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Gefährliche Hingabe

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Zusammenfassung

WARNUNG Diese Geschichte enthält Twincest. Ich war einem anderen Mann versprochen. Lorenzo hätte an dem Tag gehen sollen, als meine Verlobung bekannt gegeben wurde. Stattdessen blieb er. Er blieb, als ich heiratete. Er blieb, obwohl er wusste, dass es falsch war. Er blieb, als ich ihn bat, mich über alles andere zu stellen. Ich habe mein ganzes Leben lang bekommen, was ich wollte. Und das Einzige, was ich je wollte, war er. Man sagt, Hingabe sei eine Tugend. Sie irren sich. Hingabe ist gefährlich. Besonders dann, wenn die Person, die du liebst, für dich die Welt zerstören würde.

Genre:
Romance
Autor:
zephyr
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
37
Rating
5.0 (1 Bewertung)
Altersfreigabe
18+

Crossing Boundaries

Vor zehn Jahren

Die Stadt funkelte unter ihnen wie ein Meer aus Sternen.

Von der Dachterrasse des De-Luca-Anwesens aus sah die Welt täuschend schön aus. Endlose Lichter erstreckten sich bis zum Horizont und tauchten die Dunkelheit unter ihnen in Gold- und Silbertöne. Teure Wolkenkratzer durchbohrten den Nachthimmel; ihre Fenster leuchteten wie Laternen. Luxusautos krochen wie winzige Insekten durch die Straßen, und irgendwo in der Ferne hallte das leise Geräusch von Sirenen durch die Stadt, bevor es im Wind verwehte.

Hier oben wirkte alles friedlich und perfekt.

Vittoria De Luca stützte ihre Ellbogen auf das kalte steinerne Geländer und starrte auf die Skyline. Sie versuchte, den Lärm aus dem Ballsaal unter ihnen zu ignorieren. Das Lachen, die Musik, das Klirren der Champagnergläser. Die endlosen Gespräche zwischen mächtigen Männern und Frauen, die ihr Leben damit verbrachten, so zu tun, als würden sie nicht ständig Intrigen gegeneinander schmieden.

„Ich hasse es hier.“ Die Worte entfuhren ihr, bevor sie sie stoppen konnte. Ein vertrautes Lachen ertönte hinter ihr.

„Das sagst du jede Woche.“ Vittoria lächelte trotz ihrer schlechten Laune und drehte sich um. Lorenzo De Luca stand im Türrahmen, der zurück in das Anwesen führte. Seine Krawatte hing locker um seinen Hals, und der oberste Knopf seines Hemdes war im Laufe des Abends aufgegangen. Sein dunkles Haar war leicht zerzaust, als hätte er zu oft mit den Händen hindurchgefahren. Er sah erschöpft aus.

Und nervtötend gut aussehend.

Mit seinen fünfzehn Jahren bewegte sich Lorenzo bereits wie ein Mann, der dazu bestimmt war, ein Imperium zu erben. Jeder sah es, jeder sprach darüber. Das zukünftige Oberhaupt der De-Luca-Familie. Der künftige König einer der mächtigsten Organisationen des Landes. Jeder sah diese Version von ihm, den zukünftigen Don.

Jeder, außer Vittoria. Für sie war er einfach Enzo.

Der Junge, der mit ihr Kekse aus der Küche stahl, als sie acht waren. Der sich prügelte, um sie zu verteidigen, als sie noch Kinder waren. Der Junge, der versuchte, ihr das Autofahren beizubringen, obwohl er fast dreimal das Auto zu Schrott gefahren hätte. Er kannte jede peinliche Geschichte, jede geheime Angst, jeden Traum, den sie sonst niemandem anzuvertrauen wagte. Ihr bester Freund und ihr liebster Mensch. Die eine Konstante in einer Welt, die sich viel zu schnell veränderte.

Sou fratello gemello.

„Du siehst elend aus“, sagte er, als er auf sie zuging.

„Du auch.“

Er stellte sich neben sie an das Geländer. Sie berührten sich nicht, standen aber enger beieinander als nötig. Einen Moment lang sprach keiner von beiden. Die Stille, die zwischen ihnen lag, war nicht unangenehm wie sonst.

