Rachevirus - Ein Thriller im unmittelbaren Morgen

All Rights Reserved ©

Summary

Im Jahr 2095, inmitten des von Dürren gezeichneten Algeriens, das durch bittere Armut und willkürliche Herrschaft verunstaltet ist, bewohnt Jacques ein kleines Stück einer kaputten Welt. Als Kara, seine große Liebe, von Soldaten entführt und über das Mittelmeer nach Europa verschleppt wird, steht er vor einer schicksalhaften Entscheidung: Will er sie zurückholen, muss er den "Wall" überwinden – jenes schier unbezwingbare Monstrum aus Stahl im Mittelmeer, das seit Dekaden als unüberwindbarer Schutzschild den "grünen Kontinent" abschirmt. Währenddessen sieht sich Europa einem entfesselten Hyperkapitalismus gegenüber, angetrieben von faszinierender Hightech und korrupten Machthabern. Im Herzen dieser rücksichtslosen Gesellschaft plant der Hacker Diego einen subversiven Vergeltungsakt gegen PeaSecur. Dessen selbstverliebter CEO, Karl Wagner, sowie sein hinterlistiger Anwalt waren die Architekten von Diegos Zerstörung. Nur noch ein kleines, fehlen-des Puzzleteil hält ihn von seiner Rache ab: Ein menschlicher Köder, um seinen gnadenlosen Rache-Virus auf Europa loszulassen. Eine Erzählung von unzerstörbarer Liebe, die sich gegen alle Widrigkeiten behauptet, von einem mutigen Aufbegehren gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, und von der zwei-schneidigen Macht der Technologie – stets im Wechselspiel mit der Bedeutung von Menschlichkeit und Mitgefühl.

Status
Excerpt
Chapters
11
Rating
5.0 1 review
Age Rating
16+

Prolog

»Lorenzo, pass auf!«, schrie Matías. Der stürmische Wind riss ihm die Worte von den Lippen. Sie duckten sich beide, während der nächste Brecher über dem Schlauchboot zusammenschlug und er salziges Wasser ausspie.

Wie eine Nussschale in der Waschmaschine sprang das Boot über die Wellenkämme. Grelle Blitze tauchten den Horizont in fortwährendes Flackern. Donner überrollte sie und ließ seinen Magen vibrieren wie die Bässe auf einem Rockkonzert.

Der kräftige Außenborder brummte jedoch unablässig und trieb sie zuverlässig in Richtung Süden vorwärts. Die Batterien würden mindestens weitere sechs Stunden halten. Könnte Matías es sich aussuchen, wären er und sein jüngerer Bruder heute nicht die rund neunzig Kilometer vom spanischen Almería über das Mittelmeer gefahren.

Aber der Funkspruch von Jawaria, ihrer algerischen Auftraggeberin, war eindeutig: 13-APR-2095 13:00:00 UTC+2 / 36°22’57.1"N 1°33’28.1"W.

Die Koordinaten waren nichts Neues. Sie lagen in der Mitte zwischen der algerischen Hafenstadt Oran sowie Cabo del Gata, einem Kap an der europäischen Südküste. Für diese Tour erhielten sie eine anständige Bezahlung. Wenig Arbeit, gutes Geld, aber nicht ohne Risiko.

Im Flackern der Blitze durchstachen in der Entfernung die ersten langen Spitzen die Wellenkämme und zerteilten die Wellen. Die kritische Phase begann. Sie durften sich maximal fünfzehn Minuten in diesem Abschnitt aufhalten, wollten sie nicht von einer Wachdrohne erwischt werden.

»Langsamer, Lorenzo!«, rief Matías. »Wir wollen uns nicht selbst aufspießen!«

»Ja, ja, wir machen die Tour ja nicht zum ersten Mal, oder?«, kam die Antwort seines jüngeren Bruders. In unveränderter Geschwindigkeit raste er weiter auf die todbringenden Spitzen zu.

Erneut zuckte ein Blitz über das brodelnde Firmament. Zerriss die Wolkentürme, als würde Zeus jeden Moment persönlich hervorstürmen. Das erratische Flackern brach sich auf den blank polierten Spitzen eines ganzen Waldes unterschiedlich langer Stacheln. Der »Wall«.

Die fünf bis sieben Meter messenden Kugeln zogen sich wie eine dichte Kette aufgespießter Seeigel über den Horizont. Dutzende Blitze preschten hervor und spiegelten sich auf den nassschwarzen Metallflächen. Als wolle das Gewitter jeden Gedanken an deren Überwindung im Keim ersticken.

Für Matías war es unvorstellbar, wie man an das menschenverachtende Bollwerk aus Stahl bei diesem Seegang nahe genug herankam, ohne das Boot aufzuschlitzen. Nicht nur das. Die Flüchtlinge kletterten wie Ameisen durch die Spitzen hindurch und über die glatten Stahlkugeln hinweg. Idealerweise, ohne sich aufzuspießen oder Gliedmaßen an den scharfen Kanten zu verlieren. Aber das war zum Glück nicht sein Problem.

