[1] • Elf Jahre Frost
Donnerstag, 27. Februar 2025
Der Atem steht mir als weiße Wolke vor dem Gesicht, bricht sich an den feuchten Spitzen meines Vollbarts und löst sich in der schneidenden Februarluft auf. Unter meinen schweren Stiefeln knirscht der gefrorene Kies des Südfriedhofs. Es ist kurz vor halb neun. Der Himmel über Düsseldorf hängt tief, ein schmutziges, strukturloses Grau, das die Geräusche der Stadt schluckt.
Ich kenne jeden Schritt auf diesem Weg. Dreihundertvierzig Schritte vom schmiedeeisernen Haupttor, an den alten Trauerweiden vorbei, links abbiegen.
Vor dem schlichten Granitstein bleibe ich stehen. Er ist nasskalt, stellenweise mit feinem Moos überzogen, das ich im Frühjahr abkratzen werde. Wie in jedem Jahr.
Sarah Lindemann, geborene Miller. 1986 – 2014. Geliebte Tochter, Ehefrau und Freundin.
Elf Jahre. Eine Zahl, die auf dem Papier abgeschlossen aussieht, sich in den Knochen aber immer noch anfühlt wie zäher, nasser Beton.
Ich ziehe den rechten Lederhandschuh mit den Zähnen aus, greife in die Papiertüte und hole den kleinen Bund weißer Freesien hervor. Ihre Lieblingsblumen. Der Duft beißt sich fast mit der klammen Kälte der Erde. Ich bücke mich, gehe mit knirschenden Knien in die Hocke und schiebe die verwelkten Tannenzweige vom Sockel beiseite. Meine Fingerkuppen streichen über die eingemeißelten Buchstaben. Kalt. Unbeweglich.
»Morgen, Sarah.« Meine Stimme klingt eingerostet, ungewohnt laut in der Totenstille zwischen den Bäumen.
Ich lege die Blumen ab, richte mich langsam wieder auf und stecke die Hände tief in die Taschen meiner Wachsjacke. Mehr gibt es nicht zu sagen. Man wird wortkarg, wenn man jahrelang gegen einen Stein anredet.
Hinter mir knirscht der Kies.
Ein zögerlicher Schritt, ganz anders als das schwere Schlurfen der älteren Leute, die hier sonst um diese Uhrzeit mit ihren Gießkannen unterwegs sind. Ich drehe mich nicht sofort um. Erst als das Rascheln direkt hinter mir verstummt, wende ich langsam den Kopf.
Elena steht drei Schritte entfernt.
Sie trägt einen dunkelgrünen Wollmantel, der ihr fast bis zu den Waden reicht, die Hände in dicken Fäustlingen vergraben, die Nase rot von der Kälte. Ihre dunklen Haare sind unter einer schlichten Wollmütze verstaut, aus der sich ein paar widerspenstige Locken gelöst haben. In den Armen hält sie einen Bund weißer Ranunkeln.
Ihre Augen weiten sich, als sie mich erkennt, dann weicht die Überraschung einem weichen, vertrauten Ausdruck.
»Dan.« Eine kleine Atemwolke steigt zwischen uns auf. »Ich … dachte, ich bin früh genug dran, um dir nicht in die Quere zu kommen.«
Ich schüttele kaum merklich den Kopf, ziehe die Schultern gegen den Ostwind hoch. »Passt schon.«
Sie tritt näher, der feuchte Kies gibt unter ihren Stiefeln nach. Als sie neben mir zum Stehen kommt, reicht sie mir gerade mal bis zur Brust. Sie riecht nach feuchter Wolle, Papierstaub und dieser herben Kamillenseife, die sie schon in ihrer Werkstatt benutzt hat, als Sarah noch gelebt hat.
Elena blickt auf den Stein hinab. Ihre Züge werden ernst, die Mundwinkel ziehen sich leicht nach unten. Sie kniet sich hin, legt ihre Blumen exakt neben meine Freesien, streicht mit dem Fäustling ganz sachte über den oberen Rand des Granits und bleibt einen Moment reglos hocken.