Sie warf einen Seitenblick auf Enzo. Er starrte auf die Stadt hinaus, und das Mondlicht betonte die markanten Züge seines Gesichts. Irgendwann hatte er sich verändert. Nicht körperlich. Nun ja, körperlich auch, aber das meinte sie nicht; etwas anderes hatte sich verschoben. Eines Tages war er einfach nur Enzo gewesen, ihr Bruder. Der nervige Junge, der sie ständig zu Rennen, Streitereien und lächerlichen Wettbewerben herausforderte.

Und plötzlich war er das nicht mehr.

Plötzlich bemerkte sie Dinge. Wie die Art, wie sein Lächeln ihren Magen zum Flattern brachte. Das Geräusch seines Lachens. Oder wie seine Augen weich wurden, wenn er sie ansah. Die Art, wie andere Mädchen ihn ansahen. Letzteres ärgerte sie mehr, als sie zugeben wollte. Sie hasste das seltsame Gefühl, das sich in ihrer Brust ausbreitete, wann immer das passierte.

Das Schlimmste daran?

Sie verstand nicht, warum. Oder vielleicht wusste sie es doch. Vielleicht verstand sie es vollkommen, war nur noch nicht bereit, es sich einzugestehen.

„Fragst du dich jemals, was uns entgeht?“ Die Frage rutschte ihr leise heraus und ließ Enzo leicht die Stirn runzeln.

„Was meinst du?“

Sie deutete auf die Stadt unter ihnen. „Alles.“ Sein Blick folgte ihrem zu den Lichtern, den Straßen und den Menschen, die ein gewöhnliches Leben führten. Menschen, die aufstehen und entscheiden konnten, was sie tun wollten, ohne Rücksicht auf die Erwartungen der Familie. Die sich in wen auch immer sie wollten verlieben konnten. Die Fehler machen konnten, ohne dass diese Fehler in den Schlagzeilen landeten. Menschen, die frei waren. „Ein normales Leben“, fuhr sie leise fort. „Eigene Entscheidungen.“

Enzo schwieg einen Moment, dann nickte er.

„Jeden Tag.“ Die Ehrlichkeit in seiner Stimme überraschte sie. Nicht, weil sie dachte, er würde lügen, sondern weil sie genau wusste, wie schwer es war, so etwas zuzugeben. In ihrer Welt wurde Dankbarkeit erwartet. Privilegien sollten Unglück auslöschen. Sie hatten Geld, Macht, Einfluss, alles, wovon Menschen träumten. Sie durften sich nicht beschweren. Sie sollten den Käfig, der sie umgab, nicht anerkennen, selbst wenn die Stäbe aus Gold waren.

„Ich bin froh, dass es nicht nur mir so geht“, sagte sie sanft. Sein Gesichtsausdruck wurde weicher.

„Definitiv nicht nur dir.“ Der Wind nahm um sie herum zu. Ein paar Strähnen ihres dunklen Haares wehten ihr ins Gesicht. Seine Hand hob sich ohne Vorwarnung. Ohne nachzudenken griff er nach ihrem Haar, wie er es schon hundertmal zuvor getan hatte. Doch auf halbem Weg… hielt er inne.

Seine Finger schwebten in der Luft nahe ihrer Wange, als hätten sie vergessen, was sie tun sollten. Die Pause dauerte zu lange. Vittoria spürte es sofort; etwas hatte sich verändert. Sie bewegte sich nicht, und er auch nicht. Dann berührte seine Hand sie endlich, anfangs zu vorsichtig. Er strich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. Nur blieben seine Finger nicht dort. Sie verharrten dort, eine Sekunde zu lang.

Und noch eine.

Sein Daumen streifte ihre Wange – kaum merklich, als würde sein Körper Entscheidungen ohne ihn treffen. Das war neu. Das war nicht Enzo. Ihr Atem stockte, bevor sie ihn anhalten konnte. Seine Hand sank schließlich, aber nicht ganz. Sie fiel nur halb, als hätte sie vergessen, wie sie ihm gehorchen sollte.

