Truth or dare?! - Sei du selbst!

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Summary

Tim ist auf der letzten Klassenfahrt seines Lebens. Bald macht er das Abitur. In der Schule hat er einen gewissen Ruf als Womanizer. Sein Zimmerkamerad Milo findet durch das gute alte Partyspiel "Wahrheit oder Pflicht?" heraus, dass Tim sehr viel mehr ist als nur der gutaussehende Casanova, den alle in ihm sehen wollen.

Genre
Romance/Other
Author
Zwenja
Status
Complete
Chapters
3
Rating
5.0 2 reviews
Age Rating
16+

Teil 1

Weiße kleine Wölkchen ziehen am perfekt blauen Sommerhimmel entlang. Die Art wie sich bewegen, lässt mich vermuten, dass dort oben mehr Luftbewegung herrschen muss. Hier unten ist es nämlich windstill und warm. Noch nicht unerträglich heiß, wie viele Sommertage in den letzten Jahren, aber schon warm genug dafür dass meine Mit-Abiturienten sich wohlig in der Sonne rekeln.


Sie genießen den freien Nachmittag unserer Abschlussfahrt nach Südfrankreich. Liegen am Pool oder gar am Strand der zur Anlage , in der wir für diese Woche wohnen, gehört. Nur ich hocke drinnen.


Ich sitze auf der Fensterbank meines Raumes und schaue aus dem geöffneten Fenster. Nach der Szene heute morgen, habe ich erst einmal genug von Gesellschaft. Die Jungs befragten mich warum Natalie , meine Ex-Freundin, und ich vor der Abschlussfahrt Schluss gemacht haben. Sie lachten und wollten wissen ob es sei, weil ich lieber ein freier Mann auf der Fahrt sei. Ich war so sauer. Was geht sie das überhaupt an? Ich bin auf gesprungen, hab ihnen gesagt, sie seien wie alte Klatschweiber und bin abgehauen.


Seit dem verkrieche ich mich hier. Ist es meine Schuld, dass die Mädels auf mein Aussehen fliegen? Ich könnte ja auch beleidigt sein, weil sie sich nie groß für meine Ideen oder Hobbies interessieren, oder? Sie sehen nur meine 1,90m, die trainierte Statur vom Feldhockey, die blauen Augen und blonden Haare - 'Et voilà!


Das damit aber der Druck der Erwartung, die auf mir liegt, extrem steigt, weiß ich nur zu gut. Es ist ein Teufelskreis. Ich spiele meine Rolle, die Menschen mögen meine Darstellung und erwarten mehr davon. Und nur einige meiner Ex Freundinnen wissen, dass es nicht ist wer ich wirklich bin. Doch auch sie spielen einfach eine Rolle.


Immer öfter macht mich das wütend. Mein Verhalten, ebenso wie das der Menschen um mich herum. Warum muss ich bestimmte Erwartungen erfüllen, auf Grund meines Aussehens? Warum mache ich das mit? Warum bin ich nicht wer ich sein will?


Ich lache auf. Gut gebrüllt Tiger! Erstmal wissen wer du bist, wer du sein möchtest.


Die Tür geht auf und Milo schiebt sich hinein. Milo ist erst nach den letzten Sommerferien an unsere Schule gekommen und hat sich ziemlich schnell eingelebt. Er kommt mit jedem klar, ist auf allen Parties eingeladen.


Doch als wir hier ankamen war er der einzige Schüler, der nicht von vornherein schon wusste mit wem er ein Zimmer bezieht. Unsere Gruppe besteht aus einer ungeraden Schülerzahl und daher hätte einer von uns in diesem Doppelzimmer allein sein müssen, während alle anderen in vier oder sechs Bettzimmern residieren.


Meine Freunde zuckten nur die Schultern, als ich mich meldete um mit Milo das Zimmer zu teilen. Es ist kein Geheimnis, dass ich die Mehrbettzimmer auf Klassenfahrten schon immer gehasst habe. Milo war allerdings sehr überrascht, aber er widersprach auch nicht.


Aber er war dann doch sehr schnell erfreut und spielte fröhlich Schnick-Schnack-Schnuck darum, wer morgens zu erst ins Bad darf. Jetzt nach zwei Nächten machen wir gar keinen Stress mehr und lassen die Badezimmertür auf, wenn wir duschen. Ist ja nicht so, als hätten wir etwas an uns, dass der andere nicht kennt.


