𝑷𝒓𝒐𝒍𝒐𝒈𝒖𝒆
Es war einmal ein Säugling namens Lilith.
Kurz nach Liliths Geburt starb ihre Mutter. Die Todesursache blieb offiziell ein Herzstillstand, doch diejenigen, die sie wirklich gekannt hatten, wussten, dass mehr dahintersteckte.
Sie kam als Säugling zusammen mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Neria in eine Pflegefamilie. Dies war der ausdrückliche Wunsch ihrer leiblichen Mutter, die alles bis ins kleinste Detail vorbereitet hatte. Es schien fast so, als hätte sie geahnt, dass sie ihre Töchter nicht lange begleiten würde.
Die beiden Mädchen wurden aufgenommen von Elowen Sloan, der besten Freundin ihrer leiblichen Mutter. Eine Frau mit ruhiger Stimme, scharfen Augen und einem Haus, das nach Kräutern und kaltem Eisen roch. Elowen war keine gewöhnliche Pflegemutter. Sie arbeitete für die Academy for Supernatural Protection and Defense, kurz ASPD. Sie war jedoch nicht im Archiv oder Labor tätig, sondern an vorderster Front. Als sogenannte "Vigilant Magnus" leitete sie die aktive Eliteeinheit der Jägerschaft. Auch ihr Mann, Lucian Sloan, arbeitete bei der ASPD, als hochrangiger Custos Internus, also Sicherheitschef der Akademie. In ihrer Welt gab es kein Zufall, nur Muster. Und Muster erkannten sie schneller als viele andere.
Zuerst war alles still. Lilith war ein ruhiges Baby, Neria ein aufmerksames, sanftes Kind. Elowen ließ die beiden Schwestern in einer normalen Umgebung aufwachsen, sie gingen zum Spielplatz, in eine normale Grundschule und lasen normale Kinderbücher.
Schon von anfang an, schauten die beiden Mädchen zu ihren Pflegeeltern auf. Aber auch die Pflegeeltern trauten den Mädchen viel zu, denn sie klärten sie früh über die reale Welt auf, in der Dunkelheit an jeder Ecke herrschte. Sie erzählten ihnen viel über die ASPD, ihre Tätigkeiten und über die übernatürlichen Wesen auf der Welt, die eben nicht nur in Fabeln und Geschichten existierten. Laut den Erzählungen der Eltern existierten viele übernatürlichen Kreaturen, wie zum Beispiel Vampire, Werwölfe, Geister, Gestaltwandler, Dämonen, Leviathane, Dschinns und viele, viele mehr.
Der anfängliche Schock der Schwestern über diese Aufklärung verflog schnell und schließlich packte sie die Begeisterung daran. Die Eltern wollten sie unbedingt auf die Akademie bringen. Sie gehörten schließlich dahin und auch ihre leibliche Mutter hätte dies ohne Zweifel für ihre Töchter gewollt. Dennoch waren die Pflegeeltern sich einig: Sie wollten für die beiden Mädchen kein zu frühes Training und auch keine Runenlehre beginnen. Sie sollten wie normale Kinder großwerden, ohne Leistungsdruck und ohne Zwang. Und doch waren die Schwestern so ehrgeizig, so gewillt, sich schon viel an Wissen über diese Kreaturen anzueignen.
Dennoch schon in dieser Zeit bemerkten die Pflegeeltern etwas. Nicht sofort, aber in den kleinen Momenten...
Beim Frühstück, wenn Lilith plötzlich zu ihrer Schwester sagte: "Du denkst an Mama, oder?" und das ohne, dass ein Wort gefallen war.
Oder wenn sie ihre Finger auf eine gewisse Stelle an des Vaters Rücken legte und zu der Mutter sagte: "Hier tut’s weh."
Oder als sie schon älter waren: Das erste Mal, als Elowen mit Migräne am Tisch saß, und Lilly sie ansah, den Kopf leicht schräg, als schien sie sich stark auf sie zu fokussieren, und flüsterte: "Das Licht ist heute schriller und die Geräusche lauter, stimmt’s? Du solltest dich hinlegen, Mama, ich wasche ab."
Es konnten keine Zufälle sein...
Einmal, sie war vielleicht acht, kam sie mit einem Vogel in der Hand nach Hause. Es war ein Amseljunges, das aus dem Nest gefallen war. Der Vater sah dem Vogel an, dass er nur noch wenige Sekunden zu leben hatte. Doch egal, was er ihr sagte, Lilly hielt es mit einer Vorsicht, die fast unnatürlich wirkte, als sie damit auf ihr Zimmer ging. Lucian saß am Schreibtisch, als plötzlich ein Vogel in sein Arbeitszimmer flog. Er hielt vor Erstaunen den Atem an. Es war tatsächlich das Amseljunge, welches quicklebendig durch das Haus flog. Doch dann passierte es: Plötzlich hörte es mit einem Ruck auf die Flügel zu bewegen und stürzte daraufhin senkrecht auf den Boden hinab. Lilith war noch Wochen am trauern um den toten Vogel und begrub ihn mit ihrer Schwester im Garten. Spätestens nach diesem Geschehnis fiel Neria auch auf, dass etwas an ihrer kleinen Schwester anders war. Sie lief zu ihren Eltern und fragte sie, warum Lilly so anders war, und das war der Moment, ab dem die Eltern sich an Hilfe wandten.