Die Luft zwischen ihnen wurde zu etwas, das keiner von beiden ignorieren konnte. Vittoria fühlte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie konnte die Musik von unten hören, das ferne Lachen, die Geräusche der Party, die ohne sie weiterging. Doch all das schien fern, gedämpft und unwichtig.

Denn plötzlich nahm sie nur noch eines wahr.

Lorenzo.

Die Art, wie er sie ansah. Seine Augen wirkten dunkler als sonst. Keiner von beiden sah weg. Jahrelang hatte sie sich gefragt, ob sie sich das nur einbildete – die Spannung, die Möglichkeit. Das Gefühl, dass etwas zwischen ihnen existierte, für das keiner von beiden den Mut hatte, es beim Namen zu nennen.

Heute Nacht wusste sie zum ersten Mal, dass sie es sich nicht einbildete. Er spürte es auch. Diese Erkenntnis versetzte sie in Angst und Begeisterung zugleich. Denn wenn sie recht hatte, würde sich alles ändern. Zum Guten oder zum Schlechten.

Vittoria drehte ihren Kopf leicht. Das war alles, was es brauchte. Seine Augen folgten sofort. Schnell. Und dann… sah er nicht weg. Nicht, als er es hätte tun sollen. Nicht, als es offensichtlich wurde, dass er es hätte tun sollen.

Sie hätte zurücktreten sollen. Irgendetwas in seinem Ausdruck schnappte um. Wie ein Draht, der zu fest gespannt war und endlich merkte, dass er doch reißen konnte. Sein Blick fiel auf ihren Mund. Diesmal versuchte er nicht einmal, es zu verbergen. Er sah, wie es geschah, und stoppte es nicht. Vittoria spürte es sofort. Es war keine bloße Anziehung.

Macht.

Es war zu spät, um es rückgängig zu machen: Sie beeinflusste ihn nicht nur, sie brachte ihn aus dem Gleichgewicht.

Sie schluckte schwer. Zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Und genau deshalb sprach sie. Impulsive Entscheidungen waren schon immer ihre Spezialität gewesen.

„Was, wenn wir aufhören würden, uns zu fragen?“ Enzo blinzelte.

„Was?“ Ihr Puls hämmerte gegen ihre Rippen.

„Was, wenn wir aufhören würden, uns zu fragen, wie das Leben sein könnte?“ Er starrte sie verwirrt und neugierig an.

„Wovon redest du?“ Sie holte tief Luft. Dann noch einmal. Jeder Instinkt sagte ihr, sie solle aufhören, es weglachen, das Thema wechseln, das schützen, was sie bereits hatten. Stattdessen trat sie einen Schritt näher.

„Was, wenn wir uns für uns selbst entscheiden würden?“ Die Worte hingen zwischen ihnen. Beängstigend. Enzo antwortete nicht sofort, er starrte sie nur an.

Eine Sekunde verging.

Dann zwei.

Dann fünf.

Lang genug, damit Panik in ihrer Brust aufstieg. Ihr Selbstvertrauen begann zu schwinden. Sie fing an, sich zu fragen, ob sie einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Vielleicht hatte sie sich alles nur eingebildet. Vielleicht hatte sie es falsch verstanden. Vielleicht…

„Sag solche Dinge nicht“, sagte er. Aber seine Stimme verriet ihn; es war keine Warnung mehr. Es war ein Flehen.

„Warum?“, flüsterte sie. Sein Atem veränderte sich hörbar.

„Weil du nicht verstehst, was du da tust.“ Das hätte kontrolliert klingen sollen. Aber es klang wie ein Geständnis, das er nicht mehr zurücknehmen konnte. Sie trat einen Schritt näher, nicht mehr absichtlich. Nur noch unvermeidlich. „Vittoria-“

Seine Stimme war tief, sanft. Die Art, wie er ihren Namen sagte, ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Brüchig an den Rändern. Er hielt sich von ihr zurück und scheiterte dabei.

„Sag es noch einmal“, flüsterte sie. Seine Augen verdunkelten sich sofort.

„Sag was.“

„Meinen Namen.“ Ein Moment zu lang. Dann…

„Vittoria.“ Es klang falsch. Angestrengt. Als würde es wehtun, es auszusprechen. Als würde es ihn etwas kosten, das er sich nicht leisten konnte.

