⁕ 1 ⁕ Heilerin

Aschiger Staub bedeckt jedes Regal, bildet einen feinen, gräulichen Film auf den wenigen intakten Gläsern, in denen Lyra ihre Tinkturen aufbewahrt. Das schwache Licht, das sich durch die Staubwolken am Himmel gekämpft hat und durch das mit durchsichtigen Folien notdürftig reparierte Fenster in die Küche fällt, ist fahl und gelblich. Wie verdorben. Es beleuchtet den nackten, angespannten Oberkörper des Jungen, der neben Lyra auf der schmalen Liege ausgestreckt liegt. Die blasse Haut um die entzündete Wunde am Unterarm des Kindes leuchtet in einem zornigen Rot, das Gewebe ist geschwollen und aufgerissen wie der Schlund eines bösartigen Tieres.
»Versuch, stillzuhalten, Ben.«
Lyra ist froh, dass ihre Stimme wesentlich ruhiger klingt, als sie sich fühlt. Sie tut ihr Bestes, um ihr Entsetzen hinter einer falschen hoffnungsvollen Miene zu verbergen. Die Entzündung, eitrig und heiß, hat sich tief in das Fleisch des Jungen gefressen. Rote Streifen ziehen sich bereits in Richtung Ellbogen, ein Geschenk der rostigen Metallkante, an der er vor drei Tagen hängen geblieben war, als er in den Ruinen nach brauchbaren Teilen gesucht hat. Lyra taucht ihr letztes Stück sauberen Leinens in eine Schale mit abgekochtem Wasser, das sie über dem altertümlichen Holzherd erhitzt hat. Sein Fund in all dem Schutt war ein Glücksfall, zuvor mussten ihr Vater und sie sich jahrelang mit einer Feuerstelle aus gestapelten Ziegeln behelfen.
Der Geruch von verbrannten Kiefernnadeln und feuchter Erde durchzieht den Raum, vermischt mit dem Duft seltener getrockneter Kräuter. Lyra atmet ihn tief ein, dann reinigt sie vorsichtig die Ränder der Wunde. Ben entweicht ein leises Zischen, bevor er die Zähne fest zusammenbeißt. Sein Vater, Tom Henderson, steht mit verschränkten Armen neben der Tür. Sein wettergegerbtes Gesicht ist gezeichnet von Sorgen und Müdigkeit und seine Finger trommeln einen unruhigen, stummen Takt gegen seinen Oberarm.
»Es tut mir leid, Lyra. Die Salbe, die du uns mitgegeben hattest ... Sie war gestern alle«, murmelt er bedrückt.
Sie nickt, ohne den Blick von ihrer Arbeit zu nehmen. »Die Salbe hätte ohnehin nur die Oberfläche geschützt. Das hier ...« Sie deutet mit dem Kinn auf das gerötete Gewebe. »Das ist von innen gekommen. Bakterien.«
Sie weiß, dass dieses Wort ein Todesurteil bedeuten könnte. Es gibt kein Penizillin mehr. Seit Jahren. Sie hat nicht einmal Bücher, die ihr erklären würden, wie man es herstellt. Das Wissen der Alten Welt ist größtenteils verloren, übrig sind nur noch lückenhafte Worte auf zerrissenen Seiten.
»Kannst du ... etwas tun?« Sie hört das Flehen in Toms Stimme und atmet tief ein. Der Duft ihrer Kräuter, normalerweise vertraut und tröstlich, lastet heute schwer auf ihren Lungen und raubt ihr beinahe den Atem. Es tut ihr leid, dass sie dem Jungen das zumuten muss, was jetzt kommt.
»Ich muss das befallene Gewebe ausschneiden und mit einer starken Tinktur aus Kamille auswaschen. Und dann ... Dann können wir nur noch hoffen, dass es genug ist.« Ihre schmalen Hände mit den flinken, geschickten Fingern einer Heilerin greifen nach dem scharf geschliffenen kleinen Messer, das sie in einer Flamme sterilisiert hat. Ein präzises Werkzeug, das jetzt zu einem brutalen Instrument werden muss.
Bens Augen weiten sich ängstlich. »Tut das weh?«
»Leider ja.« Lyra seufzt leise, aber es nutzt nichts, ihn anzulügen. Ihre bernsteinfarbenen Augen blicken eindringlich in seine dunkelbraunen. »Aber nur kurz, und es muss sein. Danach wird es besser werden. Du bist stark, Ben. Stärker als diese blöden Bakterien. Zeig es ihnen!«
Sie reicht dem Jungen ein zusammengerolltes Lederstück, das auf dem kleinen Tisch neben der Liege bereitlag. »Beiß da drauf, dann ist es ein bisschen leichter.«
Ben schiebt sich mit der zitternden Hand des gesunden Armes das Leder in den Mund, während Tom sich neben der Liege auf den Boden kniet. Er legt eine schwere, abgearbeitete Hand auf die Schulter seines Sohnes.
