Lias will glücklich sein

Summary

Als wäre das Leben mit einer täglich quälenden Erkrankung nicht schon schwer genug, muss Lias sich von seinem besten Freund Anton verabschieden. Die beiden Heimkinder hatten so viele Dinge zusammen geplant, die Lias helfen sollten, im täglichen Kampf mit Medikamenten und Co. durchzuhalten, doch jetzt, da Anton adoptiert wurde, steht er alleine da. Auch das Leben des Polizisten Paul Richter schlägt andere Bahnen ein, als erwartet. Er wird mit etwas konfrontiert, mit dem er nie gerechnet hätte, allerdings sein gesamtes Leben auf den Kopf stellt.

Genre
Drama/Other
Author
Rojo
Status
Ongoing
Chapters
43
Rating
5.0 1 review
Age Rating
18+

~•~ 1 ~•~

"Lias! Komm jetzt endlich von dem Baum runter!" Frau Plommer steht mit hochrotem Kopf auf der nahegelegenen Wiese des Heims, dass, seitdem ich denken kann, mein Zuhause ist. "Nein!" Ich grinse ihr frech ins Gesicht und lehne mich mit dem Rücken gegen den dicken Stamm.


Die Sonne geht langsam unter, die Luft ist kühl und riecht nach Regen. "Du machst mich noch wahnsinnig!", faucht sie mir entgegen, was mich allerdings nur schmunzeln lässt. Ich schließe meine Augen und genieße die Zeit, bis Jonathan geholt wird.


Jonathan ist einer der Betreuer. Er ist saucool, für jeden Spaß zu haben und der beste Betreuer, den das Heim zu bieten hat. Ich mag ihn wirklich sehr und sehe ihn fast schon als den großen Bruder an, den ich nie hatte.


Frau Plommer, die darauf besteht, dass man sie beim Nachnamen nennt, zieht nach ein paar weiteren Minuten motzend ab. Mit diesem weiblichen Wesen werde ich einfach nicht warm. Ihre Vorstellungen von Kindererziehung gleichen denen aus dem Mittelalter, obwohl die Gute erst Mitte vierzig ist. Mich würde sie am liebsten in einen Käfig sperren, der in einem verbarrikadierten Keller steht, da ich laut ihrer Aussage schlimmer als ein Sack Flöhe bin.


"Lias! Du sollst doch Frau Plommer nicht immer ärgern!" Meine Mundwinkel schießen sofort in die Höhe, als die raue Männerstimme in meinen Ohren ertönt. "Ich ärgere sie doch gar nicht! Ich kann nichts dafür, dass sie nicht auf Bäume klettern kann", erwidere ich ganz gelassen, denn Jonathan wird fast nie sauer oder laut. "Es wird Zeit für deine Medikamente, Kleiner. Kommst du runter?" Sofort fallen meine Mundwinkel wieder eine Etage tiefer. "Lias, ich weiß, dass du es satt hast, jeden Tag diese Tabletten zu schlucken und zu inhalieren, aber du weißt, dass es notwendig ist, mh?"


Natürlich weiß ich das, es ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich darauf keine Lust mehr habe.


"Kann ich nochmal zu Anton?"

"Ich schau mal, was sich machen lässt, okay?" "Nein! Ich will Anton nochmal sehen! Er geht morgen und dann sehe ich ihn nie wieder!", maule ich bockig vor mich hin und verschränke die Arme vor meiner Brust. "Quatsch, Lias. Ihr könnt euch doch gegenseitig besuchen. Er wohnt nicht am anderen Ende der Welt. Jetzt komm schon!" "Wir wissen beide, dass er nie wieder hierher kommen wird. Er wird mich in seinem neuen Leben vergessen und andere Freunde finden. Das war bei Samuel genauso!"

"Lass den Kopf nicht hängen, Lias. Anton ist anders als Samuel! Wenn wir uns jetzt beeilen und du mit deiner Inhalation fertig bist, dann kannst du noch ein bisschen zu deinem Kumpel, okay?" Jonathan breitet seine Arme aus, bereit mich aufzufangen. Die Verlockung, mich noch mit Anton treffen zu können, ist groß, deshalb lasse ich mich von dem Baum gleiten und direkt in die Arme des Betreuers fallen.


Nachdem er mich behutsam auf dem Boden abgestellt hat, laufen wir zu dem Wohngebäude zurück.

"Wie geht es dir heute?", will mein Nebenmann wissen und stößt mich leicht mit der Schulter an. "Heute nicht ganz so gut. Aber das ist ja auch nichts Neues!" In den letzten Wochen haben die krankheitsbedingten Bauchschmerzen und die manchmal auftretende Atemnot zugenommen. Dadurch muss ich wieder mehr Tabletten als üblich schlucken und auch das Inhalieren hat sich den Tag über verteilt erhöht. "Da sollten wir mal noch mit deinem Doktor Rücksprache halten, mh? Das ist auch kein Zustand, wenn es dir andauernd schlecht geht!" Meine Antwort besteht lediglich aus einem Schulterzucken.


