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MINUS 100 - Die Wahrheit liegt dort unten

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Zusammenfassung

Ein gigantisches System aus 28 unterirdischen Parkebenen, verwinkelt im Felsgestein tief unter der Stadt. Die unterste Ebene (Sektor B-28 bzw. Sektor Null) liegt in 100 Metern Tiefe. Offiziell existiert diese Sohle nach einem vertuschten Baumangel von 2011 nicht mehr: Sie wurde aus den Bauplänen gelöscht, behördlich versiegelt und als Phantomebene totgeschwiegen. Logline Als eine sechsköpfige Urbex-Gruppe auf der Suche nach Klicks die berüchtigte Prozedur der fünf Schlüsselstationen durchfährt, öffnet sich das tonnenschwere Stahltor zu Ebene B-28. Eingeschlossen in absoluter Finsternis, 100 Meter unter der Erde, fällt die Gruppe ihren eigenen Ängsten und den Rachegeistern des Bauwerks zum Opfer. Nur Lin kennt die erschütternde Wahrheit über das verschwundene Mädchen Meilin – doch das System duldet keine Zeugen.

Genre:
Horror
Autor:
Sanna
Status:
vor einer Stunde
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Chapter 1 - Das Ritual

Der Innenraum des schwarzen Geländewagens roch nach künstlichem Pinien-Aroma, Klimaanlagen-Muff und der feuchten Kälte, die von den Betonwänden der Zufahrtsrampe ausging.

„Wir passieren jetzt Schranke Null“, sagte Jian. Er hielt sein Smartphone mit einer Rig-Halterung vor sein Gesicht. Das Display warf ein grelles, bläuliches Licht auf seine Züge. „Willkommen beim gefährlichsten Mythos der Stadt, Leute. Wir suchen heute das Phantom-Deck.“

Auf dem Rücksitz schnaufte An genervt. „Jian, das Blendwerk ruiniert unsere Pupillenadaption.“

„Entspann dich, An!", wiegelte Jian ab und wandte sich wieder an die Linse. „Die Legende besagt: Kurz nach der Fertigstellung verschwanden hier unten nach einem Einsturz mehrere Menschen spurlos, darunter auch ein junges Mädchen. Die Ursache war angeblich menschliches Versagen. Die Architekten hatten die Statik falsch berechnet. Es gab keine Zeugen und keine Leichen. Die Wahrheit sollte nie ans Licht kommen. Ein ganzes Parkdeck wurde verriegelt und aus den Akten gelöscht, um den Unfall zu vertuschen: Ebene -28. Oder wie die Urbexer es nennen: Minus 100.“

Mings Hände hielten verkrampft das Lenkrad fest. Es gibt angeblich fünf Schlüsselstationen im Tunnel, die durchfahren werden müssen, um das Tor zu Ebene -28 finden.“

„Genau so ist es“, grinste Jian. „Fünf Ebenen. Zuerst erfolgt der "Sprung" von Ebene -3 auf Ebene -5. Beim Flackern wissen wir, dass das System uns sieht. Bei der Wendung suchen wir den Wegweiser. Und am Tor rufen wir SIE an. Dreimal.“

Lin saß auf der Rückbank im Schatten. Ihre Hand ruhte tief in der Jackentasche, die Finger fest um die Ecken des verblassten Schülerausweises geklammert. Sie wusste, dass es kein Spiel war.

Der Geländewagen schob sich geräuschlos über die erste Rampe hinab. Auf der rechten Betonwand passierte das gelbe Schild die Scheiben: EBENE -3. Darunter folgte die gewohnte Lücke des hiesigen Aberglaubens: Die Zahl Vier wurde übersprungen, da sie Unglück bringen soll. Das Etagenschild zeigte also direkt die EBENE -5 an. Eine klamme, unnatürliche Kälte kroch schlagartig durch die Lüftungsrohre in den Innenraum. Der "Sprung" war vollzogen.

Ming hielt das Tempo gedrosselt, als sie die Kurve zu Ebene -8 schnitten. Schon seit einer gefühlten Ewigkeit hatten sie keine anderen Autos mehr gesehen,so, als wären sie ganz alleine hier unten unterwegs.

Plötzlich erlosch das Licht.

Die doppelten Leuchtstoffröhren an der Betondecke fielen von einer Sekunde auf die andere aus. Sie flackerten dreimal kurz auf – ein nervöser, stechender Puls –, ehe ganze Abschnitte der Garage in tiefes Schwarz tauchten. Nur die weißen Kegel der Autoscheinwerfer schnitten noch durch das Dunkel.

