1.
„Was sollen wir jetzt tun?“, bricht Arla das Schweigen. Sie nimmt die Hände kurz vom Lenkrad, um ihre Brille wieder auf die Nase zu schieben, bevor sie sich wieder auf die Straße konzentriert. Sie umklammert das Steuer so fest, dass ihre Fingerknöchel selbst vom Rücksitz aus weiß hervortreten.
Sie fahren nun schon seit fast zwanzig Minuten schweigend weg vom Colorado-Rudel. Kurz zuvor hatten sie die Alphas of All getroffen, nachdem Roman Ledger King getötet hatte, um sie zu retten.
„Versuch einfach nicht zu sterben“, schlägt Henley vor. Roman spannt seine Arme an und seine riesigen Muskeln drücken fest gegen ihre Haut. „Aua.“ Sie legt den Kopf in den Nacken und wirft ihm einen bösen Blick zu. Es fällt ihr schwer zu atmen.
Er lockert seinen Griff nicht, sein Kiefer ist fest zusammengebissen, sein Körper steif. „Wir finden einen Weg da raus“, sagt er durch zusammengebissene Zähne.
„Raus woraus? Aus ihren pinken Haaren?“, Arla wirft ihrem Bruder einen wütenden Blick zu. „Bleib mal realistisch. Sie ist anders, da gibt es nichts drumherum zu reden.“
„Das ändert gar nichts.“ Er fordert seine Schwester heraus, ihm zu widersprechen.
„Wahrscheinlich schon“, sagt sie. Ihre Gedanken wandern zurück in Ledgers Keller. Der Alpha aus Colorado hatte sie gefoltert und sie hatte ihn angeschrien, er solle aufhören. Sein Körper war augenblicklich erstarrt, selbst als er sichtlich gegen den Befehl ankämpfte. Sie ist sich ziemlich sicher, dass es etwas mit ihren Haaren zu tun hat, aber sie versucht immer noch, das Ganze zu begreifen ... und ist halb davon überzeugt, dass sie sich das in der Hysterie der Folter nur eingebildet hat.
„Für mich nicht.“ Romans grimmiger Blick würde die meisten Leute abschrecken, aber sie hat er noch nie eingeschüchtert.
Im Auto wird es still. Keiner von ihnen weiß, was er darauf sagen soll.
„Deine Haare sind pinker als ihre.“ Das ist das erste, was Jamie sagt, seit sie das andere Rudel verlassen haben. Ihr Gesicht ist blass und ihre Angst ist greifbar. Nicht wegen der Alphas, sondern wegen dem, was sie enthüllt haben. Sie ist schwanger von einem Gefährten, den sie kaum als Freund betrachtet, und Oliver, ebenjener Gefährte, sieht aus, als müsste er sich gleich übergeben. Die Paarungszeit hat gerade erst begonnen. Wären die Alphas nicht gewesen, hätten sie noch ein paar Wochen Zeit gehabt, über die Situation nachzudenken, bevor sie es erfahren hätten. Aber die Alphas of All können selbst die frühesten Schwangerschaften wittern.
„Kannst du Jamies Baby riechen?“, fragt Arla. Olivers Gesicht verfärbt sich bei der Frage von weiß zu grün.
„Prüf das“, verlangt Jamie.
Henley versucht, sich zu ihr vorzubeugen, da sie als einzige in der mittleren Reihe des gemieteten Suburban sitzt, aber Romans Arme halten sie fest. „Lass los.“
„Auf gar keinen Fall.“
Nach allem, was gerade passiert ist, nimmt sie es ihm nicht übel, dass er sie nicht loslassen will. Sie ist zu müde für eine Diskussion. Sie hat seit achtundvierzig Stunden nicht geschlafen, sofern man die Zeit im Keller nicht mitzählt, in der sie bewusstlos war. Deshalb ist sie auch nicht gerade bereit für einen Streit. „Wenn du mich nicht loslässt, musst du dich mit mir bewegen.“
Er sieht ihr ein paar lange Sekunden in die Augen, um zu beurteilen, wie ernst es ihr damit ist. Als er schließlich einmal nickt, beugen sie sich gemeinsam zu Jamie. Sie schnuppert an ihrem Kopf und dann an ihrem Hals, als das Mädchen den Kopf zur Seite neigt. Sie riecht immer noch nach Jamie, aber da ist ein ganz feiner Hauch von etwas anderem. Sie hat noch nie zuvor so etwas gerochen, aber sie war auch noch nie länger als ein oder zwei Minuten in der Nähe einer schwangeren Frau. Männliche Wölfe werden meist besonders beschützerisch, wenn ihre Gefährtinnen schwanger sind.
