Kapitel 1 - Abschied
„Wir nehmen heute Abschied von einem unserer Leute“, sagte der Pastor und seine Stimme legte sich schwer über den Friedhof, als würde jedes Wort erst durch den grauen Himmel sinken, bevor es die Menschen erreichte. „Eine so junge Seele zu verabschieden, fällt jedem von uns schwer. Gerade in Momenten wie diesem suchen wir nach Halt, nach Sinn und nach Worten, die groß genug sind für Trauer, Schuld und Schmerz.“
Ich stand abseits der Zeremonie, ein paar Schritte hinter den letzten Reihen, dort, wo der Kiesweg in den feuchten Rasen überging und die Trauergäste als dunkle Silhouetten vor dem offenen Grab wirkten. Ich hielt Abstand, weil mir dieser Abstand richtig erschien.
Blake hatte Familie, Freunde, ein Team, Menschen, die ihn vor dieser Nacht gekannt hatten. Ich wollte ihren Abschied respektieren, auch wenn sich jeder Atemzug anfühlte, als hätte ich mich an einen Ort gestellt, an dem ich falsch war.
Dass ich überhaupt eingeladen worden war, überraschte mich weiterhin. Nach allem, was passiert war, hatte ich damit gerechnet, dass Blakes Familie meinen Namen aus allem heraushalten wollte. Vielleicht war die Einladung ein Versuch von Frieden. Trotzdem stand ich dort mit den Händen tief in den Taschen meiner Jacke und dem Gefühl, dass Schuld wie ein Stein in meiner Brust lag.
Der Wind roch nach nasser Erde. Regen hing in den Ästen der kahlen Bäume und jedes Mal, wenn eine Böe durch den Friedhof zog, fielen Tropfen auf die Mäntel der Trauergäste. Ich schaute zum Sarg und versuchte, irgendetwas zu fühlen, das zu einer Beerdigung passte.
Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter.
Mein Körper zuckte sofort zusammen. Für einen Sekundenbruchteil war der Friedhof verschwunden und alles in mir war wieder in diesem Raum, auf diesem Boden, unter diesem Gewicht. Mein Atem blieb hängen, meine Finger krampften sich in den Stoff meiner Jackentaschen und erst als ich den Kopf drehte, begriff ich, wer neben mir stand.
Es war Evan.
Er trug einen schwarzen Mantel. Unter seinen Augen lagen Schatten, die selbst sein übliches Pokerface nur halb verbergen konnte. Seine Hand blieb auf meiner Schulter, warm und vorsichtig, als würde er gleichzeitig Halt geben und Halt suchen. Er sah kurz zum Grab, dann zu mir. In diesem Blick lag so viel, dass meine Kehle sofort eng wurde.
„Du bist gekommen?“, fragte er leise.
Ich schluckte und versuchte, die Antwort irgendwo in mir zu finden, zwischen all dem, was ich sagen wollte und all dem, was ich hier lieber verschwiegen hätte. „Irgendwie fühle ich mich schuldig.“
„Wenn sich einer schuldig fühlen sollte“, sagte er, „dann bin ich das.“
Ich drehte mich ganz zu ihm, während mir Tränen in die Augen stiegen. „Du hast mir das Leben gerettet. Dich trifft die Schuld daran am wenigsten, Evan.“
Er presste die Lippen zusammen, als hätte dieser Satz etwas in ihm berührt, das seit Wochen offen lag. Sein Blick glitt zurück zum Grab und zum Pastor, der weiterredete, während ich das Gefühl hatte, dass die Erde unter meinen Füßen für einen Moment nachgab.
Und plötzlich war ich wieder dort.
Drei Monate zuvor…
Mein Herz setzte aus, und obwohl mein Körper da war, fühlte es sich an, als hätte jemand die Verbindung zwischen mir und der Welt gekappt. Ich wollte schreien, doch meine Kehle war trocken, mein Kopf zu benommen, meine Gedanken zu langsam und von draußen drang Musik herein, dumpf und absurd fröhlich, als würde jenseits der Tür ein völlig anderes Leben weiterlaufen. Bass vibrierte durch die Wände, Stimmen lachten, irgendwo rief jemand einen Namen, während Blake über mir war und ich in seinen Augen etwas sah, das mir mehr Angst machte als die Klinge in seiner Hand.
Dann stach er zu.