»Elf Jahre«, murmelt sie, fast mehr zu sich selbst als zu mir. Dann atmet sie tief ein, stützt sich auf dem Knie ab und kommt wieder auf die Beine. Sie vergräbt die Hände sofort wieder in den Taschen. »Ich habe heute Morgen in meiner Wohnung gestanden und Rechnungen sortiert. Dabei ist mir dieses Foto von diesem Ausflug nach Zandvoort in die Hände gefallen. Weißt du noch? Als unser Zelt im Sandsturm kollabiert ist und wir die halbe Nacht im Auto gesessen und schlechten Rotwein aus Plastikbechern getrunken haben, bis du uns am nächsten Tag ein Neues gebracht hast?«
Ich nicke langsam. Ich weiß es noch. Ich habe den Sand damals drei Wochen lang nicht aus den Ritzen des Armaturenbretts bekommen.
»Sie hat damals geschworen, nie wieder einen Fuß an die Nordsee zu setzen«, fährt Elena fort. Ein feines, wehmütiges Lächeln huscht über ihr Gesicht, ihre Augen glänzen in der Februarkälte. »Und zwei Monate später hat sie uns wieder für ein Wochenende in Texel eingebucht. Typisch Sarah. Wenn sie sich was in den Kopf gesetzt hatte, gab es kein Halten mehr.«
Ich brumme zustimmend tief in der Kehle, den Blick starr auf den Kies vor meinen Stiefelspitzen geheftet. Elena redet weiter. Nicht laut, nicht aufdringlich, sondern mit dieser ruhigen Art, die ihr eigen ist. Sie erzählt von einem Projekt in der Druckerei, von Amy, die sich fabelhaft einarbeitet, von den steigenden Papierpreisen. Es ist ein Fluss aus Worten, der die lähmende Grabesruhe auffüllt, ohne sie zu zerstören.
Sie verlangt keine langen Erwiderungen von mir. Hat sie noch nie. Früher, als wir zu dritt in ihrer Küche gesessen haben, war ich auch schon derjenige, der den Korken aus der Flasche gezogen und einfach nur zugehört hat, während Sarah und sie sich die Sätze gegenseitig aus dem Mund gerissen haben.
»… und deshalb öffne ich die Werkstatt auch erst heute Mittag«, beendet sie ihren Gedanken und zieht die Mütze ein Stück tiefer in die Stirn. Sie wendet das Gesicht zu mir hoch. »Fährst du direkt ins Studio?«
Ich drehe den Kopf, treffe ihren Blick. »Ja. Zehn Uhr kommt mein erster Kunde.«
Sie nickt, mustert die Freesien auf dem Sockel und tritt einen halben Schritt zurück. »Gut, dann … sehen wir uns, Dan. Mach dir keinen allzu harten Tag heute, ja?«
»Versuche ich.«
Sie zögert eine Sekunde, hebt die Hand im Fäustling zu einem kurzen Gruß, dreht sich um und geht mit schnellen Schritten den Hauptweg zurück in Richtung Ausgang. Ihr dunkelgrüner Mantel wird zwischen den blattlosen Hecken langsam kleiner, bis er im grauen Dunst verschwindet.
Ich bleibe noch eine Minute allein vor dem Stein stehen. Der Wind pfeift durch die nackten Äste über mir. »Bis bald, Sarah.«
Ich drehe mich um, gehe mit gleichmäßigen, schweren Schritten zurück zum Tor und schließe die Fahrertür meines alten Kombis auf. Der Motor springt mit einem heiseren Rumpeln an. Die Heizung braucht eine Ewigkeit, um gegen die Kälte im Innenraum anzukommen.
Ich lenke den Wagen durch den morgendlichen Düsseldorfer Berufsverkehr in Richtung Altstadt. Die Scheibenwischer quietschen über das klamme Glas.
Keine Tränen mehr. Nur die gewohnte, schwere Leere, die man wie einen nassen Mantel mit sich herumschleppt. Um halb zehn biege ich in die Gasse neben dem Studio ein, ziehe die Handbremse an und greife nach meinem Schlüsselbund.
Die Glocke über der schweren Eingangstür scheppert hell, als ich sie mit der Schulter aufdrücke. Der vertraute Geruch schlägt mir entgegen wie eine dicke Decke: scharfes Desinfektionsmittel, das süßliche Aroma von grünem Seifenkonzentrat, Leder und frischer Kaffee.
Mirco lümmelt hinter der Holztheke des Empfangsbereichs, die Kappe falsch herum auf dem Kopf, einen Kugelschreiber zwischen den Zähnen. Vor ihm liegt der offene Terminkalender, in dem inzwischen nur noch Amy unsere Termine einträgt.