„Na?“, drängt Arla. Ihr Blick liegt auf der Straße, aber ihre Gedanken kreisen um das Gespräch.
„Nichts“, lügt Henley. Das scheint ihr in diesem Moment der sicherste Weg zu sein. Roman knurrt. „Okay, da ist was. Es ist kaum wahrnehmbar. Ich habe noch nie eine Schwangerschaft gerochen, aber ich habe auch noch nie gerochen, was auch immer Jamies Geruch verändert hat.“ Sie sehen besorgt aus, und das macht sie nervös. „Roman, ich bin sicher, du kannst es auch riechen.“ Sie wirft ihm einen Blick zu und neigt den Kopf in Jamies Richtung.
Er schüttelt einmal den Kopf. „Keine gute Idee.“
„Es ist Paarungszeit“, wirft Arla ein.
„Tu es“, Olivers Befehl lässt alle verstummen. Er ist der Grund, warum es keine gute Idee ist. Die meisten Männer würden einem anderen Kerl den Kopf abreißen, wenn er während der Paarungszeit am Hals ihrer Gefährtin schnüffelt. Eigentlich zu jeder Zeit, aber die Paarungszeit ist die schlimmste, was Gewalt und Besitzgier angeht. Sie sieht, wie Jamies Gesicht bei seinen Worten abfällt, und sie dreht sich von ihm weg. Roman scannt ihr Gesicht nach Anzeichen ab, dass sie ein Problem damit haben könnte, dass er an Jamie schnüffelt. Hat sie nicht, das Mädchen ist keine Bedrohung für sie. Er lehnt sich wieder vor und schnuppert an Jamies Haar und Hals, genau wie sie es getan hat, auch wenn er viel schneller dabei ist. Währenddessen hat er die Augen auf Oliver gerichtet und wartet auf einen Wutausbruch, der jedoch ausbleibt.
„Na?“, verlangt sie zu wissen. Roman schüttelt den Kopf und sie stöhnt auf. „Was zum Teufel bin ich?“
„Du gehörst mir.“ Romans Lippen berühren ihre Stirn. Sie verdreht die Augen. Seine Arme lockern sich ein kleines Stück um sie herum, und sie macht es sich bequemer. Keine leichte Aufgabe bei einem Mann, der so durchtrainiert ist, aber sie ist es gewohnt, sich in seine Muskeln zu kuscheln. Ihr Magen knurrt, als sie ihren Kopf an Romans Brust lehnt und die Augen schließt. „Wir müssen etwas essen“, sagt er zu Arla.
„Google es und sag mir, wo es hingeht.“
Roman nimmt einen Arm so lange von ihr, um sein Handy von seiner Schwester entgegenzunehmen, die es ihm von vorne reicht. Er korrigiert ihre Position auf seiner Brust, damit er sie mit beiden Armen halten kann, während er nach einem Ort zum Essen sucht. Er leitet Arla dorthin, während sie an ihn gelehnt eindöst. Die völlige Erschöpfung macht es ihr fast unmöglich, die Augen offen zu halten. Arla parkt das Auto und alle steigen aus, außer den beiden. Roman korrigiert seinen Griff und versucht, sie aus dem Auto zu manövrieren, wobei er sie wieder wie eine Barbie-Puppe behandelt. Wenn sie es hassen würde, würde sie darauf bestehen, dass er sie absetzt. Aber ... es ist irgendwie schön. Und unglaublich komisch zu beobachten, wie er versucht, 115 Kilo Muskelmasse über einen Sitz und durch die Tür zu wuchten, während er sie trägt. „Das wäre einfacher, wenn du mich loslassen würdest“, sagt sie mit ausdrucksloser Miene.