Der erste Schmerz war scharf, brennend und so plötzlich, dass mein Körper ihn erst einen Atemzug später begriff. Er fuhr durch mich wie ein Blitz, der sich in meine Rippen fraß, in meinen Bauch, in alles, was mich am Leben hielt. Ich keuchte und versuchte, Blake von mir wegzudrücken, doch meine Arme fühlten sich schwer und fremd an, als hätten sie ihre Kraft irgendwo auf dem Weg zwischen Panik und Schmerz verloren. Seine Hand bewegte sich wieder, und der nächste Stich riss ein neues Feuer durch meinen Körper, gefolgt von einem dritten, dann von diesem dumpfen, grauenhaften Gefühl, dass in mir etwas getroffen wurde, das hätte unberührt bleiben müssen.
Alles wurde gleichzeitig zu laut und zu weit weg. Die Musik hinter der Wand, Blakes Atem, mein eigenes Blut in den Ohren, dieses Rauschen, das immer größer wurde und die Welt verschluckte. Mein Blick flackerte, die Lichter an der Decke zogen Schlieren und der Raum kippte zur Seite. Ich wollte seinen Namen sagen, wollte ihn anflehen, doch mein Mund brachte nur ein heiseres Geräusch hervor.
Dann wurde alles schwarz.
Für einen kurzen Moment war da nur Dunkelheit. Dann spürte ich plötzlich Bewegung über mir, das Gewicht von Blake wurde weggerissen und die Welt kam in einzelnen Bruchstücken zurück: ein dumpfer Aufprall, ein Keuchen, schnelle Schritte.
„Blake! Bleib liegen, du Wichser!“
Es war Evans Stimme.
Sie klang rau, war voller Wut und Angst und sie schnitt durch die Dunkelheit. Ich konnte ihn nur verschwommen sehen, einen Schatten über mir, eine Bewegung, dann wieder Lichtpunkte, die vor meinen Augen tanzten. Jemand schlug zu, jemand ging zu Boden.
Dann hörte ich eine andere Stimme, hart und laut.
„Hände hoch!“
Der Schuss fiel so plötzlich, dass selbst mein benommener Körper erschrak. Ein Knall zerriss den Raum, gefolgt von einem kurzen, hohlen Echo und danach schien alles stiller zu werden. Ich spürte Kälte in meinen Fingern und in meinen Beinen. Irgendwo über mir tauchte Evans Gesicht auf, verzerrt vor Angst.
„Noah, bleib bei mir“, sagte er.
Ich wollte antworten aber mein Körper gehorchte mir immer schwerer.
„Bitte“, flüsterte Evan. „Bleib bei mir.“
Dann verschwand auch sie.
Heute…
„Ich dachte, du würdest sterben, Noah“, sagte Evan und seine Stimme holte mich zurück auf den Friedhof. Er legte einen Arm um mich und für einen Moment standen wir so nebeneinander, während der Pastor weiterredete und die Menschen vor uns den Kopf senkten. „Blake musste dafür sterben.“
Ich atmete langsam aus, weil ich wusste, wie lange Evan diesen Satz schon mit sich herumtrug. Evan war mit Blake befreundet. Und dann war da diese Nacht gewesen, in der Evan mich vom Boden aufgehoben hatte, während Blake schwer verletzt neben uns lag.
„Die Verantwortung liegt bei Blake“, sagte ich leise. „Er hat mich fast getötet. Der Sicherheitsdienst hat geschossen, weil er zur Gefahr wurde. Du hast mich gerettet.“
Evan schloss für einen Moment die Augen. „Ich hätte früher merken müssen, was mit ihm los war.“
„Du hast getan, was du in diesem Moment tun konntest.“
Er schüttelte den Kopf nur angedeutet. „Ich hätte dich an dem Abend im Blick behalten müssen.“
Ich sah zum Grab hinüber. Blake hatte bis vor zwei Wochen im Koma gelegen, genau wie ich nach dieser Nacht im Koma gelegen hatte. Der Unterschied zwischen uns war brutal einfach: Ich war aufgewacht. Er war gestorben. Meine Verletzungen waren so schwer gewesen, dass die Ärzte später nur vorsichtig darüber sprachen, als müssten sie jedes Wort abfedern. Ich wusste, dass ich im Krankenwagen fast verblutet wäre. Ich wusste, dass Evan die ganze Zeit im Krankenhaus gewesen war, auch wenn er behauptete, er hätte nur unsere Eltern begleitet. Ich wusste auch, dass ein Teil von mir erleichtert gewesen war, als die Nachricht von Blakes Tod kam und genau diese Erleichterung brannte seitdem wie Schuld unter meiner Haut.
Blake hatte mich tot sehen wollen. Er hatte es fast geschafft. Dieser Gedanke machte seinen Tod für mich leichter zu ertragen, als er für einen Menschen sein sollte.
