Prolog: Playing against the Playbook

Wenn man mit sieben Jungs groß wird, lernt man früh drei Dinge:
Erstens, wie man schneller rennt als sie.
Zweitens, wie man sich verbal wehrt.
Und drittens, dass Gefühle in großen Familien selten leise sind.
Ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen. Ara Judith Hayes mit vier. Zusammen ergab das eine chaotische, laute, oft völlig überfordernde Mischung aus Testosteron, Hockeyschlägern, Basketbällen, kaputten Fenstern und Müttern, die irgendwann aufgehört hatten zu zählen, wie viele Kinder gerade durchs Haus rannten. Unsere Familien kannten sich, solange ich denken konnte. Familientreffen wurden gemeinsam gefeiert, Feiertage geteilt, Sommer verbrachten wir abwechselnd in unseren Gärten, die sich ohnehin wie ein einziges großes Revier anfühlten.
Ara und ich waren nie nur Freundinnen. Wir waren ein Team.
Ein eingeschworenes, kampferprobtes Team.
Die Jungs – unsere Brüder – hatten uns abgehärtet. Sie hatten uns beigebracht, wie man einsteckt, zurückschlägt, lacht, wenn man verlieren muss, und niemals weint, nur weil jemand lauter ist. Ara war die mit der extra großen Klappe von uns beiden und beobachtete ständig. Sie war strategisch. Ich war die Vorlaute aber auch sanftere. Ich gab mein Herz oft zu schnell her. Doch zusammen waren wir unschlagbar.
Vor allem gegen sie.
Eines unserer Meisterwerke ereignete sich bei einem gemeinsamen Campingausflug. Sieben Jungs, zwei Mädchen, ein Wald, zu wenig Schlaf und eindeutig zu viel Übermut. Ara und ich hatten uns spätabends aus den Zelten geschlichen, Gesichter mit Schlamm beschmiert, Taschenlampen von unten ans Kinn gehalten und Geräusche gemacht, die selbst wir im Nachhinein nicht mehr reproduzieren konnten.
Das Ergebnis?
Panik.
Chaos.
Und Jax Hayes, der älteste der Brüder, sprang schreiend – und ausschließlich in Unterhose – in den eiskalten See.
Ara und ich lachten so sehr, dass wir fast erwischt worden wären. Fast.
So waren wir. Immer auf derselben Seite. Immer Schulter an Schulter.
Fast immer.
Es gab genau ein einziges Mal, an dem wir das vergessen hatten.
Middle School. Winterball. Dave Jefferson.
Er war groß, nett, spielte Basketball – und hatte uns beide eingeladen. Nicht gemeinsam. Separat. Mit identischem Text. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Ara war wütend. Ich war verletzt. Und wir waren beide zu stolz, um es zuzugeben.
Eine Woche lang redeten wir nicht miteinander. Eine Woche, in der sich alles falsch anfühlte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich an meinem Schreibtisch saß und auf mein Handy starrte, unfähig, ihr zu schreiben. Am siebten Tag hielt ich es nicht mehr aus. Ich stand einfach vor ihrer Tür.
Ara sagte kein Wort, als sie öffnete. Ich auch nicht. Wir umarmten uns einfach. Und damit war alles gesagt.
Aus diesem Streit entstand unsere erste Regel:
Wir streiten uns niemals wegen eines Jungen. „Bestie und Sister bevor Mister!"
Danach kamen viele weitere. Wir nannten sie unser Freundschaftsplaybook – halb ironisch, halb todernst.
Regel Nummer 12: Spiel immer im selben Eishockeyteam wie deine beste Freundin.
Regel Nummer 24: Freu dich mit deiner Freundin über jeden erfüllten Traum – auch wenn es nicht deiner ist.
Und Regel Nummer 9. Eine wichtige. Die unumstößlich war. „Die Brüder der anderen dürfen niemals gedatet werden.“
Diese Regel war vor allem Ara wichtig gewesen. Und ich hatte sie nie infrage gestellt, mich immer daran gehalten, bis es schwerer wurde.
Denn jetzt stehe ich im Vorgarten ihrer Eltern. Der Rasen ist noch derselbe wie früher. Das Haus auch. Nur wir sind es nicht mehr. Ara steht mir gegenüber, die Hände zu Fäusten geballt, ihre Stimme laut, scharf, brüchig. In ihren Augen stehen Wuttränen. Oder Enttäuschung. Vielleicht beides.
Ich sage nichts. Weil ich weiß, dass jedes Wort alles nur schlimmer machen würde.
Ara dreht sich abrupt weg, läuft zu ihrem Motorrad, setzt den Helm auf. Für einen kurzen Moment sieht sie mich noch einmal an. Dann startet der Motor.
Und sie fährt davon.
Alle Regeln. All die Jahre. Unser ganzes Playbook.
Zerbrochen in einem einzigen Augenblick.

