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Die sechzehn Monate des Knoblers

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Zusammenfassung

BERLIN · OKTOBER 1926 DIE SECHZEHN MONATE DES KNOBLERS — ✦ — Der Brief roch nach nichts. Das war das Erste, was Karl Voss bemerkte, als er ihn auf dem Tresen der Buchhandlung Gallwitz fand — zwischen einem toten Buchhändler und dem Oktoberlicht, das durch das Schaufenster fiel und auf nichts Besonderes achtete. Neutrales Papier. Neutrale Tinte. Und oben, in einer ruhigen, aufrechten Handschrift, die er von diesem Tag an nie wieder vergessen würde: »Für Herrn Voss. Er kommt bestimmt.« Er hatte nicht gewusst, dass er kommen würde. Er hatte eine Notiz in der Zeitung gelesen, dreiundzwanzig Zeilen auf Seite vier, und war gegangen, weil man geht. Jetzt stand er vor einem Mann, der ihn kannte, ohne ihn je gesehen zu haben. Der gewusst hatte, wann er aufstand, welchen Weg er nahm, wie sein Kaffee schmeckte. Der gewartet hatte. »Herr Kemper war ein fleißiger Mann. Er hat sein ganzes Leben Schuhe repariert — die Schuhe anderer Menschen, damit diese weitergehen konnten. Leider hat er vergessen, dass man manchmal nicht weitergehen kann. Das ist ein Fehler, den viele machen. Ich korrigiere ihn.« — DER KNOBLER, ZWEITER BRIEF Was folgt, ist eine Jagd durch das Berlin der Goldenen Zwanziger — durch Schlachtereiräume und Hinterhöfe, durch Treppenhäuser, die nach Kohl und Petroleum riechen, durch Kneipen, in denen die Vergangenheit des Krieges als schlechter Witz weiterlebt. Voss ermittelt allein. Der Knobler tötet weiter. Und zwischen den beiden entsteht etwas, für das es kein sauberes Wort gibt: eine Korrespondenz, eine Nähe, eine merkwürdige gegenseitige Abhängigkeit zweier Menschen, die dasselbe suchen und auf verschiedenen Seiten stehen. Bis der zwölfte Brief kommt. Der längste. Der ehrlichste. Und der letzte Satz darin, den Voss dreimal liest, laut, im leeren Büro, zu seiner Topfpflanze Helene und dem Wasserfleck Franz an der Decke: »Ich bin gespannt, was du tust, wenn du mich findest.« — DER KNOBLER, ZWÖLFTER BRIEF NOCH SECHS NAMEN AUF DER LISTE

Status:
vor 4 Monaten
Kapitel:
2
Rating
5.0 (1 Bewertung)
Altersfreigabe
16+

Vorwort

Die sechzehn Monate des Knoblers

DER SCHATTEN VON NEUKÖLLN

Aufzeichnungen des Privatdetektivs Karl Voss

Berlin, 1926

— Vorwort —

Sie halten gerade etwas in den Händen, das ich nie schreiben wollte. Das sage ich nicht aus falscher Bescheidenheit — ich habe keine Bescheidenheit, falsch oder echt, das hat mir der Krieg ausgetrieben wie Läuse aus einem Schützengraben. Ich sage es, weil es die Wahrheit ist. Dieser Bericht, diese Aufzeichnungen, dieses Ding hier, das Sie nun lesen, ist aus Versehen entstanden. Wie so vieles in meinem Leben. Wie die meisten Dinge, die einen am Ende umbringen oder unsterblich machen, je nachdem, wen man hinterher fragt.

Mein Name ist Karl Voss. Ich bin Privatdetektiv, Jahrgang 1889, geboren in Charlottenburg, aufgewachsen in Armut, erzogen vom Krieg und endgültig geformt von dieser Stadt, die jeden Tag aufs Neue entscheidet, ob sie einen liebt oder beisst. Meistens beisst sie. Berlin ist kein Ort für empfindliche Menschen. Berlin ist ein Ort für Menschen, die zu stur oder zu betrunken sind, um woanders hinzugehen. Ich bin beides. Nicht stolz darauf. Aber ehrlich.

Was Sie auf den folgenden Seiten lesen werden, ist der Bericht über den Fall, den die Zeitungen später den »Schachmeister« nennen sollten. Ich nenne ihn anders. Ich nenne ihn: die sechzehn Monate, in denen jemand versucht hat, mich verrückt zu machen, und es verdammt nochmal fast geschafft hätte. Das ist kein dramatisches Aufbauschen der Tatsachen. Das ist eine sachliche Bestandsaufnahme eines Mannes, der am Ende mit einem leeren Cognacglas in der Hand vor dem Spiegel stand und ernsthaft darüber nachdachte, ob das Gesicht, das ihn anschaute, noch das seine war.

