Und Gott sprach ...
Ich wache auf und fühle mich wie im falschen Film.
Kein Summen, kein Klingeln, kein gnadenloses Tuten meines Weckers. Nur Stille, die so dicht ist, dass sie auf meinem Brustbein hockt wie eine schlecht gelaunte Katze. Ich starre in die Dunkelheit. Dann begreife ich es: Schwarz. Alles schwarz. Der Radiowecker ist tot, die Ladestation fürs Handy blinkt nicht, und selbst der Kühlschrank hat die Arbeit eingestellt. Stromausfall. Natürlich. Die Welt hat beschlossen, sich heute ohne mich zu drehen.
»Kein Problem«, murmle ich, obwohl es ein monumentales Problem ist. »Wir sind Erwachsene. Wir haben Routinen.« Mein innerer Motivationscoach ist eine Lüge in Jogginghose.
Ich taste nach dem Handy. Ein Prozent Akku. Perfekt. Ein blinkendes, digitales Hohnlächeln. Ich tippe mit der Präzision eines Bombenentschärfers den Sperrcode ein, öffne die Uhr und sehe die Zeit. Mist. Wenn Pünktlichkeit eine Religion ist, dann bin ich gerade exkommuniziert worden. Ich schwinge mich aus dem Bett, stoße mir das Knie an der Bettkante und fluche in einer Sprache, die jedes Wörterbuch ablehnen würde. In der Küche klicke ich mechanisch den Lichtschalter. Es bleibt finster. Ich starre in die Finsternis zurück. Sie gewinnt.
»Kaffee – Kaffee geht immer«, sage ich, um mich daran zu erinnern, dass es noch Gründe gibt zu leben und die heutige Pünktlichkeit gehört nicht dazu. Ich öffne den Schrank. Die Kaffeedose steht da, unschuldig wie ein Alibi. Ich hebe den Deckel. Der Geruch von… Nichts. Leere. Eine Wüste aus braunen Krümeln, die sich wie der letzte Sand in einer Zeituhr an den Rand geklebt haben. Ich kratze mit dem Löffel die letzten Mikrospuren zusammen. Es reicht vielleicht für ein Puppenhaus. Miniaturgroß.
»Jetzt wird’s sportlich«, sage ich in die Küche, die mich ignoriert. »Plan B: To-Go-Laden um die Ecke. Die haben Strom. Die müssen Strom haben. Kaffee ist Überleben.«
Ich wasche mich notdürftig mit kaltem Wasser (die Dusche schreit nach Warmwasser, lacht und gibt auf), dann ziehe ich mir irgendwas an, was nach ›ich bin nicht zu spät, das habe ich mir gestern schon bereitgelegt‹ aussieht, und hetze die Treppen runter. Draußen sieht die Straße aus wie eine Bühne, auf der die Beleuchter gestreikt haben. Fenster dunkel, Ampeln blinkend, Menschen mit hochgezogenen Schultern. Aber der To-Go-Laden am Ende der Straße hat Licht, es glüht regelrecht. Hoffnung keimt auf wie eine zarte Pflanze mit lächerlich dünnem Stängel, aber sie ist da.
Die Tür klingelt, ich trete hinein, und die Luft riecht nach Croissants und der Möglichkeit, doch kein schlechter Mensch zu sein. Vor mir eine Schlange müder Gesichter. Über dem Tresen hängt ein Schild: »Bitte Geduld. Technik spinnt.« Kein gutes Omen. Ich rutsche vor. Der Kaffeemann an der Kaffeemaschine, bleich und mit dem Blick eines Mannes, der seine Jugend hinter einer Siebträgermaschine gelassen hat, lächelt gequält.
»Ein großer schwarzer Kaffee, bitte. Stark genug, um Tote zu wecken«, sage ich. Humor rettet Leben. Meines jedenfalls.
Der Mann seufzt. »Die Maschine hat den Geist aufgegeben – sie ist tot.«
Ich blinzle. »Wie… wie tot ist tot?«
»Letztens, dramatischer zisch, und dann war’s ein epischer Abschied. Wasser kommt, aber sie pumpt nicht. Und der Strom war weg. Jetzt streikt sie.«
Hinter mir stöhnt jemand. Vor mir packt sich jemand ein Croissant ohne alles ein und ich beuge mich über den Tresen, als könnte Nähe Technik reparieren. »Kein Filterkaffee? Kein Notfallkocher? Kein Wasserkocher, Filter, Kaffee – Nichts?«
Der Mann hebt die Hände. »Wir sind ein Tempel des Koffeins, kein Survivaltraining. Tee könnte ich anbieten.«
Tee. Das Wort fällt wie ein Klavier vom Balkon. Ich schüttele den Kopf, bezahle aus Trotz ein trockenes Croissant und verlasse den Laden mit der Würde eines nassen Lappens. Draußen atme ich tief durch.
