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Die vielen Paparazzi, die sich auf dem Gelรคnde des Clearwater Springs Resort versammelt hatten, fingen wie wild zu fotografieren an, als der schwarze Bentley ins Blickfeld kam. Ihm folgten vier schwarze SUVs, als wรผrde der Prรคsident der Vereinigten Staaten von Amerika vorfahren statt einer verhรคtschelten Erbin. Marc Strauss schnaubte verรคchtlich.
Jetzt hetzten die Reporter von den groรen Eisentoren รผber die gepflegten Blumenbeete und Grรผnanlagen und kletterten auf die Metallskulpturen, die ihn ein Vermรถgen gekostet hatten. Er ballte die Fรคuste, um nicht die Glastรผren der Lobby aufzustoรen und jeden einzelnen eigenhรคndig von seinem Eigentum zu zerren. โWas fรผr ein verfluchter Zirkusโ, fuhr er seinen Bruder an, der fรผr das Fiasko verantwortlich war. โDie Kosten fรผr die Aufrรคumarbeiten ziehe ich dir von deinem Gehalt ab.โ
Brett, ein zufriedenes Lรคcheln um die Lippen, beobachtete das Geschehen gelassen. โKein Problem. Das nehme ich einfach von all der Kohle, die uns diese Publicity einbringen wird.โ Er gab Marc einen Klaps auf den Rรผcken. โDieser Gast wird Clearwater Springs bekannt machen.โ
Marc schwieg. Das Resort hatte es nicht nรถtig, mit Hollywoods berรผhmtestem Bad Girl fรผr sich zu werben. Zudem wรผrde die gerade vorbestrafte Rachel Winston mehr Feriengรคste abschrecken als neue anziehen. Aber all das hatte er seinem Bruder bereits erlรคutert und am Ende doch Bretts Marketingidee nachgegeben. In erster Linie deshalb, weil der Deal schon fast perfekt gewesen war, bevor Marc davon erfahren hatte. Erst jetzt merkte er, was fรผr ein Fehler das gewesen war.
โEntspann dich.โ Brett deutete auf den Bentley, der in der Einfahrt hielt. โWenn sie erst einmal drinnen ist, sorgen die Sicherheitsleute dafรผr, dass die Paparazzi das Grundstรผck verlassen. Cory kann dann drauรen Ordnung โฆโ Er verstummte, als der Chauffeur die hintere Tรผr des Bentleys รถffnete und die Frau ausstieg, die fรผr die folgenden dreiรig Tage ihr Schรผtzling sein wรผrde.
Marc hatte viele Fotos von Rachel Winston gesehen. Verdammt, jeder hatte das. Besonders nachdem sie letztes Jahr fรผr das Mรคnnermagazin โHushโ posiert hatte. Mit ihrem aparten Gesicht, den groรen blauen Augen und den seidigen schwarzen Haaren sah sie atemberaubend schรถn aus. Wรคhrend er zusah, wie sie die Reportermeute mit einem gelassenen Lรคcheln begrรผรte, bekam er plรถtzlich Lust auf sie.
Er schluckte, als sie รผber ihre elegante blaue Hose strich und ihre rosafarbene Bluse zurechtzupfte. Dazu trug sie High Heels, eine farblich passende Handtasche und eine groรe Sonnenbrille. Sie strahlte die Klasse und den Luxus einer Hollywood-Diva aus. Kein Wunder, denn sie war die Tochter von Richard Winston, dem gut aussehenden Direktor der โHollywood-Studiosโ, und Abigail Moore, dem heiรesten Filmsternchen der Siebzigerjahre. Das Paar hatte eine kurze, turbulente Ehe gefรผhrt.
Marc musste zugeben, dass Rachel eine auffallend schรถne und sexy Frau war, die zweifellos jedem Mann den Verstand rauben konnte. Dazu ihre Herkunft und ihr verruchtes Image โฆ Kein Wunder also, dass alle ganz verrรผckt nach ihr waren.
โIch frage mich, ob โHushโ ihr den gelben BH รผberlassen hatโ, meinte Brett. โErinnerst du dich an das Foto?โ
Ob er sich daran erinnerte? Das Bild hatte sich von dem Moment an in Marcs Gedรคchtnis eingebrannt, als Brett ihm das Mรคnnermagazin auf den Tisch gelegt hatte: Rachel, wie sie sich auf einem braunen Samtsessel rekelte. Ein Trรคger ihres gelben BHs war ihr wie versehentlich รผber die Schulter gerutscht. Einen Finger auf die Lippen gelegt, hatte sie aufreizend in die Kamera geblickt. Ihr dunkles, gewelltes Haar war zerzaust und ihr Make-up leicht verschmiert gewesen.
Obwohl Marc sich mit seinen vierunddreiรig Jahren als reifen Mann betrachtete, hatte ein Blick in diese saphirblauen Augen genรผgt, um bei ihm Fantasien wie bei einem Teenager im Hormonrausch zu wecken.
Brett hatte ihm dieses Foto neben anderen prรคsentiert, um ihn fรผr sein Arrangement einzunehmen. Der Trick hatte funktioniert, wie Marc zugeben musste. Nach einem Blick auf die sinnliche Rachel Winston hatte er ihr Bild noch tagelang vor Augen gehabt. Jetzt stand sie auf den Stufen zu seinem Resort und wirkte live und in Farbe genauso verfรผhrerisch wie auf den Fotos. Verdammt, er steckte in Schwierigkeiten.
โOb sie den BH wohl mitgebracht hat?โ, witzelte Brett.
