10_Kapitel 0_Band 1
Kapitel 0 - Das Nichts war schon immer …
„...“
Alles war neblig und dunkel.
„Was mach’ ich hier? Wo bin ich?“, fragte die blasse Gestalt im Nichts.
Langsam durchdrang leuchtendes Weiss den Nebel. Die Schwaden brachen auseinander wie Wellen in der Brandung und gaben den Blick auf eine Welt frei, die unter ihr zurückblieb.
„Was passiert hier mit mir?“
Erst jetzt bemerkte die Gestalt, dass sie aus der Atmosphäre dieser Welt emporstieg. Nicht wissend, was zuvor geschehen war. Nicht wissend, weshalb und wohin es sie zog. Es musste etwas davor gegeben haben. Eben noch war es da gewesen.
„Wie ist mein Name?“
Ein dünner Faden schwarzen Lichts löste sich aus ihrem Kopf. Er schwebte einen Augenblick vor ihrem Gesicht und beinahe hätte sie etwas darin erkannt. Doch während sie noch danach suchte, verblasste bereits die Erinnerung daran, was es gewesen sein könnte.
Weitere Fäden folgten.
Mit ihnen verschwanden Bilder, bevor sie sich ganz zeigen konnten. Ein Gesicht. Ein Ort. Der Klang einer Stimme, deren Worte ihr eben noch etwas bedeutet hatten. Die Gestalt versuchte, einen einzigen Gedanken festzuhalten. Doch sobald sie nach ihm griff, wusste sie schon nicht mehr, wonach sie suchte.
Auch die Frage nach ihrem Namen begann zu verblassen.
„Was passi…“
Die Sterne glitzerten schwarz, und alles andere strahlte weiss. Unendliches Weiss. Fasziniert starrte die Gestalt in die Leere. Immer weniger Gedanken störten diesen Anblick. Etwas fehlte, doch selbst das Gefühl dafür wurde schwächer.
Sie konnte nicht kontrollieren, wohin es sie zog. Hinter ihr näherte sich ein dunkler Umhang.
Seine Falten flossen ineinander wie eine dünne Flüssigkeit, mit der der Wind spielte. Dennoch lag etwas Unbeugsames in seiner Bewegung. Er kam geradewegs auf sie zu, immer näher, während sein Saum lautlos durch das Weiss schlug.
Die Gestalt öffnete den Mund.
„H…“
Mehr brachte sie nicht heraus. Sie suchte nach Worten, fand nur Bruchstücke, dann auch diese nicht mehr. Die Angst blieb, ohne dass sie noch hätte sagen können, wovor.
Ein Impuls war zu spüren.
Für einen Augenblick blieb alles stehen: der flatternde Umhang dicht hinter ihr, das Licht der schwarzen Sterne, die letzten dunklen Fäden, die sich aus ihrem Kopf gelöst hatten.
„Vergiss nicht …“
Eine Stimme. Irgendwo.
Etwas in ihr regte sich, als hätte sie diese Worte schon einmal gehört. Als wüsste sie, was danach kommen musste.
Im nächsten Moment lief die Zeit weiter.
Ein gewaltiger Sog riss die Gestalt auf einen weissen Feuerball zu. Eben noch kaum sichtbar, füllte er nun die ganze Weite vor ihr aus. Der dunkle Umhang blieb zurück. Seine Konturen verschwammen, bis er zwischen den schwarzen Sternen verschwand.
Es war, als glitte sie durch einen Tunnel aus Licht. Die Ränder des Feuerballs färbten sich schwarz, als sie hindurchschwebte.
Dann war alles vorbei.
Dunkelheit.
Die Gestalt versuchte, die Augen zu öffnen. Vergeblich. Dennoch zeichneten sich in der Dunkelheit allmählich zwei Umrisse ab. Zwei andere Gestalten prallten immer wieder aufeinander. Ihre Bewegungen waren kaum zu verfolgen. Sie kamen näher, verschwanden kurz und tauchten wieder auf.
Eine der Umrisse lag plötzlich neben ihr.
Sie schien verletzt.
Die blasse Gestalt streckte die Hand aus und berührte die andere. Wärme ging von ihren Fingern aus. Unter ihrer Hand schien die Anspannung im fremden Körper ein wenig nachzulassen.
Dabei wurde auch etwas in ihr selbst ruhiger. Die Nähe fühlte sich vertraut an. Wie ein Zuhause, an das keine Erinnerung mehr geblieben war.
Für einen Augenblick liess sie ihre Hand dort ruhen.
Im nächsten war sie an einem anderen Ort.
Die Wärme der Berührung war verschwunden. Kälte strich über ihre Haut. Um sie herum waren Stimmen, näher als zuvor. Sie fühlte sich kleiner, ihr eigener Körper fremd.
Diesmal öffnete sie ohne Mühe die Augen. Andere Gestalten umgaben sie.
Sie holte Luft und schrie.