Plan C: Büro. Diese Institution der Mittelmäßigkeit, die wenigstens einen wässrigen Kaffee ausspuckt, der schmeckt wie Karton mit Ambitionen. Aber er ist warm, er ist braun, und belebt eventuell die Motivation. Und ich brauche Funktion.
Ich steige in mein Auto. Der Tank ist halb voll - Halbleer- je nachdem wie man es sieht. Ich fahre los, und die Stadt erwacht in Zuckungen. Fahrradfahrer mit Todessehnsucht, Autos mit Blinkerphobie, Busse mit Racheplänen. Ich umrunde eine Baustelle, die gestern noch nicht da war, schleiche mich durch eine Abkürzung, die keine ist, und halte endlich vor dem Büro, das aussieht wie immer: groß, graue Fenster, zu viel Glas, zu wenig Herz. Ein Gebäude, das Achtsamkeit als Folie in die Aufzugskabine klebt.
Am Empfang lächelt die Dame professionell. Ich stolpere in den Fahrstuhl, der zufällig funktioniert, klicke auf meinen Stock, stehe da, sehe mich im Spiegel und erkenne einen Menschen, der ohne Kaffee nicht gesellschaftsfähig ist. Der Aufzug hält, ich trete auf den Flur, der nach Teppichboden und keimfreier Hoffnung riecht und stürme zur Küchenzeile. Da, wo sonst die heilige Kaffeemaschine steht, glänzt eine saubere, rechteckige Leere.
Ich bleibe abrupt stehen. Mein Hirn macht dieses Klick, wenn etwas so falsch ist, dass die Realität kurz ruckelt. Auf der Arbeitsplatte klebt ein Zettel: »Vorübergehend zur Wartung. Bitte um Verständnis.« Darunter ein Smiley. Ein Smiley. Ich verzweifle am runden Gesicht dieses Idioten.
»Jemand hat die heilige Kaffeemaschine entführt«, sage ich laut. Meine Stimme hallt zwischen Tupperdosen und vergessenen Müsliriegeln. »Wartung. Klar. Und ich bin die Zahnfee.«
Ich beuge mich, als könnte ich Spuren lesen. Schraubenabdrücke, ein verirrter Kaffeefleck in Form eines gebrochenen Herzens. Es ist ein Tatort. Mein innerer Kommissar schnaubt: Täterprofil vermutlich männlich, trägt Poloshirt, sagt Sachen wie »Einen Gang herunterschalten«. Motiv: Sadismus. Ich richte mich auf, hänge den Kopf in den Nacken und lache so trocken, dass selbst der Staub applaudiert.
»Du lebst auch ohne Kaffee«, sagt eine Stimme in meinem Hinterkopf, die klingt wie Meditation-Apps und schlechte Ratschläge.
»Ich lebe auch ohne Urlaub, ohne Steuerrückerstattung und ohne Idealgewicht«, knurre ich innerlich zurück. »Aber warum sollte ich?«
Ich setze mich an meinen Platz. Der Bildschirm glimmt auf, mein Kalender öffnet sich und lacht mir mit einem Termin um 8:30 ins Gesicht: »Jour fixe«. Fix ist hier gar nichts und lege die Hände auf die Tischplatte, als könnte sie mir Wärme geben. Ich starre auf die Tür zur Küche, als würde allein mein Blick die Maschine zurückbeschwören. Nichts. Ich tippe eine Mail an den Facility-Manager: »Wo ist die Maschine?« Ich lösche die Mail. Ich schreibe sie neu. Ich lösche sie wieder. Worte sind zu schwach.
Die Kollegen trudeln ein. Gesichter, die sich nach vorne ziehen wie schlecht gelaunte Monde. »Hast du schon gehört?«, fragt Heike. »Die Kaffeemaschine ist zur Wartung.«
»Mhm«, sage ich. »Ich habe die ›Wunde‹ gesehen.«
»Es gibt Instantkaffe im Schrank«, sagt Tom. Er trägt heute ein Shirt mit einem Spruch über Produktivität. Ich ringe mir ein Lächeln ab. Instant. Ich trinke lieber meine Tränen.
»Ich nehme Wasser«, sage ich, um nicht zu schreien. Ich gehe zum Wasserspender. Der Becher knirscht. Ich nippe. Mein Körper versteht nicht, was ich ihm da antue. Er ist beleidigt. Ich setze mich zurück und öffne die Präsentation, die ich fertigmachen muss. Die Wörter auf dem Bildschirm sind brav, geordnet, vernünftig. Ich hasse sie alle.
