YURI

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Summary

Yuri Ivanov, ein abgehärteter Krieger der russischen Bratwa, verliert bei einem brutalen Kampf sein Gehör. Sein Boss, Sergej Vasiljev, erkennt darin die Chance, Yuris Gehör wiederherzustellen und gleichzeitig eine offene Rechnung zu begleichen. Sergej entsendet Yuri auf eine heikle Mission nach New York, wo er sich einem Cochlea-Implantat-Eingriff unterziehen soll. Die Operation wird von Dr. Isabella Gio durchgeführt, der Schwester von Luca Gio - einem hochrangigen Mitglied der italienischen Familie Gio, mit der die Bratwa noch eine Rechnung offen hat. Yuris Auftrag ist klar definiert: Nach seiner Genesung soll er Luca Gio aufspüren und als Demonstration von Macht und Vergeltung verprügeln. Doch die Dinge nehmen eine unerwartete Wendung, als Yuri in New York eintrifft und Dr. Isabella Gio kennenlernt. Entgegen aller Erwartungen entwickelt er tiefe Gefühle für die kompetente und warmherzige Ärztin. Nun steht Yuri vor einem Dilemma: Wird er seinen Auftrag wie geplant ausführen können, oder wird die bezaubernde Ärztin seine Entschlossenheit ins Wanken bringen? Die Geschichte verspricht eine fesselnde Mischung aus Spannung, unerwarteter Romantik und moralischen Konflikten, während Yuri zwischen seiner Loyalität zur Bratwa und seinen neu entdeckten Gefühlen für Isabella hin- und hergerissen wird.

Status
Complete
Chapters
20
Rating
5.0 6 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1 - "Njet"

YURI

Der schwere Geruch von Zigarrenrauch hängt in der Luft, vermischt mit dem beißenden Aroma von teurem Whiskey. Ich sitze am massiven Eichentisch, dessen glatte Oberfläche die Spiegelungen der gedämpften Wandleuchten einfängt. Der Raum, tief im Herzen unseres Hauptquartiers gelegen, strahlt eine Aura von Macht und Geheimnis aus. Schwere Vorhänge verdecken die Fenster, halten die Außenwelt fern und uns in unserer eigenen, abgeschotteten Realität gefangen.

Um mich herum sitzen die Männer, die ich als meine Familie betrachte, ihre Gesichter von den Schatten der Vergangenheit und den Sorgen der Gegenwart gezeichnet. Ihre Münder bewegen sich in einer stummen Symphonie, die ich nicht mehr hören kann. Die Stille, meine ständige Begleiterin seit jenem verhängnisvollen Tag vor zwei Jahren, umhüllt mich wie eine zweite Haut. Doch heute fühlt sie sich anders an – schwerer, bedrohlicher, als wüsste sie, dass ihre Herrschaft bald enden könnte.

Am Kopfende des Tisches thront Sergej Vasiljev, unser Boss. Seine stahlgrauen Augen, die schon so viel Blut und Verrat gesehen haben, fixieren mich mit einer Intensität, die selbst die Stille zu durchdringen scheint. Sein von Narben übersätes Gesicht erzählt Geschichten von zahllosen Kämpfen und harten Entscheidungen. Trotz seiner 60 Jahre strahlt er eine Vitalität aus, die viele jüngere Männer vor Neid erblassen lässt. Seine Finger, geschmückt mit schweren Goldringen, trommeln ungeduldig auf der Tischplatte.

Zu meiner Linken sitzt Riad Alexej, der Scharfschütze unserer Gruppe. Seine olivfarbene Haut und die dunklen, wachsamen Augen verraten seine tschetschenische Herkunft. Riads Finger, lang und geschickt, spielen nervös mit einem Zigarettenanzünder. Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass diese scheinbar beiläufige Geste seine innere Anspannung verrät.