Evan löste sich langsam von mir und die Stelle, an der sein Arm gelegen hatte, fühlte sich in der nächsten Sekunde kälter an. Er sah zum Kiesweg, dann wieder zu mir und ich erkannte an seinem Blick, dass er gleich über etwas sprechen würde, das längst zwischen uns stand.
„Du weißt, dass wir damit aufhören müssen“, sagte er.
Ich blinzelte und tat so, als würde ich ihn erst verstehen müssen, obwohl mein Körper längst reagiert hatte. Mein Magen zog sich zusammen. „Womit müssen wir aufhören?“
„Das weißt du ganz genau.“
Natürlich wusste ich es. Seit Wochen wusste ich es. Seit diesem Kuss, der für uns beide viel zu viel bedeutet hatte, auch wenn wir danach so getan hatten, als wäre er nur ein Fehler. Damals hatten seine Lippen meine berührt und für einen winzigen Augenblick waren Football, Schule, unsere Eltern und all die unausgesprochenen Regeln zwischen uns verschwunden. Es hatte sich leicht angefühlt. Seitdem lag dieser Kuss zwischen uns wie ein Geheimnis, das ständig lauter wurde.
„Es war ein Kuss vor Monaten“, sagte ich und zwang mich zu einem Ton, der lockerer klingen sollte, als ich mich fühlte. „Ein einzelner Moment.“
Evan sah mich an, als würde er jedes Wort durchschauen. „Ich mag dich, Noah. Wirklich.“
Mein Herz zog sich so heftig zusammen, dass ich kurz die Luft anhielt.
„Aber wir sind Stiefbrüder.“, sagte er.
Da war er, der Satz, der alles sortierte, bevor ich überhaupt die Chance bekam, irgendetwas festzuhalten. Ich nickte schnell und drehte den Kopf weg, damit Evan den Schmerz in meinem Gesicht nur als Reaktion auf die Beerdigung deuten konnte.
„Alles gut“, sagte ich.
Es klang dünn, aber es war das Einzige, was ich zustande brachte.
Ein Auto rollte langsam über den Kiesweg am Rand des Friedhofs und das Knirschen der Reifen mischte sich mit den Worten des Pastors. Der Wagen hielt ein paar Meter von uns entfernt, die Tür öffnete sich und Nancy stieg aus. Blakes ehemalige Freundin trug Schwarz, doch selbst ihre Trauerkleidung wirkte ausgesucht wie ein Outfit für einen Auftritt. Ihre Haare lagen perfekt über ihren Schultern, ihr Make-up war makellos und sie bewegte sich mit dieser Selbstverständlichkeit auf Evan zu, als hätte sie jedes Recht, genau in diesem Moment an seiner Seite zu stehen.
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange.
„Da bist du ja, Babe“, sagte sie mit einer hellen Stimme.
Das Wort traf mich härter, als ich erwartet hatte. Evan blieb stehen und ließ ihre Nähe zu.
Dann bemerkte sie mich.
„Hey, Noah.“
Ich wischte mir mit dem Handrücken über die Wange, schnell genug, dass es wie eine zufällige Bewegung wirken konnte, und nickte ihr kurz zu. Nancy war mir unsympathisch, auf eine Art, die ich schwer erklären konnte, weil sie nach außen immer freundlich genug wirkte, um jeden Vorwurf lächerlich aussehen zu lassen. In meinen Augen war sie oberflächlich, viel zu berechnend und viel zu gut darin, genau die Rolle zu spielen, die ihr in einem Moment am meisten brachte.
„Wir sollten jetzt gehen“, sagte Evan.
Er sah mich einmal an, und für einen kurzen Moment lag in seinem Blick etwas, das nach Entschuldigung aussah.. „Wir sehen uns später, Noah.“
Ich schwieg, weil jedes Wort aus meinem Mund nach Schmerz geklungen hätte. Nach Eifersucht. Nach diesem hässlichen Brennen in meiner Brust, das ich vor ihm verbergen wollte. Ich mochte Evan viel mehr, als ich zugeben durfte und ihn mit Nancy zu sehen, tat auf eine Weise weh, die sich fast körperlich anfühlte.
Die beiden gingen zum Auto, Nancy schob ihre Hand in seine und Evan ließ sie dort. Er blieb einen Augenblick am Wagen stehen, als würde er sich zu mir umdrehen wollen, dann stieg er ein.
Ich blieb am Rand der Zeremonie stehen, während der Pastor weiter seine Abschiedsworte sprach und die Menschen am Grab enger zusammenrückten. In meiner Brust schlug ein Herz, das diese Nacht überlebt hatte und trotzdem fühlte es sich an, als wäre damals etwas in mir zurückgeblieben, dort auf dem Boden, zwischen Blut, Angst und Evans Stimme.