Kapitel 1: Willkommen im Chaos
Ich stand vor der Tür mit der Nummer 214B und atmete tief ein. Erster Tag am College. Neues Leben. Neue Leute. Neue Chancen. Oder… neue Katastrophen. Wahrscheinlich eher das Letztere.
Ich schob meinen Koffer vor mich her, und natürlich blieb er genau in dem Moment hängen, als ich die Tür öffnete. Typisch. Mit einem genervten Ruck zog ich ihn zu mir und trat ins Zimmer.
Ich blieb stehen.
Das Zimmer war voll. Nicht nur ein bisschen. Sondern voll.
Musik dröhnte aus einer Box, die aussah, als hätte sie schon mehrere Partys überlebt. Zwei Mädchen saßen auf dem Boden und lachten über irgendetwas, das ich nicht verstand. Ein Typ lag halb auf dem Bett, halb auf dem Boden, als hätte er vergessen, wie Möbel funktionieren. Überall lagen Klamotten, Chips, ein einzelner Schuh und ein pinker Plüsch‑Dino, der mich direkt anzustarren schien.
Ich blinzelte. „Äh… hi?“ brachte ich hervor.
Alle Köpfe drehten sich gleichzeitig zu mir. Vier Augenpaare musterten mich. Wenn man den Plüschdino mitdazu zählte. Der Typ hob eine Augenbraue.
„Das ist mein Zimmer, oder? 214B.“, sagte ich schnell. „Direktor Wilson hat es mir zugeteilt. Gehört ihr alle dazu?“
Das Mädchen mit den blauen Haaren zeigte auf das Schild an der Tür. „Das hier ist 214A. Du brauchst 214B.“
Ich starrte auf die Nummer. 214A. Nicht 214B.
„Oh.“ Mein Gesicht wurde heiß. „Dann… äh… sorry. Ich bin neu.“
„Das sieht man,“ sagte der Typ auf dem Bett und grinste breit. Nicht böse. Eher amüsiert.
Ich wollte im Boden versinken. Stattdessen stolperte ich rückwärts, blieb mit meinem Koffer am Türrahmen hängen und machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen Quietschen und Sterben lag.
Die Gruppe lachte.
„Alles gut,“ sagte das Mädchen mit den blauen Haaren. „Willkommen im Chaos.“
Ich lächelte unsicher zurück. Chaos. Ja. Das fühlte sich irgendwie so an.
„Ich geh dann mal mein echtes Zimmer suchen,“ murmelte ich und zog meinen widerspenstigen Koffer hinter mir her.
Der Flur war lang, laut und voller Stimmen. Ich irrte zweimal in die falsche Richtung, einmal in den falschen Stock und öffnete aus Versehen die Tür zu einem Raum, in dem ein Typ gerade ein Nickerchen machte. Er schrie. Ich schrie. Wir beide entschuldigten uns gleichzeitig.
Nach einer gefühlten Ewigkeit fand ich endlich 214B.
Ich öffnete die Tür — und trat in eine völlig andere Welt als das Partyzimmer vorhin.
Das Zimmer war sauber. Ordentlich. Still.
Das Bett war perfekt gemacht, als wäre es aus einem Katalog. Auf dem Schreibtisch standen nach Farben sortierete Ordner. Ein Kalender hing an der Wand, jeder Tag sorgfältig beschriftet.
Meine Mitbewohnerin saß am Tisch und schrieb etwas in ein Notizbuch. Sie hob den Blick.
„Du musst Kaira sein,“ sagte sie ruhig. „Ich bin Elin.“
Ich nickte. „Hi. Schön, dich kennenzulernen.“
Elin lächelte höflich. „Ich habe deinen Platz schon vorbereitet. Bett rechts, Schrank links. Wenn du willst, kann ich dir helfen, deine Sachen einzuräumen.“
Ich sah mich um. Es war… schön. Aber auch so still, dass ich mein eigenes Atmen hörte.
Ich dachte an das andere Zimmer. An die Musik. An das Lachen. An den pinken Plüsch‑Dino.
Und ich wusste es sofort:
Ich vermisste das Chaos.
Ich ließ mich auf mein Bett fallen und starrte an die weiße Zimmerdecke, die so leer war, dass sie fast beleidigend wirkte. Keine Poster, keine Fotos, keine Lichterketten. Nur Stille. Stille, die so laut war, dass sie mir in den Ohren dröhnte.
„Also… äh… wenn du willst, kann ich dir den Campus zeigen,“ sagte Elin plötzlich und drehte ihren Stift zwischen den Fingern. „Ich habe eine Liste mit den wichtigsten Orten erstellt.“
Natürlich hatte sie das.
„Danke,“ murmelte ich. „Vielleicht später.“
Elin nickte, als hätte sie genau das erwartet, und schrieb weiter in ihr Notizbuch. Ich beobachtete sie einen Moment. Sie war nicht unfreundlich. Nur… ruhig. Sehr ruhig. Zu ruhig.