An meiner Krankheit lässt sich leider nichts ändern und die dadurch entstehenden Begleiterkrankungen nicht vermeiden. Das Schlimme daran ist, dass ich genau genommen jeden Tag sterben könnte. Am meisten Angst habe ich vor dem Ersticken, denn das ist gar nicht so abwegig bei Mukoviszidose. Auch wenn Jonathan mich täglich versucht aufzumuntern oder von der Tatsache abzulenken, ist der Gedanke immer präsent. Darum haben Anton und ich eine Bucket-List für mich erstellt, auf der unter anderem auch einige gemeinsame Punkte stehen. Die werde ich dann wohl ab morgen mit neuen Zielen austauschen müssen.


"Lias, lass dich bitte nicht hängen. Es wird auch wieder bessere Zeiten geben. Wie wäre es, wenn wir demnächst einen Ausflug machen? Wir könnten die drei Knallköpfe von der oberen Etage mitnehmen. Was meinst du?" "Was willst du denn machen? Ich soll nichts anstrengendes Unternehmen und auch nichts, bei dem ich zu vielen Bakterien, Keimen und Co ausgesetzt bin. Da bleibt ja nur ein Spaziergang übrig..."

"Ich überleg mir was!"

"Da bin ich gespannt..." Ich schätze die Lage eh wieder so ein, dass sich mein Zustand bis nächste Woche verschlechtert und der Ausflug so oder so ins Wasser fällt. Von daher gebe ich nicht viel auf den Vorschlag und konzentriere mich jetzt lieber auf meine bevorstehende Inhalation.


Nachdem wir das Gebäude betreten haben, laufen wir gemeinsam in mein Zimmer, in dem mir Jona mein Inhalationsgerät vorbereitet. Ich lasse mich derweil auf mein Bett nieder und warte auf den Beginn der fünfzehnminütigen Quälerei.

Mein Betreuer lässt sich neben mir auf der Matratze nieder und legt seinen Arm um mich. "Musst du nicht irgendetwas erledigen?" Mein fragender Blick trifft auf den Ende Zwanzigjährigen, der mir kopfschüttelnd entgegen lächelt: "Nein. Ich bleibe bei dir. Lehn dich an mich und entspann dich. Die nächsten fünfzehn Minuten gehöre ich ganz alleine dir!" "Das ist ein neues Medikament, oder?", frage ich, denn ich kenne die Vorgehensweise der Betreuer mittlerweile, wenn meine Medikamente umgestellt wurden und atme nur schwer auf. Wortlos zieht mich Jona an seinen Körper und führt mir die Inhalationsmaske an den Mund. Ich schließe meine Augen und komme meiner unliebsamen Beschäftigung nach.


"Jona?" "Nicht jetzt. Du sollst inhalieren!" "Aber es ist wichtig!"

"Nachher, Lias!" Damit ich endlich Ruhe gebe, krault mir der Braunhaarige eine Zeit lang durch die Haare, was ich natürlich voll und ganz genieße. Solch exklusive Zeit muss man dann doch ausnutzen, denn allzu oft kommt man nicht in diesen Genuss, da es einfach zu viele Kinder gibt, die Aufmerksamkeit brauchen.


"Lias?" Ein Rütteln an meiner Schulter bringt mich dazu, meine Augen zu öffnen. Mein Zimmer liegt in totaler Dunkelheit, was mich sofort dazu bringt in eine aufrechte Sitzposition hochzuschrecken. "Pssscht! Ich bin's doch!", flüstert mir Anton zu und setzt sich neben mich auf die Matratze. "Scheiße.... Ich wollte noch zu dir... Tut mir leid, ich muss eingeschlafen sein!" Ich fahre mir mit meinen Händen durchs Gesicht und versuche die Umrisse meines Kumpels in der Dunkelheit ausfindig zu machen.

"Jonathan war bei mir und hat gesagt, dass dein Medikament dich aus den Schuhen gehauen hat. Das war anscheinend nicht so geplant und wird wieder umgestellt." "Mhhh, okay. Mann, ich wollte noch so gerne Zeit mit dir verbringen und dann penne ich einfach ein!" "Deswegen bin ich doch hier! Ich werde morgen früh gleich um acht Uhr abgeholt und wollte dich nochmal sehen", flüstert mir mein Kumpel zu und lässt sich neben mich auf die Matratze fallen.


Eine Zeit lang herrscht Stille zwischen uns, bis ich mich räuspere und meine Stimme wiedergefunden habe: "Bleiben wir Freunde?" "Natürlich! Für immer und ewig!" Anton legt sich ganz dicht neben mich und drückt seine Stirn gegen meine. "Wirst du mich vergessen?", frage ich mit flüsternder Stimme. "Wie könnte ich? Vergisst du mich?", will er wissen und legt zusätzlich seinen Arm vorsichtig auf meinen Brustkorb. "Niemals!"


