊠gehalten.
Doch irgendetwas ist anders.
Es dauert ein paar Sekunden, bis ich merke, was es ist.
Sein Körper.
Er reagiert nicht.
Meine Hand liegt noch immer auf seiner Brust, doch unter meinen Fingern bewegt sich nichts auĂer seinem Atem. Keine kleine Verschiebung der Muskeln, kein Druck seiner Hand auf meinem RĂŒcken, nichts von dieser stillen Gegenseitigkeit, die vorhin noch da war.
Ich hebe den Kopf ein StĂŒck höher.
âIst alles in Ordnung?â
Die Worte kommen vorsichtig heraus, weil ich plötzlich das GefĂŒhl habe, dass ich etwas falsch gemacht haben könnte, ohne zu wissen was.
Er antwortet nicht.
Sein Blick liegt an der Decke, als wĂŒrde dort etwas stehen, das nur er sehen kann.
Das GefĂŒhl in meinem Bauch verĂ€ndert sich. Es ist keine klare Angst, eher diese diffuse Unruhe, die sich langsam ausbreitet, wenn ein GesprĂ€ch eine Richtung nimmt, die man nicht erwartet.
âEnea?â frage ich noch einmal.
Seine Hand hebt sich.
Nicht, um mich zu berĂŒhren.
Um meinen Arm von seiner Brust zu nehmen.
Die Bewegung ist ruhig, fast behutsam, und genau das macht sie schlimmer, weil sie sich endgĂŒltig anfĂŒhlt, als wĂŒrde er etwas entfernen, das dort nicht mehr hingehört.
Er setzt sich auf.
Ich bleibe sitzen, die Decke locker um meine HĂŒften geschlungen, und beobachte seinen RĂŒcken, wĂ€hrend er sich aufrichtet. Seine Schultern sind angespannt, aber nicht auf eine aggressive Weise. Eher so, als wĂŒrde er etwas festhalten, das nicht herauskommen soll.
Dann steht er auf.
Die KĂ€lte der Nacht kriecht sofort ĂŒber meine Haut, wo eben noch seine WĂ€rme gewesen ist.
Enea geht zum Fenster.
Sein RĂŒcken ist mir zugewandt, breit, ruhig, die HĂ€nde am Rahmen abgestĂŒtzt. Von auĂen fĂ€llt ein schwaches Licht herein, das die Konturen seines Körpers scharf zeichnet.
Ich verstehe nicht, was gerade passiert.
Vielleicht habe ich etwas Falsches gesagt.
Vielleicht war der Satz zu viel.
Vielleicht war ich zu⊠weich.
âEneaâŠ?â sage ich vorsichtig.
Er antwortet nicht.
Dann lacht er.
Leise.
Ein kurzes GerĂ€usch, das trocken klingt, fast ĂŒberrascht, als hĂ€tte er gerade einen Gedanken gehabt, der ihn selbst amĂŒsiert.
Mir lĂ€uft sofort ein Schauer ĂŒber den RĂŒcken.
Ich ziehe die Decke reflexartig höher ĂŒber meine Brust.
âWas ist los?â
Langsam dreht er sich um.
Und in diesem Moment verstehe ich, dass etwas falsch ist.
Seine Augen.
Vorhin waren sie ruhig gewesen, mit dieser schweren IntensitĂ€t, die mich gleichzeitig nervös und merkwĂŒrdig sicher gemacht hat.
Jetzt liegt dort etwas anderes.
Etwas Kaltes.
Und darunter etwas, das ich bei ihm noch nie gesehen habe.
Abscheu.
Still. Ohne Zorn. Ohne LautstÀrke.
Das trifft hÀrter als jedes Schreien.
Mein Herz stolpert.
âWarum siehst du mich so an?â frage ich.
Er sagt meinen Namen.
âAnzhela.â
Seine Stimme ist ruhig, aber nicht auf die Art, die ich kenne. Sie klingt flach, fast distanziert, als wĂŒrde er ĂŒber etwas sprechen, das ihn persönlich nicht mehr betrifft.
Dann schĂŒttelt er leicht den Kopf.
âDu bist wirklich unglaublich naiv.â
Ich blinzle.
Der Satz braucht einen Moment, um Bedeutung zu bekommen.
âWas?â
Er macht ein paar Schritte zurĂŒck zum Bett. Sein Blick streift mich kurz â nicht gierig, nicht interessiert, eher wie jemand, der ĂŒberprĂŒft, ob etwas noch da ist, bevor er es wegwirft.
âWenn du wirklich geglaubt hast, dass das hier⊠irgendetwas bedeutet.â
Ich setze mich aufrechter hin. Der Stoff rutscht von meiner Schulter, aber ich merke es kaum.
âNatĂŒrlich bedeutet es etwas.â
Meine Stimme klingt plötzlich dĂŒnn, und ich hasse das.
âWas soll dasââ
Er lacht wieder.
Dieses kurze, trockene GerÀusch.
âDu hast dich mir hingegeben, obwohl du einem anderen Mann versprochen bist.â
Die Worte kommen ruhig.
âUnd du dachtest ernsthaft, du wĂ€rst etwas Besonderes.â
Mir wird kalt.