Andrej Petrov lehnt an der holzgetäfelten Wand, seine massige Gestalt wie ein lebender Schutzschild. Seine Arme, bedeckt von kunstvollen Tätowierungen, die seine Rangfolge in der Bratwa erzählen, sind vor der breiten Brust verschränkt. Sein Gesicht, eine Maske stoischer Gleichgültigkeit, täuscht. Ich erkenne die feinen Schweißperlen auf seiner Stirn, die von der Schwere der Situation zeugen.

Mir gegenüber sitzt Nicholas Ivanow, unser Vermittler und mein Verbindungsmann zur Welt der Hörenden. Seine geschmeidigen Hände tanzen durch die Luft, formen Zeichen in einer Sprache, die für mich zur zweiten Natur geworden ist. Die Gebärdensprache – unsere neue Art der Kommunikation, seit ich mein Gehör bei einem fehlgeschlagenen Auftrag verlor. Nicholas’ blaue Augen, normalerweise voller Wärme und Humor, sind heute von einer ungewohnten Ernsthaftigkeit erfüllt. Seine Finger bewegen sich präzise, übermitteln eine Botschaft, die mein Herz gefrieren lässt.

“Yuri,” gebärdet er, “der Boss hat einen Auftrag für dich. Du sollst nach New York reisen. Dort wirst du operiert – ein Cochlea-Implantat. Dein Gehör wird wiederhergestellt.”

Ich spüre, wie sich die Blicke der anderen auf mich richten, ihre Augen eine Mischung aus Neugier und Anspannung verratend. Die Luft im Raum scheint plötzlich dicker zu werden, als würde sie die Schwere der Situation absorbieren. Der Geruch von Schweiß mischt sich mit dem Aroma des teuren Cognacs, den Sergej bevorzugt.

Nicholas’ Hände fahren fort, enthüllen den wahren Zweck dieser vermeintlichen Wohltat. “Nach der Operation hast du einen weiteren Auftrag. Du sollst Luca Gio finden und...” Seine Gesten werden gewalttätig, lassen keinen Zweifel an der Brutalität der erwarteten Handlung. Ich sehe, wie sich Andrejs Kiefer anspannt, wie Riads Finger den Feuerzeugdeckel auf- und zuklappen lassen.

Die Welt um mich herum beginnt sich zu drehen. Ich sehe Sergejs kalkulierenden Blick, spüre die Last seiner Erwartungen auf meinen Schultern. Die Operation, die mir mein Gehör zurückgeben soll, erscheint plötzlich wie ein trojanisches Pferd – ein Geschenk, das mich nur tiefer in die Welt der Gewalt ziehen soll, der ich insgeheim zu entkommen hoffe.

Mein Blick schweift über die vertrauten Gesichter. Freunde, Kameraden – und doch fühle ich mich in diesem Moment unendlich allein. Sie alle warten auf meine Antwort, auf meine Zustimmung zu einem Plan, der mein Schicksal besiegeln würde. Die kunstvoll geschnitzten Holzpaneele an den Wänden scheinen sich zu verengen, als würden sie mich erdrücken wollen.

In der Stille, die mich umgibt, höre ich plötzlich eine Stimme – meine eigene, lange verstummt, fast vergessen. Sie flüstert mir zu, erinnert mich an den Mann, der ich einmal war, und den Mann, der ich sein könnte. An die Träume, die ich hatte, bevor die Bratwa mein Leben wurde.

Meine Lippen öffnen sich, formen ein Wort, das ich seit einer Ewigkeit nicht mehr ausgesprochen habe. Es fühlt sich fremd an, rau in meiner Kehle, und doch unglaublich befreiend.

“Njet,” flüstere ich, kaum hörbar und doch mit einer Kraft, die den Raum zu erschüttern scheint.

Die Reaktionen sind unmittelbar und intensiv. Augen weiten sich, Münder öffnen sich in stummem Erstaunen. Nicholas’ Hände erstarren mitten in der Bewegung, als hätte jemand einen Pausenknopf gedrückt. Riad und Andrej tauschen verwirrte Blicke aus, unsicher, wie sie reagieren sollen. Der Raum scheint den Atem anzuhalten.