Er trat im selben Moment vor, in dem sie sich vorbeugte. Zu schnell. Zu nah. Keiner von beiden wollte, dass es gleichzeitig geschah, aber es geschah. Und plötzlich gab es keinen Raum mehr, um es zu korrigieren. Seine Hand packte ihr Handgelenk. Verzweifelt. Als könne er sich nicht davon abhalten, sich an ihr festzuklammern. Die Berührung sandte etwas Scharfes durch sie beide.

Sein Atem setzte sofort aus, ihrer auch. Es gab nur diesen Moment. Nichts weiter.

Nur ihn.

Nur sie.

Etwas Schönes, Rücksichtsloses. Etwas, das keiner von beiden vollkommen verstand. Selbst die Luft fühlte sich falsch an, zu dick, um sich hindurchzubewegen.

Seine Stirn berührte fast ihre, doch er hielt dort inne. Nicht, weil er es so wollte, sondern weil etwas in ihm es physisch nicht überschreiten konnte. Sein Atem traf ihre Lippen. Warm. Unstet. Zu nah, um es zu ignorieren.

Vittoria erkannte, dass sie nicht darauf wartete, dass er sie küsste, sondern darauf, ob er sich selbst aufhalten konnte. Und er konnte es nicht. Sein Griff um ihr Handgelenk verstärkte sich leicht, als würde er sich über sie erden. Als wäre sie das Einzige, was ihn davor bewahrte, völlig abzustürzen.

Das hätte ihr Angst machen sollen. Doch es verlieh ihr ein Gefühl von Macht, das sie noch nicht verstand.

„Enzo“, flüsterte sie. Das war der Auslöser. Seine Beherrschung brach endgültig. Er lehnte sich vor, nicht mehr vorsichtig. Und für eine halbe Sekunde blieb alles genau an dem Punkt vor dem Aufprall stehen.

Atem verstrickte sich. Distanz war dahin. Entscheidung ausgelöscht.

Und dann…

„Vittoria!“

Die Stimme durchschnitt die Luft wie eine Klinge. Sie erstarrten. Sie trennten sich nicht. Immer noch viel zu nah, einander festhaltend, den Atem des anderen in sich aufnehmend, als wüsste keiner von beiden, wie man aufhört.

Doch jetzt wussten es beide. Es gab kein Gleichgewicht mehr. Und was auch immer gerade zwischen ihnen geschehen war, war bereits unumkehrbar. Dass es kein Zurück mehr geben würde, wenn sie diese Grenze überschritten. Nichts würde jemals wieder so sein wie zuvor. Ihre Freundschaft, ihre Familie, ihre Zukunft. Alles würde sich ändern.

Und doch konnte sie sich nicht dazu bringen, sich darum zu sorgen.

Nicht, wenn er sie so ansah. Wenn jeder Teil von ihr die Distanz zwischen ihnen schließen wollte. Sie hatte jahrelang so getan, als würde sie etwas nicht fühlen, dem sie niemals hatte entkommen können.

Enzos Blick fiel kurz auf ihre Lippen. Dann kehrte er zu ihren Augen zurück. Die Bewegung dauerte weniger als eine Sekunde. Aber sie reichte aus, um alles zu bestätigen, um jede Lüge zu zerstören, die sie sich je erzählt hatten.

Die Welt schien den Atem anzuhalten.

Wartend.

Beobachtend.

Und irgendwo tief in ihrem Inneren wusste Vittoria, dass dieser Moment sie für immer begleiten würde. Egal, was als Nächstes geschah. Oder wie viel Zeit verging. Wie sehr sie auch versuchten zu vergessen. Denn manche Momente werden Teil deiner Seele. Manche Entscheidungen hinterlassen Narben, die niemals wirklich verblassen.

Manche Lieben weigern sich zu sterben.

Dies war einer dieser Momente. Der Anfang vom Ende. Etwas, das ihr Leben für immer verändern würde. Etwas, von dem sie die nächsten zehn Jahre so tun würden, als sei es nie passiert.

Und sie würden scheitern.

Jämmerlich.

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