Lyra holt tief Luft und schneidet. Sie arbeitet schnell und konzentriert, vermeidet jedes Zögern und gibt ihr Bestes, um das Zittern ihrer Hände zu unterdrücken. Ein erstickter Laut entringt sich Ben, sein Körper verkrampft, aber er hält still. Tränen laufen schweigend über seine schmutzigen Wangen. Das kranke, gelbliche Gewebe gibt unter Lyras Klinge nach. Ein metallischer, süßlich-fauliger Geruch flutet den Raum, überdeckt den Wohlgeruch der Kräuter. Lyra entfernt alles, bis hellrotes, gesundes Blut nachsickert. Erst dann lässt sie die Klinge sinken, legt sie auf dem Beistelltisch ab und stellt die Schale daneben, in der sie Blut und Eiter aufgefangen hat.
Übelkeit rumort in ihrem Magen, feine Schweißperlen glitzern auf ihrer Stirn und mischen sich mit dem permanenten, aschigen Staub. Sie spült die klaffende Wunde mit einer goldgelben Tinktur. Ben wimmert und beißt fester auf das Leder zwischen seinen Zähnen.
»Du hast es gleich überstanden. Du bist so tapfer, Ben. Ich bin stolz auf dich.«
Mit einem dünnen, selbst hergestellten Faden aus gesponnenen Pflanzenfasern vernäht sie die Wunde, Stich für Stich, fest und sauber. Die gequälten Wimmerlaute des Jungen lässt sie so gut es geht an sich abprallen. Zum Schluss trägt sie einen dicken Brei aus zerkleinertem Spitzwegerich und Honig auf und verbindet den Arm mit dem letzten sauberen Stück Stoff, das ihr bleibt. Sie muss dringend wieder Verbandsmaterial auskochen.
Als sie fertig ist, lehnt sie sich in ihrem Stuhl zurück und lässt endlich das Zittern ihrer Hände zu. Im Zimmer ist es still, bis auf das heisere Atmen des Jungen. Schließlich steht Lyra auf und wäscht ihre blutverschmierten Hände in einer Schüssel, die auf der Arbeitsplatte bereitsteht. Das Wasser färbt sich erst rosa, dann trübrot.
Tom tritt neben sie. »Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll, Lyra.« Er fährt sich mit den Händen durch das dünne, von einer feinen Staubschicht bedeckte Haar, in dem sich bereits erste graue Strähnen zeigen. Menschen altern schnell in dieser rauen Welt. Er kramt in der Ledertasche, die er umgehängt trägt, und zieht ein Bündel weißer Tücher hervor. Weiche, fein gewebte Tücher, perfekt geeignet für Verbände. Ein kleiner Reichtum. »Meine Frau hat sie gewebt. Sie dachte, du könntest sie gebrauchen. Nimm sie, bitte.«
Lyra will ablehnen. Sie weiß, dass die Hendersons kaum genug für sich selbst haben. Doch sie sieht die Entschlossenheit in Toms Augen, seinen dringenden Wunsch, seine Schuld abzutragen und seine Dankbarkeit zu zeigen. Außerdem kann sie die Tücher wirklich sehr gut gebrauchen. Sie nimmt Tom das Bündel aus der Hand. Der Stoff ist weich und sauber und passt gar nicht in diese Welt von Schrott und Staub. »Danke, Tom. Gib Ben viel zu trinken. Morgen komme ich bei euch vorbei, um den Verband zu wechseln. Und gibt mir Bescheid, wenn sein Zustand sich verschlechtern sollte.«
»Das mache ich.« Tom geht zur Liege und hebt seinen Jungen hoch. Ben ist blass, aber in seinem Blick liegt ungebrochener Stolz, der Lyra ein Lächeln auf die Lippen zaubert. »Du hast das wirklich toll gemacht, Großer. Die meisten Erwachsenen sind nicht so tapfer wie du.«
Hey ihr Lieben!
Inkitt bringt mich aktuell mit seinen Schreibwettbewerben dazu, alle meine Entwürfe rauszuhauen ... 🙈
Diese Story war eigentlich als Gestaltwandler-Geschichte geplant, aber da es sich um einen Sci-Fi-Schreibwettbewerb handelt, wurde aus dem Werwolf-General nun ein Alien-General. Ich würde aber behaupten, dass das nicht unbedingt schlechter ist. 😏🔥
Und ja, ich weiß, dass ich aktuell so viele offene Geschichten habe wie nie zuvor. 🙈 Glaubt mir, es stresst mich selbst, weil ich das eigentlich überhaupt nicht mag. Ich bitte euch trotzdem um Verständnis, dass ich die Chance wahrnehmen möchte, wenn Inkitt Schreibwettbewebe anbietet, weil es mir die Möglichkeit gibt, für die viele Zeit, die ich in meine Bücher stecke, eine kleine Entschädigung zu erhalten.
Ich freue mich sehr über jeden, der hier dabei ist und verspreche hoch und heilig, dass ich jedes einzelne meiner Bücher fertigstellen werde. Für jedes meine Bücher steht die Storyline, ich brauche nur die Zeit, um die Kapitel zu schreiben. Abgesehen davon finde ich selbst nichts schlimmer als unvollendete Bücher. 🫶🏻💖









Als nächstes werde ich diese Geschichte von dir verschlingen und ich muss sagen ich bin jetzt schon begeistert und hoch gespannt auf den Rest!! 💖
Also normalerweise ist sci fi nicht so meins aber so wie du es geschrieben hast liebe ich es! Egal welches Genre du schreibst es ist immer fantastisch! :)