Nicholas’ Hände bewegen sich wieder, diesmal langsamer, bedächtiger. Seine Augen fixieren mich mit einer Intensität, die ich selten bei ihm gesehen habe. Sein sonst so fröhliches Gesicht ist ernst, fast besorgt.

“Yuri,” gebärdet er, “du weißt, wie wichtig diese Aktion ist. Es geht hier um mehr als nur einen simplen Racheakt. Und vergiss nicht, was du dabei gewinnst.”

Er hält inne, sein Blick durchdringend. Die Narbe an seiner linken Schläfe, ein Andenken an einen längst vergangenen Kampf, scheint im gedämpften Licht zu pulsieren.

“Du wirst dein Gehör zurückbekommen, Yuri. Das ist eine einmalige Chance. Stell dir vor, wieder hören zu können - Musik, Stimmen, das Leben um dich herum. Ist das nicht all das wert?”

Ich spüre, wie sich mein Magen zusammenzieht. Natürlich sehne ich mich danach, wieder hören zu können. Die Stille, die mich seit jenem verhängnisvollen Tag umgibt, ist manchmal unerträglich. Ich erinnere mich an das Lachen meiner Mutter, das Rauschen des Windes in den Bäumen, die Melodien, die mich einst durch schwere Zeiten trugen. Und doch...

Meine Hände formen eine Antwort, jede Bewegung bedacht und präzise: “Ich verstehe die Bedeutung dieser Aktion. Ich weiß, was ich gewinnen könnte. Aber ist es wirklich der richtige Weg? Gewalt mit Gewalt zu beantworten, wird den Kreislauf nur fortsetzen.”

Nicholas übersetzt meine Worte für die anderen, während ich fortfahre, meine Hände nun schneller, leidenschaftlicher:

“Ja, Luca hat uns betrogen. Ja, er muss die Konsequenzen tragen. Und ja, ich würde alles dafür geben, wieder hören zu können. Aber mich als Köder zu benutzen, mein Leben zu riskieren, auch wenn Valentino Gio ein Freund von Sergej ist - ist das wirklich die Lösung?”

Ich sehe, wie sich die Gesichter meiner Kameraden verhärten. Andrej stößt sich von der Wand ab, seine massige Gestalt nun bedrohlich aufragend. Riads Finger haben aufgehört zu spielen, seine Hand liegt nun flach auf dem Tisch, bereit zuzuschlagen. Sergejs Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen, seine Lippen zu einer dünnen Linie zusammengepresst.

Sie verstehen meine Bedenken nicht, oder wollen sie nicht verstehen. Für sie ist es eine Frage der Ehre, der Vergeltung, und jetzt auch eine Chance für mich. Aber für mich? Ich sehe nur einen endlosen Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt, und den hohen Preis, den ich dafür zahlen müsste.

“Wir alle wissen, was passiert ist,” gebärde ich weiter, meine Bewegungen nun langsamer, fast flehend. “Aber vielleicht ist es an der Zeit, diesen Zyklus zu durchbrechen. Gibt es keine andere Möglichkeit, diese Angelegenheit zu regeln? Eine, die nicht das Potenzial hat, einen offenen Krieg zwischen unseren Familien zu entfachen? Und gibt es keinen anderen Weg für mich, mein Gehör wiederzuerlangen, ohne mich in diese gefährliche Situation zu begeben?”

Die Stille im Raum ist erdrückend. Ich sehe die Enttäuschung in Nicholas’ Augen, die kaum verhüllte Wut in Sergejs Gesicht, die Verwirrung bei Andrej und Riad. Meine Worte hängen schwer in der Luft, unbeantwortet, aber nicht ungehört. Das Ticken der antiken Standuhr in der Ecke scheint plötzlich ohrenbetäubend laut.

Sergej erhebt sich langsam aus seinem Ledersessel, seine Bewegungen kontrolliert, aber seine Augen verraten einen Sturm von Emotionen. Er kommt auf mich zu, jeder Schritt eine stumme Drohung. Der Duft seines teuren Aftershaves vermischt sich mit dem Geruch von Leder und Macht. Als er vor mir steht, beugt er sich hinunter, bis sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt ist. Ich kann seinen Atem auf meiner Haut spüren, sehe die feinen Linien um seine Augen, die von Jahren der Härte und Entschlossenheit zeugen.

