Mondschein & Silberblut - Licht siegt

All Rights Reserved ©

Summary

Das Erwachen der weißen Wölfin. Die 25-jährige Lena liebt die Ordnung ihrer Excel-Tabellen und ihr ruhiges Leben als Buchhalterin in einem Ort nahe der Alpen. Doch seit einem schweren Lkw-Unfall ist nichts mehr wie vorher: Ihre Sinne schärfen sich, sie sieht im Dunkeln und wird von Träumen über einen gefährlichen, silberäugigen Alpha verfolgt. Als der mysteriöse Elias in ihr Leben tritt und behauptet, sie sei seine vorbestimmte Gefährtin – seine „Mate“ – und eine legendäre Weiße Wölfin, gerät Lenas Welt aus den Fugen. Sie wird in einen uralten Krieg zwischen dem Rudel und den grausamen Schattenwölfen hineingezogen. In einer Welt aus Blut, Instinkten und Prophezeiungen muss Lena sich einer Prüfung stellen, die über das Schicksal aller entscheidet: Wird sie das Rudel vereinen oder es zerstören?

Genre
Fantasy
Author
Marie Ber
Status
Complete
Chapters
36
Rating
4.8 8 reviews
Age Rating
16+

01 - Der Traumruf

LENA

Der Vollmond hing schwer über dem Wald, ein blasses Auge, das alles sah.

War das ein Traum?

Die Kälte des Mooses unter meinen Füßen fühlte sich zu echt an. Ich rannte, bis meine Lungen brannten, Zweige peitschten mein Gesicht. Meine nackten Füße sanken in den feuchten Moosboden, doch ich spürte keinen Schmerz. Nur den Drang. Diesen unstillbaren, wilden Hunger in mir, der seit Wochen wuchs.

Lena. Mein Name war Lena, 25 Jahre alt, Buchhalterin in einer großen Firma. Normal. Langweilig. Bis vor einem Monat, als der Unfall passierte. Der Lkw, der mich fast zerquetscht hätte. Die Stimmen danach – nein, nicht Stimmen. Instinkte. Etwas Animalisches, das in meinen Adern pochte.

Heute Nacht hatte es mich aus dem Bett getrieben, barfuß in die Berge gelockt. Oder bildete ich mir das ein? Ich wusste es nicht. Aber der Mond rief.

Ein Knacken links von mir. Ich erstarrte. Wind trug Gerüche heran: nasser Pelz, Blut, Rauch. Nicht weit entfernt. Schreie – menschlich? Nein, tiefer, grollend. Wie Wölfe. Aber Wölfe heulten nicht so... gequält. Ich duckte mich hinter eine Eiche, Herz hämmernd. Zwischen den Bäumen flackerte Licht. Fackeln? Dunkle Gestalten huschten durchs Unterholz, Schatten, die sich ineinander verwandelten.

Ein Mann – riesig, muskulös – warf sich auf einen anderen. Krallen blitzten im Mondlicht. Der Getroffene jaulte auf, wandelte sich: Mensch zu Wolf, Fell grau und zottelig. Blut spritzte.

Fasziniert und angewidert sah ich hin. Was passierte hier?

„Verräter!“, brüllte der Erste. Seine Stimme vibrierte vor Macht, tief und dominant. „Du hast das Rudel an die Schattenwölfe verraten!“

Rudel? Schattenwölfe? Das war kein normaler Streit. Das war Krieg. Ich wollte wegrennen, doch meine Beine gehorchten nicht. Stattdessen breitete sich Hitze in mir aus, ein Prickeln unter der Haut. Meine Finger knackten.

Nein!

Nicht jetzt. Der Alpha – ja, er musste es sein, dieser Mann mit den breiten Schultern und den silbergrauen Augen – zerfetzte seinen Gegner mit bloßen Händen. Der Wolf jaulte ein letztes Mal, dann Stille.

Alpha? Wieso kam mir dieser Begriff in den Sinn? Hatte es etwas mit dem zu tun, was ich gerade gesehen hatte? Instinktiv duckte ich mich, kein Geräusch machen. Apropos: es war nichts mehr zu hören. Nur schweres Atmen. Er hob den Kopf, schnüffelte. Direkt in meine Richtung.