Ich stand wieder auf. „Ich… äh… geh kurz raus. Frische Luft.“
„Okay,“ sagte Elin, ohne aufzusehen.
Ich schlüpfte aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter mir. Der Flur war wieder laut, lebendig, chaotisch — und ich fühlte mich sofort besser.
Ich ging ein paar Schritte, und ohne es wirklich zu planen, stand ich wieder vor 214A. Die Tür war offen. Musik lief. Jemand lachte.
Ich lehnte mich an den Türrahmen. „Ich bin wieder falsch hier, oder?“
Das Mädchen mit den blauen Haaren drehte sich um und grinste. „Oder genau richtig.“
„Kommt drauf an, wie man’s sieht,“ sagte der Typ vom Bett — diesmal saß er tatsächlich auf dem Bett, was ein Fortschritt war.
„Ich bin Kaira,“ stellte ich mich vor.
„Ich bin Elly,“ sagte das Mädchen mit den blauen Haaren. „Aber alle nennen mich Ell.“ „Das da ist Flynn,“ fügte sie hinzu und zeigte auf den Typen. Flynn winkte lässig. „Yo.“
„Und das ist Hailey,“ sagte Ell und deutete auf den zweiten Jungen, der gerade versuchte, Chips aus einer Tüte zu angeln.
„Setz dich,“ sagte Ell und klopfte auf einen freien Platz auf dem Boden. „Wir planen gerade die Einweihungsparty fürs Wohnheim.“
„Einweihungsparty?“ fragte ich und setzte mich.
„Ja,“ sagte Flynn. „Offiziell ist sie nicht erlaubt. Inoffiziell… na ja, wir sind kreativ.“
„Sehr kreativ,“ bestätigte Hailey, der jetzt Chips auf dem Boden verteilte, um „die perfekte Mischung“ zu finden.
Ich fühlte mich seltsam wohl. Als wäre ich nicht erst seit fünf Minuten hier, sondern schon seit Wochen. Das hier war genau das Gegenteil von meinem Zimmer — laut und unordentlich — und genau das mochte ich.
„Und du wohnst jetzt bei Elin?“ fragte Ell.
„Ja,“ sagte ich. „Sie ist… ordentlich.“
„Oh.“ Ell verzog das Gesicht. „Ordentlich‑ordentlich oder psycho‑ordentlich?“
„Nach Farben sortierte Ordner.“
„Psycho‑ordentlich,“ sagte Hailey sofort.
Flynn grinste. „Du wirst es bei uns mehr mögen.“
Ich spürte, wie mein Herz einen kleinen Sprung machte. Vielleicht war das hier genau das, was ich brauchte.
„Okay, Kaira,“ sagte Ell und schob mir ein zerknittertes Blatt Papier zu. „Wir machen eine Aufgabenliste für die Party. Jeder übernimmt was.“
Ich nahm das Blatt und versuchte, die chaotischen Kritzeleien darauf zu entziffern. Es sah aus, als hätte jemand versucht, eine To‑Do‑Liste zu schreiben, während er gleichzeitig einen Tornado überlebt.
„Musik, Snacks, Deko, Licht… und was ist das?“ Ich zeigte auf eine Zeile, die aussah wie ein explodierter Stern.
„Plan B,“ sagte Hailey stolz. „Falls Plan A schiefgeht.“
„Und was ist Plan A?“
„Dass nichts schiefgeht.“
„Ah.“ Ich nickte. „Sehr realistisch.“
Flynn lachte.
Ich wollte gerade etwas erwidern, als die Tür erneut aufging. Ein Junge kam rein — dunkle Haare, warmes Lächeln, ein T‑Shirt, das aussah, als hätte es schon drei Leben hinter sich. Er wirkte entspannt, aber irgendwie aufmerksam. So ein Typ, der alles sieht, ohne dass man merkt, dass er guckt.
„Hey,“ sagte er. „Ich bin Ethan.“
Ich war kurz sprachlos. Nicht wegen seines Aussehens. Okay, vielleicht ein bisschen. Aber vor allem wegen seiner Ausstrahlung — ruhig, aber irgendwie magnetisch.
„Das ist Kaira,“ sagte Flynn. „Sie ist neu.“
Ethan lächelte mich an. „Willkommen im Chaos.“
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
„Ich bin auch neu hier,“ sagte Hailey beleidigt. „Falls das jemanden interessiert.“
„Tut es nicht,“ sagte Ell trocken.
Ethan setzte sich neben mich. Nicht zu nah. Aber nah genug, dass ich ihn bemerkte.
„Du wohnst bei Elin, oder?“ fragte er.
„Ja,“ sagte ich. „Sie ist… sehr organisiert.“
„Sie ist okay,“ sagte Ethan. „Aber du passt besser hierher.“
Ich lächelte. Und wusste: Das hier war der Anfang von etwas.