“Yuri,” sagt er, seine Lippen deutlich formend, damit ich sie lesen kann. Seine Stimme mag ich nicht hören können, aber ich spüre die Vibration seiner Worte in der Luft zwischen uns. “Du bist wie ein Sohn für mich. Ich würde dich niemals in Gefahr bringen, wenn ich nicht absolut sicher wäre, dass du es überstehen wirst.”

Nicholas übersetzt simultan, seine Hände bewegen sich schnell und präzise. Aber ich brauche die Übersetzung kaum. Ich kenne Sergej lange genug, um die Nuancen in seinem Gesichtsausdruck zu lesen, die unausgesprochenen Worte zu verstehen. Die Narbe an seiner linken Wange, ein Überbleibsel aus seiner Zeit in Sibirien, scheint im gedämpften Licht zu pulsieren.

Sergej fährt fort, seine Augen nun weicher, fast väterlich: “Diese Operation, diese Chance... es ist mehr als nur ein Auftrag. Es ist eine Gelegenheit für dich, dein Leben zurückzubekommen. Und für uns, unsere Familie zu schützen.”

Ich spüre, wie mein Widerstand bröckelt. Die Aussicht, wieder hören zu können, die Stimmen meiner Freunde zu vernehmen, Musik zu genießen - es ist verlockend, mehr als ich zugeben möchte. Ich denke an die Konzerte, die ich früher besuchte, an das Lachen meiner Nichte, an das beruhigende Rauschen des Meeres.

Nicholas tritt näher, der Geruch seines vertrauten Aftershaves vermischt sich mit dem Duft von frischem Kaffee, der noch an seinen Kleidern haftet. Seine Hände formen sanfte, aber eindringliche Gesten. “Yuri, denk daran, wie es war, bevor du dein Gehör verloren hast. Die Lacher, die Gespräche, das Rauschen des Windes. All das kannst du zurückbekommen. Und ja, der Preis ist hoch, aber sind wir nicht eine Familie? Stehen wir nicht füreinander ein?”

Ich schließe für einen Moment die Augen, lasse die Worte, die Gefühle auf mich einwirken. Das sanfte Summen der Klimaanlage, das leise Knarren des alten Parkettbodens unter unseren Füßen - Geräusche, die ich mehr erahne als höre, erinnern mich an die Welt der Klänge, die mir verschlossen ist.

Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich in die Gesichter der Männer, die mehr als nur Kollegen für mich sind. Sie sind meine Familie, mein Zuhause. Andrej, dessen breite Schultern sich leicht entspannt haben. Riad, dessen dunkle Augen nun einen Hauch von Mitgefühl zeigen. Nicholas, dessen Hände ruhig in seinem Schoß liegen, bereit, jedes meiner Worte zu übersetzen. Und Sergej, dessen Blick eine Mischung aus väterlicher Sorge und unerbittlicher Entschlossenheit ausstrahlt.

Die schwere Standuhr in der Ecke schlägt die volle Stunde, ihre tiefen Glockenschläge vibrieren durch den Boden und meine Knochen. Es ist, als würde die Zeit selbst mich drängen, eine Entscheidung zu treffen.

Langsam, fast widerwillig, beginnen meine Hände sich zu bewegen. Jede Geste ist bedacht, jedes Zeichen sorgfältig gewählt. “Ich verstehe die Bedeutung dieser Mission. Ich verstehe, was auf dem Spiel steht - für mich und für uns alle.”

Ich halte inne, sammle meine Gedanken. Der Raum scheint den Atem anzuhalten. Selbst das leise Summen der Klimaanlage verstummt für einen Moment. Die nächsten Worte fallen mir schwer, aber ich weiß, dass sie notwendig sind.