„Ist mir egal.“ Er schafft es schließlich aus dem Auto. Sie bemerkt, wie alle versuchen, ihr Grinsen zu verbergen, und unterdrückt selbst eines. Sie gehen alle zusammen in das Lokal, ein Diner, das mehr Fett vorweisen kann als ein Öltanker, in dem man sich aber fühlt, als würde man bei Oma essen. Alle quetschen sich in eine Eckbank, Roman hat sie immer noch auf dem Schoß. Olivers Hintern hängt schon halb über den Rand, und da sie es mag, Roman unter sich zu haben, versucht sie nicht, sich einen eigenen Platz zu suchen. Die Bedienung kommt herübergehopst, ihr Blick bleibt sofort an Roman hängen, huscht dann zu Oliver und zurück zu Roman. Ihr Mann ist immer noch oberkörperfrei, trägt nur eine Basketballhose. Obwohl sie auf seinem Schoß sitzt, sieht sie in ihrer schlecht sitzenden Männerkleidung mit der Beanie, die den Großteil ihrer taillenlangen roten Haare versteckt, ziemlich ghetto aus. Die Bedienung ist wahrscheinlich nicht viel älter als sie und sieht kein Problem darin, einfach dazustehen und ihn zu begaffen, völlig fasziniert von seinen Muskeln. Henleys Lippen verziehen sich zu einem Knurren, aber Romans Hand schiebt sich unter ihr Shirt und streicht über ihren Bauch. Ihre Wut kämpft einen Moment, bevor sie verfliegt und sie sich an ihn lehnt. „Wir nehmen von jedem Frühstücksgericht drei“, bestellt Roman kurz angebunden.
Es gibt zehn Frühstücksgerichte. Die Augen der Frau weiten sich, Henleys ebenfalls. „Ähm, na gut. Wollen Sie die alle zusammen serviert bekommen? Ich bin mir nicht sicher, ob wir das so hinkriegen, aber vielleicht –“
„Was auch immer geht“, bügelt Roman sie mit einem flüchtigen Blick ab. Er wendet sich wieder Henley zu, zieht ihr die Beanie vom Kopf, wirft sie zur Seite, nähert seine Nase ihrem Haar und atmet tief ein.
Die Bedienung nimmt unbeholfen die Getränkewünsche aller entgegen und geht, um der Küche die schlechten Nachrichten zu überbringen.
Henley bemerkt, wie Jamies Finger über ihr Handy huschen, und wirft einen Blick auf den Artikel, den sie liest. Es geht darum, ob Kaffee in der Schwangerschaft sicher ist.
Romans Hand schleicht an ihrem Bauch nach oben, sein Daumen streift knapp unter ihre Brust. Sie wirft ihm einen warnenden Blick zu und bemerkt den besitzergreifenden Unterton in seinen Augen. Er hat gerade gesehen, wie sie an eine Wand gekettet war, ihren Peiniger getötet und ihre Wunden geheilt hat. Dass er territorial ist, ist verständlich, aber es ist immer noch ihre Brust und sie sitzen hier eingequetscht zwischen einem Haufen ihrer Freunde. Außerdem sind ihre Brüste in ihrer Beziehung bisher größtenteils unerforschtes Terrain. Aber anscheinend ist ein müder Roman auch ein begrapschender Roman, denn er lässt seinen Daumen genau unter ihrer Brust. Alle sind still. Jeder außer Henley und ihrem Mann starrt auf sein Handy, während sie auf das Essen warten. Sie döst wieder gegen Romans Brust und er vergräbt seine Nase in ihrem Haar. Der Mann ist breit genug, um sie ganz in seine Arme zu schließen, was ihr ein Gefühl von Wärme und Sicherheit gibt. Das hat sie in ihrem Leben nicht oft gefühlt und es steht definitiv ganz oben auf ihrer Liste. Sein Daumen streift wieder die Unterseite ihrer Brust und sie zuckt hoch. Roman hält sie fest genug, dass sie nirgendwo gegenstößt, aber alle schauen von ihren Handys auf. „Bin kurz eingenickt“, lügt sie. Sie scheinen ihr zu glauben, aber sie kann seine Selbstgefälligkeit förmlich riechen. Als sie wieder auf ihre Geräte schauen, schnappt sie sich sein Handy vom Tisch, gibt den Passcode ein, öffnet seine Notizen, erstellt eine neue und tippt: ICH MACH DICH FERTIG
Er nimmt das Handy mit der Hand, die nicht zwischen ihren bralosen Brüsten klemmt. IST DAS EIN VERSPRECHEN? Sein Blick ist verschlagen. Er brennt sich in sie hinein und er fügt hinzu: VORSICHT, DIE WERDEN RIECHEN, WIE SEHR DU MICH WILLST.