„Scheiße...“, entfuhr es Jian. „Das... das war die Frequenz-Rückkopplung!“

„Ein Relaisausfall“, murmelte An hektisch, doch seine Hand zitterte, als er seine Brille auf der Nase hochschob. „Ganz normal bei alten Datenleitungen."

Ming verlangsamte den Wagen an der unübersichtlichen Kreiselkehre von Ebene -15. Der Scheinwerferkegel schob sich langsam an der Felswand entlang.

Mei saß am rechten Fenster. Sie presste die Zähne so fest zusammen, dass die Kieferknochen hervortraten. Ihr Blick wanderte unwillkürlich nach draußen in die tiefen Schatten zwischen den verstaubten Betonsäulen.

Da stand etwas - oder jemand?

Mei erstarrte. Der Atem blieb ihr in der Kehle stecken.

Im Schatten einer breiten Tragsäule stand eine dünne, blasse Gestalt. Ein altes, dunkles Schulkleid. Das lange Haar klatschnass und ins Gesicht geklebt. Sie bewegte sich nicht. Sie hatte keine Augen, nur dunkle Höhlen, wo Augen hätten sein sollen.

Langsam, ganz langsam, hob die Gestalt ihren dünnen, grauen Arm und wies mit dem Zeigefinger auf eine unscheinbare, verfallene Wartungszufahrt, die halb hinter aufgestapelten Betonelementen verborgen lag.

„DA!“, schrie Mei gellend auf. Ihre Fingernägel krallten sich in Jians Schulter. „DA STEHT SIE!“

Ming stieg voll auf die Bremse. Der Wagen kam mit quietschenden Reifen zum Stehen.

„Wo?! Mei, was ist los?!“, rief Jian und schwenkte die Kamera hysterisch ans Fenster.

Doch als die Lichtkegel des Wagens die Säule voll trafen, war dort nichts. Nur verstaubter Beton und ein nasses Rinnsal, welches die glatte Fläche hinablief.

„Sie... sie hat nach links gezeigt“, stammelte Mei völlig aufgelöst. Sie wischte sich hysterisch über die Augen. „In der Ladebucht. Dahinter... da…da geht es weiter!“

Lin sah durch das Heckfenster nach draußen. Sie zitterte nicht. Sie spürte nur die eiskalte Gewissheit: Meilin wollte sicher gehen, dass sie den Weg fanden.

Ming setzte den Wagen vorsichtig zurück und bog in den schmalen, unbeschilderten Wartungstunnel ein, den Mei angedeutet hatte. Die Fahrbahn wandelte sich zu einer unebenen Schotterpiste. Am Ende des Weges versperrte ein rostiges, massives Brandschutztor den Weg. An der Felswand daneben ragte eine alte, gelbe Ruftaste aus dem Beton – überzogen mit Spinnweben und einer klebrigen , dicken Staubschicht. Ming ließ das Fahrerfenster herunter. Die klamme, raue Luft des Schachts drang sofort in den Innenraum. Er streckte den Arm aus und drückte den verrosteten Metallknopf.

Krrrrtsch.

Ein lautes, schrilles Rückkopplungsrauschen kam so unerwartet aus dem kleinen Lautsprecher der Säule, dass alle im Wagen zusammenzuckten. Dann folgte das hohle Summen einer aktiven Leitung.

Jian nahm zunächst Blickkontakt zu allen Anwesenden im Wagen auf, als wolle er sich rückversichern, dass sie diesen letzten Schritt wirklich gehen wollten. Alle nickten ihm stumm zu. Er beugte sich über die Mittelkonsole zum offenen Fenster vor. Seine Stimme versagte fast, als er in das Mikrofon sprach:

„Meilin...“

Das Rauschen der Säule verstärkte sich.

„Meilin...“, sagte er ein zweites Mal.

Ein ganz leises, schabendes Geräusch kam aus der Membran des Lautsprechers. Als würde jemand am anderen Ende mit dem Finger über das Mikrofon fahren.

Jian holte tief Luft, bevor er den Namen zum dritten Mal aussprach: „Meilin...“

Nichts.

Das Rauschen aus der Sprechanlage erlosch schlagartig.

Eine Sekunde verstrich. Zweiter Herzschlag. Dritter.

Die Stille im Schacht wurde so dicht, dass man das Ticken der Uhr an Mings Handgelenk hören konnte. An schluckte hörbar auf dem Rücksitz.

„Es klappt nicht“, flüsterte Yuna, und in ihrer Stimme mischte sich verhaltene Erleichterung. „Nichts passiert. Lasst uns umkehren."

Vier Sekunden. Fünf Sekunden.

Jian wollte gerade enttäuscht den Rückwärtsgang einlegen, als ein tiefes, vibrierendes Ächzen durch die Felswand fuhr.

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