“Ich werde es tun. Ich werde nach New York gehen, mich operieren lassen und... den Auftrag ausführen.”

Die Erleichterung im Raum ist fast greifbar. Die angespannte Atmosphäre löst sich, wie Nebel, der von der Morgensonne vertrieben wird. Sergej legt seine Hand auf meine Schulter, ein seltenes Zeichen der Zuneigung. Die Wärme seiner Berührung dringt durch den Stoff meines Hemdes, ein stummer Dank und eine stumme Verpflichtung zugleich.

Nicholas lächelt, ein Hauch von Stolz in seinen Augen. Seine Hände formen schnell die Worte: “Du triffst die richtige Entscheidung, Yuri. Wir stehen hinter dir, jeden Schritt des Weges.”

Andrej tritt vor, seine massige Gestalt nun nicht mehr bedrohlich, sondern beschützend. Er klopft mir auf den Rücken, eine Geste, die in ihrer Unbeholfenheit mehr sagt als tausend Worte. Riad nickt mir anerkennend zu, sein sonst so stoisches Gesicht zeigt einen Anflug von Respekt.

Doch in mir tobt ein Sturm der Gefühle. Erleichterung mischt sich mit Furcht, Vorfreude mit Zweifeln. Ich habe mich entschieden, ja. Aber zu welchem Preis? Die Aussicht, wieder hören zu können, erfüllt mich mit einer Sehnsucht, die fast körperlich schmerzt. Gleichzeitig fürchte ich mich vor der Gewalt, die von mir erwartet wird.

Sergej tritt zurück, sein Gesicht nun wieder die Maske des unnahbaren Anführers. “Nicholas wird dich über die Details informieren,” sagt er, seine Lippen deutlich artikulierend. “Du hast eine Woche Zeit, dich vorzubereiten. Nutze sie gut.”

Mit diesen Worten wendet er sich ab, ein klares Zeichen, dass die Besprechung beendet ist. Die anderen folgen seinem Beispiel, verlassen den Raum mit einem letzten, aufmunternden Blick in meine Richtung.

Nur Nicholas bleibt zurück, seine Anwesenheit ein stiller Trost in dem nun leeren Raum. “Komm,” gebärdet er, “lass uns die Details besprechen. Je besser du vorbereitet bist, desto sicherer wird alles ablaufen.”

Als ich mich erhebe, fühlen sich meine Beine schwer an, als wäre die Last meiner Entscheidung plötzlich physisch spürbar. Der Raum, der eben noch von Anspannung erfüllt war, wirkt nun seltsam leer. Die zurückgebliebenen Gerüche von Zigarrenrauch und teurem Whiskey erinnern an die Schwere der getroffenen Entscheidung.

Mit jedem Schritt, der mich von dem Besprechungsraum entfernt, wächst meine Entschlossenheit. Die vertrauten Gänge des Hauptquartiers, die ich unzählige Male durchschritten habe, erscheinen mir plötzlich fremd. Die Gemälde an den Wänden, Zeugen einer langen und blutigen Geschichte, scheinen mich mit neuen Augen zu betrachten.

Ich folge Nicholas in sein Büro, ein kleiner, aber gemütlicher Raum, vollgestopft mit Büchern und Papieren. Der Geruch von frischem Kaffee und altem Leder empfängt mich, ein beruhigender Kontrast zu der angespannten Atmosphäre des Besprechungsraums.

Während Nicholas beginnt, mir die Details der bevorstehenden Mission zu erläutern, seine Hände in einer vertrauten Choreographie der Gebärdensprache tanzend, schweift mein Blick zum Fenster. Die Lichter der Stadt funkeln in der Ferne, ein stummer Chor von Möglichkeiten und Gefahren.

Die Stille um mich herum scheint plötzlich schwerer zu wiegen, als wüsste sie, dass ihre Tage gezählt sind. Und ich? Ich schwanke zwischen Vorfreude und Furcht, zwischen dem Wunsch, wieder zu hören, und der Angst vor dem, was ich hören werde. Die Welt der Klänge, so lange verschlossen, steht kurz davor, sich wieder zu öffnen. Doch der Preis dafür ist hoch - vielleicht zu hoch.