Als könnte er meine Gedanken lesen, spricht er ein Thema an, das mir schon so oft durch den Kopf gegangen ist: "Lass unsere gemeinsamen Punkte auf der Liste! Die ziehen wir zusammen durch. Versprochen!" "Was ist, wenn ich es nicht schaffe und vorher sterbe?" Wieder herrscht Stille. Anton möchte nie über den Tod reden, weil es ihm Angst macht, aber es ist nunmal ein Thema, dass mein ständiger Begleiter ist. "Untersteh dich zu sterben! Das verbiete ich dir. Du musst jede Sekunde in deinem Leben kämpfen. Hörst du? Versprich es mir!" Gerne würde ich es ihm versprechen, aber ich kann es nicht, denn es liegt nicht in meiner Hand. "VERSPRICH ES MIR!", zischt er mit scharfem Ton.

"Ich kann mein Bestes geben, Anton... Aber versprechen kann ich es nicht!" Meine Nase fängt an zu kribbeln und als ich den leisen Schluchzer meines besten Kumpels höre, kann ich meine Tränen auch nicht zurückhalten.


Wenn man mit zehn Jahren schon der bitteren Realität ins Auge blicken muss, dass man den morgigen Tag eventuell nicht überlebt, muss man jeden Tag leben, als wäre es der Letzte. Man darf keine Versprechen für die Zukunft geben, aber man darf sich auch nicht aufgeben. Dieser Spagat ist sehr anstrengend und eigentlich nur zu schaffen, wenn man jemanden an seiner Seite hat, der einem regelmäßig in den Arsch tritt. Der einen erinnert, dass man JETZT noch lebt und nicht aufgeben darf. Damit ich weiterhin durchhalte, haben wir eine Liste mit Dingen erstellt, die ich vor meinem Tod unbedingt noch erleben will. Ob ich dafür nur noch einen Tag oder doch noch viele Jahre Zeit habe, weiß keiner. Mein Ehrgeiz möchte allerdings hinter jedem der zwanzig Punkte einen dicken fetten Haken setzen. Ein paar wenige Punkte haben wir schon umsetzen können.


"Welchen Punkt willst du als nächstes erledigen?", krächzt mein Nebenmann in der Dunkelheit und klettert über mich, nahe an die Wand, um das Thema zu wechseln und die trüben Gedanken zu vertreiben. Anton muss immer eine Wand im Rücken haben, wenn er schläft oder einfach nur im Bett liegt. Warum das so ist, hat er mir nie erzählt. "Ich schätze, dass ich meinen Onkel suchen werde!" "Und wie stellst du das an?" "Naja, ich habe seinen Namen und weiß, dass er Polizist ist. Da werde ich dann einfach mal ein Revier nach dem anderen abklappern müssen!" Eine andere Möglichkeit ist mir bisher noch nicht eingefallen, denn ein Handy, in dem ich in aller Ruhe im Internet nach Informationen suchen könnte, besitze ich nicht.


"Wie willst du das anstellen?" "Vielleicht frage ich Felix, ob er mir hilft. Alleine schaffe ich das unmöglich!" Felix ist einer der älteren Jungs, der gegen total übertriebene Gegenleistungen bei Problemen behilflich ist. "Sicher? Felix zockt dich total ab!" "Egal. Er ist der Einzige, der sich bestechen lässt und ein Alibi brauche ich nun mal. Jonathan schöpft sonst verdacht!"

"Wie machst du es dann mit den Medikamenten und wie willst du das mit dem Inhalieren anstellen?"

"Die Tabletten kann Fabius besorgen, der hat sich doch schon oft an dem Schrank bedient, um den älteren ein paar Schmerzmittel zu besorgen. Das Inhalieren muss ich dann eben zwei/drei mal ausfallen lassen. Wird mich schon nicht gleich umbringen".

"Ich wünschte, ich könnte dich begleiten!" Das wünsche ich mir auch, aber da dass nicht möglich ist, will ich wieder ein anderes Thema anschlagen, denn es bringt nichts sich an diesem Wunsch festzuklammern: "Weißt du was? Ich freue mich, dass du eine Familie gefunden hast. Das wird bestimmt super!" Meine Ablenkung funktioniert leider kein bisschen, denn Anton löchert mich weiter: "Was machst du, wenn du deinen Onkel gefunden hast? Willst du dann zu ihm?"

"Ach, Anton... Er ist Polizist und arbeitet somit viel. Was will er denn mit so einem kranken Kind wie mir? Nein, ich möchte einfach nur wissen, wer er ist. Vielleicht kann er mich auch mal besuchen, aber mehr will ich gar nicht!"