Beyond the Ice Wall

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Zusammenfassung

Die Eismauer, die die Antarktis umgibt, sollte eigentlich ein Mythos sein, eine Flacherd-Verschwörungstheorie, welche die Wissenschaft begraben wollte. Sie wurde in den Süden geschickt, um zu beweisen, dass sie nicht real ist. Stattdessen bricht sie zusammen. Als eine geheime Expedition die verbotene Grenze überschreitet, stürzt die Mauer hinter ihnen ein, versiegelt den Durchgang für immer und lässt die Frauen in einer gefrorenen Wildnis stranden, die auf keiner Karte existiert. Getrennt von ihrer militärischen Eskorte, hungernd und erfrierend, beginnt ihr Körper zu versagen – was eine gefährliche biologische Reaktion auslöst, die sie nicht versteht. Als er sie findet, ist sie bereits so delirant, dass sie ihn für eine Halluzination hält. Das ist er nicht. Groß, blass, in Pelz und Autorität gehüllt, sieht er fast menschlich aus und ist doch unverkennbar anders. Er spricht ihre Sprache nicht, aber er weiß genau, was aus ihr wird. Ihr Körper bereitet sich auf eine Bindung vor, die ihre Spezies vergessen hat – eine, die sie töten wird, wenn sie unerfüllt bleibt. Also nimmt er sie mit. Er trägt sie hinter die Eismauer in eine verborgene Welt, die das Tor zu anderen Kontinenten bewacht, und wird zu ihrem Schutz, ihrer Wärme und ihrer einzigen Überlebenschance – denn das, was hinter der Mauer wartet, fragt nicht nach Glauben. Es beansprucht.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
31
Rating
4.9 32 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1 ❄️

POV – Dr. Rowan Hale

Die Eiswand sollte eigentlich gar nicht existieren.

Dieser Gedanke hielt mich in der Realität fest. Ich stand am Fuß der Wand und starrte direkt nach oben. Dieses Ding hätte es eigentlich nur in Verschwörungsforen und auf wirren Skizzen geben dürfen. Die Wand ragte hunderte Meter in die Höhe. Die Oberfläche schimmerte in tiefem Blau und Weiß. Es sah weniger nach gefrorenem Wasser aus, sondern eher wie Zeit, die zu einer festen Form gepresst wurde. Vertikale Linien zogen sich über die Front. Diese uralten Drucklinien lagen so dicht beieinander wie die Ringe eines Baumes, nur in einem unmöglichen Maßstab.

„Ich meine“, sagte Jules neben mir und legte den Kopf in den Nacken. Ihre Schutzbrille rutschte fast von der Kapuze. „Selbst wenn das eine gletscherbedingte Anomalie ist, ist das hier… obszön.“

„Ist ‚obszön‘ jetzt ein Fachbegriff?“, erwiderte Mara, aber ihre Stimme klang ernst. Sie tippte bereits hektisch auf ihrem Tablet herum. „Alleine die Schichtung widerspricht jedem Modell, das wir kennen.“

Ich zurrte die Gurte meines Rucksacks fest. Dann zwang ich mich, ruhig zu atmen. Die Luft unter meiner Maske war scharf und sauber. „Überstürzen wir nichts. Wir sind hier, um Fakten zu prüfen, nicht um zu spekulieren.“

Eliza schnaubte leise. „Das sagst du so einfach. Dabei stehen wir vor einer riesigen Eiswand, die bis zum Horizont reicht.“

Sie hatte recht. Die Wand krümmte sich in beide Richtungen und verschwand im Schneegestöber. Es wirkte beunruhigend so, als würde sie tatsächlich alles umschließen. Ein Ende war nicht in Sicht. Keine Kante. Einfach nur Eis über Eis.

Die militärische Eskorte hielt sich einige Meter hinter uns zurück. Sie wirkten abwartend. Bei der Besprechung hatten sie klargestellt, dass ihre Befugnis an der Grenze endet. Was dahinter lag, war allein unsere Sache.

Und doch war sie da.

Die Öffnung.

Sie schnitt wie eine Wunde durch die Wand – schmal, unregelmäßig und völlig fehl am Platz. Das war keine natürliche Spalte und auch keine Erosion. Es war ein Durchgang, der flach nach innen abfiel. Die Wände waren teils glatt, teils gezackt. Es wirkte, als hätten sowohl Absicht als auch Gewalt diesen Ort geformt.

„Das wurde nicht durch Schmelzwasser geformt“, sagte Mara leise. Sie kniete sich hin, um die Ränder zu untersuchen. „Die Kompressionsmuster passen nicht.“

„Vielleicht tektonischer Druck“, warf Jules ein, doch sie klang nicht überzeugt.

Ich trat näher heran und berührte das Eis mit meinem Handschuh. Hier war es kälter. Die Luft fühlte sich dick und schwer an. Geräusche wirkten gedämpft, als würde die Wand sie verschlucken. „Die Satellitenbilder haben das als Bruchanomalie markiert“, sagte ich. „Wir dokumentieren alles, gehen hindurch und kehren um. Keine Abweichungen.“

Eliza zog eine Augenbraue hoch. „Du tust so, als wäre die Rückkehr garantiert.“

Ich ignorierte den Kommentar.

Nacheinander betraten wir den Durchgang.