โSie ist unser Schรผtzling und kein Spielzeugโ, fuhr Marc ihn an und rief auf diese Weise auch sich selbst zur Ordnung. Angesichts der Situation konnte er es sich nicht leisten, auf dumme Gedanken zu kommen. Es wรผrde schwierig genug werden, die nรคchsten vier Wochen zu รผberstehen. Sich mit einem der prominenten Gรคste anzufreunden kam selbstverstรคndlich nicht infrage. Einer musste einen klaren Kopf behalten, sonst wรผrde Miss Winston hier noch vor Ende der ersten Woche das Ruder รผbernehmen.
Ein feminin wirkender Mann stieg aus einem der Begleitwagen und begann, lautstark Anweisungen zu erteilen. Mehrere Mรคnner drรคngten die Paparazzi zurรผck, um einen freien Durchgang vom Bentley zu den Tรผren der Lobby zu schaffen. Koffer wurden ausgeladen, und Marc wies die Pagen an, beim Transport des Gepรคcks zu helfen.
Die Pagen eilten so dienstfertig herbei, wie Marc es kaum fรผr mรถglich gehalten hatte. Auch das รผbrige Personal in der Lobby schien bereit, dem neuen Gast jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Na groรartig. Rachel Winston war noch nicht zur Tรผr hereinspaziert und hielt bereits die Zรผgel in der Hand.
Das drohte schlimmer zu werden als befรผrchtet. In Gedanken legte Marc sich schon mal zurecht, wie er allen beteiligten Parteien die grundsรคtzlichen Verhaltensmaรregeln fรผr die folgenden dreiรig Tage unterbreitete. Angefangen mit Rachel und ihrem Vater.
Denn er musste die Missverstรคndnisse aus der Welt schaffen, fรผr die sein Bruder vermutlich gesorgt hatte. Zunรคchst wรผrde er klarstellen, dass Rachel wรคhrend ihres Aufenthaltes definitiv als Zimmermรคdchen arbeiten musste. Weil sie in einem Hotel in San Diego ein Zimmermรคdchen leicht verletzt hatte, war sie von einem Gericht dazu verurteilt worden, dreiรig Tage lang genau dessen Arbeit zu verrichten. Nach einer Reihe von geringfรผgigen Vergehen hatte der Richter offensichtlich entschieden, dass ein wenig Empathie genau das war, was eine ebenso unverbesserliche wie reiche junge Frau lernen sollte.
Brett hatte es irgendwie arrangiert, dass sie ihre Strafe hier in ihrer Hotelanlage ableistete. Zweifellos mithilfe einer Reihe von Versprechen, die Marc nicht zu halten beabsichtigte. Als Richard Winston aus dem Bentley stieg und neben seine Tochter trat, entschied Marc, diese Unterredung so schnell wie mรถglich hinter sich zu bringen. Je eher, desto besser.
Rachels Stimmung hellte sich auf, nachdem sie einen ersten Blick auf Clearwater Springs geworfen hatte. Sie hatte es ihrem Vater รผberlassen, ein perfektes Arrangement fรผr das Verbรผรen ihrer Strafe zu treffen. Das Resort war luxuriรถs, lag abgeschieden im Sรผden von Palm Springs und bot die Privatsphรคre, die sie brauchte.
Wie so oft, wenn sie sich mal wieder in Schwierigkeiten gebracht hatte, war ihr Vater ihr auch diesmal zu Hilfe gekommen. Und wie immer schenkte er ihr seine ganze Aufmerksamkeit und bewies, dass er fรผr sie da war โ ganz egal, was sie angestellt hatte. Vielleicht versteckte sich hinter der Maske der selbstsicheren Frau, die sie vorgab zu sein, ein verรคngstigtes, unsicheres Kind, das sich fortwรคhrend der Loyalitรคt der Menschen um sich herum vergewissern musste.
Das wรคre nicht weit hergeholt. Ihre Eltern hatten ihrer Karriere stets den Vorrang vor ihrer Tochter gegeben. Ein Psychologe wรผrde vermutlich folgern, dass sie immer wieder Aufsehen erregte, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erhalten. Aber Rachel wusste, dass sie in Wirklichkeit viel Freiraum genossen hatte und keine Krise heraufbeschwรถren musste, um sich der Liebe ihrer Eltern zu versichern.
Leider gab es keinen Vaterkomplex, der entschuldigen wรผrde, dass sie im Grunde eine Versagerin war. Mit ihren sechsundzwanzig Jahren war sie einfach zu alt, um andere fรผr ihre Probleme verantwortlich zu machen. Also nahm sie sich diesmal wirklich vor, die Dinge zu akzeptieren, die sie nicht kontrollieren konnte, und die Dinge zu รคndern, die sie รคndern konnte.
โSiehst du?โ Ihr Vater klang optimistisch. โIch habe dir doch gesagt, dass es hier sehr schรถn ist.โ
โPerfektโ, gab sie zu.
Er drรผckte ihre Hand. โEs gibt nichts, worรผber du dir Sorgen machen musst.โ
Rachel nickte lรคchelnd. Sie hatte schon Schlimmeres durchgestanden. Und vier kurze Wochen als Zimmermรคdchen konnten so hart nicht werden. Solange sie in dem Job keine Zahlen oder lange Texte lesen musste, wรผrde sie das schaffen. Und in der arbeitsfreien Zeit hoffte sie, hier viel Ruhe zum Nachdenken und Meditieren zu finden.
โRachel, haben Sie jemals zuvor Toiletten gereinigt?โ, rief eine der Reporterinnen.
โErwarten Sie, dass das Personal freundlich ist, nach allem, was sie der armen Frau im โFour Seasonsโ angetan haben?โ, wollte eine andere wissen.