âDas stimmt nicht.â
Er kommt nÀher.
Jetzt sehe ich es klar. Das in seinem Gesicht ist nicht nur GleichgĂŒltigkeit.
Es ist Hass.
Ein alter, tiefer Hass, der nichts mit diesem Zimmer zu tun hat.
âDu warst ein Mittel zum Zweck.â
Mein Magen zieht sich zusammen.
âWovon redest du?â
âDein Bruder.â
Seine Stimme bleibt ruhig, aber ich höre, wie sie sich verÀndert.
âSergej hat mir etwas genommen.â
Ich verstehe immer noch nicht.
âUnd ich wollte sehen, wie es ist, ihm etwas zurĂŒckzunehmen.â
Mein Kopf bewegt sich automatisch.
âDas ergibt keinen Sinn.â
Er sieht mich an, als hÀtte ich gerade etwas besonders Dummes gesagt.
Dann greift er plötzlich nach meinem Handgelenk.
Der Griff ist hart genug, dass ich zusammenzucke.
âSteh auf.â
âWasââ
Er zieht mich hoch.
Zu schnell.
Ich verliere das Gleichgewicht, verheddere mich in der Decke, und der Stoff rutscht mir sofort vom Körper zurĂŒck aufs Bett. Kalte Luft trifft meine Haut, und fĂŒr einen Moment weiĂ ich nicht, wohin mit meinen HĂ€nden.
âEneaââ
Er lĂ€sst mein Handgelenk los, greift nach einem groĂen Badetuch vom Stuhl neben dem Bett und drĂŒckt es mir in die HĂ€nde.
âBedeck dich.â
Seine Stimme klingt mĂŒde.
Ich starre einen Moment auf den Stoff, unfĂ€hig mich zu bewegen, als wĂŒrde mein Kopf zu langsam arbeiten, um mitzuhalten.
Dann wickle ich das Tuch mechanisch um meinen Körper.
Meine Finger zittern.
âDu meinst das nicht ernstâ, sage ich leise.
Er sieht mich an.
Und ich merke, dass ich diesen Blick nie zuvor gesehen habe.
Nicht nur kalt.
Angewidert.
Als hÀtte ich etwas getan, das er nicht einmal benennen will.
âDoch.â
Er öffnet die TĂŒr.
Kalte Luft aus dem Flur strömt hinein.
Dann packt er meinen Arm wieder.
Diesmal fester.
Ich versuche reflexartig, mich loszureiĂen.
âLass michââ
Seine Finger schlieĂen sich stĂ€rker um meinen Arm, und bevor ich reagieren kann, zieht er mich aus dem Zimmer.
Ich stolpere ĂŒber die Schwelle, barfuĂ auf dem kalten Boden, das Badetuch rutscht beinahe wieder von meiner Schulter.
âEnea, hör aufââ
âGenug.â
Das Wort kommt leise.
Aber endgĂŒltig.
Ich sehe zu ihm hoch, mein Herz schlÀgt so schnell, dass mir schwindelig wird.
âBitteâŠâ
Das Wort rutscht mir heraus, bevor ich darĂŒber nachdenken kann.
Er sieht mich an.
Und fĂŒr eine Sekunde hoffe ich wirklich, dass etwas in seinem Gesicht nachgibt.
Es passiert nicht.
âDas interessiert mich nicht.â
Dann stöĂt er mich von sich weg.
Ich verliere das Gleichgewicht und falle auf den Teppich im Flur. Meine Knie schlagen auf, der Stoff verrutscht, und fĂŒr einen Moment sehe ich nur den Boden unter mir.
Enea wirft mir meinen Mantel, meine Tasche und den Rest meiner Kleidung hinterher, als wÀre es nichts weiter als eine beilÀufige Bewegung.
Sie treffen mich an der Schulter.
âUnd grĂŒĂ Sergej von mirâ, sagt er ruhig.
Ich sehe zu ihm auf.
Sein Gesicht ist vollkommen ausdruckslos.
âSag ihm, das Spiel ist vorbei.â
Dann schlieĂt er die TĂŒr.
Das GerÀusch hallt durch den Flur.
Ich bleibe auf dem Boden sitzen, das Badetuch um meinen Körper gekrallt, mein Herz rast, und mein Kopf versucht verzweifelt zu begreifen, wie der Mann, in dessen Armen ich noch vor Minuten gelegen habe, plötzlich zu diesem Fremden werden konnte.
Vielleicht hĂ€tte ich es sehen mĂŒssen.
Vielleicht war ich wirklich naiv.
Vielleicht habe ich mir alles eingebildet.
Der Gedanke ist dumm.
Und trotzdem kommt er.
Weil es leichter ist, mich selbst zu beschuldigen, als zu akzeptieren, dass ich mich gerade jemandem geöffnet habe, der mich von Anfang an nur benutzen wollte.
Ich presse das Tuch fester an mich.
Und plötzlich wird mir klar, dass nicht nur mein Körper nackt ist.
Sondern alles, was ich ihm von mir gezeigt habe.
Und genau das ist es, was am meisten schmerzt.