Ich werde Ihnen nichts verheimlichen. Das ist mein Versprechen, und ich halte meine Versprechen — außer an Frauen, aber das ist ein anderes Thema und gehört in ein anderes Buch, das ich niemals schreiben werde. In diesem Bericht werden Sie Dinge lesen, die Sie vielleicht nicht lesen wollen. Beschreibungen von Tatorten, die ich selbst heute noch nicht ohne ein Glas Schnaps abrufen kann. Briefe eines Mörders, der geschrieben hat wie ein verdammter Poet und getötet hat wie ein Schlachter. Und Sie werden meine Fehler lesen. Alle davon. Ich lasse nichts aus. Nicht weil ich masochistisch veranlagt bin — obwohl mein Vermieter das bestreiten würde — sondern weil ein Bericht, der die eigenen Dummheiten ausspart, kein Bericht ist. Er ist Literatur. Und ich bin kein Literat.

Berlin im Jahr 1926 ist eine Stadt im Rausch. Das sage ich nicht bewundernd, auch nicht verurteilend — ich sage es wie ein Arzt, der einem Patienten ins Gesicht schaut und weiß, dass das Fieber gerade seinen Höhepunkt erreicht hat. Die Republik taumelt. Die Inflation hat zwar nachgelassen, aber das Geld klebt noch immer merkwürdig in den Fingern, als hätte es ein schlechtes Gewissen. Die Kabaretts sind voll, die Spelunken noch voller, und in den Hinterhöfen von Neukölln, Wedding und Kreuzberg leben Menschen, die sich das alles von unten anschauen wie Kinder, die an einer Konditorei vorbeilaufen und wissen, dass die Tür für sie nicht aufgeht.

In diese Stadt kam der Mörder, den ich suchen sollte. Oder vielleicht ist er in ihr geboren. Oder vielleicht — und das ist die Möglichkeit, die mich nachts wachhält — vielleicht hat die Stadt ihn gemacht. Hat ihn geformt aus ihrem eigenen Material: Granit, Kalk, Kriegserinnerungen und dem Geruch von Kohle und Fisch, der über dem Wedding hängt wie ein Vorhang, den niemand aufzieht.

Er hat sich selbst »Der Knobler« genannt. In seinen Briefen. Von denen ich viele bekommen habe. Zu viele. Briefe, die er schrieb wie ein Schüler, der seinem Lehrer Rätsel aufgibt und dabei so tut, als wäre er selbst der Lehrer. Das war sein Spiel. Er hat Schach gespielt, und ich war der Bauer, dem er großzügig erklärte, welche Züge er als nächstes machen würde. Er hat fast immer Recht behalten. Das werde ich nicht kleinreden. Er war klüger als ich, schneller als ich und gnadenloser als jeder Mensch, dem ich je begegnet bin — und ich habe im Krieg Dinge gesehen, die das menschliche Vorstellungsvermögen an seinen Rändern aufweichen.

Aber er hat einen Fehler gemacht. Einen einzigen. Und ich war so hartnäckig wie ein schlechter Kater, der sich nicht auflösen will, und habe gewartet.

Ich werde Ihnen diesen Fehler nicht im Vorwort verraten. Das wäre unverschämt. Sie haben das Recht, selbst zu suchen. Sie haben das Recht, sich zu irren, neu anzufangen, falsche Verdächtige zu haben und dann aufzuwachen wie ich es dauernd aufgewacht bin: mit dem Gefühl, dass die Wahrheit direkt vor mir stand und ich zu beschäftigt war, sie anzuschauen, weil ich gerade mit etwas Wichtigem beschäftigt war — nämlich dem Cognac.

Eine letzte Sache noch, bevor wir anfangen. Sie werden auf diesen Seiten Tote begegnen. Echte Menschen. Menschen, die Mütter hatten, Schulden, schlechte Angewohnheiten und den unglückseligen Fehler, zur falschen Zeit am falschen Ort in Berlin gewesen zu sein. Ich bitte Sie, sie nicht zu vergessen. Es ist leicht, in einem Mordfall die Opfer zu Requisiten zu degradieren — Beweise, Hinweise, dramatische Wenden. Das mache ich nicht. Das werde ich nicht tun. Jeder von ihnen verdient mehr als eine Fußnote in meinem Bericht. Ich werde mein Bestes geben.

Mein Bestes war in diesem Fall oft nicht gut genug. Aber es war alles, was ich hatte.

Karl Voss

Privatdetektiv

Invalidenstraße 14, Berlin-Mitte

Dezember 1927

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