»Matías, schau da vorne, bei den ersten Spikes!«, hörte er Lorenzos Stimme über den Sturm.

Er sah sie. Fünf orangene Punkte in dreihundert Metern Entfernung, die immer wieder zwischen den Wellen hervorlugten. Das war ihr Ziel. Dieses Mal waren die Koordinaten ungenau. Ihre Zeit lief ab.

»Mierda!« Das würde knapp. Sein Bruder fuhr weiterhin mit Vollgas in die neue Richtung.

»Langsamer, Lorenzo! Willst du uns umbringen? Idiota!«

Längere Stacheln durchbohrten die Wellen in maximal fünfzig Metern Entfernung. Viel zu nah für diesen Sturm und Seegang. Die orangenen Schwimmwesten kamen endgültig in Sichtweite.

Noch dreißig Meter. Es waren anscheinend drei Frauen, ein Mann und ein Kind. Wenn sie die Flüchtlinge nicht gleich herausfischten, drängte der Wind sie zurück in den Wall und sie verreckten elendig. Aufgespießt wie Schmetterlinge auf den Tod wartend. Matías überlief eine Gänsehaut bei der Vorstellung. Er sähe diese Tragödie jedoch nicht zum ersten Mal. Endlich fuhr Lorenzo langsamer.

Kurz darauf kamen sie bei den verlorenen Seelen an. Nasse Köpfe schrien Worte auf Arabisch, das er nicht beherrschte.

»Lorenzo, vorsichtig!«, mahnte er erneut.

Die Frau, die ihm am nächsten war, holte er sich mit dem Enterhaken heran und hievte ihren nassen Körper an Bord. Schreiend und mit gestikulierenden Armen stürzte sie an die niedrige Reling. Ein Blick klärte, was sie meinte: Das Mädchen trieb auf eine nahe Spitze zu. Er wollte seinem Bruder Bescheid geben, da sprang die Frau zurück ins Wasser. Der zurückschwingende Rumpf warf ihn schmerzhaft auf den harten Plastikboden in der Bootsmitte.

Verdammt! War die verrückt? Er rappelte sich wieder auf und schaute sich um. Mit letzter Kraft hatte sie das Mädchen in Richtung des Bootes geschubst, nur wenige Meter vor den tödlichen Spitzen. Dafür trieb die Irre selbst unaufhaltsam auf den nächsten Dorn zu. Die panischen Schreie des Mädchens übertönten die dröhnenden Wellen und den rollenden Donner. Matías zog es mit dem Enterhaken heran und hievte es an Bord.

»Hadi, hadi, ruhig, ruhig«, sagte er, um sie zu beruhigen. Neben »jalla«, schneller, das einzige, arabische Wort, das er kannte. Die Kleine zitterte und schaute ihn mit schreckensweiten Augen an. Sie hatte es geschafft.

Sein Enterhaken rutschte bei der Frau, die sich für das Mädchen in das Wasser gestürzt hatte, immer wieder ab. Der Seegang schob sie davon und ihre Zeit verrann. Erneut versuchte er, sie heranzuholen. Endlich hakte er sich unter ihre Schwimmweste. Die Wellen schaukelten sie nicht mehr auf und ab. Eine vierkantige schwarze Spitze, auf der sich Blut und Wasser mischten, ragte aus ihrer Brust. Ein letztes Aufflackern des Gewitters spiegelte sich in ihren starren Augen und dem vor Überraschung aufgerissenen Mund. Als könne sie es selbst im Tod nicht glauben, das neuste Opfer des Walls geworden zu sein.

»Mierda«, fluchte er nicht zum ersten Mal auf dieser Fahrt.

Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, holte Matías die anderen beiden Frauen an Bord und zum Abschluss den Mann. Alle waren sie jung – wie immer.

»Lorenzo! Gib Gas, wir müssen hier weg, ehe die Drohne auftaucht«, brüllte er über die Wellen. Das Boot bewegte sich kurz rückwärts und entfernte sich in einem engen Bogen mit Vollgas von dem Wall.

Zumindest die vier hatten es geschafft. Was auch immer das wert sein mochte. In seiner Heimat Spanien wartete auf die meisten von ihnen nichts Gutes. Jawaria war die Einzige, die an diesem Arrangement verdiente – und natürlich ihre Helfer, wie sie beide.

Das Mädchen zupfte an seiner Jacke. Er schaute sie an. Mit kaum wahrnehmbarer Stimme fragte sie ihn: »´ayn ´umi? … mumya´

Ihm war klar, wen sie suchte: Das Wort »Mama« klang in den meisten Sprachen ähnlich.