„Zeig dich!“, grollte er. Seine Augen glühten. „Ich rieche dich. Fremd. Aber...“

Er brach ab, Nase flatternd.

„Mate.“ Unglaube in der Stimme.

Das Wort traf mich wie ein Schlag. Mate? Was zur Hölle? Ich stolperte rückwärts, trat auf einen Ast. Knack. Sein Kopf ruckte herum.

„Lauf nicht!“, rief er, schon in Bewegung.

Schneller als menschlich möglich. Ich drehte mich um, sprintete los. Der Wald verschwamm, Äste zerrissen an meiner Kleidung. Hinter mir das Donnern von Schritten. Oder Pfoten? Die Hitze in mir explodierte. Meine Muskeln spannten sich, Knochen knackten. Nein! Ich fiel auf alle Viere, schrie auf. Die Welt kippte. Pelz brach durch meine Haut, weiß und dicht. Schmerzen, die sich in Stärke verwandelten. Krallen gruben sich in die Erde. Ich war... Wolf.

Ein Wolf!

Panik mischte sich mit Ekstase. Ich hetzte weiter, Instinkte übernahmen. Der Mond zog an mir, sang von Freiheit, von Rudel. Von ihm. Ein grauer Schatten schoss neben mir her. Er hielt Schritt, leichtfüßig.

Alpha.

Das Wort halten in meinem Kopf. Seine Präsenz war überall, erfüllte meine Sinne. Duft von Leder, Erde und etwas Wildem, Männlichem. Mein Wolf jaulte leise, wollte näher.

„Kämpf nicht dagegen an“, knurrte er in meinem Kopf. Telepathie? „Du bist meine Gefährtin. Bestimmt.“

Ich schüttelte den Kopf, wollte widersprechen, doch nur ein Winseln kam raus. Vor uns öffnete sich eine Lichtung. Ruinen eines alten Hofs, Fackeln ringsum. Dutzende Wölfe, grau, schwarz, braun. Manche verwundet, leckten Wunden. Andere in Menschengestalt, blutverschmiert. Der Alpha sprang in die Mitte, wandelte sich nahtlos zurück. Groß, tätowiert, Narben über der Brust. Schwarze Haare fielen ihm in die Stirn. Er war atemberaubend. Gefährlich.

„Lena!“, bellte er meinen Namen. Woher wusste er den? „Komm her. Die Schattenwölfe greifen an. Wir brauchen dich.“

Ich verharrte am Rand, zitternd. Wandelte mich zurück – nackt, erschöpft. Die anderen starrten.

Flüstern: „Weiße Wölfin. Selten. Mächtig.“

Er warf mir ein Hemd zu, ohne den Blick abzuwenden. Hitze kroch in meine Wangen.

„Du bist neu. Aber der Mond hat dich gewählt. Für mich. Für das Rudel.“

„Ich bin keine von euch!“, fauchte ich, zog das Hemd über. „Ich will das nicht!“

Sein Lachen war tief, vibrierend. „Das Schicksal fragt nicht.“

Er trat näher, legte eine Hand an meine Wange. Funken. Pure Elektrizität. Mein Körper reagierte, wollte mehr. Seine Lippen so nah...Ein Heulen zerriss die Nacht. Fern, aber nahend.

„Sie kommen!“, schrie jemand.

Der Alpha zog mich an sich, schützend.

„Willkommen im Krieg, Mate. Bleib bei mir, oder stirb allein.“

Die Schattenwölfe brachen durch die Bäume – dunkle Bestien mit roten Augen. Der Kampf begann. Und ich, mittendrin, gefangen zwischen Flucht, Verlangen und einem Schicksal, das ich nie gewollt hatte. Ein grauer Wolf drehte sich zu mir um, silbergraue Augen durchdringend. Mate. Sein Knurren wurde zu einem tiefen Lachen. Die Welt flimmerte, löste sich auf. Sonnenlicht stach in meine Augen. Ein Vogel zwitscherte. Ich fuhr hoch – in meinem Bett. Schweißgebadet. Herz hämmernd.

Nur ein Traum.

Oder?