Halt es aus

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Summary

Wie viel hält ein Mensch aus? Eine Frage die jeder anders beantworten würde. Doch man kann sagen, dass es wohl individuell ist, was ein Mensch aushalten kann. Wenn man ihn fragen würde, dann würde er sagen er würde viel aushalten, denn genau das tut er jeden Tag. Er hält aus. Doch irgendwann wird auch er die Grenze erreicht haben und das was dann passieren wird, wird für niemanden vorhersehbar sein können. (‚Halt es aus‘ ist eine etwas düstere Geschichte. Lesen auf eigene Gefahr.)

Status
Complete
Chapters
19
Rating
4.5 2 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1

Er saß in der sticken Bahn. Die Luft war muffig. Der prasselnde Regen der von draußen auf das Glas auftraf sorgte für die nötige Luftfeuchtigkeit um den Geruch des Schmutzes auf ein unerträgliches Level zu bringen.

Trotzdem blieb er sitzen. Wenigstens war er hier vor der Kälte geschützt. Noch immer zitterte er, da der überraschende Regen ihn vollkommen durchnässt hatte. Die dürftige Wärme der alten Bahnheizung hatte ihn noch nicht aufwärmen können.

Eigentlich hätte er nur eine Station weiter fahren müssen, doch er war sitzen geblieben. Wie in Trance blicke er durchs Fenster, den Kopf an das Glas angelehnt. Müde. Er war schrecklich müde. Wenn ihm nicht noch so unfassbar kalt wäre, wäre er sicher eingeschlafen.

Noch vier Stationen, dann müsste er aussteigen um noch nach Hause laufen zu können, wenn er sitzen bleiben würde, dann wäre dazu gezwungen bei der Endstation auszusteigen und dann eine Stunde auf den nächsten Zug zu warten.

Das quietschen der Bremsen kündigte eine weitere Station an. Noch drei Stationen bevor er aussteigt müsste. Stur blickte er in das Dunkle der angebrochenen Nacht. Der Bahnsteig wirkte jetzt, wie eine lichtdurchflutete Insel. Das Rattern der alten Türen kündigte an das er nicht mehr allein im Abteil sein würde.

„Ja! Hast du das gesehen?“, lachten die weibliche Stimme. „Natürlich. Gott das war so peinlich. Auf jeden Fall müssen wir diese eine Sache dann noch mal wiederholen.“, kicherte eine zweite Stimme. Kurz blickte er zu den zwei Mädchen. Teuer wirkende Kleidung, geglättete blondierte Haare und perfekt geschminkt. Als das Mädchen mit den dunkleren, blonden Haaren seinen Blick bemerkte, sah er ertappt weg.

Die zuvor laut, lachenden Stimmen, waren jetzt ein leises Getuschel. Sie redeten über ihn. Er verstand es nicht, aber wusste es. Warum sollten sie sonst so plötzlich die Stimmen senken.

„…und dieser schmutzige Hoodie…“. Hörte er durch. Jetzt hatte er den Beweis. Vor Scham drehte er den Kopf noch weiter Richtung Fenster. Er merkte die Röte in seinem Gesicht, jetzt war ihm nicht mehr kalt. Außerdem konnte er es nicht mehr erwarten endlich aussteigen zu können.

So schmutzig war sein Hoodie nicht ein mal. Er zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Es konnte eben nicht jeder, jeden Tag etwas neues tragen. So viel Kleider besaß er nicht und jeden Tag waschen und seiner Mutter höhere Wasserkosten auf zu bürden, würde er sicher nicht.

„Denkst du der stinkt so.“, kicherte eine Stimme. Seine Hand ballte sich. Eigentlich wusste er doch, das er es nicht sein konnte der den Geruch verbreitete. Es waren die müffelnde Bahnsitze die den Geruch verteilen, doch trotzdem ertappte er sich dabei tiefer Luft zu holen um sicher zu gehen, dass nicht er es war der diesen ekelhaften Gestank verteilte.

Warum hatte er nur seine Kopfhörer vergessen? Dann müsste er sich nicht so grundlos schämen. Warum nahm er dieses Geschwätz ernst? Warum ließ er sich so leicht verunsichern? Warum fühlte er sich wieder so wertlos?

Das quietschen der Bremsen ertönte erneut. Reflexartig stand er auf, drückte kraftvoll gegen den Knopf der die Tür öffnete. Quälend langsam ging Türen auf. Viel zu langsam für ihn, dem er hörte das tuscheln. „…was ein Freak…“.

Ruckartig drehte er sich um. „HALT DEIN MAUL!“, hörte er sich schreien, während seine Faust gegen eine der Haltestangen flog.

Mit aufgerissenen Augen starrten die beiden Mädchen ihn an. Er war zu weit gegangen. Jetzt war er wirklich ein Freak.

So ruckartig wie er sich zu den beiden gedreht hatte, drehte er sich zurück und flüchtete in die kalte, regnerische Nacht. Jetzt würde er doppelt so lange laufen müssen, wie als wenn er noch zwei weitere Stationen weitergefahren wäre. Kurz musste er durchatmen. Warum musste er sich jetzt auch noch aufregen? Das war kindisch. Sofort rügte er sich selbst für sein peinliches Verhalten.

Jetzt hatte er es wirklich verdient in den unerbittlichen Regen nach Hause laufen zu müssen.

Nach wenigen Schritten war sein fast getrockneter Hoodie wieder klatschnass und seine Schuhe ebenfalls vom Regen durchtränkt. Sie gaben diese ekelhaften matschendem Geräusche mit jeden Schritt von sich.

Seine Schritte wurden immer schneller.

Nach Hause. Ab ins Trockene.

Trotzdem spähte er immer in der Ferne nach Menschen die sich trotz dem Wetter draußen befinden könnten. Er wollte nicht das man ihn sah. Ihn wieder verspotten würde. Er hasse Menschen. Das meinte er nicht als moderne Aussage trotziger Jugendlicher. Er HASSTE sie. Denn sie ließen ihn sich schlecht fühlen, wertlos fühlen, schmutzig fühlen, ausgestoßen fühlen. Wie lang hatte er nach Akzeptanz gesucht? Wie sehr hatte er sich bemüht nie auch nur ein Fehler zu machen um irgendwie aufgenommen zu werden, doch es bewirkte nur das Gegenteil. Je mehr er sich bemühte, desto mehr entfernten sich diese Leute von ihm.

Hatte er sich nicht an alle Regeln gehalten? Hatte er sich zu sehr an die Regeln gehalten? Waren es die falschen Regeln?

Er hatte aufgegeben. Nach all den Jahren hatte er gelernt, dass es für ihn jetzt besser war, gar keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es war besser ignoriert zu werden, als sich den stichelnden Worte auszusetzen.

Er wünschte sich nicht sehnlicher als ein Schatten in der Nacht zu werden. Er wünschte sich nichts sehnlicher als all diese Leute die auf ihn herabsahen, unter sich zu sehen. Er wollte nicht gesehen werden, aber doch wünschte er sich doch gesehen zu werden.