Die Minuten werden klebrig. Die Uhr bewegt sich, aber nicht für mich. Mein Kopf ist ein Aquarium, in dem ein einsamer Goldfisch gegen die Scheibe tackert: Kaffee? Kaffee? Kaffee? Ich höre Geräusche im Flur. Schritte. Ein leises Klicken. Ein Rascheln. Ich blicke auf, ohne Hoffnung, weil Hoffnung heute frei hat.
Und dann steht sie da. Eine Tasse. Direkt vor meiner Nase. Sie ist schlicht weiß, ohne Motiv, ohne Spruch, ohne Ironie. Aus ihr steigt Dampf auf, der nach geröstetem Glück und Sinnhaftigkeit riecht. Ich blinzle. Meine Pupillen werden zu Herzen. Das ist nicht möglich. Das ist ein Wunder in einer Keramiktasse.
»Ich…«, setze ich an, und die Tasse antwortet nicht. Sehr unhöflich. Ich hebe den Blick. Über dem Rand sehe ich ein Gesicht, das ich kenne. Ein Grinsen, breit, unverschämt, gewürzt mit einer Prise ›na, wer ist jetzt dein Messias?‹. Jonas. IT. Retter verlorener Passwörter, flüsternder Bezwinger kaputter Drucker, Träger von Kapuzenpullovern mit mysteriösen Logos.
»Tag gerettet«, sagt er.
»Woher… wie…?« Ich klinge wie eine Schallplatte mit Sprung. »Die Maschine ist weg. Die Stadt ist dunkel. Mein Leben ist eine schlechte Pointe.«
Jonas lehnt sich an meinen Schreibtisch, als hätte er das geübt. »Ich hab noch ’ne Aeropress im Rucksack. Notfallausrüstung. Für den Tag, an dem alles versagt. Also jeden Tag.«
Ich starre ihn an, als wäre er der Erste seines Namens, der seinesgleichen herausfordert. »Du trägst eine Kaffeemaschine im Rucksack herum?«
»Klein, leicht, zuverlässig. Was man von den meisten Chefs nicht sagen kann.« Er zuckt mit den Schultern. »Wasserkocher an ’nem Notstromkreis in der IT. Bohnen aus meinem Schreibtisch. Du glaubst doch nicht, ich verlasse mich auf diese Diva von Maschine da drüben.«
Ich nehme die Tasse. Sie ist heiß. Meine Hände sind dankbar. Ich hebe sie an die Lippen. Der erste Schluck rollt mir über die Zunge wie eine Entschuldigung des Universums. Es ist stark, dunkel, ohne bitter zu sein, mit einem Hauch von etwas Nussigem, das mich an bessere Tage erinnert. Ich schließe die Augen.
Ja. Ja. Ja.
»Heirate mich«, murmele ich, bevor mein Gehirn auf 'Los' steht. Jonas lacht, dieses angenehme, warme Lachen, das nicht auf meiner Haut kratzt. »Ich nehme Geschenkkörbe mit Bohnen als Brautpreis«, sagt er.
Ich trinke noch einen Schluck. Mein Herz kehrt in den Körper zurück. Die Lichter in meinem Kopf gehen an. Der Goldfisch ruht sich aus. Auf dem Bildschirm werden die Wörter wieder zu Dingen, die ich etwas gern haben kann. Ich atme.
»Danke«, sage ich, und das Wort fühlt sich zu klein an. »Du hast gerade die Menschheit vor mir gerettet.«
»Gern«, sagt Jonas. »Ich komme später noch mal.« Er schiebt die Hände in die Taschen. »Und übrigens: Strom ist bald wieder da. Die halbe Stadt ist noch down. Irgendwas mit einem Trafo. Du bist nicht die Einzige, die heute mit kaltem Wasser Bekanntschaft gemacht hat.«
»Das erklärt den Gesichtsausdruck des Mannes von To-Go-Laden«, murmele ich. »Der hatte die Aura eines Kriegers, der seine Schlacht verloren hat.«
Jonas grinst. »Die Aeropress trainiert Hingabe.« Er deutet mit dem Kinn auf die Tasse. »Brauchst du Zucker? Milch?«
»Ich brauche genau das«, sage ich und halte die Tasse hoch. »Pur. Unversaut. Wie ein Versprechen.«
»Romantikerin«, sagt er und zieht eine Augenbraue hoch.