Aber die Würfel sind gefallen. Ich habe meine Entscheidung getroffen. Jetzt gilt es, die Konsequenzen zu tragen - welche auch immer das sein mögen. Mit einem tiefen Atemzug wende ich mich wieder Nicholas zu, bereit, mich den Details meiner Zukunft zu stellen. Eine Zukunft, die sowohl Verheißung als auch Gefahr birgt, eine Zukunft, die mein Leben für immer verändern wird.

“Du hast doch nicht wirklich Angst vor so einem einfachen Job?” gebärdet er, eine Mischung aus Überraschung und leichter Besorgnis in seinem Blick.

Ich kann nicht anders - ein lautes, raues Lachen entfährt mir, das erste seit langer Zeit. Ich schüttle energisch den Kopf, amüsiert über die bloße Vorstellung. Ich, der Vollstrecker der Bratwa, soll Angst haben? Lächerlich.

“Ich und Angst?” gebärde ich zurück, meine Bewegungen kraftvoll und bestimmt. “Ich zermatsche alles, was nicht gehorcht. Angst ist ein Fremdwort für mich.”

Nicholas lehnt sich in seinem Stuhl zurück, sichtlich erleichtert, aber immer noch neugierig. “Was ist es dann?” fragt er.

Ich halte einen Moment inne, suche nach den richtigen Worten. “Es ist nicht Angst,” erkläre ich schließlich. “Es ist... Respekt. Respekt vor einer Frau, die sich an meinem Gehör zu schaffen machen soll. Die Vorstellung, dass eine Frau etwas mit mir tut, während ich bewusstlos bin, unwissend was geschehen wird - das macht mir zu schaffen.”

Nicholas nickt langsam, Verständnis zeichnet sich auf seinem Gesicht ab. “Das ist nachvollziehbar, Yuri. Aber denk daran, Dr. Gio ist eine Expertin auf ihrem Gebiet. Sie wird dein Gehör wiederherstellen, nicht mehr und nicht weniger.”

Ich nicke knapp. Es ist nicht die fachliche Kompetenz, die ich in Frage stelle. Es ist etwas Tieferes, etwas, das ich selbst kaum in Worte fassen kann. Aber ich bin der Vollstrecker der Bratwa. Ich werde diese Mission erfüllen, koste es, was es wolle.

“Lass uns weitermachen,” gebärde ich entschlossen. “Je schneller wir die Details klären, desto eher kann ich mich vorbereiten.”

Nicholas lächelt anerkennend und fährt fort, mir den Plan darzulegen. Die Anspannung in meinen Schultern löst sich langsam. Ich bin, wer ich bin. Und ich werde tun, was getan werden muss.

Nicholas lehnt sich vor, seine Hände beginnen in präzisen, schnellen Bewegungen zu gestikulieren.

“Die Operation findet in der Gio-Privatklinik in Manhattan statt,” gebärdet er. “Es ist ein unscheinbares Gebäude in der Upper East Side, von außen kaum als hochmoderne medizinische Einrichtung zu erkennen. Das ist gut für uns - weniger Aufmerksamkeit.”

Er greift nach einem Stadtplan von New York und breitet ihn auf dem Schreibtisch aus. Sein Finger tippt auf einen Punkt nahe dem Central Park.

“Hier ist die Klinik. Wir haben ein sicheres Apartment zwei Blocks entfernt arrangiert. Du wirst dort während deines gesamten Aufenthalts wohnen.”

Nicholas’ Augen fixieren mich intensiv. “Der erste Termin ist bereits übermorgen um 9 Uhr morgens. Dr. Isabella Gio wird dich persönlich empfangen und die Voruntersuchungen durchführen.”

Mein Magen zieht sich zusammen. So schnell schon?

“Das bedeutet,” fährt Nicholas fort, “du musst heute noch fliegen. Der Privatjet steht in einer Stunde bereit. Alles Notwendige ist bereits gepackt und wird zum Flughafen gebracht.”