Als er aufblickt, friert das übliche, freche Grinsen ein. Seine Augen scannen mein Gesicht. Er stößt sich vom Tresen ab, tritt um das Holz herum, bleibt vor mir stehen, hebt die Faust und boxt mir mit dosierter Kraft gegen den linken Oberarm.
»Hey, Dan.« Seine Stimme klingt erstaunlich gedämpft für das Großmaul, das sonst die Gassen der Altstadt beschallt. »Der Kaffee ist frisch durchgelaufen.«
Ich nicke nur, greife nach seinem Unterarm, drücke kurz zu und lasse wieder los.
Bevor ich meine Jacke an den Haken an der Wand hängen kann, rumpelt es auf den knarrenden Holzstufen der Treppe, die hinauf in Mateos Wohnung über dem Studio führt.
Das dumpfe Klacken von fast hundert Kilo Hundepfoten kündigt sie an. Im nächsten Moment biegen zwei Kolosse um die Ecke: Nero vorneweg, die pechschwarze Rute im Takt gegen die Wand schlagend, dicht gefolgt von Balou, dessen dichtes Langhaarfell bei jedem federnden Schritt mitschwingt. Beide steuern geradewegs auf die Glastür des Studios zu.
Dahinter tritt Amy in den Flur, eine dicke Wintermütze schon über die hellen Wellen gezogen und schließlich Mateo, der sich im Gehen die Ärmel seines schwarzen Studio-Shirts glatt streicht.
»… und wenn die beiden ziehen, lässt du die Leinen einfach fallen«, höre ich Mateos tiefe, raue Stimme, der sie mit ernster Miene ansieht. »Der Asphalt drüben am Rheinufer ist spiegelglatt gefroren. Ich habe keine Lust, dich nachher aus der Notaufnahme abzuholen, weil dich die zwei Jungs über die Promenade geschliffen haben.«
Amy verdreht demonstrativ die Augen, schnallt Balous Geschirr fest und wirft Mateo über die Schulter einen spitzbübischen Blick zu. »Erstens: Nero und Balou sind die bravsten Hunde der Welt. Zweitens habe ich Profilsohlen an den Stiefeln. Und drittens bist du ein unverbesserlicher Kontrollfreak, Mateo.«
»Ich bin Realist, Chica«, gibt er trocken zurück, schnappt im Vorbeigehen nach ihrer Kapuze, zieht sie ihr ein Stück über die Stirn und drückt ihr einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Pass einfach auf dich auf.«
»Immer«, antwortet sie lachend, greift nach beiden Tauleinen und will gerade die Studiotür ansteuern, als Mateo mitten in der Bewegung innehält.
Sein Blick fällt auf mich.
Die lockere, fast spielerische Leichtigkeit in seinen dunklen Augen weicht auf der Stelle. Er mustert meine Hände und den nassen Kragen meiner Jacke, tritt an mich heran und bleibt direkt vor mir stehen. Seine Hand legt sich fest und schwer auf meine Schulter.
»Du hättest nicht herkommen müssen, Dan«, sagt er leise mit seinem spanischen Akzent, die Stimme vollkommen ruhig. »Ich habe heute Vormittag nur zwei kleine Flash-Termine. Jürgen kann ich problemlos übernehmen. Fahr nach Hause, leg die Füße hoch. Wir kriegen den Laden auch zu zweit geschaukelt.«
Die Stille im Eingangsbereich wird schlagartig spürbar. Mirco starrt auf die Theke, Nero fiept einmal.
Amy bleibt mit der Hand an der Türklinke stehen, die beiden Hunde brav an ihren Fersen. Sie blickt von Mateos ernster Miene zu meiner Hand, die noch immer am Reißverschluss meiner Jacke verharrt, und schließlich in mein Gesicht. Ihre blauen Augen werden groß, wachsam und voller ehrlicher Sorge.
»Was ist los?«, fragt sie vorsichtig in die Stille hinein. »Ist irgendwas passiert?«









Ein sehr besinnlicher Einstieg.
Aber Mateo sollte doch eigentlich wissen, dass man jemanden nicht Stützgerüst wegschlagen sollte; auch nicht aus guter Absicht.
Direkt einen Kloß im Hals 🥺