Sie schnappt sich das Handy wieder. Sie tippt: DU KAUFST MIR EINEN BH, BEVOR WIR ZUM FLUGHAFEN FAHREN
Er nimmt es wieder und sagt: WARUM ZUR HÖLLE SOLLTE ICH DAS TUN?
Sie zögert. MEINE NIPPEL SIND GERADE ZIEMLICH SPITZ.
Roman liest es und wirft einen Blick auf ihre Brust, bevor er das Handy auf den Tisch fallen lässt und das Diner mit einem grimmigen Blick mustert. Ein paar Leute von anderen Tischen werfen ihrer Gruppe interessierte Blicke zu. Wahrscheinlich nicht wegen ihrer Nippel, aber es spielt ihr trotzdem in die Karten. Sein ganzer riesiger Arm schlingt sich um ihre Brüste und drückt sie nach unten. Sie gibt ihm einen Ellbogen in die Seite und erwischt dabei versehentlich Arla am Arm. Die Wölfin zuckt zusammen und sieht verwirrt aus, bis sie den Arm ihres Bruders in Henleys Shirt bemerkt. Ihr Ausdruck wechselt zu Ekel. „Ernsthaft?“, zischt sie. Er zuckt nur mit den Schultern.
Ihre Bedienung und ein paar andere Angestellte wählen den perfekten Zeitpunkt, um mit den Getränken und einigen Tellern Essen zu stören. Alle legen los und nehmen sich, was sie wollen. Das Essen kommt immer weiter und alle essen fleißig. Die meisten sind fertig, als sie endlich aufhört zu essen. Roman bemerkt, dass sie nichts mehr isst, spießt ein Stück Pfannkuchen mit seiner Gabel auf und führt es zu ihren Lippen. Sie schüttelt den Kopf und seine Augen verengen sich zu Schlitzen. „Du musst mehr essen.“
„Ich bin satt.“
„Du bist ein Zahnstocher. Iss.“
„Nein.“ Sie lehnt sich von der Gabel weg. Er runzelt die Stirn, isst den Bissen aber selbst. Sein anderer Arm liegt immer noch auf ihren Brüsten, aber sie hat aufgegeben, ihn loswerden zu wollen. Sie hat ihn dazu gebracht zu glauben, dass alle auf ihre Nippel starren, und jetzt ist die Brustfreiheit ein verlorener Posten.
„Ich mache mir Sorgen um dich, Hen.“ Sein Mund berührt fast ihr Ohr, seine Stimme ist kaum laut genug, damit sie ihn hören kann.
„Brauchst du nicht.“ Sie legt den Kopf in den Nacken und drückt einen Kuss auf seine Wange. Er schließt bei der Berührung die Augen und sie kuschelt sich an seinen Hals, ausgefüllt und sicher und so verdammt zufrieden, dass es eine gefühlvolle Frau zu Tränen rühren würde. Was auch immer sonst aus ihrer Zeit in Ledgers Keller geworden ist, eines hat es ihr klargemacht. Sie ist fertig damit, Roman von sich wegzustoßen.
Sie essen zu Ende und steigen wieder ins Auto, und sie ist zu satt, um wach zu bleiben. Sie schläft in Romans Armen ein, sobald sie das Diner verlassen, und schnarcht ihm wahrscheinlich ein Ohr ab. Sie wacht auf, als sie aus dem Auto gehoben und in ein Hotel getragen wird, aber er setzt sie nicht ab, als er die Zimmerschlüssel für alle holt, trotz der seltsamen Blicke, die ihnen zugeworfen werden.
Nachdem sie mit dem Aufzug in den dritten Stock gefahren sind, setzt Roman sie endlich ab, damit sie Arla und Jamie umarmen kann. Nach einer kurzen, festen Umarmung flüstert Jamie das Versprechen, dass sie in New York miteinander reden werden, und geht mit Oliver. Irgendetwas sagt ihr, dass dies eine lange Nacht für die beiden wird.
Arla drückt sie. „Ich bin froh, dass es dir gut geht.“ Dann geht sie in ihr eigenes Zimmer.