»Realistin in Notsituationen«, korrigiere ich. »Mit Hang zu überbordender Dankbarkeit.«
Er nickt, tritt einen Schritt rückwärts. »Ruf, wenn du Nachschub willst.«
»Ich rufe nicht, ich bete«, sage ich, und er lacht wieder. Das Grinsen bleibt, als er geht. Es bleibt an der Tür hängen, als er sie hinter sich schließt, und ich erwische mich bei dem Gedanken, dass die Welt vielleicht doch nicht aktiv gegen mich arbeitet. Nicht an jedem Tag. Nicht heute.
Ich trinke. Die Minuten werden wieder Minuten. Ich schreibe Sätze, die keine Feinde mehr sind. Heike kommt vorbei, sieht die Tasse und reißt theatralisch die Augen auf. »Woher?«, flüstert sie, als hätte ich einen Schwarzmarkt eröffnet.
»Glauben und gute Kontakte«, sage ich. »Sprich mit Jonas. Der Mann handelt mit Wundern.«
Sie nickt verschwörerisch. »Ich bringe Opfergaben. Kekse?«
»Kekse sind akzeptabel«, sage ich.
Die Gerüchte verbreiten sich so schnell wie kalter Rauch. Plötzlich tauchen Menschen in der IT auf, die vorher sicher waren, dass dort Drachen hausen. Jonas sitzt da mit seiner kleinen, unscheinbaren Aeropress wie ein Hohepriester vor einer Rauchschale und reicht Tassen weiter, als würde er Seelen erlösen. Er nimmt dafür nichts außer Lächeln. Ich sehe ihn einmal aus dem Augenwinkel, wie er kurz die Stirn reibt. Vielleicht ist sein Tag auch ohne Strom aufgewacht.
Gegen zehn flackern die Lampen kurz. Die Klimaanlage hustet, als hätte sie geraucht. Ein allgemeines Aufatmen geht durch die Etage, dieser kollektive, primitive Laut, wenn die Zivilisation beschließt, wieder mitzuspielen. Kurz darauf schleppen zwei Hausmeister eine Kartonbox in die Küche. Die heilige Maschine kehrt zurück, verhüllt wie eine Diva im Bademantel. Ich sehe sie nicht an. Ich trinke meinen letzten Schluck aus der Jonas-Tasse und spüle sie sorgfältig aus. Ich stelle sie auf meinen Tisch, als wäre sie ein kleines Denkmal, und klebe eine Post-it darunter: »Glaube ist, wenn du an Aeropress glaubst.«
Die Präsentation ist fertig, bevor der Jour fixe beginnt. Ich gehe hinein, setze mich, höre Worte wie »Synergien« und »Quick wins«, und alles prallt an mir ab, weil in meinem Bauch Wärme brennt und in meinem Kopf jemand leise Musik macht. Jonas sitzt am Ende des Tisches, halb verborgen, notiert irgendwas, und als unsere Blicke sich treffen, hebt er die Augenbraue. Ich nicke, diese winzige Geste, die sagt: Du hast meinen Tag repariert. Er lächelt, nicht breit, nur so, dass die rechte Mundhälfte einen Hauch von Übermut zeigt.
Als die Sitzung vorbei ist, bleibt er kurz stehen. »Noch eine Tasse?«, fragt er, als wäre es ein Insiderwitz.
»Ich hab gelernt, nicht gierig zu sein«, sage ich. »Aber ja.«
Er lacht. »Später. Es sei denn, die Maschine ist wieder beleidigt.«
»Die Maschine ist mir egal«, sage ich, und das meine ich ernst. »Ich bevorzuge Handarbeit.«
»Das habe ich befürchtet«, sagt er trocken, und ich höre Heike im Hintergrund kichern. Ich nimm meine Tasche und gehe an meinem Schreibtisch. Die Tasse steht da, schlicht und machmalerisch, wie der Anfang einer guten Geschichte, die nicht so tut, als sei sie eine Legende.
Draußen vor dem Fenster beginnt die Stadt, ihre Schultern zu entspannen. Ampeln funktionieren, Busse schnaufen, Menschen hören auf, mit den Augen zu rollen. Ich lehne mich im Stuhl zurück und schaue in den grauen Himmel, der plötzlich gar nicht so grau ist. Ich denke an die Stille am Morgen, an den leeren Schrank, an das Schild »Wartung« mit dem Smiley, und merke, dass der Tag gar nicht versucht hat, mich zu zerstören. Er hat mich nur gezwungen, aufzublicken.
Und was ich gesehen habe, war ein grinsendes Gesicht über einer weißen Tasse, das meinen Tag gerettet hat.