Sie begannen, Lilith genauer zu beobachten und zu testen. Sie weihten nur die wichtigsten Personen und Oberhäupte der ASPD ein und führten körperliche Untersuchungen und Bluttests durch. Und schon ein paar Tage später bat der leitende Arzt der ASPD-Medizinabteilung um ein persönliches Gespräch.
Er war ein erfahrener Mann, grauhaarig, mit der ruhigen Stimme eines Menschen, der schon zu viele Dinge gesehen hatte, um noch leicht zu erschüttern. Und doch wirkte selbst er merkwürdig angespannt, als er die Holoaufnahme des letzten Scans öffnete. "Sie sollten das sehen, Vigilant Kaelis."
Auf dem Bildschirm war das Herz eines Mädchens zu sehen, welches im kräftigen Rhythmus pumpte, vollkommen gesund auf den ersten Blick. Doch während der rechte Bereich hellrot durchleuchtet wurde, pulsierte die linke Herzkammer in einem tiefdunklen, fast schwarzen Ton. "Das ist nicht möglich", murmelte sie, während sie weiter den Scan fokkusierte. Der Arzt nickte. "Keine Verkalkung, keine Nekrose", murmelte er, "im Gegenteil... die Zellstruktur ist ungewöhnlich dicht. Sie speichert Energie und leitet sie weiter. Als würde sie… mehr als nur Blut transportieren."
Elowen schwieg einen Moment, das Kinn in die Hand gestützt. Dann fragte sie leise: "Was wollen Sie mir damit sagen?" Der Arzt drehte sich zu ihr. "Haben Sie jemals beobachtet, dass Lilith sich verletzt hat? Ich meine ernsthaft verletzt, also Schnitte, Stürze, vielleicht Knochenbrüche?"
Elowen überlegte kurz und nickte dann langsam, bevor sie es ihm erzählte: "Einmal, vor etwa einem halben Jahr. Sie ist beim Klettern aus zwei Metern gefallen. Hatte eine tiefe Platzwunde am Bein. Ich wollte sie ins Krankenhaus bringen, aber... sie hat es kaum gespürt. Am nächsten Morgen war die Wunde fast verschwunden."
"Genau das dachte ich mir." Der Arzt schaltete auf eine zweite Grafik um, die die Zellaktivität von Liliths Körper zeigte. "Ihre regenerative Kapazität liegt um ein Vielfaches über dem Normwert. Die Zellteilung ist nahezu sofortig. Wir konnten zusehen, wie die Probe sich selbst regeneriert hat, bevor wir sie überhaupt fixieren konnten." Elowen runzelte die Stirn. "Das ist doch keine Mutation, oder?" "Nein. Das ist… übernatürlich, Vigilant Kaelis." Er sah sie ernst an.
Ein halb schwarzes Herz.
Ein Geist, der Gedanken spürt.
Ein Körper, der sich selbst heilt.
Lilith war kein gewöhnliches Kind.
Die ASPD musste schleunigst darüber informiert werden, so der Arzt. Elowen tat, was sie als Pflicht verstand, auch wenn es ihr Angst machte. Mit jeder Vorsicht und Bedachtheit, die sie aufbringen konnte, brachte sie die Ergebnisse vor den Inneren Kreis, zu dem sie ebenfalls teilnahm. Der sogenannte "Concilium Arcanum" war ein Gremium aus den höchsten Rängen der Akademie: Direktoren, alte Magister, oberste Strategen, die medizinische Leitung und Vertreter der Hunter. Aber nicht alle waren frei von Magie.
Die Versammlung dauerte mehrere Sitzungen. Es gab zwar keinen Streit, keine lauten Stimmen, nur eine durchdringende Anspannung, in der jedes Wort wog wie Blei. Manche blickten auf die Holoaufnahmen mit gerunzelter Stirn. Andere mit einer Art unheimlicher Faszination. Es gab Stimmen, die forderten, man solle Lilith isolieren, überwachen und beobachten. Eine so starke Anomalie war selten und gefährlich, wenn sie falsch gelenkt wurde. Doch es gab auch andere: Stimmen, die sagten, dass sie durch ihre Magie eine Bereicherung für die ganze Akademie sein kann.
Nach langer Diskussion wurde ein Entschluss gefasst. Lilith sollte, zu der Erleichterung der Mutter, nicht eingesperrt werden, nicht getestet werden wie ein Objekt, sondern ausgebildet, gelehrt und geleitet werden."Sie gehört zu uns", sagte die Archontissa selbst, die Leiterin der ASPD. "Magie bedeutet nicht gleich Dunkelheit. Nicht alle Kräfte führen ins Chaos. Sie ist jedoch etwas ganz besonderes." Ein begeistertes Funkeln trat in die Augen der Archontissa und ließ die Mutter schlucken. Elowen war nicht erleichtert. Aber sie war dankbar. Sie wusste innerlich, dass sie der ASPD Lilith niemals ausgehändigt hätte, wenn sie sich für die Isolation für sie entschieden hätte. Aber sie war froh, dass sie ihrer Tochter diese Zukunft bescheren konnte.
Währenddessen wuchs Neria, zwei Jahre älter, unbeirrt auf ihrem eigenen Weg. Sie war bereits im dritten Semester an der ASPD, als Lilith als Novizin aufgenommen wurde.
Neria war ein normales Kind, jedoch sehr talentiert und war eine der drei besten Veteranen ihres Jahres. Doch Liliths Gabe war angeboren, tief in ihr verankert, und kein Training konnte sie lehren, was sie instinktiv konnte. Und Elowen wusste, dass die Zeit zeigen würde, wie mächtig und entscheidend diese Gabe noch werden würde.