Romans Arm legt sich um ihre Taille und führt sie in das Zimmer, das er für sie gebucht hat. Ihre müden Augen schweifen durch den Raum. Er ist hübsch, Grau gemischt mit Schwarz und Weiß, aber das ist ihr egal. Ein Müllcontainer wäre attraktiv nach Ledgers Sturmkeller. Sie setzt sich auf das Bett und Roman stellt einen Koffer, den sie nicht bemerkt hat, neben sie. Er gibt ihr eine Plastiktüte mit dem Namen eines bekannten Bekleidungsgeschäfts darauf. „Du hast am Laden gehalten?“ Sie erinnert sich nicht daran, aber er nickt.
„Arla und Jamie sind reingegangen. Du warst tief und fest am Schlafen.“ Seine Lippen krümmen sich nach oben.
Sie gähnt. „Du hast sie darum gebeten.“
„Natürlich.“ Seine Lippen berühren ihre Stirn, dann ergreift er ihr Handgelenk und hebt ihr tätowiertes Alpha-Zeichen, um auch das zu küssen. „Geh dich umziehen. Du musst schlafen.“ Nachdem sie das Bad benutzt hat, bändigt sie ihr wildes Haar zu einem schnellen Zopf und bindet ihn mit einem der Haargummis zusammen, die sie in der Tüte findet. Darin befinden sich auch Leggings, ein T-Shirt, ein Slip und ein weicher Sport-BH. Sie steigt in den Slip und zieht das T-Shirt an, bevor sie hinausgeht. Roman lehnt an der Wand und wartet auf sie, als sie herauskommt. Die Art, wie seine Augen sie in sich aufsaugen, wärmt sie. „Schlaf dich aus. Ich gehe duschen.“ Er packt ihr Gesicht und gibt ihr einen kurzen Kuss, wobei er seine Stirn für eine Sekunde gegen ihre drückt, bevor er ins Badezimmer geht. Er schließt die Tür nicht und ihr Verstand setzt aus, als er aus der Basketball-Shorts steigt, die er anhat. Roman nimmt den Duft ihres Verlangens wahr und wirft ihr über die Schulter einen Blick aus dunklen Augen zu, bevor er unter die Dusche geht. Leider ist die Wand, die sie vom Bad trennt, nicht durchsichtig. Sie stolpert zum Bett und lässt sich auf die Decken fallen. Sie riechen komisch. Genau wie die neuen Kleider, die sie trägt. Sie mag es nicht, von fremden Gerüchen umgeben zu sein, also streckt sie sich über das Bett zu Romans Tasche, klappt sie auf, greift hinein und zieht das erste heraus, was sie findet. Es ist eine dunkelgrüne Baumwolljacke mit Reißverschluss. Sie schlüpft aus dem T-Shirt, wirft es auf den Boden und zieht die Jacke an. Sie zieht sich die Kapuze über den Kopf und atmet Romans schwindelerregend köstlichen Duft ein. Ihre Lippen krümmen sich nach oben und sie kämpft mit den Decken, um darunter zu schlüpfen. Der glatte Stoff der Laken streift über ihre nackten Beine und zieht sie tiefer hinein. Sie legt sich auf den Bauch, Laken und Decken bis zum Kinn, und schließt die Augen. Schlaf will sich nicht einstellen. Mentale Bilder von Romans nacktem Hintern und ein fettiger Geschmack im Mund von dem Essen vorhin halten sie wach. Trotz ihrer Erschöpfung springt ihr Gehirn zwischen den beiden Gedanken hin und her. Der fiese Geschmack in ihrem Mund besiegt Romans Hintern. Hauptsächlich, weil sie zu feige ist, die Sache mit ihm weiterzutreiben. Sie ignoriert es so lange sie kann, bevor sie widerwillig aus dem Bett rollt und zurück ins Bad schlurft. Ihr Körper bebt vor Erschöpfung, aber ihr Geist ist hellwach. Sie drückt etwas von der winzigen Tube Zahnpasta des Hotels auf ihren Finger und reibt sie über ihre Zähne, wie das Ghetto-Girl, das sie im Herzen ist. Ihr Finger ist im Mund, als Roman aus der Dusche tritt. Er greift nach einem Handtuch und bemerkt sie vor dem Waschbecken. Sie treffen sich im Spiegel, ihr Blick fällt auf seine Erektion, bevor er zurück zu seinen Augen wandert. Er mustert sie von oben bis unten, seine Augen bleiben an ihrem Hintern hängen. „Verdammt.“
Sie spuckt die Zahnpasta ins Waschbecken, noch zittriger als zuvor. Während sie ihren Finger und den Mund ausspült, versucht sie, Romans Blick zu ignorieren, der sich das Handtuch umwickelt. Er tut nichts, um sie zu ignorieren, ganz im Gegenteil. Der Mann hat den Blick nicht von ihr abgewandt, seit er aus der Dusche kam. „Du wirst dich wieder über meine mangelnde Kleidung beschweren, nicht wahr?“ Sie dreht sich beiläufig um und lehnt sich mit dem Rücken gegen den Tresen, um auf den Beinen zu bleiben.