„Hey, willst du dich den ganzen Tag hier vergraben?", fragt er mit hochgezogener Braue und dreht sich dann aber zum Schrank, um offenbar eine Badehose heraus zu kramen. Bei genauen Hinsehen fällt mir jetzt auf, dass seine hellblaue Skinny Jeans mit Farbe benetzt ist. „Mal wieder Picasso gespielt?", necke ich ihn anstatt auf seine Frage zu antworten. Meine Augen heften sich auf einen kleinen roten Fleck auf seinem Hintern, der fast wie ein Herz aussieht. Verwirrt schüttele ich den Kopf, reiße meine Augen von seiner Rückseite. Milo ist ein ausgezeichneter Schwimmer, der sogar im Jugendkader des Landes steht. Breite Schultern, trainierter Oberkörper, schmale Taille, kräftige Waden. Wie soll man ihn da nicht anstarren wollen?


Und 'zack', bin ich wieder irritiert warum mir so etwas überhaupt auffällt. „Hmm. Der Kunstraum hier ist echt klasse. Ihr seid alle bisschen blöd, dass ihr nichts von den Angeboten hier nutzt!" „Die meisten wollen halt ihre Freizeit nur draußen verbringen. Ihnen reicht es das wir in 3 Museen gehen! Und..." , meine Worte stocken, während ich zu sehe wie er das leicht verschwitzte schwarze Shirt auszieht. Einen Moment lahmt mein Hirn.


„Und?", fragt er mich und sieht mich nun an. Ich schlucke leicht, konzentriere mich auf seine grauen Augen. Aber irgendwie ist das auch nicht so einfach. Er zieht eine Braue hoch und das ist es was mich zurück befördert. „...erm...ja, in zwei Monaten sind die Prüfungen. Da wollen sie nicht noch mehr Druck!" „Druck? Ts! Es macht SPAß zu malen und sich künstlerisch auszuprobieren! Ich relaxe dabei!" „Andere relaxen halt beim Sport!" „Sport ist für mich eher Druck!", gibt er nun mit einem Schulterzucken zu. Noch immer nur in Jeans, setzt er sich auf sein Bett. „Du musst viel trainieren zur Zeit, hmm?" , ich scanne sein Gesicht und sehe dort tatsächlich den Stress den ich selbst vor einem großen Spiel kenne. „Ja. Kurz nach den Abi-Prüfungen sind schon die deutschen Meisterschaften. Der Kadertrainer erwartet, dass ich dort den deutschen Rekord pulverisiere und gleich die Quali für die WM erlange."


Voller Mitleid verziehe ich das Gesicht. „So no pressure, hmm?" „Jupp. Aber du kennst das ja. Du gehst diesen Sommer ins nationale Hockeycamp , nicht wahr?" Überrascht hebe ich meine Brauen. Milo und ich sind in mehreren Kursen zusammen und verstehen uns gut in dem Sinne wie man sich halt in der Schule versteht. Wir verkehren auf denselben Parties und so weiter. Aber dass er tatsächlich etwas das mich betrifft so im Gedächtnis abgespeichert hat, ist irgendwie seltsam. Seltsam schön. Ich nicke und seufze „Ja und mein Alter dreht schon total am Rad deswegen. Ich mein, ist ja nicht so dass Hockeyspieler Millionen verdienen! Ich weiß nicht einmal, ob ich gerne Profi wäre." Nun nickt Milo, „Ja, bei mir auch so. Und Schwimmer verdienen wirklich nicht die Welt. Klar es gibt Preisgelder. Aber du musst schon der nächste Phelps sein, um nicht auch noch einen normalen Job nebenher haben zu müssen. Das wird aber dann schwer mit dem strengen Training. Am besten wird man Sportsoldat, aber nee. Sorry. Als schwuler Kerl beim Bund? Nee danke!" „Meinst du das ist wirklich so schlimm heutzutage? Als Sportsoldat, würde man dich doch auch kaum in wahre Einsätze schicken , oder? Du wärst kaum mit den Soldaten zusammen!" „Aber in der Ausbildung? Nee. Kann sein das ich hier Vorurteile habe, aber die will ich gar nicht überprüfen. Und verstellen will ich mich auch nicht. Ich bin froh endlich offen zu sein."


Milo packt nun ein Badehandtuch, sein Smartphone und seinen Reader in eine Tasche. „Konntest du dich nicht auf deiner alten Schule outen?" Als er neu in unsere Stufe kam, ließ er gleich zu Anfang jeden wissen das er schwul ist, er war ganz offen und ruhig. Stand einfach zu sich selbst. Ich bewundere das!