Im Inneren der Wand gab es nur noch Eis und Echos. Licht sickerte durch die dichten Schichten über uns. Alles war in Blautöne getaucht, was die Wahrnehmung von Entfernung und Tiefe verzerrte. Die Temperatur sank spürbar. Die Kälte biss nicht mehr nur, sie drückte richtiggehend gegen uns.

„Was meint ihr, wie weit das geht?“, fragte Jules nach fast einer Stunde Fußmarsch.

„Laut Schätzungen zur Dicke“, antwortete ich und prüfte meine Daten, „irgendwo zwischen ein und zwei Kilometern.“

Mara schnaufte. „Wir laufen also durch den unpraktischsten Eistunnel der Welt.“

Eliza ließ ihre Finger im Vorbeigehen über die Wand gleiten. „Ist euch klar, wie alt dieses Eis sein muss? Diese Schichten sind älter als die gesamte Menschheitsgeschichte.“

Bei dem Gedanken lief mir ein Schauer über den Rücken, der nichts mit der Kälte zu tun hatte.

Weitere dreißig Minuten vergingen. Dann spürte ich das erste Mal ein Vibrieren unter meinen Stiefeln.

Es war schwach. Man konnte es leicht ignorieren. Ich wurde instinktiv langsamer. Mein Herz schlug schneller, als ich es wieder spürte. Diesmal war es tiefer, als würde etwas Massives sein Gewicht verlagern.

„Spürt ihr das auch?“, fragte ich.

Bevor jemand antworten konnte, erbebte die Wand mit einem tiefen Grollen.

Das Geräusch rollte durch den Gang. Es war ein tiefes Resonieren, das durch Mark und Bein ging. Eistaub rieselte von oben herab, fein und glitzernd. Dann folgte das scharfe Krachen von berstendem Eis.

„Lauft!“, schrie jemand.

Der Durchgang bebte heftig. Risse rasten die Wände entlang. Riesige Eisplatten brachen mit mörderischem Tempo nach innen. Wir rannten los. Unsere Stiefel rutschten weg, während der Boden unter uns auseinanderbrach. Ganze Brocken stürzten in die Tiefe.

Ich hatte das breitere Ende des Durchgangs fast erreicht, als der Boden unter mir nachgab.

Ich schrie auf, als ich den Halt verlor. Das Eis sackte weg und riss mich in ein gähnendes Loch. Mein Körper wurde nach vorne geschleudert. Ich rutschte hart auf der Seite weg. Die Wucht raubte mir jede Kontrolle über meine Glieder. Der Gang neigte sich steil nach unten. Es war kein Korridor mehr, sondern eine Spirale, die tief in die Wand hineinführte.

Der Tunnel wirbelte mich in einem engen Bogen herum. Eis raste in einem blau-weißen Schleier an mir vorbei. Die Schwerkraft hatte mich voll im Griff. Ich drehte mich immer wieder um die eigene Achse. Meine Schulter knallte schmerzhaft gegen die Wand. Ich versuchte verzweifelt, meine Stiefel oder meine Handschuhe in das Eis zu krallen, um abzubremsen.

Es brachte gar nichts.

Das Eis war zu glatt. Es war über Jahrtausende durch den Druck poliert worden. Meine Finger rutschten wirkungslos ab. Der Tunnel wurde immer enger und krümmte sich tiefer nach unten. Meine Schreie waren roh und panisch. Sie hallten wie wahnsinnig in dem engen Raum wider.

Ich konnte die anderen hinter mir hören.

Jules schrie meinen Namen.

Mara brüllte irgendetwas, das ich nicht verstehen konnte.

Elizas Stimme war schrill vor Terror. Dann wurde sie vom Getöse des einstürzenden Eises verschluckt.

„Ich bin hier!“, schrie ich zurück. Ich wand mich verzweifelt und versuchte, sie in der Kurve des Tunnels zu sehen. Aber da war nichts. Nur diese endlose Spirale, die mich jede Sekunde weiter weg riss.

Die Wand um uns herum ächzte. Sie wirkte riesig und lebendig. Über mir krachte das Eis, während der Durchgang sich weiter verformte. Trümmer flogen an mir vorbei. Sie zerschellten an den Wänden oder verschwanden in der Dunkelheit. Wieder schlug ich meine Handfläche gegen das Eis. Ein stechender Schmerz schoss meinen Arm hoch. Doch die glatte Oberfläche kannte kein Erbarmen.

Der Tunnel knickte steil nach unten ab.

Mir sackte der Magen weg. Die Rutschpartie wurde immer schneller. Mir blieb die Luft weg. Die Schreie hinter mir wurden leiser und erstarben schließlich ganz.

„Nein… nein… nein!“, schluchzte ich. Meine Tränen gefroren sofort auf den Wangen. Die Welt bestand nur noch aus Tempo, Eis und nackter Angst. Mein Körper wurde herumgeschleudert, während die Wand mich bei lebendigem Leib verschlang.

Dann endete der Tunnel plötzlich.

Das Eis spie mich mit voller Wucht aus. Ich flog ohne Vorwarnung ins Leere. Für einen schrecklichen Herzschlag lang war da gar nichts unter mir – nur Wind, ein weißer Himmel und die grauenhafte Gewissheit: Ich war nun vollkommen allein.

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