„Nur, wenn es dich anmacht.“ Er überquert langsam das Badezimmer, das Handtuch wie ein Zelt um seine untere Hälfte geschlungen. Er bleibt ein paar Zentimeter vor ihr stehen, die Körper nah beieinander, aber ohne sich zu berühren.
Sie will ihn, und jetzt, wo sie aufgehört hat, dagegen anzukämpfen... nun ja, die Dinge werden wahrscheinlich schnell heiß werden. Und obwohl sie noch nicht bereit ist, sich sofort zu paaren, gibt es ein wenig Spielraum, um die Dinge zu testen. „Du kannst es ja versuchen.“ Sie hebt eine Schulter. „Denn das hier macht mich nicht gerade an.“ Sie deutet auf das Handtuch.
Romans Hand wandert zum Saum ihrer Jacke und ruht auf ihren Oberschenkeln. Er zupft daran, seine Fingerknöchel streifen ihre nackte Haut. „Warum zum Teufel trägst du keine Hose?“
Hitze durchströmt ihre Mitte bei dem tiefen Tonfall seiner Stimme. „Geht dich einen Dreck an.“ Sie versucht zu knurren. Es klingt verdammt hauchend.
Roman tritt näher, seine Hand gleitet unter ihren Hoodie bis zum Rand ihres Slips. Er zieht den Saum von ihrer Hüfte und lässt ihn gegen ihre Haut schnappen. Sie beißt sich fest auf die Lippe. „Hast du etwas dagegen, dich anständig zu bedecken?“ Seine Hand breitet sich auf ihrem nackten Bauch aus und drückt sie weiter gegen den Tresen.
„Mein Körper, meine Entscheidung.“ Sie täuscht einen finsteren Blick vor und schiebt seine Hand von ihrer Haut.
Er tritt noch näher, sein Unterkörper drückt sie gegen den Tresen hinter ihr. Seine Finger heben sich zum Reißverschluss ihres Hoodies und ziehen ihn langsam nach unten. „Hast du überhaupt einen BH angezogen, Frau?“ Seine Stimme ist rau und kratzt an jeder empfindlichen Stelle, während er ihre nackte Haut Stück für Stück enthüllt. Ihr Atem geht schnell und der Duft ihres gemeinsamen Verlangens lässt ihren Kopf drehen. „Wie habe ich das gemacht?“ Sein minziger Atem kitzelt ihr Gesicht.
„Nichts.“ Sie lügt, weil sie es viel zu sehr genießt, um es enden zu lassen. „Ich bleibe kaum wach.“
„Wie wäre es damit?“ Seine Hand gleitet in die Seite ihres Hoodies, findet ihre Brust und drückt sanft zu.
Ihr Herz setzt aus. „Nein.“ Sie ringt nach Luft.
„Vielleicht, wenn ich –“ seine Finger bewegen sich zurück zu ihrem Slip, als das schrille Klingeln seines Telefons beide Köpfe zum Bett schnellen lässt.
Sie stöhnt und lässt ihren Kopf auf seine Brust sinken. „Im Ernst?“
„Ignorier es.“ Er murmelt es, während seine Finger über ihren Bauch fahren.