„Gekonnt hätte ich schon, fragt sich nur ob es gut gegangen wäre. In Köln ist das schon was anderes, als in dem einzigen kleinen Gymnasium weit draußen in der Dorflandschaft. Ich war glücklich. als mein Trainer sagte er habe mir einen Platz an einer Schule klar gemacht, die näher an meiner Trainingsstätte ist. Die dauernde Fahrerei nach Köln war ätzend. Aber ebenso war ich glücklich endlich auf eine Schule in einer großen Stadt zu gehen. In einer Stadt die offener für LGTBQ Menschen ist." „Und du musstest dich nicht vor den alten Schulkameraden erklären. Bei uns konntest du einfach sein wer du bist, ohne das jemand seltsam schaut, weil du vorher anders warst." Ich werde mir erst bewusst, dass ich diese Gedanken laut ausgesprochen habe, als ich sein erstauntes Gesicht registriere. „Sehr empathisch für den Kerl der Mädels wie Massenware sieht!"


Es gibt mir einen Stich, dass ausgerechnet er das sagt. Wieso? Wieso tut das so weh? „Musst du dich nicht langsam auf den Weg machen? Auch noch was Sonne tanken, oder benutzt du lieber Selbstbräuner?", knurre ich daher nur und lasse mich zurück auf die Fensterbank sinken. Ich schaue irritiert, von dem wehen Klopfen meines Herzens, aus dem Fenster. „Hey, du das..." , ich spüre Milos Hand vorsichtig auf meiner Schulter, „...das war scherzhaft gemeint. Entschuldigung." „Schon okay. Sollte mich ja nicht wundern, nach der Szene beim Frühstück. So denkt halt jeder über mich!" „Ich nicht." Ich schnaube auf und er boxt mich gegen die Schulter. „Echt nicht! Und was Manuel und die anderen Möchtegern-Checker labern, sollte dich nicht jucken! Das sind Kerle die in zehn Jahren mit Familie in irgendeinem Vorort fett werden, sich im Familienleben langweilen und für die das jährliche Schützenfest das Highlight des Jahres ist." Ein Grinsen bahnt sich den Weg in mein Gesicht, doch ich versuche es zu verstecken.


„Das ist ziemlich fies so etwas zu sagen!", rüge ich daher. Er schmunzelt und schnippt mit dem Finger auf diese Art wie man es oft mit schwulen Männern verbindet. Milo spielt immer mit diesen oberflächlichen Vorurteilen. „Call me bitch , babe!" Ich versuche wirklich ernst zu bleiben, doch er hat mich und ich lache letztendlich laut. Milo lacht mit mir, seine Augen glänzen fast silbern dabei. „Und nun komm! Du hast genug geschmollt!" Miteinem Ruck zieht er mich an der Hand von der Fensterbank, schubst mich ins Bad. „Hier! Anziehen! Zack, zack!", kommandiert er und drückt mir meine schwarze Badeshorts in die Hand, die er schnell vom Stuhl auf welchem ich sie zusammen gelegt hatte, gefischt hat.


Ich denke gar nicht daran zu protestieren, ziehe mich um und gehe dann ins Zimmer zurück, wo er auch nur in einer Badehose wartet. Aber während meine lässig, locker ist, trägt er dunkelblaue enge Badeshorts. So wie die Profischwimmer sie tragen. Ich weiß bei Wettbewerben trägt er auch oft die Schwimm- Briefs. Habe ich vielleicht mal einen Blick riskiert, wenn Mädels aus dem Jahrgang auf Fotos aus Sportartikeln geschaut haben? Vielleicht. Er schlüpft flink in eine knielange Jeans Shorts und wirft ein Tank Top über. Ich greife mir auch ein schwarzes Tank Top und schnappe mir mein Badetuch. „Mist! Mein Handy muss laden!", seufzend hänge ich es an das Ladekabel. „Kannst bei mir mithören!", verspricht er, zieht mich an der Hand aus dem Zimmer. „Und nun komm' kleine Schmollmaus, ich lass auch ein Eis springen!" Kopf schüttelnd, aber lachend, lasse ich mich mitziehen. Milo gibt allen immer irgendwie absurde, aber auch lustige , Spitznamen. Meine Augen ruhen auf seinem braunen Lockenkopf, wandern an ihm hinab. Die gerade, aber lockere Haltung. Der Gang voller Selbstbewusstsein. Ich glaube Milo ist wirklich frei. Er macht sich nichts aus dem was andere denken. Und ich glaube, ich möchte mir daran ein Beispiel nehmen.