Warum hält sie sich nicht an die Regeln?
Regeln sind wichtig!
Regeln schaffen Ordnung!
Regeln bringen Kontrolle, wie im Spiel so auch im Leben.
Doch es war klar, dass wenn einer von uns beiden Regeln brechen würde, dann CJ.
Ich hätte darauf wetten können. Auf mein Motorrad. Auf mein Hockeyschläger. Auf alles, was mir wichtig ist.
Catelyn Jasmin Knight bricht keine Regeln aus Bosheit. Sie tut es, weil sie glaubt, dass diesmal alles anders ist. Dass sie anders ist. Dass Gefühle plötzlich schlauer sind als Erfahrung.
Dabei sollte gerade sie es besser wissen.
Drei Beziehungen. Drei Mal Vertrauen. Drei Mal Scherbenhaufen. Und jedes einzelne Mal war ich da gewesen. Hatte sie aufgesammelt, nachts angerufen, mit ihr auf dem Küchenboden gesessen, während sie weinte und behauptete, es läge alles an ihr.
Und jetzt das.
Regel Nummer 9.
Die Regel, die ich aufgestellt hatte. Nicht, weil ich kontrollieren wollte. Sondern weil ich wusste, was passieren konnte, wenn man Grenzen verschwimmen ließ.
Unsere Familien waren kein loses Konstrukt. Sie waren ein Geflecht. Eng verwoben. Feiern, Feiertage, Sonntage, Siege, Niederlagen. Wenn CJ mit dieser Entscheidung Unruhe hineinbrachte, würde sie nicht nur sich selbst verletzen. Sie würde alle mit hineinziehen.
Wenn es schiefging – und Beziehungen gingen immer irgendwann schief – stand mehr auf dem Spiel als nur Gefühle.
Dann ging es um Loyalität. Um Seiten. Um das unausgesprochene Wer gehört jetzt zu wem?
Und das konnte alles zerstören.
Ich wusste, dass CJ das nicht so sah. Dass sie glaubte, Liebe würde schon einen Weg finden. Aber Liebe repariert keine zerrissenen Familien. Liebe steht nicht zwischen zwei Esstischen, wenn plötzlich Stille herrscht, wo früher Gelächter war.
Ich startete den Motor und ließ den Vorgarten hinter mir, bevor ich doch noch etwas sagte, das wir beide nicht zurücknehmen konnten.
Mein Handy vibrierte in der Jackentasche.
Ein Blick genügte nicht. Ich wusste auch so, wer es war.
Neben CJ gab es genau eine Person, mit der ich gerade noch weniger reden wollte.
Hartnäckig. Zu präsent. Zu nah.
Jemand, der nicht akzeptierte, dass kein Interesse keine Einladung war.
Jemand, der mich bereits viel zu oft aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.
Ich ging nicht ran.
Stattdessen drehte ich den Gasgriff weiter auf. Der Fahrtwind riss mir die Gedanken aus dem Kopf, machte sie leiser. Ordnung. Kontrolle. Bewegung. Das war es, was ich konnte.
Dann passierte alles gleichzeitig.
Ein Schatten.
Ein Geräusch.
Ein Reh preschte aus dem Nichts auf die Straße.
Ich riss instinktiv den Lenker herum. Zu stark. Viel zu stark.
Der Asphalt verschwand unter mir, das Motorrad kippte, rutschte. Ein Schlag. Dann nichts mehr.
Kälte.
Stille.
Und das Letzte, was mir durch den Kopf ging, war nicht der Schmerz.
Sondern die verdammte Regel Nummer 9.









ich mag die Charaktere bisher beide sehr gerne! Du bringst die enge Beziehung schon im Prolog unheimlich gut rüber! Ich bin gespannt, wie es dazu gekommen ist und freue mich schon wahnsinnig auf das erste Kapitel ✨🫶🏼❤️🔥
Ein unerwartet dichter Prolog. Sehr schön.