Es klingelt wieder. Beim zweiten Mal scheint es noch lauter. „Das war’s. Die Stimmung ist im Arsch.“ Sie seufzt und schiebt ihn Richtung Bett. „Geh dran und dann gehen wir schlafen.“
Roman schreitet durch den Raum, das Handtuch fällt ab, während er geht. Er greift nach seinem Handy, hält den Knopf gedrückt, um es auszuschalten, und wirft es in seinen Koffer. Er ist gerade auf dem Weg zurück zu ihr, nackt und bereit für verdammt viel mehr als nur gegenseitiges Necken, als jemand gegen die Tür hämmert. „Rome“, schreit Arla. „Geh an dein Telefon!“
Er blickt zwischen ihr und der Tür hin und her. Er ist in einem Augenblick vor ihr. Seine Hände umfassen ihr Gesicht, bevor seine Lippen für einen schnellen, aber brutalen Kuss auf ihre stürzen, noch heißer gemacht durch die Art, wie sich seine Erektion gegen ihren Unterbauch drückt. „Du bist das Geilste, was ich je gesehen habe, Hen. Wenn du bereit bist, sperre ich dich einen Monat lang in meiner Wohnung ein und liebe dich, bis du deinen eigenen verfluchten Namen vergisst.“ Seine Hände lösen sich lange genug von ihrem Gesicht, um ihren Hoodie zuzuziehen, bevor er zurück zur Tür stapft. Sie öffnet den Mund, um ihm zu sagen, dass er nichts anhat, als er knurrt: „Und zieh einen BH an.“ Bevor er die Tür aufreißt. Sie neigt den Kopf, um an ihm vorbei auf eine fassungslose und angeekelte Arla zu sehen.
„Was zur Hölle stimmt mit dir nicht?“ schreit sie und dreht sich zum Flur um.
Roman blickt an sich herab. „Sorry.“ Er wirft eine Entschuldigung in die Runde und schließt die Tür kurz, um Jeans anzuziehen. „Also, was willst du?“, fragt er, als er sie wieder öffnet.
„London hat angerufen. Jemand hat eine Leiche im Aufzug gefunden.“ Arla beißt sich auf die Lippe. Die Stimmung ändert sich augenblicklich. Der Dampf in der Luft verfliegt und wird durch Wut ersetzt. „Es war Ella. Jemand hat Ella ermordet. London hat ein Foto geschickt. Überall war Blut, sie –“
„Zeig her.“ Roman greift nach dem Telefon, aber Arla weicht schnell zurück.
„Das willst du nicht sehen.“
„Gib mir das Handy.“ Er knurrt und reißt es ihr aus der Hand. Henley hat ihn noch nie so die Beherrschung verlieren sehen. Er starrt einige lange Momente auf das Bild, bevor er es Arla zurückgibt. In diesem Moment sieht sie ihn: den grausamen Alpha, den sie bei ihrer ersten Begegnung erwartet hatte. Seine Augen sind fast schwarz, sein Körper unnatürlich still. „Wir nehmen den Nachtflug nach Hause. Ich rufe an, um sicherzugehen, dass er sich verzögert, du schnappst dir die anderen.“
Arlas Hand landet auf Romans Bizeps. „Es ist nicht deine Schuld. Du kannst nicht jeden vor allem beschützen“, sagt sie leise.
„Ich kann es verdammt noch mal versuchen.“ In seiner Stimme schwingt kein Hauch von dem Biest in ihm mit. „Und ich werde den Bastard, der es wagt, sich mit meinem Rudel anzulegen, in so kleine Stücke reißen, dass seine eigene Mutter ihn nicht mehr wiedererkennt.“
Arla geht und er hebt das Telefon, spricht schnell, während er zurück zu ihr schreitet. Er schnappt sich den Haufen Kleidung, den sie auf der Theke gelassen hat, drückt sie ihr in die Arme und tritt aus dem Bad, bevor er seinen Koffer greift und die Tür verlässt. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss und lässt sie in einem Raum zurück, der sich plötzlich zu leer und zu kalt anfühlt. Sie zieht sich wie betäubt an.
Jamie kommt ein paar Minuten später herein und holt sie ab, ihr Gesicht ist vollkommen blass. Sie bemerkt, dass die Hände des Mädchens zittern, nimmt eine davon und drückt sie. Keiner spricht auf der Fahrt zum Flughafen. Roman tippt hektisch auf seinem Handy herum, während er sie an seine Brust drückt. Selbst als sie sich ihren Weg durch den Flughafen bahnen und in der First-Class-Abteilung des Flugzeugs sitzen, lässt er ihre Hand nicht eine Sekunde los. Jemand aus dem Rudel wurde brutal ermordet, jemand, der Roman etwas bedeutete, und seine Reaktion sagt ihr, dass so etwas nicht oft vorkommt, wenn überhaupt. Was bedeutet, dass es irgendwie wahrscheinlich ihre Schuld ist.