Er reicht mir einen Umschlag. “Hier sind deine gefälschten Papiere, Kreditkarten und der Schlüssel zum Apartment. Ab jetzt bist du Yuri Volkov, ein russischer Geschäftsmann mit Hörproblemen.”

Die Realität der Situation trifft mich mit voller Wucht. In wenigen Stunden werde ich in einer fremden Stadt sein, kurz davor, mich einer riskanten Operation zu unterziehen.

“Noch Fragen?” gebärdet Nicholas, sein Gesichtsausdruck eine Mischung aus Besorgnis und Entschlossenheit.

Ich schüttle den Kopf. Keine Fragen. Nur eine Mission zu erfüllen.

Nicholas beendet seine Erklärungen und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Seine Hände formen die nächsten Worte mit einer Mischung aus Professionalität und freundschaftlicher Zuneigung.

“Gut, dann pack deine sieben Sachen und ab geht’s...” Er hält kurz inne, als würde ihm gerade etwas einfallen. “Wir können dir Riad mitgeben,” fügt er hinzu, seine Gebärden etwas zögerlich, als wäre er sich nicht sicher, wie ich darauf reagieren würde.

Meine Reaktion kommt prompt und heftig. Riad? Die Nervensäge? Niemals. Hastig schüttle ich den Kopf, meine Augen weit aufgerissen vor Entsetzen bei dem bloßen Gedanken. Meine Hände fliegen förmlich durch die Luft, als ich antworte:

“Riad? Auf keinen Fall! Ich arbeite allein, das weißt du.” Meine Gebärden sind so energisch, dass Nicholas beinahe zurückweicht. “Ich brauche keinen Babysitter, schon gar nicht diesen übereifrigen Scharfschützen.”

Dann forme ich schnell und entschieden die Worte: “Riad? Der Riad, der bei unserer letzten Mission Himari entwischen ließ?”

Ich kann ein schiefes Grinsen nicht unterdrücken, als die Erinnerung hochkommt. Nicholas’ Augenbrauen heben sich, er weiß genau, worauf ich hinaus will.

“Ach ja, die Beschattung in der Schweiz,” gebärde ich weiter, meine Bewegungen jetzt übertrieben theatralisch. “Während wir Himari im Auge behalten sollten, hat unser geschätzter Kollege in Davos gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Ich schwöre, die Schweizer Alpen haben noch nie so viel Wodka gesehen.”

Nicholas versucht, ernst zu bleiben, aber ich sehe, wie seine Mundwinkel zucken.

“Am Ende hat er nicht nur Himari aus den Augen verloren, sondern auch seinen Mantel, seine Schuhe und beinahe seinen Verstand. Wer weiß, vielleicht sucht er immer noch nach seinem linken Schuh irgendwo auf dem Gipfel des Weisshorns.”

Jetzt kann Nicholas sein Lachen nicht mehr zurückhalten. Seine Schultern beben, während er versucht, seine Heiterkeit zu dämpfen.

“Okay, okay,” gebärdet er, immer noch glucksend. “Ich verstehe. Kein Riad. Du machst das allein. Und hoffentlich bleiben alle deine Schuhe da, wo sie hingehören.”

Ich atme tief durch, meine Anspannung lässt langsam nach. Natürlich weiß Nicholas, dass ich am besten allein arbeite. Der Vorschlag war wahrscheinlich mehr seiner Sorge um mich geschuldet als echtem Zweifel an meinen Fähigkeiten.

“Tut mir leid,” gebärde ich, jetzt ruhiger. “Ich weiß, du meinst es gut. Aber das ist meine Mission. Ich werde sie allein durchziehen.”

Nicholas nickt verstehend. “Natürlich. Also dann, mach dich bereit. Der Jet wartet nicht.”

Mit einem letzten Nicken erhebe ich mich. Es ist Zeit zu gehen, Zeit, mich meinem Schicksal in New York zu stellen. Allein, wie es sein sollte.